Sollen die USA gegen Putin und die "russische Cybermacht" zurückschlagen?

Wladimir Putin und Barack Obama im September 2015. Bild: Kreml/CC BY-4.0

In den USA mehren sich die Stimmen, die von einem russischen Informationskrieg auf das politische System der USA sprechen und endlich Gegenangriffe fordern

NBC sollen zwei hohe, aber anonym bleibende Geheimdienstmitarbeiter berichtet haben, dass der russische Präsident Wladmir Putin persönlich an den angeblichen Bemühungen verwickelt gewesen sein soll, die US-Wahl zugunsten von Donald Trump zu beeinflussen. Dabei geht es um die Angriffe auf die Computer des Democratic National Committee (DNC), bei denen Emails entwendet wurden, die schließlich von WikiLeaks veröffentlicht wurden. Sie zeigten die Intrigen innerhalb der demokratischen Partei, sich Bernie Sanders zu entledigen, was Hillary Clinton sicher geschadet hat.

Angeblich habe Putin mit einer "Vendetta" gegen Clinton begonnen, die dann zu einem Angriff auf das als korrupt gesehene politische System der USA übergingen. Putin habe beabsichtigt, "wichtige amerikanische Alliierte abzuspalten, indem man ein Bild schafft, so dass sie sich nicht auf die USA als einem glaubwürdigen globalen Führer verlassen können". Das sind gewagte Spekulationen, schließlich wussten die alliierten Länder ziemlich genau aus Erfahrung, woran sie mit Clinton wären, während Trump vor allem in der Außen- und Sicherheitspolitik eine Unbekannte darstellte, was weiterhin für große Unsicherheit sorgt. Ob das bei Putin ganz anders war, darf bezweifelt werden, auch wenn zweifellos Russland an einem Abbau des Konflikts mit den USA und der Nato, einem Ende der Sanktionen und besseren Wirtschaftsbeziehungen gelegen war und ist, was mit dem Geschäftsmann Trump und seiner Oligarchen-Riege von Milliardären tatsächlich einfacher erscheint.

Die Geheimdienste haben allerdings bislang keine Beweise dafür vorgelegt, dass hinter den Angriffen die russische Regierung steckt, auch wenn sie die Überzeugung äußerten, dass die Angriffe auf die Computer des DNC, des RNC und von anderen Politikern nur mit der Billigung von ganz oben, von den "senior-most officials", geschehen sein kann. Bei der CIA scheint man nach einer Unterrichtung von Abgeordneten davon auszugehen, dass Russland Trump unterstützen wollte, hier gibt es aber offenbar auch in der Welt der Geheimdienste Differenzen.

Die New York Times berichtete gestern unter der sensationsheischenden Überschrift "Die perfekte Waffe: Wie die russische Cybermacht in die USA eindrang" von Ermittlungen des FBI und eigenen Nachforschungen, wonach der Angriff auf den DNC von einer schon lange bekannten Hackergruppe namens "the Dukes" ausgegangen sei, die mit der russischen Regierung verbunden werde. Schon Monate vor der Entdeckung hätten sich die Hacker Zugang verschafft. Das war sowohl dem FBI als auch DNC bekannt, man kümmerte sich aber weiter nicht darum.

Ein Tippfehler eines Mitarbeiters des Clinton-Wahlkampfteams soll en Zugang zu den gesammelten Emails von John Podesta, des Chefs von Clintons Wahlkampfteam, eröffnet haben. Er hatte im März eine Email an John Podesta weitergeleitet, in der aufgefordert wurde, das Passwort zu ändern. Weitergeleitet hatte er es mit der Bemerkung, es sei eine "seriöse Email" (legitimate email), während er unseriös hätte schreiben wollen. Ähnliche Phishing-Mails erhielten andere DNC-Mitarbeiter. Einer, gerade auf Urlaub in Hawaii, veränderte schnell das Passwort für den Google-Account nach der Anweisung, nachdem er von Google eine Nachricht erhalten hatte, dass jemand in der Ukraine versucht habe, in seinen Account einzudringen. Das alles wird als eine "zweite Angriffswelle" eines anderen Teams beschrieben, das damit auch auf das DNC-Netz Zugriff erhalten habe. Warum das notwendig war, ist allerdings zweifelhaft, da doch angeblich russische Hacker schon seit Monaten dort eingedrungen gewesen sein sollen.

Beschrieben wird dann, dass die Russen seit Jahren immer wieder Cyberangriffe ausgeführt hätten und sehr erfolgreich gewesen wären. Sie hätten das bis zum Ukraine-Konflikt (etwa die Veröffentlichung des berühmt-berüchtigten Telefonanrufs von Victoria Nuland: "Fuck the EU") und zur US-Wahl aber stärker im Verborgenen als die chinesischen Hacker gemacht. Präsident Obama sei auf dem Laufenden gehalten worden, aber hätte entschieden, die Russen nicht direkt zu beschuldigen, um keinen Cyberwar auszulösen. In Kreisen der Sicherheitsberater soll aber die Stimmung geherrscht haben, dass man zurückschlagen müsse. Russland wird beschuldigt, letztes Jahr den französischen Sender TV5-Monde lahmgelegt zu haben, der Angriff soll aber vom IS ausgeführt worden sein, meinen andere ("Cyber Caliphate" hackt TV5 Monde). Überdies sollen russische Hacker das Stromnetz in Teilen der Ukraine im letzten Dezember ausgehebelt haben. Man trägt alles zusammen.

Es war also nicht einmal ein Hack, sondern ein Phishing-Trick, der nun von der New York Times als Teil der dramatisch benannten russischen "Cyberspionage- und Informationskriegskampagne" bezeichnet wird. Und man sprach noch dramatischer davon, womit die US-Außenpolitik eigentlich reichlich Erfahrung hat, was die NYT selbst nebenbei erwähnt, dass es "der erste Versuch einer ausländischen Macht in der amerikanischen Geschichte" gewesen sei, die Präsidentschaftswahlen zu beeinflussen.

Man hat insgesamt eher den Eindruck einer Kampagne, die nun die Regierung von Obama oder die von Trump dazu bringen soll, nicht nur die Russen direkt zu beschuldigen, sondern auch einen Gegenangriff auf die "russische Cybermacht" zu starten, was auch hieße, mitunter in die noch unbekannten Gefilden eines Cyberwar einzutreten. Dazu formieren sich nicht nur demokratische Politiker, sondern auch Abgeordnete aus dem Anti-Trump-Lager der Republikaner. Gefordert wird ein Bericht der Geheimdienste, eingerichtet werden soll ein Untersuchungsausschuss über die angeblich von Russland gesteuerte Cyberkampagne, die schon als Informationskrieg hochgespielt wird, obgleich die Beweise bestenfalls dünn sind. Gefordert wird auch ein unabhängiges Gremium zur Untersuchung der Vorfälle nach dem Vorbild der 9/11-Kommission.

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