Sind Bunker mit Kirchen vergleichbar?

Christian Welzbacher über den Bunker als Grundprinzip der modernen Welt

Bunkerbauten sind architektonische Höhepunkte einer gesellschaftlichen Entfremdungsdynamik, in welcher mit dem Schutz die Gefahr des Krieges wächst und der Mensch immer mehr zur Nebensache der Technik verkommt. Christian Welzbacher hat dieses Phänomen in seinem Buch Bunker untersucht und gehörig gegen den Strich gebürstet.

Batterie Oldenburg, Atlantikwall bei Calais. Bild: Panzlms/CC-BY-SA-3.0

Herr Welzbacher, Ihr Buch trägt den Untertitel "Expeditionen zum Nullpunkt der Moderne". Was ist damit gemeint?

Christian Welzbacher: Wenn der Krieg der Vater aller Dinge ist und die Moderne die Innovation zum beherrschenden Prinzip der Wirtschaft und des Lebens erhoben hat, dann kommt im Bunker beides zusammen. Anders ausgedrückt: Der Bunker ist ein Bautyp, der die Innovationswut der Moderne verkörpert, weil jeder Bunker den kommende Krieg bereits antizipiert - einerseits formal, dann aber auch militärstrategisch - und damit ja geradezu zwingend notwendig macht.

Die Schutzfunktion ist ja eigentlich nichts anderes als ein invertierter, vorweggenommener Angriff. Heute, wo es Raketen gibt, die Bunker noch zwanzig oder dreißig Meter unter dem Erdboden brechen können, baut man die Anlagen eben 50 Meter unter der Oberfläche. Das fordert doch den Gegner heraus, auszuprobieren, ob man den Bunker nicht doch knacken kann.

Solches Katz und Maus-Spiel wird ewig weitergehen und die Bunker weiter unter die Erde treiben. Ich finde das insofern interessant, weil es den Bunker zum Symbol erhebt: Für die Verbohrtheit des Menschen in Sachen Fortschritt. Und für die Hoffnungen, sich von den Kollateralschäden dieser Fortschrittswut retten zu können.

Welche Auskunft geben Bunker über die Gesellschaftsform, in der sie gebaut wurden, beziehungsweise werden?

Christian Welzbacher: Meine These ist: Wer Bunker baut, wirft Bomben. Bemerkenswert ist in dieser Hinsicht, dass eines der verbunkertsten Länder auf der Erde die Schweiz ist. Man muss sich fragen, warum die Schweizer so ein schlechtes Gewissen haben, dass sie die ganzen Alpen in eine Festung verwandelten. Wenn man aber darüber nachdenkt, was die Schweiz mit dem Geld der Banken in der Welt so finanziert, wird klar, warum.

Die Schweiz hat eben Geld ...

Christian Welzbacher: Ja klar hat sie das. Und was macht sie damit? Bunker bauen. Weil der Krieg irgendwann zurückkommen muss. Das sagt schon die Wahrscheinlichkeitsrechnung.

Christian Welzbacher. Foto: Herzog / Matthes & Seitz

Der Bunker ist ja ein Ort, an dem man eigentlich nicht sein will. Inwiefern entspricht dieser dem Lebensgefühl in der modernen bürgerlichen Gesellschaft?

Christian Welzbacher: Offenbar ist der Bunker schon ein Ort, wo die Menschen sein wollen, weil sie an seine Schutzfunktion glauben. Von den 50er Jahren bis heute sind viele Regierungs- aber auch zahlreiche Privatbunker entstanden, die sich reiche Leute bauen. Es gibt also offenbar das kümmerliche - von mir aus auch bürgerliche - Bedürfnis, auch nach einem Atomkrieg, in einer total entmenschten Welt das eigene spießige Leben weiter zu führen.

Auf der New Yorker Weltausstellung 1964 gab es eine Bunkervilla mit Gärten, Swimming Pool und diversen Räumen zu bestaunen, die unter einer dicken Betondecke unter der Erde gebaut war. Wenn man Bilder davon sieht, muss man sofort an Cocktailparties mit Doris Day und Rock Hudson denken, nur dass die Gäste kurz vorher verstrahlt worden wären.

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