Showtime in Las Vegas

Comdex is in town!

Jedes Jahr fallen Tausende von Computerfreaks über das Casino-El Dorado Las Vegas her. Sie sind auf der Suche nach den Geschäftsmöglichkeiten im nächsten Jahr und kennen nur eine Losung: Comdex! Dafür nehmen sie meilenweite Anmärsche, verstaubte und im Verkehr erstickende Straßen, überfüllte Ausstellungshallen und Horrorpreise in Kauf. Denn Comdex ist für sie eine Religion, eine Messe im ursprünglichen Sinne und zugleich eine Show, die sie gemeinsam mit den Hohen Priestern der Hight-Tech-Welt zelebrieren ...

Las Vegas - glitzernde Insel in der Wüste Nevadas, Traum aller Spieler, Ausgeburt der amerikanischen Seele in ihrem Streben nach Erfolg, Reichtum und Freiheit. Eine aufstrebende Millionenstadt, in der jeder Casinoneubau neue und größere Attraktionen, Tausende Einwohner und weitere Touristenscharen mit sich bringt. Eine wilde Kulisse, die in sich die ägyptischen Pyramiden, die Wolkenkratzer Manhattens, bald den Eiffelturm sowie überlange Cadillacs aus "eigenem Anbau" vereint. Und sie gerät jedes Jahr im Herbst zur einmaligen Schaubühne für eine der wichtigsten "Shows" im Computerbusiness, wenn die Comdex - gerne auch als Woodstock der Computernerds bezeichnet - für knapp eine Woche ihre Tore für Technofreaks und Firmenmanager aus aller Welt öffnet.

Die Comdex ist keine Ausstellung oder Messe im europäischen Sinne; sie ist eine durch und durch der Stadt und dem Land angepaßte Show der Superlative, eine große Inszenierung der Computerbranche, die sich im Schatten der Casinos selbst feiert und feiern läßt: rund 210.000 Computerbesessene wälzen sich auf dicken Polyesterteppichen an etwa 10.000 Gadgets der insgesamt 2.100 Aussteller an drei Orten vorbei und repräsentieren dabei, wie die kalifornische Marktforschungsfirma Pine für 1996 herausgefunden haben will, 183 Milliarden Dollar an geballter Informationstechnologie-Kaufkraft. Darunter rund 3500 Berichterstatter, die das Showerlebnis hautnah und weltweit verbreiten und die Comdex zum zweitgrößten Medienereignis nach den Olympischen Spielen machen.

Bühne frei für den King of Computing: Von einem der auszog, die Massen zu gewinnen

Der Showcharakter schlägt sich bis in die Keynotes nieder, die passenderweise nicht in einer Versammlungshalle, sondern im 8000 Zuschauer fassenden Kinosaal des Aladdin-Casinos in Szene gesetzt werden.

Für den ersten Keynoter reichte diese Kapazität allerdings bei weitem nicht aus. Mehr als doppelt so viele Fans wollten ihren Star am Computerhimmel der hellerleuchteten Vegas-Nacht sehen: Bill Gates, den Softwarekönig und Milliardär, dem trotz oder gerade wegen all seiner momentanen juristischen Schwierigkeiten von seiner treuen Anhängerschaft ein Empfang ähnlich wie einem Popstar bereitet wurde. Nur knapp entging das Casino dabei seiner gewalttätigen Zerstörung: als nämlich die Sicherheitskräfte die Türen hinter dem achttausendundeinten Microsoft-Liebhaber zuklappten, verlangte die außen vor gebliebene Menge lautstark Einlaß - an eine Videoübertragung vor den Schausaal hatte mal wieder keiner gedacht -, und drohte außer Kontrolle zu geraten. Zum Glück hatte Bill genügend T-Shirts im Gepäck, die gerade im rechten Augenblick unter das Volk gebracht wurden und die Massen durch den nicht übersehbaren Aufdruck "I [Herzchen] my PC" beglückten.

Dieses gewagte Outing war gleichzeitig die Kernbotschaft des Cyberpredigers in der großen Arena. Dem Show-Charakter der Comdex gemäß, packte Gates dieses Mal seine bereits altbekannten Beschwörungen eines zukünftigen Web-Lifestyles sowie der uns nach wie vor bevorstehenden PC- bzw. Internetrevolution in einen lockeren Ton. Nicht ohne Witz spielte er in seiner Liebeserklärung an den PC auf die großartigen Möglichkeiten an, die ein derartig vernetzter Computer auch in scheinbar unlösbar scheinenden Rechtsfällen bieten kann: "Ein Wochenende reicht aus, um mich an meinen PC zu setzen, mit Anwälten aus der ganzen Welt zusammenzuarbeiten, einen 48 Seiten langen Schriftsatz zu entwerfen und ihn per E-Mail dem Justizministerium zu schicken."

Auch sonst bemühte Bill sich redlich, den ihm anhaftenden Eindruck eines wenig charmanten, steifen und gewinnsüchtigen Geschäftsmannes endlich abzustreifen: Dazu umgab er sich mit Helden aus dem amerikanischen Alltagsleben, die ihre Erfahrungen mit dem PC dem johlenden Publikum vortragen durften. Neben einem Basketballstar konnte so ein Major der US-Marine zeigen, wie gut sich mit einem Minicomputer auf Windows-CE-Basis Krieg führen läßt: Dazu mußte das kleine Gerät einem besonderen Härtetest in Form des Gewichts des Majors standhalten und beweisen, daß man selbst vom kleinsten Monitor noch ganze Karten von Schlachtfeldern ablesen kann.

Neben dem Imageauftritt von Gates - es war im Laufe der Jahre bereits seine dritte Keynote vor den Comdexern - zeigte Microsoft auch auf dem Messegelände Präsenz und Macht. Wie der Hirte auf der Weide sammelte die Redmonder Firma ihre Schäfchen in Form eines fast eine ganze Halle einnehmenden "Partner Pavillons" - man beachte den Euphemismus und die schöne Alliteration - um sich. Dicht gedrängt sammelten sich dort - teils aus freien Stücken, teils gezwungenermaßen und mit knirschenden Zähnen - fast 300 Unternehmen von der kleinsten Neugründung bis hin zu IBM, um ihre Loyalität sowie ihre Produktvielfalt rund um die Betriebssysteme der alles beherrschenden Softwarefirma darzustellen. Kein Wunder auch: Momentan kommt kaum ein Computerunternehmen an den Microsoft-Standards vorbei; und die 600 Millionen Dollar, mit denen die geliebt-gehaßte Firma jährlich ihren "Partnern" bei Marketing, Kunden-, Technik- oder Entwicklungshilfe unter die Arme greift, sind für viele ein Aufputschmittel und eine Droge, ohne die sie kaum überleben können.

Die Internetrevolution und ihre Nutznießer: Und E-Commerce funktioniert doch!

Auch abgesehen von Microsoft beherrschten vor allem die Großen im Computerbusiness die Bühne, zumindest auf der Ebene der Keynotes. Der Gatesschen Liebeserklärung folgte das Glaubensbekenntnis des Compaq-Chefs Eckhard Pfeiffer: "We believe in technology" war sein Motto, das er zu einem kollektiven Credo der Vereinigten Staaten an den PC ausweitete.

"Der PC ist das mächtigste Werkzeug in der Geschichte", so der Manager, dessen Firma rund 35 Millionen dieses Wundermittels jährlich verkauft und weiterhin auf "phänomenales Wachstum" hofft, denn er "bringe Leute zueinander" und mache die "Revolution im Bereich des Informationszugangs" möglich. Und geht es nach der Compaq-Vision, wird sich die "PC-Architektur bald auf alle Teile unseres Lebens ausweiten". Mit "auf den Kunden zugeschnittenen Serviceleistungen" verspricht Pfeiffer vor allem kleinen Unternehmen große Erfolgsaussichten.

Natürlich werden auch die Konsumenten und Couch-Potatoes von der Entwicklung profitieren: endlich solle die Bedienung eines PCs wirklich einfach werden und ein digitales Heim entstehen, dessen Herzstück ein "PC-Theater" bilde, das Internet, Videos auf DVDs, interaktives Einkaufen und natürlich Fernsehen vereinen soll - im Probelauf für die Comdex allerdings noch auf das nicht gerade für seine einfache Handhabung bekannte Windows 95 zurückgreifen mußte. Insgesamt also auch beste Aussichten für den Computerhersteller selbst. Pfeiffers Firma profitiert bestens von der "großartigen Aufregung in unserer Industrie" und erwartet eine weitere Konsolidierung im PC-Markt: "In fünf Jahren werden 70 Prozent des Marktes von den vier großen Herstellern besetzt sein" - und Compaq dabei eine Leitposition einnehmen.

Von Marktführungspositionen und glänzenden Geschäftsaussichten kann auch John Chambers als Präsident und Geschäftsführer der erfolgsverwöhnten Cisco Systems ein Lied singen. Mit ihren Netzwerkausrüstungen hat das Unternehmen aus dem Silicon Valley seinen Umsatz im vergangenen Jahr auf 6,4 Milliarden Dollar hochgefahren, so daß Chambers es gleich als bestes Beispiel für die auch von ihm prophezeite "Internetrevolution" anführen konnte. 250 Millionen Dollar habe Cisco durch Produktivitätssteigerungen aus den Verkäufen ihrer Technologie über das Web selbst erzielt, das allein Kaufaufträge im Werte von über 3 Milliarden Dollar eingebracht habe. Und um auch in Zukunft auf eine neue Internetgeneration als kaufkräftige Kundschaft zurückgreifen zu können, hat die Routerfirma bereits 20 Millionen Dollar in den Bildungssektor reinvestiert, mit denen Cisco momentan 50 Schulen das Lernen im Netzwerk ermöglichen will. Erklärtes Ziel der Firma ist es allerdings, allen Generationen das Leben durch Networking zu erleichtern. So könnte man zumindest die Einblicke in das Privatleben Chambers auslegen, der offen zugab: "Mein Vater ist 73 - und wir kommunizieren über das Netz ständig miteinander."

Den Trends auf der Spur: Fährten im Silicon-Sand der Wüste

So präsentierte die Comdex auch dieses Jahr wieder die allerbesten und unerhörtesten Einsichten in das Computerbusiness. Schließlich vermarktet der Veranstalter Ziff Davis Comdex & Forums, eine neu gegründete Unternehmensgruppe im weitverzweigten Mischwarenkonzern Softbank, die Show auch als "den Ort, an dem sich die globale IT-Industrie selbst definiert." Das Softbank-Imperium, das der japanische Computerfürst Masayoshi Son in wenigen Jahren zusammenkaufte, hat die Comdex und ihr Erfolgsrezept daher auch bereits in alle Welt exportiert und richtet bereits 40 Ableger der großen Las Vegas-Show aus. Allerdings verliert das Stammevent dadurch an Exklusivität - wenn man von einem besonderen Wert der dort vermittelten Informationen und Produktvorstellungen angesichts von mehreren hunderttausend Teilnehmern überhaupt noch sprechen kann. Immer mehr Insider und Marktanalysten meiden daher das Massenereignis und weichen auf kleinere Events im exklusiveren Rahmen aus.

Der Erfolg der 19. Comdex könnte daher auch den Wendepunkt in der Bedeutung der Messe darstellen: Deutlich war dieses Jahr zu spüren, daß die Show selbst in der Spielerstadt mit den scheinbar unendlichen Hotelbetten und kilometerbreiten Straßen an ihre Grenzen stößt. Bereits heute sind die Ausstellungen, die Konferenz und die Keynotes auf vier keineswegs in Laufnähe gelegene Hallenensembles verteilt, so daß ein ständiges Verkehrschaos die Folge ist, die lokalen Radiosender sich mit Warnungen vor dem Betreten der Innenstadt überschlagen und ein Ortswechsel mit rund einer Stunde Fahr- oder Laufzeit (die Unterschiede zwischen beiden Fortbewegungsarten sind minimal) zu veranschlagen ist. Das "Erlebnis" Comdex verliert dadurch deutlich an Reiz, zumal auch die After-Hour-Parties der Konzerne immer weniger und immer besser vor dem Ansturm der Massen gehütet werden. Und da nach einem langen Messetag und einem harten Kampf um Prospekte und Flyer in den überfüllten Hallen auch ein Bummel über den meilenweiten "Strip" mit seinen Hotelcasinos zur Qual wird, bleibt vielen Messebesuchern des Abends - zur Freude der Casinobesitzer - nur noch ein Abhängen vor den einarmigen Banditen.

Wer noch nicht sein ganzes Kleingeld verspielt hatte, konnte sich für knapp 1300 Dollar auf dem Comdex Venture Forum, das vom Technologiemagazin The Red Herring im exklusiven Alexis Park Resort am Rande von ausgedehnten Pool-Landschaften durchgeführt wurde, Einblicke in die Computerwelt von morgen verschaffen. Da diese Forumsreihe (vgl. auch den Bericht über die Veranstaltung in London) hauptsächlich dem Zweck dient, Risikokapitalisten und erfolgversprechende junge Firmengründungen (Start-ups) zusammenzubringen, überbieten sich die Vortragenden dort mit Trendprognosen, Marktanalysen und Offenbarungen von strategischen Allianzen.

Matt Cain, Vizepräsident der META Group, stellte beispielsweise die "heißesten, sich entwickelnden Märkte" dar, zu denen er unter anderem Personalisierungsdienste, Programme zur Web-Traffic-Analyse, für das Managen von Inhalten und das Auffinden von Informationen zählt. Als neue Softwaregattung sieht er neben der Groupware für länger ausgerichtete Zusammenarbeit die Teamware entstehen, die kleine Nutzergruppen mit Hilfe eines leicht bedienbaren Interfaces für eine zeitlich begrenzte Kollaboration über das Netz vereint.

Dem abgehärteten und überlebenswilligen Normal-Comdexer bot bei ausdauernder Suche aber auch der Trampelpfad in den Ausstellungshallen ein Gefühl, dem Trend auf der Spur zu sein. Allein durch die Vielzahl der angebotenen Varianten machten die Handhelds, Palmtops, Pen-Computer, Mini-Laptops oder wie man die Mischung aus "persönlichem Assistenten" und Notebook auch immer nennen möchte, auf das mögliche Entstehen eines neuen Massenmarktes aufmerksam. Für 200 oder 1000 Dollar, mit Keyboard oder mit Handschrifterkennung, mit Sprachverarbeitung oder mit eingebauter Kamera für die unerläßliche Videokonferenz - die Auswahl wächst und wird von allen Vielreisenden und Organisationstalenten als Ersatz des Schlepptops innig begrüßt. Das Leben des Computerfreaks einfacher - und sogar gefühlvoller - zu gestalten, hat sich auch die "FEELit"-Mouse der Immersion Corporation zum Ziel gesetzt. Den Versprechungen des jungen Unternehmens zufolge soll mit dem vibrierenden Werkzeug in der Hand das Anklicken von Ordnern und selbst das Gleiten über Seitenwechsel in Textverarbeitungsprogrammen zum unverwechselbaren Erlebnis werden.

Für alle unbelehrbaren Autoliebhaber wartete eine Gemeinschaftsinitiative von IBM, Object Technology International, Delco Electronics, Sun und Netscape außerdem mit einer Art Cyberfestung auf vier Rädern auf, in der wie in einem Kampfflugzeug der Blick durch die Windschutzscheibe schon mal durch ein über den Kopf gezogenes Display abgelöst werden kann, und das Vorlesen der E-Mail eher zum untersten Standard gehört. Die allgemeinen Trends im Computerbereich und im Informationszeitalter überhaupt - Spracherkennung, drahtlose Kommunikation, 3D-Graphik und Simulation, Java-Technologie, Mikroprozessoren und allgegenwärtiger Internetzugang - vereinen sich quasi mit dem Automobil als einem der wichtigsten Symbole des auslaufenden Industriezeitalters und führen die Fortbewegung der Menschheit auf eine neue Stufe. Trotz ernsthafter Pläne von Mercedes Benz zur Realisierung der neuen Autotechnik stehen allerdings noch einige Jahr(zehnt)e vor der Marktreife dieses Vehikels.

Die detaillierten Beschreibungen all seiner Gadgets füllen zwar schon heute unendliche Seiten - wobei erwartungsgemäß kein Wort über eine Ausweitung der High-Tech-Träume auch auf neue Technologien im Bereich energiesparender und umweltschonender Entwicklungen fällt. Mit der Vorstellung eines echten Prototypen zur nächsten und sich dann zum zwanzigsten Mal jährenden Comdex rechnet allerdings keiner der fünf "Network Vehicle Partners". (Stefan Krempl)