Selbst schuld, dass die Welt untergeht?

Day of the Tentacle? Nein, diese zwei sprechenden Steine wollen die Welt nicht unterjochen.

Ein famos gezeichnetes Point-and-Click-Adventure: The Whispered World

Wem die eigene Fantasie abhanden gekommen ist, sollte sich mal die Zeit mit The Whispered World vertreiben. Das Computerspiel aus Hamburg imponiert mit kreativen Hintergrundbildern und einer märchenhaften Story.

"Du sollst die Leute fröhlich machen und nicht deprimieren", sagt Ben zu seinem jüngeren Bruder Sadwick, schließlich sei er ein Clown. Doch herumalbern mag Sadwick ganz und gar nicht. Seit langer Zeit plagen ihn Schlafstörungen, immer wieder träumt er, dass die Welt vor seinen Augen zugrunde geht. Und es kommt noch dicker: Als Sadwick wenig später die Hellseherin Shana aufsucht, prophezeit sie ihm in Trance, er werde der Zerstörer der Welt sein. Doch wie kann das sein? Im Grunde seines Herzens verfolgt Sadwick keine böswilligen Ziele. Ganz im Gegenteil.

Er hat sich dazu bereit erklärt, einem Boten dabei behilflich zu sein, den Flüsterstein zum Schloss des Königs zu bringen. Aber womöglich ist es Sadwicks Schuld, dass der Bote den feindlichen Asgil in die Arme fiel? Schwierig zu beantworten. Zunächst ist der kleine Held nämlich auf sich gestellt. Doch so ganz allein ist er nun auch wieder nicht. Eine Raupe namens Spot krabbelt Sadwick unentwegt hinterher und zeigt schon sehr bald, dass sie ein hilfreicher Begleiter ist: Spot nimmt diverse Körperformen an, ohne die der Held überhaupt nicht vorankommen würde.

Hilfreich: Sadwicks treuer Begleiter Spot "geht in Flammen auf".

Gegen Ende des ersten Kapitels entdeckt Sadwick ein riesiges Spinnennetz, das den Weg zu einer Höhle versperrt. Erst nachdem Spot einen winzigen Feuerdrachen verspeist hat, lässt sich das Netz entfernen. Die Raupe fackelt das Werk der Spinne kurzerhand nieder. Im weiteren Verlauf muss sich der Spieler genau überlegen, ob und in welcher Form er Spot eventuell einsetzen kann. Dass der treue Begleiter sogar in eine Perlenpresse springt, darauf kommt man allerdings nicht ganz so schnell. Das ist aber unbedingt notwendig, da man am Schluss des zweiten Kapitels fünf Nagetiere, die Yakis, zum Ufer einer Insel locken muss.

Dieser mickrige Typ namens Ruben ist ganz stolz auf seine 10.000 Perlen - noch ...

Sind die Yakis am Ufer, springen sie auf eine Statue, und Sadwick zückt einen gefundenen Taktstock, mit dem er ihnen anweist, zu singen. Wählt der Spieler die richtige Tonfolge, erwacht Kalida endlich aus ihrem Schlaf. Das Wesen zu wecken, das ist das Ziel, für das man gut und gern zwei Stunden benötigt. Es ist ein ewiges Hin und Her. Aber die Mühe lohnt sich: Die Entwickler, das Studio Daedalic aus Hamburg, haben sich verschrobene Charaktere ausgedacht und legen ihnen witzige Dialoge auf die Zunge. Dennoch täuscht dies nicht darüber hinweg, dass der Grundton von The Whispered World melancholisch ist.

Der Philosoph: Für Mulachei muss immer alles in Bewegung bleiben. Immer?

Einerseits steht das Point-and-Click-Adventure in der Tradition klassischer LucasArts-Titel, andererseits bricht es mit seinen Vorgängern. Sadwick ist kein tollpatschiger Guybrush, er ist ein vernarrter Junge, der glaubt, er habe keine Zukunft. Das betont er immer wieder. Sich mit solch einer deprimierten Figur zu identifizieren, mag für viele unvorstellbar sein, doch die Story fußt auf einer Dramaturgie, die genauso gut als Hörbuch funktionieren würde. Man will auf Teufel komm raus wissen, ob Sadwick die Welt zerstört oder ob er sie letztlich vor dem Untergang bewahrt.

Der Koch der Asgil hat Angst, wegen seiner miesen Schimmelsuppe hingerichtet zu werden.

Sicher mag die Story manchem zu sehr nach Kinderkram klingen, nach einem Märchen, nach Fantasy. Tatsächlich sieht The Whispered World auch danach aus: Zu Beginn gelangt Sadwick zu Ruinen, vor denen eine Statue steht, die genauso gut aus Chihiros Reise ins Zauberland sein könnte. Das Dorf, durch das der Held im zweiten Kapitel streift, könnte von Tolkien stammen. Die Welt der Asgil schaut aus, als hätten die Macher Kinderzeichnungen von H.R. Giger ausgegraben. Und sind irgendwo Wolken am Himmel zu sehen, dann fühlt man sich sofort an Monkey Island erinnert - nur sieht's eben düsterer aus. Damit das insgesamt stimmig rüberkommt, erklingt im Hintergrund klassische Musik. Wer da noch sagt, Computerspiele seien keine Kunst! (Frank Magdans)