Schöne neue Fernsehwelt

In den USA steht eine technische Revolution bevor: Digitales Fernsehen und Radio sollen den Markt völlig umkrempeln

Was die Technikbegeisterung seiner Landsleute angeht, gibt sich Joel Brinkley keiner Illusion hin: "Die Amerikaner wollen immer das beste und neueste" sagt der Wirtschaftsredakteur der "New York Times" im Gespräch mit der NZZ. "Man wird sie auch bald davon überzeugt haben, daß sie HDTV wollen."

Das hochauflösende Fernsehen, HDTV, das noch in diesem Jahr kommen soll, steht in den USA zur Zeit ganz oben auf der Liste der technischen Neuerungen im Unterhaltungsbereich. Glasklare Bilder im Großformat und Ton in CD-Qualität überzeugen jeden, der die Flimmerkisten Amerikas kennt, die bisher in sehr schwacher Auflösung senden. Doch auch im Hörfunkbereich steht eine Revolution vor der Tür: Schon im nächsten Jahr soll das digitale Satellitenradio DARS (Digital Audio Radio System) auf Sendung gehen, mit mindestens 50 störungsfreien Kanälen, die vorwiegend für Autoradios, aber auch für den stationären Empfang gedacht sind.

Die digitale Revolution in den USA ist allerdings nicht umsonst zu haben: Allein HDTV verlangt eine komplette Umrüstung des gesamten technischen Equipments, angefangen beim Fernsehgerät, das für Otto-Normalverbraucher nicht unter 3000 US-Dollar zu haben sein wird. Doch auch die Fersehstationen müssen völlig neue Schnitt- und Sendeanlagen einrichten, was jede einzelne satte 12 Millionen Dollar kosten wird.

Die Preise müssen runter, da sind sich alle Branchenleute einig. Und die neuen TV-Geräte haben noch weitere entscheidende Nachteile: Sie können nur Sendungen im HDTV-Format ausstrahlen, und bisher gibt es kaum Sender, die ihre Programme in dieser Technologie produzieren. Zwar haben sich die großen US-Networks ABC, CBS, NBC und Fox notgedrungen bereit erklärt, die Technologie bis Ende des Jahres in den wichtigsten regionalen Märkten einzuführen. Doch wer per Hausantenne über längere Strecken fernsehen will, muß sich vorerst noch zwei Geräte ins Wohnzimmer stellen - einen für das analoge, einen für das hochauflösende TV.

Erschwerdend kommt hinzu, daß die Kabelindustrie ihre eigenen digitalen Pläne verfolgt und mit HDTV wenig am Hut hat. Und in den USA hängen fast zwei Drittel der 98 Millionen Fernsehhaushalte am Kabel. Die großen Kabelbetreiber favorisieren die Converter-Box, eine Art Dekoder, der die analogen in digitale Signale umwandelt. Der Vorteil: Die Konsumenten können ihre alten Fernsehgeräte behalten und brauchen lediglich ein Zusatzgerät, das schon ab 400 Dollar zu haben sein soll.

Dazu kommt, daß das digitale Kabelfernsehen mehr Platz für neue Kanäle schafft: Durch die Datenkompression können im herkömmlichen Breitbandkabel fünf zusätzliche Kanäle im sogenannten Standard Digital TV-Format (SDTV) ausgestrahlt werden, während HDTV diesen freiwerdenden Platz für lediglich einen einzigen Zusatzkanal benötigt.

Für Paul Di Senso, Leitender Berater (senior consultant) bei dem kalifornischen Marktforschungsinstitut SRI Consulting, werden die Dekoder die Zukunft des Fernsehens bestimmen, während HDTV auf ein "Nischendasein" zurückgedrängt wird und sich auf "home-theatre", also Kino im Wohnzimmer, spezialisiert. Die größte Chance für das neue hochauflösende Fernsehen sieht Di Senso bei der Satellitenindustrie. Sechs Millionen US-Haushalte empfangen ihre Programme über eine Schüssel.

Das Satellitenfernsehen hat einen entscheidenden Vorteil: Seit es 1984 gestartet wurde, wird digital produziert und ausgestrahlt, eine Umwandlung in HDTV ist daher nur noch ein kleiner Schritt. Der nationale Satellitenbetreiber DirecTV hat bereits angekündigt, bis Ende des Jahres umgestellt zu haben. "Wir sind bereit" sagt Chuck Hewitt, President des Satellitenverbandes Satellite Broadcasting and Communications Association, SBCA. "Es hängt nur noch vom Konsumenten ab".

Was nun in den Händen der Verbraucher liegt, war von Anfang an politisch gewollt. Denn entscheidender Motor bei der Entwicklung von HDTV waren die US-Regierung und ihre Medienaufsichtsbehörde FCC. Der Deal mit den TV-Networks war, daß die FCC jedem der insgesamt 1600 TV-Stationen einen zweiten Kanal umsonst zur Verfügung gestellt hat - unter der Auflage, damit das digitale Fernsehen weiterzuentwickeln. Üblicherweise werden Frequenzen in den USA nicht frei zur Verfügung gestellt, sondern in Auktionen verkauft - für die Sender daher ein willkommenes Geschäft. Beobachter der Szene hatten allerdings den Eindruck, daß die Sender nur an diesem zweiten Kanal interessiert waren und weniger an HDTV. "Aber die Regierung hat sie jetzt am Wickel, denn sie haben damit angefangen und müssen es jetzt durchziehen, ob sie wollen oder nicht", sagt Times-Redakteur Joel Brinkley. Ziel der Auflage der FCC ist, das hochauflösende Fernsehen bis 2006 tatsächlich flächendeckend einzuführen - ein illusorischer Zeitrahmen, darüber sind sich die Fachleute einig.

In den USA wittert auch die Computerindustrie Morgenluft: Digitales Fernsehen verspricht Platz für viele Zusatzkanäle, die in der Verschmelzung von Computer und Fernseher aufgehen sollen. Dienste wie der lokale Wetter- oder Verkehrsbericht bis hin zum täglichen Kochplan könnten dann das Leben des Verbrauchers - so die Vision - erleichtern. Ob die Kunden damit überhaupt umgehen können ist fraglich. Denn auf sie kommen elektronische Programmführer mit Tausenden von Optionen mit allen möglichen interaktiven Komponenten zu, wo sie bisher mit einer einfachen Fernbedienung klar kommen mußten. "Der Kunde hat keine Ahnung, daß er schon bald sehr komplexe Entscheidungen zu treffen hat", kommentiert Joel Brinkley.

Da werden es die Amerikaner mit dem digitalen Radio einfacher haben. Die einzige Entscheidung, die sie zu treffen haben, ist, ob sie die rund 10 Dollar pro Monat bezahlen wollen, die ein Abonnement von 50 Kanälen kosten soll. CD Radio, einer der beiden DARS-Betreiber, der eine Lizenz von der FCC bekommen hat, bietet dafür 30 Musikkanäle in CD-Qualität und 20 Infokanäle mit Nachrichten, Sport und Talk an.

David Margolese, Gründer und Präsident von CD Radio, hat keine Zweifel, daß sein Unternehmen Erfolg haben wird: "Radio im Auto ist das, was der Fernseher zu Hause ist". Zwar kam die Lizenz den beiden DARS-Vorreitern teuer zu stehen: CD Radio zahlte 83 Millionen Dollar, der Konkurrent American Mobile Radio Corporation (AMRC) knapp 90 Millionen. Dazu kommen etwa 400 Millionen Dollar pro Unternehmen an Kosten für Satelliten und den Aufbau der Redaktionen. Aber nach den Worten von AMRC-Präsident Lon Levin wird die Investition bald mehrfach versilbert sein: "Schließlich teilen wir uns das ganze Geschäft unter nur zwei Kandidaten auf".

Die Gerätschaften sollen für den Verbraucher einfach zu handhaben sein: CD Radio plant eine Steckkarte, die man einfach in das Kassettendeck des Autoradios schiebt, die dazugehörige Antenne soll so klein wie ein Silberdollar sein (etwa die Größe eines deutschen 2-DM-Stücks). Kostenpunkt: etwa 200 Dollar insgesamt. AMRC verhandelt derzeit mit den Herstellern, Satellitenradio in das Bedienungsmenü jedes Radios mit aufnehmen zu lassen - genauso wie Kurz- und Mittelwelle.

Spätestens im Jahr 2000 sollen die neuen Satellitenstationen empfangbar sein. Für die Macher beginnt nun die Aufbauarbeit, nachdem die Radioverbände die Lizenzvergabe durch die FCC jahrelang verzögert haben. Die traditionellen Radiostationen befürchten einen erheblichen Hörerschwund und enorme Werbeeinbrüche. Gerade deshalb feiert David Margolese den Start seines Unternehmens als Erfolg: "Es ist schon eine kleines Wunder, daß wir da angekommen sind, wo wir jetzt sind". (Gerti Schön)