S()LF: STADT, LAND, FLUSS

Über 'The Mirage City - Another Utopia' in (Asiens) InterCommunication Center, Tokyo 5/97

The Mirage City

1.Will open! Open...

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Blanke Kanten, lederne Pipelines, Infosmog: Wolkenkratzer, Highways, Teledeltas, die 21stCentury-Schizoid-Stadt wie man sie sich nur so vorstellt: all das wummert einem in Shinjuku entgegen, dem größten, der sieben Zentren Tokios. Seit Jahren wird hier wieder verstärkt gebaut.

Eines der ambitioniertesten Architekturprojekte grenzt an den benachbarten Bezirk Hatsudai, der sich vom Shinjuku Bahnhof (übrigens der größte Asiens), an den ehemaligen und jetzt neuverpflanzten Obdachlosenquartiers vorbei, in ca. 15 Minuten zu Fuß erreichen läßt. Die Rede ist von Tokyo Opera City. Ein Mehrzweckgebäudekomplex der !!!-Klasse. Vor mehr als 3 Jahren angekündigt, hat am 18.04.97 darin das InterCommunication Center eröffnet, ein digitales Museum gesponsert von der größten Telefongesellschaft Japans. Doch war das nicht bloß eine Ankündigung, damals. Vor mehr als drei Jahren, genau gesagt März 1991, beginnt ein dichtgedrängtes Kulturprogramm im Namen des ICC. Jährliche Großausstellungen, eine Galerie, Workshops, Veröffentlichungen (zahlreiche Bücher, und vor allem das Quarterly Magazin InterCommunication), aber auch Vortragsreihen und Forschungsprogramme werden seitdem mit großem Aufwand betrieben.

Das ICC hat tatsächlich bereits Geschichte (und muß sie nicht erst konstruieren). Pionierleistungen lassen sich vielleicht an einer Hand allein nicht aufzählen; als besonders hervorhebenswert zu nennen wäre, mit welcher Vehemenz und Zielsicherheit man mit dem das (ich nenn's jetz' mal lachs) Gespann (man sagt aber auch 'Die vier Weisen' oder 'Das goldene Bermudaviereck') Asada Akira (Philosophie/Wirtschaft), Hirosaka Yutaka (Architektur), Itoh Toshiharu (Kunst/Visual Studies), und Takemura Mitsuhiro (Medien Ästhetik) die internationale Techno-Art Szene bespielt, sich aber auch als Plattform bespielen läßt .
Seit Jahren deutet sich an, wie aus den verschiedensten Bereichen die VIP's der Kulturindustrie auf technologischem Boden im ICC ein gemeinsames Spielfeld definieren. Bei all der verzögerten (und immer größere Kreise schlagenden) Vorfreude stellt sich irgendwann auch Skepsis ein. Aus Kräftevereinigung wird dann Monopolisierung/Zentralisierung. Das fiel einem dann z.B. bei den Übersetzungen auf, die sich auch immer stärker häuften. Welches japanische Publikationsunterfangen legt Wert darauf, auch im Ausland wahrgenommen zu werden (und wer könnte sich das auch schon leisten)? Bi-linguismus als Veröffentlichungspolitik hat zum Opening hin stetig zugenommen, und hält sich seither 100% ungebrochen: Bis auf kleine, im Grunde nicht nennenswerte Beiträge des Personals ist alles zweisprachig!

Über die Jahre blieb aber vor allem eine Erwartung unerfüllt: eine diskursive Auseinandersetzung mit der eigenen (technologischen) Kultur-Geschichte. Aufarbeitender Enthusiasmus en masse, genauso Rückblicke auf frühe Moderne. Bei ausgedehnten Debatten über die notwendige Neukonzipierung des 'Selbst' hätte ein Blick auf den eigenen Hintergrund ja gar nicht geschadet: eine moderne Geschichte, die zwischen quasi und interner Kolonialisierung anfängt, um Mitte dieses Jahrhunderts im Imperialismus zu münden. Wäre doch interessant gewesen zu fragen, ob und in welcher Form sich die, bei dieser halsbrecherischen Geschichte der (Ab/Ein)Grenzpolitik, überhandnehmende Ausbreitung der Telekommunikationssysteme auswirkt.

2.Der Denker, Der Architekt, die ...Luftspiegelung

Im Brennpunkt der Eröffnung des ICC steht neben der aus internationalen Künstlern rekrutierten permanenten Sammlung (u.a. Seiko Mikami, Dumb Type, Jeffrey Shaw), unübersehbar, vor allem ein Ausstellungsprojekt - "The Mirage City - Another Utopia". Also mal wieder ein spektakuläres Urban-Designereignis? Zumindest beim ersten Blick löst es allzu vertrauliche Bilderketten aus. Da wäre...: Nach einer Reihe un/verwirklichter Baupläne (Technopolis, Aeropolis und wie sie alle heißen) ist auch das, was einst als Tokyo Teleport Town gehandelt wurde, dann zwischenzeitlich als konzentrierte Lagerstelle für Tagelöhner genutzt wurde, letztes Jahr abgestartet. Es heißt Ariake, liegt in der Bucht von Tokyo, und ist nicht mehr als ein paar hundert Hektar reklamiertes Land. Doch die Mirage City ist anders. Das Planungs Komitee ist mit Geheimtippenden gespickt. Da wäre Akira Asada. Das philosophische Überidol der 80ger fungiert hier offiziell als 'Ratgeber'. War es auf der Architektur und VR-Tagung in Berlin vor einigen Monaten, in irgendeiner Rundtisch-Diskussion in Groningen, in der er seine Sicht der Dinge zum Thema Stadtplanung verlautbart (Stichwort:'Redakteurstheorie'), oder in der neueren Disziplin 'Weltarchitektur' (auch Internet genannt)? Zum Beispiel als er letztes Jahr das ICC Projekt im Centre George Pompidou mit vorstellt, dient ihm in seiner Rede Bruce Sterlings Idee der "Islands in the Net" als Leitgedanke.

Kurz, ne spröde Meile reklamiertes Land kann schon attraktiv werden, wenn man Stadtplanung aus einer 'gewissen' Sichtweise angeht. Und dafür hat sich Asada Akira nun mal einen Namen gemacht. Unschwer zu erkennen, ist er bei diesem Projekt für den Überbau zuständig. Die Dichotomie Dystopia/Atopia dient ihm als Ausgangspunkt, um doch noch mal eine utopische Stadtvision zu entwerfen. Diesmal, eine Insel auf hoher See als Pretext und Experimentierlabor. Dort sollen Materie (die Welt der Körper) und Information (das Meer des Geistes) als zutiefst polarisierte Dimensionen, jetzt ko-existieren. Dabei hat er sich ausgerechnet die Metapher eines 'tourbillion' ausgesucht; ein strudelartiges System also als narrensicherer Weg in die nächste Utopie.

Es bedarf wohl auch keiner langen Rede um Isozaki Arata vorzustellen, der die Mirage City schon letztes Jahr auf der Venedig Biennale vorgestellt hat. Sei es in LA, Polen oder jetzt auch wieder in Berlin, der Mann ist einfach präsent (in letzter Zeit immer mehr als 'Denker' gefragt) und mehr als bloß ein weiteres Monument der japanischen Kulturindustrie. Er ist der Architekt dieser Eco-Cyber-City vor der Küste Südchinas. Ihm stinkt das ganze masterplangebundene Cityplanning. Für ihn ist es mehr eine Sache der Biogenetik (anders kann ich mir auch nicht erklären, warum hier alles im Zeichen der Zelle steht) und der Weisheit asiatischer Tradition (damit im symbolischen Bannkreis von Vererblichkeit). Straßen z.B., die nur von elektrischen Fahrzeugen befahren werden, ähneln in ihren Verläufen aus der Vogelperspektive dem mikroskopischem Bild einer Zellvergrößerung. Eine evolutionäre Stadtplanung/bauausführung, der ein Grundriß der Verbotenen Stadt (zijin-cheng) zugrundeliegt, und die entsprechend den im voraus festgelegten Gebäudetypen (u.a. si-he-yuan , ein traditionell chinesischer Typus mit vier Gebäuden, die einen Hof umschließen, und dan-ming, Hausboote) ausgeführt wird. In Isozakis Augen wird dieser Prozeß durch einen zutiefst traditionell japanischen Vorgang (symbolisiert durch Konzepte, wie sie durch die Ideogramme 'ma', 'so', 'ko' indiziert werden, und allesamt das 'Dazwischen' favorisieren) gerettet, um nicht zu sagen, erst möglich gemacht. Nochmals: Kein Masterplan.

Doch so sehr wie sich dieses Projekt als Rekonstruktion der Moderne, unter Kritik, Aussparung -bzw. vielmehr Heilung- immanenter Schwachpunkte von konventioneller Stadtplanung zu erkennen gibt (wo genau wird Le Corbusier eigentlich liegengelassen?), so nötig ist es zu bemerken, daß am Architektenmythos des Masterminds wenig gerüttelt wird (das Beratungsteam mag groß sein, atopisch; es berät -und daran ändert sich wenig- Isozaki). Auch ist unklar wie sich, bei der Info-Eco-Stadt-als-Strudel, Asadas Gegensatzpaar nicht anders als im Zuge einer Umkehrung der Vorzeichen (vorübergehend) kreuzt: zum Beispiel wenn der Krieg auf der Straße (dystopia) räumliche Narrativisierung problematisch macht, und die Tastaturgemeinschaft (atopia) sich durch einen Informationskrieg zu differenzieren versucht, und 'militärische' Information sich re-materialisiert (klar, die ganz üble Zukunftsvision). Aber auch ganz konkret: wie darf ich mir sowas wie 'zu Hause' vorstellen, mit einem 'troubillion' als Lebenserhaltungssystem, und 'Arbeit' bei einer (vor allem von Isozaki) betonten Vermengung von Berufs-, Freizeit, und Privatsphäre?

3. Die 'Mirage City" als Kunst

Doch Zeit für einen Blickwinkelwechsel. Wie wärs, wenn wir die 'Mirage City' anders aufziehen, nämlich als 'The Mirage City' und erstmal als (Kunst)Ausstellung angehen.

Skizze des Ausstellungsaufbaus

Jetzt auch Entwicklungshilfe als interaktives Gesellschaftsspiel? Ein abgedunkelter Raum, vier einzeln stehende Tische, deren Platten mit grünem Filztuch bezogen sind; vier... - nein, nicht ganz die Casinoatmosphäre, aber doch irgendwie. Beim genaueren Hinsehen ist es auch nicht Filz, sondern Hartgummi, und auf den ringsum verteilten Stühlen halten die Leute nicht Spielgeld, oder Spielkarten in der Hand, sondern Zirkel, Radiergummi, Lineal, Sekundenkleber. Architektonische Modelle; unfertig ausgeschnittene Kartons, die Grundrisse andeuten. Hier wird gebastelt. Zur Verfügung stehen außerdem neben Drucker und Xerox diverse Telekommunikationstools. Büro/Workshop perfekt. Hat man, wie es sich gehört, den Raum von vorn betreten, so wird man vermutlich (ohne Aufsehen zu erregen) die sperrigen, ca. 5x4.3m großen Modelle der Mirage City (dezent, man könnte auch sagen blaß, ausgeleuchtet; jeweils zwei -links, rechts) bald hinter sich gelassen haben. Aufmerksamkeit ziehen drei von der Decke hängende Videoleinwände auf sich. Darunter, direkt an die 3m weiten Displayschirme gekoppelt, stehen jeweils drei Rechner (Stühle, Maus, Tastatur, 3-DCG A-Z in drei Bänden): die Workstation (trennt den Workshop (das Hinterzimmer) vom ausladenden Frontbereich).

Links Außen kann 'Unterschriften' gebrowst werden. In 'Unterschriften' wurden knapp 50 renommierte Architekten eingeladen, sich bei der Stadtplanung zu beteiligen. Giovanni Battista Piranesis 'Campo Marzio of Ancient Rome' (1762), das noch gerade im Herbst innerhalb von 'Archeology of the Future City' in Tokio zu sehen war, und auch hier gleich vorn links neben dem Eingang aushängt, dient hier als Vorlage. Die Karte einer imaginären Rekonstruktion des altertümlichen Roms, bei der das archäologische Vermächtnis nicht mehr als bloßer Anreiz war, wird hier samt der Tevere auf die Inselfläche der Mirage City projiziert. Bei einem günstigen Maßstab fallen genau 48 'Campio Marzio' Gebäude in den Rahmen, die den 48 ausgesuchten Namen (von Balkrishna V. Doshi bis Hans Kollhoff) und einem ihrer Werke zugeordnet wurden. Soweit die Regeln. Das Ziel für den Einzelnen besteht darin, das eigene Gebäude, den neuen (arbiträr festgelegten) Bedingungen entsprechend umzugestalten. Absprachen unter den Kandidaten sind erlaubt. Die drei mittig angeordneten Computer sind der Sektion 'Besucher' zugedacht. Während der zwölfmonatigen Ausstellungsperiode assistieren, bzw. leiten 12 sogenannte digitale Architekten die Ausstellungsbesucher bei potentiellen Eingriffen in die Stadtplanung. Auch hier ist Interaktivität nicht ohne vorgegebene Spielregeln. Diesmal, mit dem gesuchten Verweis auf eine traditionell japanische Dichtform (Renga), soll ein Intervall für die nötige Struktur sorgen. Konkret: das Timing des Kommens und Gehens der 12 Digitalen fordert Überlappungen, sorgt für Reibungen, und macht Verhandlungen unumgehbar. Halt Renga, wenn man will.

Die dritte Workstationeinheit (rechtsaußen) heißt 'Internet'. Unter www.ntticc.or.jp/special/utopia/ ist das Projekt im Internet untergebracht. utopia@ntticc.or.jp ist die elektronische Postadresse, zu der Kommentare, Vorschläge und Fragen geschickt werden sollen. Möglich ist, Stellung zu 'Unterschriften', und 'Besucher' zu nehmen, aber auch vor allem auf den Prototypen Einfluß zu nehmen, der gemäß den obengenannten Parametern eine Skizzenversion ist. 'Internet' macht es möglich - unabhängig von Entfernung - bei dem/n Prozess/en beteiligt zu sein. Wir gehen mal davon aus, daß der Input der Telebesucher aufgearbeitet wird. Denn genauso wie die zwei anderen Workstationeinheiten ('Unterschriften', 'Besucher') soll auch dieser Prozeß auf einem der Modelle (an denen ich vorhin so rasch vorbeilief) visualisiert werden. Ich sage soll, denn bis jetzt bleiben die 3 Flächen (bis auf #4, den Prototypen) weitestgehend weiß, leer, statisch. Aber auch das ist ein Teil des Work-In-Progress.

4. Psycho/Fitness

'So what's the price for the 'new media' art work being a desiring object? And what the f**k does it want?!' (Aus einem Gespräch mit dem aktivistischen Unternehmer W.J.T.Masoch, Krakau, 1989.)

Wie vielleicht hieraus schon erkenntlich, kommt man mit einem 'geschulten Blick' bei dieser Ausstellung nicht weit. Hier wird eine (virtuelle) Stadt geplant. Gefordert werden Kenntnisse, die das ABC der Kunst- und Architekturgeschichte voraussetzen, aber doch sekundär erscheinen lassen. Nicht umsonst stehen CG/VR-Gebrauchsanleitungen rum. Die Ausstellung als Arbeitsraum setzt aber nicht nur tastaturtaugliche Finger, sondern Bastelvirtuosität voraus (für den Nicht-Architekten ein eher regressiver Turn). Wie bereits eingangs erwähnt, stellt sich auch auf dem Interaktivitätslevel die Frage, wie sich (urbane) Praxis und Theorie verbinden lassen (bzw. hier verbunden werden). Unter den ersten Digitalen war Kenjiro Okazaki, der uns seine Ideen in Form von poetischen Illustrationen (zum Thema Utopia) hinterließ. Interaktivität schließt aber (ich nenn es mal) Spielerglück nicht aus, womit wir wieder im 'Hinterzimmer' wären. Bei all diesen Vorgaben, Spielregeln, Voraussetzungen ist auch strategisches Geschick gefragt.

Doch keine Strategie ohne ausgemachtes Ziel (das 'Gewinn' abwirft). Auf der einen Seite werden wir mit den finanziellen Aspekten der Mirage City vertraut gemacht: Inklusive Landaufarbeitung und Entwicklung, Landpreis und Bauarbeiten liegen die Ausgaben bei 340 Billionen Yen. Der kalkulierte Gewinn ist bei knapp 700 Billionen angesiedelt. Im Ausstellungskatalog wird man darauf hingewiesen, dass man sich jetzt noch bei Grundstücksspekulationen beteiligen kann. Es kann noch investiert werden. Das Spiel ist noch offen. Die Stadt noch nicht gebaut. Auf einer anderen Ebene wird aber auch aus dem Vollen investiert. Unter japanischer Leitung entsteht (nicht nur rein geographisch) das Zentrum Asiens, und wie zufällig liegt es in China. Jetzt müssen (weitestgehend) unbeglichene Kriegsschulden nicht heraufbeschworen werden, um eine bevorstehende Gleichgewichtsverschiebung zu dramatisieren: Versammelte Besorgnis, Faltenstirn, 24h-Liveschaltung nach Hong Kong ist ja nicht nur ein Vorbote, sondern Hinweis auf Nervenkitzel und erhöhte Aktivität im Mittelfeld der Außen/Auslandspolitik.

Mirage City von oben

Was hier im Museums/Ausstellungsrahmen präsentiert wird, ist also auch eine Art (interkulturelles) Entwicklungshilfeprogramm. Wem hier eigentlich wobei geholfen werden soll, leitet die Frage nach dem (Spiel)Gewinn neu ein. Und 'Kapital' sollte das ganze schon noch abwerfen. Was als Spielregel - also als rahmenschaffend - verstanden werden kann (Campo Marzio, Renga, zi-jin-cheng, si-he-yuan, etc.), ist auf der interkulturellen Ebene nicht bloß spielerisches Sampling, sondern Spielgeld -gewinnorientiert- und Spielfigur -kursbezogen-: gesetzt/setzend. Doch wird sich 'The Mirgage City' durchsetzen? Eins ist klar: eine beizeiten unkenntlich gemachte Doppelbödigkeit , jenes koexistierende Wirklichkeitskapital- hier: Stadtplanung als Kunst und Kunst als Stadtplanung- erfüllt die voraus(gesetzt)e Forderung nach einer weiteren Utopie und Interaktvität, oder besser, interaktiver Kunst,- letzterer Begriff ließe sich natürlich auch mit Architektur ersetzen. (Krystian Woznicki)