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Russland: Neue Heimat fĂŒr westliche Ultrakonservative?

Roter Schlagbaum mit russischem Doppeladler

Welcher Deutsche will hier rein? Bild: Aleksei Ignatov / Shutterstock.com

Putin lĂ€dt Rechte aus dem Westen nach Russland ein. Die Resonanz ist bisher gering. Doch fĂŒr Deutsche, die dort leben, birgt das Land TĂŒcken.

DeutschstĂ€mmige, die nach Russland ausgewandert sind, sind kein neues PhĂ€nomen. So mancher MitteleuropĂ€er hat sich in den 90er-Jahren oder im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts auf abenteuerliche Reisen oder durch GeschĂ€ftsbeziehungen in Land und Leute verliebt und ist fĂŒr immer geblieben. Viele blieben sogar bis zum Ausbruch des Ukraine-Kriegs im Februar 2022.

Diese Menschen standen jahrzehntelang nicht im Fokus der russischen Politik. Politisch motiviert war die Auswanderung fast nie. Wie die eines deutschen Telepolis-GesprÀchspartners, der seit 30 Jahren in St. Petersburg lebt.

"Russland war damals ein aufregendes, offenes und faszinierendes Land im Umbruch, voller Themen und Geschichten, die im Westen mit Sympathie und Interesse aufgenommen wurden. Das ist heute nicht mehr so", erinnert er sich. Auf eigenen Wunsch bleibt er hier anonym, um sich nicht durch Auftritte in westlichen Medien Ärger mit den russischen Behörden einzuhandeln.

Wanderungssaldo in die andere Richtung

Neue Auswanderer dieser Art nach Russland gab es schon seit vielen Jahren kaum noch, als Putin im Herbst das Einwanderungsgesetz seines Landes erneuerte. Stattdessen sollen sich nun politisch Unzufriedene in Westeuropa mit ultrakonservativen Einstellungen von "traditionellen russischen Werten" angezogen fĂŒhlen.

Weil ihnen der neoliberale und "woke" Westen als Lebensraum fehlt. Im Gegensatz zu frĂŒheren Regelungen sind Kenntnisse der russischen Sprache oder der russischen Geschichte fĂŒr einen Daueraufenthalt nicht mehr erforderlich.

Auswanderung nach Russland RandphÀnomen

Die Auswanderung von Deutschland nach Russland war zahlenmĂ€ĂŸig immer ein RandphĂ€nomen. Der Wanderungssaldo zwischen Russland und Deutschland verzeichnete nach Angaben des Statistischen Bundesamtes [1] auch nach dem Abebben des Zustroms russischer SpĂ€taussiedler nach Mitteleuropa stets deutlich mehr FortzĂŒge von Russland nach Deutschland als in umgekehrter Richtung.

Dies verstĂ€rkte sich noch nach Ausbruch des Krieges in der Ukraine, als viele unter dem repressiven Regime leidende Russen ihre Heimat verließen. Dabei war Deutschland aufgrund des strengen Visaregimes fĂŒr Russen ein eher seltenes Ziel.

Dennoch ĂŒberstieg die Zahl der ZuzĂŒge aus Russland nach Deutschland im Jahr 2022 die Zahl der FortzĂŒge um mehr als das Dreifache, im Jahr 2023 um das 2,5-fache. Über 57.000 ZuzĂŒgen aus Russland nach Deutschland standen in den letzten beiden Jahren knapp 20.000 FortzĂŒge nach Russland gegenĂŒber.

Russland wollte stets Einwanderung fördern

Offizielle Versuche, die Zuwanderung aus Deutschland nach Russland zu forcieren, gab es seitens der russischen Regierung bereits frĂŒher. Russland befindet sich aufgrund niedriger Geburtenraten in einer schweren demografischen Krise. So wurde bereits in den 2010er-Jahren versucht, SpĂ€taussiedler und Auslandsrussen, die anderswo nicht richtig heimisch geworden waren, zur RĂŒckkehr zu bewegen.

Manche taten dies auch aus Deutschland, wie 2017 die Mutter des heute 19-jĂ€hrigen Kevin Lick mit ihrem Sohn. GegenĂŒber Telepolis erklĂ€rt er seine Auswanderung heute damit, dass viele SpĂ€taussiedler von der deutschen Bevölkerung eher als Russen wahrgenommen wĂŒrden.

Sie fĂŒhlten sich "stark mit ihrer historischen Heimat und deren Traditionen verbunden". Ein "verzerrtes NostalgiegefĂŒhl" habe auch seine Mutter zur Aussiedlung bewogen.

Große Berichte ĂŒber kleine Zahlen

Der Versuch, eine nennenswerte politische Emigration aus dem Westen nach Russland aufzubauen, konzentriert sich heute auf den deutschsprachigen Raum.

Der russische Migrationsberater Timur Beslangurow erzÀhlt der Moskauer Deutschen Zeitung [2] in einem aktuellen Interview, dass nach Angaben des russischen Innenministeriums bisher 400 Personen aus westlichen LÀndern einen Antrag auf "zeitweiliges Asyl" gestellt hÀtten. Davon kÀmen 350 aus Deutschland. Die meisten von ihnen gehörten der Generation 40+ an, "also Leute der alten Schule".

Obwohl Beslangurow im folgenden Text Russland in den höchsten Tönen lobt, zeigen schon die von ihm selbst genannten Zahlen, dass die tatsÀchliche politische Emigration nach Russland trotz Putins neuen Angebots und zahlreicher Medienberichte kein hÀufiges PhÀnomen ist. Experten gehen sogar so weit, dem neuen Programm die Ernsthaftigkeit abzusprechen.

Alexander Libman, Leiter der Abteilung Politik am Osteuropa-Institut der FU Berlin, interpretiert Putins Angebot gegenĂŒber der Schweizer Zeitung nau.ch [3] "als reinen PR-Gag". Wirklich interessiert an einem politisch motivierten Umzug nach Russland seien nur EinzelfĂ€lle, fĂŒr die es keines Erlasses bedurft hĂ€tte.

"Eine Zielgruppe, die damit angesprochen wird, gibt es, glaube ich, nicht wirklich."

Zielgruppe der traditionsbewussten Bauern

Der russische Berater Timur Beslangurov sieht das naturgemĂ€ĂŸ anders. Er nennt etwa konservative Christen oder traditionsbewusste Landwirte als konkrete Zielgruppen, um WesteuropĂ€er fĂŒr ein Leben in Russland zu begeistern.

Das Beispiel Landwirtschaft ist nicht zufĂ€llig gewĂ€hlt. Aus der Zeit der unpolitischen Auswanderung aus Mitteleuropa nach Russland, lange vor dem Ukraine-Krieg, gibt es vor Ort mehrere erfolgreiche deutschsprachige Agrarunternehmen: etwa die Firmen "Schweizer Milch" oder die vom Deutschen Stefan DĂŒrr gegrĂŒndete Ekosem-Agrar, die beide lange gute GeschĂ€fte in Russland machten und sich zu regelrechten Agrarkonzernen entwickelten.

"Schweizer Milch" in Russland

Die Besitzer der "Schweizer Milch", seit 20 Jahren im Land, scheinen jedoch seit der russischen Invasion 2022 völlig unpolitisch geworden zu sein. Ein eidgenössisches Journalistenteam berichtet [4] von seinem Besuch bei Landsleuten in der Kaluga-Region 2023, dass Fragen zum Ukraine-Krieg völlig tabu seien.

"Wir mĂŒssen uns einfach so weit wie möglich aus der Politik heraushalten", erklĂ€rt Betriebsleiter Jakob BrĂ€nninger den Journalisten.

Man sei auf Lizenzen des russischen Landwirtschaftsministeriums angewiesen, die man nicht gefĂ€hrden dĂŒrfe. Die Zeiten seien nicht einfach fĂŒr die Schweizer Bauern in Russland, ihr Wunsch sei, dass "alles wieder so wird wie frĂŒher" - die Zeit vor dem Ukraine-Krieg.

Auch dem deutschen Pendant Ekosem Agrar, lange ein Vorzeigebetrieb der russischen Landwirtschaft, geht es nicht gut. Laut der Fachzeitschrift Agrar Heute [5] droht dem Agrarkonzern im April 2024 die Insolvenz und er appellierte an die GlÀubiger seiner Agrarholding, auf Einlagen in Millionenhöhe zu verzichten.

"Sonst droht die russische Verwaltung und die Insolvenz."

Nach einem Dekret Putins können auslĂ€ndische Tochterfirmen mit westlicher Mutter einfach unter Zwangsverwaltung gestellt werden. Das klingt nicht nach einer stabilen Perspektive fĂŒr Bauern, die nach Russland auswandern.

Wie Emigration auch schiefgehen kann

Wer anders denkt als die Machthaber, ist in Russland derzeit generell gut beraten, seine Meinung fĂŒr sich zu behalten, wenn er noch berufliche PlĂ€ne hat. Das gilt besonders fĂŒr die Ukraine.

Der zurĂŒckgekehrte SpĂ€taussiedler Kevin Lick bekam das deutlich zu spĂŒren. Im Jahr 2022, nach Ausbruch des Krieges in der Ukraine, beschließen er und seine Mutter, nach Deutschland zurĂŒckzukehren.

Nach einer Auseinandersetzung seiner Mutter mit einer zustĂ€ndigen Behörde wird der damals 17-JĂ€hrige vom Inlandsgeheimdienst FSB unter dem Vorwurf der Spionage verhaftet. "Die VorwĂŒrfe bleiben nebulös" stellt [6] der Journalist Thomas Fasbender von der Berliner Zeitung fest, der selbst viele Jahre in Russland gelebt hat.

Lick hatte MilitĂ€reinheiten bei Kriegsausbruch fotografiert, wie er selbst gegenĂŒber Telepolis zugibt. Das habe nur der Dokumentation des Geschehens gedient, "die Fotos wurden von einem Experten des MilitĂ€rgeneralstabs ĂŒberprĂŒft. Es stellte sich heraus, dass diese Fotos kein Staatsgeheimnis darstellen".

Die russische Justiz unterstelle ihm "mangelnde Übereinstimmung mit dem politischen Kurs" in Russland als Motiv.

Um welche Bilder es sich handelt, bleibt bis zuletzt spekulativ. Erst im Zuge eines Gefangenenaustausches zwei Jahre spĂ€ter kommt der junge Deutschrusse frei und kehrt nach Deutschland zurĂŒck.

Ausreiseberater sind kremlnah – und unkritisch

FĂŒr die örtlichen Berater westlicher Auswanderer ist die politische Situation offenbar kein Problem. Timur Beslangurow macht deutlich, dass er den aktuellen Kurs Putins vorbehaltlos unterstĂŒtzt.

"Wenn in der Welt alles so bleibt, wie es ist, und sich in unserem Land nichts Àndert, dann wird die Zahl (der westlichen Einwanderer) steigen. Ich denke, es können Zehntausende sein", euphorisiert er in der Moskauer Deutschen Zeitung und ist in staatsnahen TV-Sendungen ein gern gesehener Gast mit bequemer Meinung.

Einen Ă€hnlichen Ton und politischen Hintergrund haben auch andere Einwanderungsberater fĂŒr westliche AuslĂ€nder in Russland. Etwa das Projekt "Moja Rossija [7]", das unter anderem von der umstrittenen deutsch-russischen Pro-Putin-Bloggerin Alina Lipp getragen wird.

UrsprĂŒnglich keine politische Migrantin [8], gehört sie inzwischen zu den wichtigsten Kreml-Sprachrohren im deutschsprachigen Netz, die jede kritische Distanz zur aktuellen hiesigen Regierungspolitik vermissen lassen. Wer vor Ort stabil im System schwimmt, muss keine Repressionen fĂŒrchten und kann Landsleute nach Russland locken.

Deutsche in Russland raten ab

Unser langjĂ€hriger GesprĂ€chspartner in St. Petersburg sieht die politisch motivierte Auswanderung nach Russland auch fĂŒr Ultrakonservative kritisch.

"So jemandem wĂŒrde ich empfehlen, es zu lassen und sich lieber im eigenen Land in eine konservative BĂ€renhöhle zurĂŒckzuziehen. Es sei denn, man ist in Russland aufgewachsen und kann sich hier halbwegs durchschlagen."

Er selbst werde aber in Russland bleiben, da er vor Ort an der Newa schon zu sehr verwurzelt sei.

Ähnlich Ă€ußert sich Kevin Lick nach seinen Erfahrungen gegenĂŒber Telepolis und rĂ€t auch Konservativen von einem Umzug nach Russland ab.

"Es ist oft leicht, von idealisierten Vorstellungen zu trÀumen. Der Alltag kann sich stark von den Erwartungen unterscheiden."

Er hĂ€lt es auch fĂŒr möglich, dass diese Deutschen Opfer einer willkĂŒrlichen Verhaftung werden. Er lebt jetzt in Franken und will dort bleiben.

Trotz der vielen AnhĂ€nger, die Einflussreiche wie Lipp in Mitteleuropa haben, darf man skeptisch sein, was kĂŒnftige Auswanderungszahlen nach Russland angeht. Krieg mit Drohnenangriffen, islamistische AnschlĂ€ge oder jĂŒngst eine Business-Schießerei [9] mitten in Moskau wie in den 1990er-Jahren vermitteln nicht den Eindruck einer StabilitĂ€t, die zum Leben einlĂ€dt.

Zudem gibt es bei der Zielgruppe rechtskonservativer bis rechtsextremer Auswanderungswilliger eine mÀchtige Konkurrenz, bei der man die Komfortzone des Schengenraums nicht verlassen muss.

Fast 27.000 Deutsche sind im vergangenen Jahr nach Ungarn ausgewandert, wo Viktor Orbån rechte Interessenten weitaus erfolgreicher ködert, als es Russland derzeit vermag. Das wird wohl so bleiben.


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https://www.heise.de/-9956543

Links in diesem Artikel:
[1] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1395774/umfrage/wanderungen-zwischen-deutschland-russland/
[2] https://mdz-moskau.eu/aus-ideologischen-gruenden-migration-aus-dem-westen/
[3] https://www.nau.ch/news/europa/wladimir-putin-lockt-westler-nach-russland-das-steckt-dahinter-66815558
[4] https://www.swissinfo.ch/ger/wirtschaft/schweizer-bauern-harren-in-russland-aus/48783552
[5] https://www.agrarheute.com/management/finanzen/ekosem-agrar-ag-stefan-duerrs-emotionaler-appell-glaeubiger-619425
[6] https://www.berliner-zeitung.de/politik-gesellschaft/russland-18-jaehriger-deutscher-wegen-verrats-zu-vier-jahren-strafkolonie-verurteilt-li.2182889
[7] https://moyarossiya.com/de/
[8] https://www.youtube.com/watch?v=NhwyNXSj-Ns
[9] https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/kriminalitaet/moskau-zwei-tote-nach-schiesserei-bei-wildberries-buero-19993663.html