Rüstungsindustrie: Wachstum wegen und trotz "Zeitenwende"

Kulturelle Aneignung? Der weltweit größte Rüstungskonzern Lockheed Martin hat seine "Apache"-Kampfhubschrauber noch nicht umgetauft. Foto: Boevaya mashina / CC BY-SA 3.0

Sipri-Report: US-Firmen vorerst weiter führend, während China aufholt. Pandemiebedingte Lieferkettenprobleme verschärfen sich durch den Ukraine-Krieg. Andererseits werden erhebliche Steuermittel für Aufrüstung locker gemacht.

Weltweite Lieferkettenprobleme, die schon durch die Corona-Krise auftraten, haben der Entwicklung keinen Abbruch getan – die Umsätze der 100 größten Rüstungsfirmen sind im vergangenen Jahr erneut gewachsen: Sie haben 2021 Waffen und militärische Dienstleistungen im Wert von 592 Milliarden US-Dollar verkauft. 1,9 Prozent mehr als im Vorjahr.

Dies geht aus einem Report hervor, den das Stockholm International Peace Research Institute (Sipri) am heutigen Montag veröffentlicht hat. Es war das siebte Jahr in Folge mit steigenden weltweiten Waffenverkäufen. Obwohl die Wachstumsrate von 2020 auf 2021 höher war als 2019 auf 2020 mit 1,1 Prozent, lag sie immer noch unter dem Durchschnitt der vier Jahre vor der Covid-19-Pandemie mit 3,7 Prozent.

Teile der Rüstungsindustrie waren auch im Jahr 2021 von pandemiebedingten Unterbrechungen der globalen Lieferketten betroffen. Sowohl größere als auch kleinere Rüstungsunternehmen gaben laut Sipri-Direktorin Dr. Lucie Béraud-Sudreau an, dass ihre Verkäufe im Laufe des Jahres beeinträchtigt worden seien. Einige Unternehmen wie Airbus und General Dynamics hätten zudem über einen Arbeitskräftemangel geklagt.

Die Entwicklung seit Beginn des Ukraine-Krieges wird im gerade veröffentlichen Sipri-Report noch nicht abgebildet. Einerseits wurden seither erhebliche Steuermittel für militärische Aufrüstung lockergemacht – in Deutschland unter dem Stichwort "Zeitenwende" mit einem Sondervermögen von 100 Milliarden Euro für die Aufrüstung der Bundeswehr. Außerdem können Waffen- und Militärexperten aus aller Welt anhand realer Frontkämpfe und Bombardements beobachten, was das Kriegsgerät im Ernstfall kann – besser als in jedem Messe-Showroom.

Andererseits dürften sich durch die weltweiten geopolitischen Spannungen auch die Lieferkettenprobleme noch einmal verschärft haben. Nicht zuletzt, weil gerade Russland ein wichtiger Lieferant von Rohstoffen für die Waffenproduktion ist.

Dies könnte laut Sipri die laufenden Bemühungen in den USA und Europa behindern, ihre Streitkräfte zu stärken und ihre Lagerbestände aufzufüllen, nachdem sie Munition und andere Ausrüstung im Wert von Milliarden Dollar in die Ukraine geschickt haben. "Die Steigerung der Leistung braucht Zeit", so der Sipri-Resaercher Dr. Diego Lopes da Silva.

Wenn die Unterbrechungen der Lieferkette anhalten, kann es mehrere Jahre dauern, bis einige der wichtigsten Waffenproduzenten die durch den Ukraine-Krieg geschaffene neue Nachfrage decken.


Sipri-Resaercher Dr. Diego Lopes da Silva

Allerdings gehen die kriegsbedingten Sanktionen auch nicht spurlos an russischen Waffenschmieden vorbei: Während Berichte darauf hindeuten, dass russische Unternehmen ihre Produktion wegen des Krieges erhöhen, hatten sie laut Sipri-Report selbst Schwierigkeiten beim Zugang zu Halbleitern.

USA trotz leichtem Rückgang Spitzenreiter

Interessant ist, dass US-Unternehmen laut Sipri-Report zuletzt nach wie vor die die "Top 100" der Rüstungsindustrie dominierten, ihre Umsätze aber leicht zurückgingen: Die Waffenverkäufe der 40 (!) US-Unternehmen auf der Liste beliefen sich im Jahr 2021 auf insgesamt 299 Milliarden US-Dollar. Rund die Hälfte der weltweiten Waffenverkäufe ging damit auf das Konto der Vereinigten Staaten. Der weltweit größte Rüstungskonzern ist Lockheed Martin mit einem Umsatz von mehr als 60 Milliarden US-Dollar.

China mit hoher Wachstumsrate auf zweitem Platz

Die acht chinesischen Unternehmen auf der "Top 100"-Liste verzeichneten einen Umsatz von insgesamt "nur" 109 Milliarden US-Dollar, dafür aber ein Wachstum von 6,3 Prozent. China hatte damit 2021 einen Anteil von 18 Prozent an den weltweiten Waffenverkäufen und lag auf Platz zwei.

Rheinmetall bleibt "deutscher Meister"

Die vier deutschen Rüstungsfirmen auf der Liste – Rheinmetall, Thyssenkrupp, Hensoldt und Diehl – setzten im vergangenen Jahr Kriegsgerät im Wert von 9,3 Milliarden US-Dollar um – also umgerechnet etwa 8,9 Milliarden Euro, was einer Steigerung von 5,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahr entspricht. Deutscher Meister in Sachen Waffenverkäufe blieb laut Sipri Rheinmetall mit einem Umsatz von 4,5 Milliarden US-Dollar.

Europaweit meldeten für 2021 vor allem Unternehmen, die sich auf militärische Luft- und Raumfahrt spezialisiert haben, Verluste, "die auf Unterbrechungen der Lieferkette zurückführten", wie Sipri-Forscher Lorenzo Scarazzato, am Montag erklärte. "Im Gegensatz dazu scheinen die europäischen Schiffbauer weniger von den Folgen der Pandemie betroffen zu sein und konnten ihre Verkäufe im Jahr 2021 steigern."

(Claudia Wangerin)