Rente über den Kapitalmarkt: Ampel gibt Startschuss für die neue Aktienrente

Zehn Milliarden Euro Schulden sollen pro Jahr aufgenommen und an den Börsen angelegt werden. Mit den Erträgen soll Rentenkasse entlastet werden. Sozialverband meint: Geld könnte besser verwendet werden.

Die Bundesregierung ist sich weitgehend einig: Die Rente der Deutschen soll durch die Börse abgesichert werden. "Um langfristig Vorsorge zu treffen, schaffen wir ein Generationenkapital in Form einer Aktienrücklage für die gesetzliche Rentenversicherung", erklärte Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD).

In den kommenden Wochen soll eine Rentenreform auf den Weg gebracht werden, mit der das Rentenniveau dauerhaft gesichert werden soll. Die Koalition aus SPD, Grünen und Liberalen hatten in ihrem Koalitionsvertrag vereinbart, die Renten in Deutschland nicht kürzen zu wollen.

Die Aktienrente entspringt dabei der Vorstellungswelt der Liberalen: Über einen Fonds wird Geld an den Börsen angelegt, und die Erträge fließen der Rentenkasse zu.

In der Koalition traf die Idee auf wenig Widerstand. Der Streitpunkt war, aus welchen Quellen sich der Fonds füllen solle. Die ursprüngliche Forderung der FDP war, dass der Kapitalstock über die Rentenbeiträge der arbeitenden Menschen in der Bundesrepublik aufgebaut werden sollte.

Diese Idee fand keine breite Zustimmung, und nun soll der Fonds über Schulden aufgebaut werden. Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) will einen dreistelligen Milliardenbetrag am Kapitalmarkt anlegen. Über einen Zeitraum von 15 Jahren soll er aufgebaut werden. Pro Jahr sollen zehn Milliarden Euro dem Fonds zufließen, sagte der FDP-Vorsitzende laut tagesschau.de auf einer Veranstaltung.

Die Hoffnung beim Schuldenmachen ist, dass sich mit den Wertpapieren mehr Geld verdienen lässt, als Zinsen aufzubringen sind. "Empirische Studien zeigen, dass durch Anlage am Kapitalmarkt im langfristigen Durchschnitt höhere Erträge erzielt werden können, als Kosten durch die Kreditfinanzierung entstehen", zitierte Anfang November die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) aus einem Papier der FDP.

Ob das Konzept aufgehen wird, ist ungewiss – aber der Glauben daran ist stark. Als Vorbild dient die öffentlich-rechtliche Stiftung KenFo, die sich eigentlich um die Zwischen- und Endlagerung von radioaktiven Abfällen bemüht. Unabhängig von der Regierung soll sie bei der Anlage der Gelder helfen. Für eventuelle Verluste solle aber der Bund das Risiko tragen.

Grundsätzliche Kritik äußerte etwa der Sozialverband Deutschland (SoVD). Die Vorstandsvorsitzende Michaela Engelmeier sagte den Zeitungen der Funke Mediengruppe: "Der SoVD ist davon überzeugt, dass auf dem Aktienmarkt keine gute Rentenpolitik zu machen ist!". Die Menschen bräuchten für ihre Altersvorsorge Sicherheit. Die beste Option dafür sei das umlagefinanzierte System der gesetzlichen Rentenversicherung.

Dass man sich nun nicht mehr an starken umlagefinanzierten Systemen orientieren will, irritiert auch den Sozialverband VdK. In Österreich zahlten etwa alle Erwerbstätigen in die Rentenversicherung ein, heißt es in einer Erklärung.

VdK-Präsidentin Verena Bentele ist überzeugt, dass die zehn Milliarden Euro pro Jahr an anderer Stelle besser aufgehoben sein könnten. So müssten die "systemwidrigen Abschläge von bis zu 10,8 Prozent auf Erwerbsminderungsrenten" dringend abgeschafft werden. Außerdem müssten "der Grundrentenzuschlag erhöht und die Zeiten zur Pflege von Angehörigen deutlich besser anerkannt werden", so Bentele. (Bernd Müller)

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