Rekordverlust: Französischer Atomkonzern macht Dutzende Milliarden Miese

Laufzeitverlängerung mutmaßlich ergaunert: das berüchtigte AKW Tricastin. Foto: Marianne Casamance / CC-BY-SA-4.0

Weil im Sommer fast die Hälfte der maroden Atommeiler ausfiel, verlor der Energiekonzern EDF mindestens 32 Milliarden Euro. Er steht kurz vor der vollen Wiederverstaatlichung. Für "billigen" Strom zahlen Steuerpflichtige drauf.

"Es wird schlimmer und schlimmer", schreibt die französische Tageszeitung Libération zur Misere des französischen Atomstromkonzerns EDF.

Gemeint sind nicht die Vorgänge im Atomkraftwerk Tricastin, für das im vergangenen Jahr womöglich nur mit kriminellen oder halbkriminellen Methoden eine Laufzeitverlängerung von 40 auf 50 Jahre erschwindelt wurde. Störfälle sollen auch unter den nachsichtigen Augen der Atomaufsicht verschleiert, Prüfer sollen bei der Inspektionsarbeit behindert und gemobbt worden sein. Die Staatsanwaltschaft ermittelt bereits.

Nein, es geht um die fatale Finanzsituation des bisher zweitgrößten Stromerzeugers weltweit. Der produziert wegen seiner altersschwachen Atomflotte immer weniger Strom und rutscht deshalb immer tiefer in die Verlustzone. Schon zum sechsten Mal in diesem Jahr musste die EDF angesichts sinkender Strommengen ihre "Gewinnprognose" kassieren, die man besser "Verlustprognose" nennen sollte. Der ohnehin hochverschuldete Konzern, der sich schon zu 84 Prozent in Staatshand befindet, kündigt für das laufende Jahr einen Verlust von mindestens 32 Milliarden Euro an.

Verlustprognosen verschlechtern sich rasant

Erst im September hatte der Konzern die Verlustprognose auf 29 Milliarden heraufgesetzt. Im Juni waren "nur" 24 Milliarden Miese avisiert. Die Prognosen verschlechtern sich immer rasanter. Allerdings wird erklärt, dass die "geschätzte Atomstromproduktion" nur "am unteren Ende der Spanne von 280 bis 300" Terawattstunden (Twh) liegen werde.

Wie hier schon berichtet, waren im Sommer bisweilen nur noch die Hälfte der Atommeiler am Netz, da ohnehin ein guter Teil wegen Korrosion und Wartungsarbeiten außer Betrieb ist und während der Hitzewellen zusätzlich Kühlwasser fehlte. Um nicht zu viel Strom für die Kühlung der Meiler zuführen zu müssen, ließ man die Kraftwerke heruntergeregelt weiterlaufen und die Gewässer weiter aufheizen. Dafür gab es Sondergenehmigungen – und Umweltstandards wurden weiter abgesenkt.

Tatsächlich ist der Verlust sogar noch um etwa zehn Milliarden Euro höher. Diese Verlust-Milliarden entstehen über den von der Regierung verordneten Strompreisdeckel. Dafür hatte der Konzern schon im August eine staatliche Entschädigung in Höhe von 8,3 Milliarden Euro gefordert. Real wird dabei aber nur aus dem einen Staatssäckel ins andere umgeschichtet.

Insgesamt werden die hohen EDF-Verluste über die nun direkt bevorstehende vollständige Wiederverstaatlichung komplett auf die Steuerzahler abgewälzt. Um weiter das Märchen vom angeblich so billigen Atomstrom aufrechterhalten zu können, wird die Staatsverschuldung immer weiter ausgeweitet.

Überall wachsende Milliardenlöcher

Tatsächlich reißen überall wachsende Milliardenlöcher auf. Konservativ geschätzt soll es allein 100 Milliarden kosten, den altersschwachen Atompark am Leben zu halten. Dazu kommen Neubaupläne. Sechs neue Druckwasserreaktoren der dritten Generation (EPR) soll der EDF-Konzern bauen.

Die Kosten des "neuen" EPR in Flamanville sind aber schon von 3,3 auf 20 Milliarden Euro explodiert. Statt – wie ursprünglich geplant – seit zehn Jahren Strom zu produzieren, verbrennt der Meiler nicht nur in Frankreich viel Geld. Denn auch für die Neubauten im britischen Hinkley Point haftet die EDF; und damit Frankreichs Steuerzahlende.

Dass es bei den kalkulierten Baukosten in Großbritannien nicht bleiben wird, ist schon deshalb klar, weil längst bekannt ist, dass der EPR einen Konstruktionsfehler aufweist. Dazu kommen natürlich die Kosten für Endlagerung und Rückbau. Alles wird auf die Bevölkerung abgewälzt, die durch die Hintertür für den angeblich billigen Atomstrom heftig zur Kasse gebeten wird.

Dass es auch bei dem prognostizierten Verlust von 32 Milliarden vermutlich nicht bleiben wird, zeigen sich an weitgehend irrealen Vorgaben. So hatte die Regierung die EDF "verpflichtet" über alle Sicherheitsbedenken hinweg, die "Riss-Reaktoren" alsbald wieder in Betrieb zu nehmen, um einen Blackout im Winter unwahrscheinlicher zu machen, auf den die Bevölkerung schon vorbereitet wird.

Der bisherige Zeitplan wurde längst gerissen. Die geplante Wiederinbetriebnahme einiger Meiler wurde vorerst um zwei Monate verschoben. Libération weist jedoch darauf hin, dass die bisherigen Streiks in den Atomkraftwerken noch nicht berücksichtigt worden sind. "Die Auswirkungen werden derzeit untersucht", heißt es in einer Pressemitteilung der EDF. Schaut man sich die derzeitige Atomstrom-Produktion an, dann lieferten die Atommeiler am Sonntag gerade einmal 25 von theoretisch möglichen 64 Gigawatt.

(Ralf Streck)

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