Rauschgenerator 5.0

Björk, Platzgumer, Blake Baxter, Speed Garage, Jump Up drum+bass

Speed Garage: Im "jetzt" und im Piratenradio

Dank des Jugendmagazins "jetzt" der SZ weiß ja nun schon ganz Deutschland, daß es einen neuen Trend gibt, der sich Speed Garage oder Underground House nennt und jetzt das "Neue Große Ding" (NGD) sein soll. Doch das Möchtegern-Leitmedium schreibt hier nur nach, was auch viele andere Medien gerne schreiben, weil ihnen ein NGD namens "Speed Garage" lieber ist, als gar kein NGD.

Es trifft sich wunderbar, daß diese neue "ItŽs all in the Mix" Version des House bislang der Masse kaum auf Tonträgern namens CD zugänglich ist. Denn zum einen ist das adäquate Publikationsmedium für House ja sowieso die DJ 45 LP auf Vinyl im nichtbedruckten Cover, und zum anderen hat sich Speed Garage aus einer Party-Szene entwickelt und wurde bislang vor allem über Piratenradio verbreitet. Die Präsenz im Äther über London trug stark zur frühen Medienmythen-Bildung als NGD bei. Die Piraten als die Bannerträger neuer musikalischer Subkulturen haben schon Raggamuffin, Acid House, Jungle und Drum&Bass zu schneller Popularität verholfen. Und spätestens seit ein signifikanter Anteil der illegalen kommerziellen Stationen von d & b auf House umgeschalten hat, ist es für die Medien klar, dass das das NGD sein muss.

Was für die marktgerechte Mythenbildung ebenfalls sehr vorteilhaft ist, ist die einordnung als "schwarze" Subkultur. Das weisse Teen- und Twenpublikum auf der Insel ebenso wie am Kontinent lechzt nach neuen schwarzen Musikikonen, nachdem es durch hip hop, trip hop und jungle gegangen ist. Und da fügt sich der Speed Garage Trend gut ein, läßt er sich doch auf der "Black Men on Wheel"-Schiene (BMW) gut vermarkten. Die bayrischen Luxusschlitten und Gucci werden hier allerdings nicht nach US-Ghetto-Klischee mit Crack-Handel verdient, sondern in hart erkämpften Mittelklassejobs.

Doch die neuen House-Fetzen, die hier also angeflattert kommen, sollen hier nicht durch die NGD-Brille gesehen werden, sondern als neue Spielform, als Remix also, mit sicherlich erkennbaren Eigenheiten, jedoch sehr verwoben mit vielen bereits bekannten (bekannt guten, ebenso wie im Sinn von bekannt: abgehangenenen) Ingredienzen. Die rhythmische Basis, der 4/4 Takt in dem die Bassdrum mit gemächlichen 100 bis 120 bpm durch die Gegend swingt, ist ebenso House-typisch, wie die synkopierten Becken, die Orgel-Einsätze, die souligen Vocals und deren gesampelten Micky-Mouse-Variationen. Erkennbar anders sind allenfalls jungle-ähnliche Bass-Synthesizer-Linien, die gelegentlich zum Einsatz kommen, aber den Sound nicht dominieren. Die Originalität liegt nicht in den zum Einsatz kommenden Stilmitteln, sondern in der Art, wie sie eingesetzt werden.

"Tuff Jam" machen mit "Underground Frequencies Volume 1" Speed Garage nun auch einem größeren Publikum zugänglich. Was im Verdacht stehen könnte, eine schnell abgemischte Compilation-CD zu sein, um an dem eben entstehenden Medienmythos verdienen zu können (und davon gibt es inzwischen auch eine Menge), ist eine recht repräsentative Auswahl, was durch die Credits der beiden Mixmaster Karl "Tuff Enuff" Brown und Matt "Jam" Lamont als verdiente Piratenradio- und Party-DJŽs gewährleistet wird. Die von ihnen zusammengestellte CD bietet 20 Songs von unterschiedlichen Künstlern in einem kontinuierlichen Mix, wie im Radio, aber ohne die nervigen langen Commercial Breaks.

Herausragend ist gleich die Nr.1 "Gabrielle" von Roy Davis Jr., eine mittellangsame House-Ballade von absoluten Ohrwurmqualitäten. Dies ist die hohe Schule von House Vocals, nicht dieses angeblich euphorische Gekreische, das so oft unsere Ohren belästigt. Mit einer Stimme beinahe im Falsettbereich und einer Spur Kratzigkeit singt Roy Davis Jr. im klassischen House-Diva-Stil, beinahe an Prä-House-Höhepunkte wie Earthy Kitts Disco-Abenteuer oder Sades bessere Momente anschließend.

Eine Gangart schneller schaltet Mr.X mit "Dangerous" (Nr.11 der CD). Zu einem verweht gesungenen Refrain, der nur aus den Worten "Love, Live" und "Dangerous" besteht, kommen pumpende Beats und nun wirklich jene an jungle erinnernden Bassynthesizer-Linien, die der Musik den Science-Fiction-haften, androiden Touch geben und den irdischen Disco-Stomp in extraterrestrische Gefilde katapultieren.

Noch junglistisch "verspulter" gibt sich "Jump" von Double 99 (Nr.15), mit kaum dechiffrierbaren Stimm-Samples, Break-Beats, Scratch-Geräuschen und einem täuschend echten Telefonpiepsen, das über die gesamte Nummer durchgeht (Sie müssen nicht abheben).
Das zieht sich gleich angenehm weiter zu Nr.16 "Never Gonna Let You Go" von Tina Moore, das wohl inzwischen ein ziemlicher Hit geworden ist, der einem aus vorüberfahrenden Autos (nein, nicht BMW, sondern Ford Fiesta) und aus Kaufhauslautsprechern entgegenweht. Trotzdem, ein schönes Lied.

Es sind noch einige gute Stücke mehr auf dieser CD und von einzelnen Künstlern werden wir sicher noch mehr hören, wenn das Speed Garage Mem auch in den Karstadt und Virgin Music Läden voll durchschlägt. Nicht ungesagt sollte aber auch bleiben, daß zwischendurch auch einiges an House-Ermüdung zu überwinden ist, wo der Mix so neu nicht ist, das "Speed" vor Garage und das "Underground" vor House getrost gestrichen werden kann und wir daran erinnert werden, daß auch Disco, Hedonismus und BMW-Fahrertum schon gewisse Abnützungserscheinungen als kulturelle Orientierungsmerkmale beinhalten.

Underground Frequencies, Tuff Jam Productions, im Vertrieb von BMG.

The Way Out Chapter

Urban Noir im Drum & Bass Gewand

Um proportionale Gerechtigkeit walten zu lassen, dürfen wir natürlich nicht auf die Kollegen von der Break Beat Schule vergessen. Das, was innerhalb des drum & bass als hardcore oder jump up bezeichnet wird, findet seine Materialisierung ebenfalls vorwiegend auf Maxi-Singles und im Piratenradio. Der Extremismus von "Jump Up" ist in gepflegten CD-Albumeditionen eigentlich kaum zu hören, das internationale Publikum wird eher mit der abgesofteten aber musikalisch hochentwickelten Software von LT Bukem oder Photek versorgt.

"The Way Out Chapter" gibt sich alle Mühe, dieses Manko wettzumachen und vereint 11 Titel der harten, radiogerechten Dalston-Hackney Schule auf einer Silberscheibe. Die Macher bleiben anonym unter dem Namen "Hardleaders" und auch CD Cover und Inlet verraten nicht viel mehr, als daß sie konsequent wie eine Mac-Oberfläche gestaltet sind. So wäre es also untertrieben zu sagen, daß hier der "technologische" Aspekt betont wird. Die Hardleaders kennen kein Pardon und jagen uns durch ein urbanes Labyrinth von durchdrehenden Alarmanlagen, Polizei-Convoy-Sirenen und tickenden High-Tech-Bomben. Doch wie das mit den extremen Formen so ist, einmal hingehört und schon kennt man eigentlich die ganze CD, alle spielen das selbe Stück und das Vokabular der digitalen Horror-effekte ist wohl auch endlich. So erschöpft sich das Cyber-Noir der Hardleaders leider schnell in einer ziemlich mittelmäßigen Geisterbahnfahrt. Photek, von dem auch gerade eine neue CD erschienen ist, macht eben doch bessere Musik.

Hardleaders, Kickin Records

Blake Baxter

The H Factor

Schon im Juni erschienen, ist diese neue Disko B Produktion wieder als B Movie aufgemacht, mit einer Fotostory im Innencover und einem als Sixties Agent gekleideten Mr.Baxter mit langem Kanonenrohr am Front-Cover versehen. Damit wird eine Folge von B Movie Surrogaten fortgesetzt, die u.a. schon bei den Disko B Publikationen von Kirlian, Rancho Relaxo und den Merricks seltsame Blüten trieben, was recht angenehm ist, weil man zur Musik auch was zum Lesen und Schauen hat. In diesem Genre fällt "The H Factor" in die Subsparte des "Black Exploitation Movie", oder einfach Blaxploitation.

Die Fotostory zur Musik läßt uns 24 harte Stunden im Leben von Mr.Baxter erleben, ein Tagesablauf, der sich zusammenfassen läßt in "how to beat the shit out of 12 criminals and make love to 23 women". Eines sei vorweggenommen, die genaue Bedeutung des "H" Faktors wird auch nach 8 Seiten voller Action in Schwarz und Weiß nicht klar (aber man bekommt so eine Ahnung). Das Ganze ist natürlich voller Selbstironie, was spätestens klar wird, wenn die berüchtigte Wacha Bande erwähnt wird, worin Eingeweihte sofort die zwielichtige Figur des Münchner Diskotheken- und Schallplattenmagnaten Peter "Upstart" Wacha erkennen werden;-)

Der "Soundtrack" zum Film unterwandert die Ironie-Ebene, indem das Blaxploitation-Motiv hier kaum Fortsetzung findet, sondern vorwiegend eine typisch Detroit-mäßige asketische Strenge vorzufinden ist. Diese manifestiert sich in einem Gestus der Konstruiertheit, Linearität und Strenge von Le Corbusier-haften Ausmassen. Die CD beginnt mit einem hysterisch schnellen Stück, das näher am Techno ist als am House, und setzt sich dann, über einige Abstract-House-Brücken, immer langsamer werdend, fort, um schließlich mit einer Dub-Hip Hop-Nummer mit Gesang zu enden. Davon hat mich der mittelschnelle Mittelteil subjektiv am meisten angesprochen, in dem ein abstrakter, vokalfreier House gepflegt wird, als handle es sich um eine Art höherer Disziplin. Konzentrierte und asketische minimale rhythmische Variationen scheinen die große Stärke von Mr.Baxter zu sein. Dabei hat er die Sixties Sonnebrille wirklich nicht nötig.

Blake Baxter, Disko B

Der Separator

Hans Platzgumer

Was hat den Innsbrucker, der zwischenzeitlich mit H.P.Zinker als Gitarrenrock-Größe Indie-Ruhm genoß, bewogen, ein vollelektronisches Soloalbum zu machen? Auf diese Frage, wie so viele, ist keine Antwort zu erhoffen, das Album selbst ist jedoch sicher kein Fehler. Auch auf Disko B erschienen, markiert es, wie auch im Pressetext selbstbewußt erwähnt, den Trend eines Indiependent-Zugangs zu elektronischen Klängen, der nicht als das Aufspringen von Zuspätgekommenen auf den dancefloor-train zu sehen ist, sondern als Bereicherung der elektronischen Musikwelt durch frische Geister, die weniger von irgendwelchen stilbildenen Trendzwängen besessen sind als die anglo-amerikanische Dancefloor-Szene, sondern einfach nur gute Musik machen wollen. Dem kann ich aus Londoner Perspektive nur zustimmen, denn wenn auch allerorts guter d+b und house zu hören ist, so finden wirklich etwas experimentellere Electronicas nur ein Minderheitenpublikum, das sich an subventionierten Kunststätten versammelt, wie jeden ersten Dienstag im Monat bei "Scanner" Robin Rimbauds Auflegesessions, im Clubleben im engeren Sinn aber keine Rolle spielt.

Platzgumer geht als souveräner Genießer mit elektronischen und digitalen Produktionsmethoden um und liefert alles andere als ein verkrampftes "Seht her ich kanns auch" Debüt. Er hatte offenhörbar Spaß an diversen Klängen und Möglichkeiten und benutzte sie, um Musik zu machen, die ihm selbst gefällt und dabei will man ihm gerne Zuhören. Zwischen dunklen, treibenden und getriebenen Grooves und hellen Break Beat Fassaden findet er eine ganze Reihe von Hörräumen, die wir so bisher noch nicht gekannt hatten. Trotz dieses "Unkonventionellen" ist er dabei alles andere als experimentell im klassischen Sinn, sondern immer sehr entertaining und die meiste Zeit wohl auch tanzbar.

Platzgumer zeigt damit, daß er ein guter Musiker und Allroundtalent ist, und immer schon mehr wollte, als die Gitarrenkeule zu schwingen und schöne Indie-Kitsch-Tode zu sterben. So schlägt diese Disko B Produktion für mich eine Brücke zu jenen Auftritten, die er in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre auch immer wieder gab, und bei denen er sich Solo und nur mit Gitarre, Stimme und Drum-Machine präsentierte und damals schon eine Indie-Haltung mit Plastik-Pop-House-Punk sehr abgefahren zur Wirkung brachte. In diesem Sinne ein "Shout Out!" an Hans Platzgumer.

Der Separator, Disko B

Björk

Homogenic

Zugegebenermassen, Björk habe ich mir in diesem Rezensions-Reigen für zuletzt "aufgespart". Das neue Björk-Album Homogenic wird zweifellos tausende eifrige Schreiberlinge und -linginnen auf den Plan rufen, sodaß es sicherlich nicht extra nötig ist, darauf hinzuweisen, daß dieses Album erscheint und selbst mit rotierenden Kiefern wird es kaum möglich sein, etwas über Björk zu sagen, was nicht schon gesagt worden ist oder über dieses Album sicherlich gesagt werden wird. Die Isländerin, die mit den Sugarcubes ihren ersten internationalen Erfolg hatte, überbrückt wie kaum eine andere weibliche Figur im Musikgeschehen die Kluft zwischen Mainstream-Popstar-Ruhm und Independent-Ruhm, zwischen Teenie-Pop und Erwachsenenmusik. Das ist ihr Markenzeichen, aber auch ihre Crux, bzw. die Frage, die an ihr Tun immer wieder gestellt wird und der sie sich wohl auch selbst nicht entziehen kann.

Wie schon so manche andere Frage in diesem Rauschgenerator wird auch diese sich nicht mit ja oder nein beantworten lassen, sondern dient vor allem dazu, mögliche Pole im Björk-Koordinatensystem zu bennen. Eine andere Achse in diesem Konstrukt, ist die Bürde, eine Berühmtheit zu sein. So wurde sie im Vorjahr beinahe Opfer eines Verzweifelten, der eine Briefbombe an sie schickte und dann seinen eigenen Selbstmord zusammen mit einer Warnung filmte. (Die Bombe konnte auf Grund der Videowarnung abgefangen werden) Und selbst gehobene und gewogene Berichterstattungen sind nicht frei von Versuchen, ins Privatleben einzudringen. So werden z.B. einzelne Textpassagen in direkten Zusammenhang zu ihrer Liebesaffäre mit Goldie gebracht, wenn auch vorgeblich nicht in böser sexistischer Absicht, sondern um zu zeigen, daß eine geläuterte Björk vor uns steht, eine Björk, die noch näher bei sich selbst steht, als sie es ohnehin schon immer tat.

Dieser Reifungsprozess, den wir hier öffentlich verfolgen dürfen, und die Konzentration auf das Selbst sind wohl das Hauptthema dieser CD. Alle Lieder handeln immer wieder von der Auseinandersetzung mit dem Selbst und mit dem Selbst im Anderen usw. In sehr plüschig roten Coverumgebungen versinken wir mit Björk in emotionaler musikalischer Auto-Psychoanalyse, oder auch Selbstsuggestion: Etwa wenn Björk gleich im ersten Song anstimmt "I am a hunter", dann ist das ein sich selbst krafteinflössendes Statement einer (weiblichen) Jägerin.

Mit diesem Einstieg ist eigentlich schon alles klar. Auch wenn Björk auf den nächsten 9 Liedern so einiges zu durchleiden und zu beklagen hat, so weiß man doch von Anfang an, daß sie das alles sehr "homogenic" durchstehen wird. Und damit gibt Björk, was vor allem anderem wichtig ist, ein positives Frauenbild ab. Sie wird nicht als Ophelia-hafte Wasserleiche Enden, und auch so leicht nicht als gehetzte Paparazzi-Prinzessin. Sie ist keine "Sirene", auch wenn dieses Wort manchmal auf sie angewandt wird, was wohl mit gewissen persistenten Klängen zu tun hat, die ihre Stimmbänder produzieren können. Wenn, dann ist sie schon Sirene und Odyssseus zugleich, selbst auf der Jagd und selbst auf der Reise.

Björk ist in ihrer Wahlheimat London gut vernetzt und hat, wie schon bei vorigen Projekten z.B. mit Talvin Singh, wieder mit einigen der angesagtesten Figuren in der Produzentenszene zusammengearbeitet. Hauptproduzent ist diesmal, neben vielen anderen, Mark Bell von LFO. Er meistert die Aufgabe, das "Islandic String Orchestra", unaufdringliche, aber sehr moderne lo-fi drum&bass loops und Björks Stimme zusammenzubringen, recht durchdacht und konsequent. Das ist auch nicht leicht, denn alles in allem wird schon sehr viel große Oper und Melodramatik aufgeboten. Doch das Produkt läßt sich eigentlich ganz gut vom Anfang bis zum Ende durchhören, ohne daß die Melodramatik ins Peinliche abrutschen würde. Und mit persönlichen Highlights - neben "Hunter" - "All Like Neon" und "Pluto" sind für mich zumindest die Akzente gesetzt, daß die Dramaturgie aufgeht.Pluto ist ein donnerndes Tribut an den kalten Planeten und als vorletztes Stück entspricht es dem vierten Akt in der klassischen Dramaturgie: Höhepunkt und Ende, danach nur noch Ausklang. "Homogenic", was um sich mit einem Glas Rotwein in die Badewanne zu setzen.

Björk Homepage

Zu früheren Ausgaben des Rauschgenerators. (Armin Medosch)