Rakka: Das angekündigte Ende des IS im Finale des US-Wahlkampfs

Operation Euphrates Rage: Kurden und arabische Milizen starten Offensive auf die Hauptstadt des IS

Zur rechten Zeit, zwei Tage vor Wahl des US-Präsidenten, kommt die Nachricht von der Offensive auf das Machtzentrum des "Islamischen Staates". Die Operation "Euphrates Rage" ist angelaufen, verkünden die syrischen demokratischen Streitkräfte (SDF).

Das Ziel der Offensive ist die Wiedereroberung von Rakka. Gut zwei Jahre nach Verkündigung des Kalifats in Mosul geht es seinem Ende zu. Auf amerikanische Wähler haben die good news vom Kampf gegen den IS Wirkung. Die Nachrichten von den Fortschritten der irakischen Offensive auf Mosul - "Die IS-Ära im Irak verschwindet" - und der neu anlaufenden Offensive gegen die Hauptstadt des Kalifats begünstigen Hillary Clinton.

Dringender Besuch in Ankara

Der Chef des US-Generalstabs, Joseph Francis Dunford Jr., war am Sonntag, den 6. November, in vermutlich dringenden Angelegenheiten in Ankara. Ein Überraschungsbesuch, berichtet Hurriyet Daily News. Mit seinem türkischen Pendant, Generalstabschef Hulusi Akar, war eine wichtige Frage zu besprechen: Wie ist die Regierung Erdogan angesichts der Tatsache zu beruhigen, dass türkische Truppen von den prestigeträchtigen und machtpolitisch bedeutenden Offensiven gegen den IS in Mosul und Rakka ausgeschlossen ist, aber die Kurden dabei eine bedeutende Rolle einnehmen?

Das Ergebnis der Gespräche der Generäle über "gemeinsame Strategien im Kampf gegen den IS" ist nicht übermittelt. Gerne wäre man die sprichwörtliche Fliege an der Wand gewesen, die die Konzessionen und wahrscheinlich auch beiderseitigen, freundlich, aber bestimmt vorgetragenen Drohungen gehört hat.

Die Türkei ist Nato-Partner und stellt Flughäfen zur Verfügung, anderseits ist den USA der islamistische Kurs der Türkei, worüber schon Clintons E-Mails aus dem Jahr 2014 Auskunft geben, nicht geheuer. Der Krieg der türkischen Regierung gegen die Kurden stößt auf Missfallen der gegenwärtigen US-Regierung.

Kurden stellen zwei Drittel der SDF

Brett McGurk, der die Funktion des "speziellen präsidentiellen Gesandten für die globale Koalition gegen ISIL (ist gleich IS)" innehat, bekräftigte am Sonntag, dass die USA die SDF unterstützen.

Nach Informationen der New York Times stellen die "syrischen Kurden" zwei Drittel der SDF. Man kann annehmen, dass die "syrische Kurden" größtenteils der Volksschutzeinheiten (YPG) zuzuordnen sind. Für Erdogan sind sie "Terroristen", weil sie mit der PKK in Verbindung stehen. Er wollte kürzlich Obama davon überzeugen, dass die die türkische Armee die bessere Alternative zur Wiedereroberung von Rakka ist.

Obama ging auf das Angebot nicht ein. Die US-Generäle in höheren Kommandorrängen, wie zum Beispiel der Chef der Anti-IS-Operation Inherent Resolve, Stephen Townsend, äußerten wiederholt die Ansicht, dass die SDF die einzigen fähigen Bodentruppen stellen, die eine Offensive auf Rakka bewerkstelligen können.

Vom Willen der Türkei, den IS tatsächlich zu bekämpfen, ist man offenbar auch im Pentagon wenig überzeugt. Im Weißen Haus noch weniger, Brett McGurk war öfter im außergewöhnlichen nahöstlichen Demokratie-Experiment der Kurden im syrischen Rojava zu Gast und er war davon angetan.

Wer sind die arabischen Milizen?

Die offizielle Formel, mit der die Interessenskollision der USA und die Türkei, ausbalanciert werden soll, lautet - wie schon zuvor bei der Eroberung des strategisch wichtigen syrischen Ortes Manbij (auch Manbidsch) aus der Kontrolle des IS: Die kurdischen Volksschutzeinheiten (YPG) sollen die Umgebung von Rakka erobern und absichern.

Das wird als Teil einer dreistufigen Taktik präsentiert. Teil eins waren die Luftangriffe, die Zerstörung logistischer und militärischer Knotenpunkte, Teil zwei, die Aufgabe der YPG, sei nun die Isolierung von Rakka, die Eroberung der Umgebung. In der Stadt selbst sollen die syrischen Kurden nicht kämpfen. Das sollen die arabischen Milizen der SDF übernehmen.

Wer genau diese Milizen sind, darüber gibt es keine Klarheit. Dies verdeutlichten zum Beispiel Überschriften im deutschsprachigen Raum, die am Sonntag eine Offensive "syrischer Rebellen auf Rakka" ankündigten. Übermittelt wird aus mehreren Quellen, dass die Stärke der Rakka-Offensive bei 30.000 bis 40.000 Soldaten liege (darunter, nicht zu vergessen, eine Menge Frauen aufseiten der Kurden, auch im Kommandeursrang).

Dazu gab es die etwas erstaunliche Ergänzung, dass, wie Nachrichtenagenturen und die Tagesschau berichteten, "vier Fünftel der teilnehmenden Kämpfer Zivilisten" seien, "die zuvor aus Rakka geflohen" sind. So stellt sich die Frage, wer genau außer den YPG die Offensive Richtung Rakka unternimmt und wer dann die Kämpfe in der Stadt bestreiten soll.

US-Spezialtruppen und Rekrutierung

Feststeht, dass amerikanische Spezialtruppen involviert sind. Ihre Aufgabe besteht in "leading from behind", in der Ausbildung - und in der Rekrutierung neuer Truppen, wie die New York Times berichtet. Die nicht unerhebliche Mitwirkung der Special Forces hat, wie man aus den oben erwähnten E-Mails von Hillary Clinton erfahren kann, eine Kontrollfunktion. Die US-Spezialkräfte werden - soweit es ihnen möglich ist - dafür sorgen, dass die YPG sich an die Abmachungen halten und an der Peripherie Rakkas bleiben.

Anderseits wird ein Mangel an geschulten Soldaten auch schon in den Clinton-Mails angesprochen, so dass die Ausbildung eine Rolle spielt. Der aktuelle Le Monde-Bericht zur Rakka-Offensive geht mit Hinweis auf ganz eigene Quellen sogar so weit zu behaupten, dass den "kurdisch-arabischen Streitkräften" die Mittel fehlen, um eine solche Offensive überhaupt durchzuführen. Zu den Mitteln gehören nicht nur Waffen - auch das sicher eine Streitfrage zwischen den US-Generälen und den türkischen - mit denen, die SDF ausgestattet werden, sondern eben auch die Kämpfer selbst.

Woher werden die arabischen Kämpfer rekrutiert, wäre eine Frage, die sich gerade in Syrien mit einiger Wichtigkeit stellt. Angesichts dessen, dass sich die USA mit der Türkei ein Einvernehmen erreichen muss, wird es in den nächsten Wochen interessant sein zu beobachten, wer an sunnitischen, arabischen Kämpfern an der Rakka-Offensive teilnimmt.

US-Interessen über dem Kampf gegen den IS hinaus

Ob und wie die türkische Regierung darauf Einfluss hat, ist wichtig. Die Überprüfungsprozesse der US/CIA-Vertreter von "Rebellen" sind nach wie vor wenig zuverlässig und leicht zu hintergehen, wie Erfahrungsberichte demonstrieren. Die USA unterstützten Gruppen wie Nouredin al-Zenki, die den Türken nahestehen.

Das Interesse der USA, der syrischen Regierung und Russland mit der Offensive auf Rakka Behauptungswillen auf syrischem Terrain zu zeigen - ungeachtet des Völkerrechts - , ist auch bei dieser Kampagne ein wichtiges strategisches Element. Es geht selbstverständlich nicht nur um den Kampf gegen den IS.

Eine bemerkenswerte News in diesem Zusammenhang steuert Al-Masdar bei, die der syrischen Regierung nahesteht. Demnach hat die syrische Armee in Aleppo einen Deal mit den SDF vereinbart. Den SDF wird gestattet, al-Bab zu erobern, wenn sie vor den SAA dort sind. Die Türkei hat ebenfalls eine Offensive auf al-Bab vor. (Thomas Pany)