Querdenker: Von Guten und Bösen
Ich soll mich, um ein "Guter Querdenker" bleiben zu können, von den "bösen" abgrenzen. Warum denn, und mit welcher BegrĂŒndung? Ein Zwischenruf.
Ich bin Querdenker. So hatte ich mich hier vor kurzem explizit geoutet [1]1 [2] â und schon allein damit in manchen WasserglĂ€sern einen Sturm entfacht. Auch in den GlĂ€sern von manchen meiner engeren und so auch gleich um mich besorgten Freundinnen und Freunde.2 [3]
Ich hĂ€tte das "doch sicher nur als ein weiteres philosophisches PlĂ€doyer fĂŒr den Skeptizismus gemeint und dabei gewiss nicht auch an die Querulanten gedacht, die sich in den Corona-Protesten derzeit selber das altehrwĂŒrdige Label "Querdenker" umgehĂ€ngt hĂ€tten. Drum: Grenz Dich jetzt â um Gottes willen! â ganz schnell von diesen ĂŒblen Leuten ab!"
Aufruf zur Abgrenzung
Warum sollte ich? Etwa, weil diese Abgrenzungsforderung nicht nur der Tenor einiger Freunde ist, vielmehr auch der des derzeit vorherrschenden medialen Narrativs?
Weil ich sonst Gefahr laufen wĂŒrde, mit Gruppen in Verbindung gebracht zu werden, mit denen ich in der Tat möglichst wenig zu tun haben möchte?
Weil auch ich andernfalls zum Objekt nachrichtendienstlicher Beobachtungen werden könnte?
Oder â was, wie viele von uns selber bereits leidvoll haben erfahren mĂŒssen â wirklich noch viel schlimmer wĂ€re: Weil ich sonst befĂŒrchten mĂŒsste, dass ohne diese Distanzierung sogar einige meiner engsten Freunde nicht lĂ€nger meine Freunde bleiben wĂŒrden?
Klar, all dies wĂ€ren verdammt starke GrĂŒnde dafĂŒr, dem DrĂ€ngen nachzugeben und mich als "guter" Quer- beziehungsweise Selbstdenker von den "bösen" abzugrenzen.
Welche AbgrenzungsgrĂŒnde gibt es?
Was macht mich zögern? Dreierlei: Zum einen, dass ich, wenn ich denn wirklich selbst ein echter Selbstdenker sein und bleiben möchte, auch noch so starken AuĂenappellen nicht einfach reflexhaft folgen darf.
Zweitens, dass sich einige meiner besten Freunde â und somit letztlich auch ich selbst â auf beiden Seiten finden. Keinen davon will ich als Freund verlieren und mich so auch nicht selbst verleugnen mĂŒssen.
Und drittens: Weil mir, sobald ich etwas genauer hinschaue, schlicht und einfach nicht klar genug ist, was einen angeblich guten Querdenker von dem fĂŒr bös gehaltenen unterscheidet. Und sollte ich genau dies nicht schon wissen, ehe ich, wie auf allen KanĂ€len derzeit lauthals gefordert und vorexerziert, schlieĂlich gar auch noch selber dazu beitrage, die letzteren â "die Bösen" â blanko zum öffentlichen Abschuss freizugeben? In diesem Beitrag geht es nur um diesen dritten Grund.
Teil I: Begriffsdiagnose
I.1 Querdenker ist, wer ...
Wen wollen bzw. sollten wir als einen echten Querdenker bezeichnen? Mein Vorschlag, wie das Wort schon sagt: Nur einen Denker, dessen Denken quer zum offiziellen bzw. dominierenden Denken (seiner Zeit) liegt; und auch nur einen Denker, der ein Selbstdenker ist, also einer, der etwas nicht schon deshalb fĂŒr wahr bzw. fĂŒr richtig hĂ€lt, weil das auch irgendwelche Anderen tun. Mein Musterbeispiel fĂŒr einen echten Querdenker: Sokrates.
Damit es auch ja klar ist: Mir geht es im Folgenden nur um echte Querdenker, also um die, die wirklich welche sind, also die genannten zwei Bedingungen erfĂŒllen; nicht um die, die von irgendjemandem, gar auch von sich selbst, einfach so genannt werden. Das ist ein groĂer Unterschied.
I.2 Kampfbegriffe
Diesen Unterschied zwischen Sein und So-Bezeichnet-Werden gibt es bei vielen Begriffen. Er ist je wichtiger, desto umstrittener ein Begriff ist. Und bei den so genannten Kampfbegriffen, zu denen offensichtlich nunmehr auch die Querdenker-Bezeichnung gehört, entscheidet diese Differenz im Extremfall sogar ĂŒber Leben und Tod.
Darum noch mal: Es geht im Folgenden nur darum, wer ein Querdenker ist (also zurecht so benannt wird), nicht darum, wer von irgendjemandem einfach so â und somit eventuell letztlich zu Unrecht so â bezeichnet wird.
Mir selbst ist dieser Unterschied und dessen Relevanz erstmals beim Terrorismus-Begriff wirklich deutlich geworden: Nicht jeder, der als "Terrorist" bezeichnet wird, ist auch ein solcher; und nicht jeder, der einer ist, wird auch so bezeichnet. Die mÀchtigsten und die schlimmsten meist am allerwenigsten.
Notabene Terrorismus: Meine folgenden AusfĂŒhrungen sind stark von den Erfahrungen geprĂ€gt, die ich im Kontext meiner Untersuchungen zur Logik des Terrorismus-Begriffs gemacht habe.3 [4] Vielleicht sehe ich gewisse Parallelen deshalb etwas anders â und mitunter vielleicht auch etwas schĂ€rfer â als andere.
Kampfbegriffe sind stark wertende Begriffe. Die mit ihnen verbundenen Wertungen können positive wie negative sein. Beispiele fĂŒr erstere: Demokratie, Freiheit, HumanitĂ€t, Menschenrechte, MenschenwĂŒrde, Sicherheit, Gesundheit, RationalitĂ€t, Wissenschaftlichkeit, Einheit, IdentitĂ€t und SolidaritĂ€t. Beispiele fĂŒr letztere: Diktatur, Knechtschaft, Sexismus, Rassismus, Antisemitismus, Apartheidregime, Fake News, Verschwörungstheoretiker, XYZ-Leugner, Unwissenschaftlich, Staatsfeind, Schwurbler, Spalter und Sektierer.
Die deskriptive Bedeutung dieser Begriffe â ihr jeweiliger kognitiver Kern â ist jeweils verschieden4 [5]; ihr Wertungsaspekt hingegen ist in jeder dieser beiden Klassen jeweils derselbe: entweder stark positiv oder stark negativ. Neutrale Begriffe wĂ€ren als Kampfbegriffe untauglich.
Der Unterschied zwischen ein X sein und ein "X" genannt werden, ist auch fĂŒr die positiv konnotierten Kampfbegriffe relevant. Nicht jeder, der sich einen Demokraten nennt, ist auch ein solcher. Dito ist nicht jeder, der sich selber als einen Querdenker bezeichnet, wirklich ein solcher.
Und fĂŒr beide (positive wie negative) Sorten von (Kampf-)Begriffen gilt natĂŒrlich auch: Man fĂ€llt nicht schon allein deshalb nicht unter ihn, nur weil jemand sagt, dass dem nicht so sei. Aus der Verwischung und Ignorierung dieser kleinen Unterschiede resultiert ein GroĂteil der extremen Macht politischer Propaganda.
I.3 Das Kampfbegriff-Gesetz
FĂŒr einen effektiven Einsatz dieser Begriffe als Kampfbegriffe kommt es fast nur auf deren Wertungsaspekt an. Dann gilt nĂ€mlich das Gesetz:
[Gesetz 1] Bei Kampfbegriffen ist der Impact des Wertungs-Aspekts zu ihrem kognitiven Kern umgekehrt proportional.
Je unklarer der kognitive Kern eines Kampfbegriffs ist, desto stĂ€rker ist seine (positive bzw. negative) wertende Kraft auf der kulturellen und politischen BĂŒhne â und umgekehrt. Ihre gröĂte Wirkung entfalten diese Begriffe daher genau dann, wenn das Gewicht ihres kognitiven Kerns gegen null geht. Bzw., wie die Emotivisten richtig gesehen hatten: Genau dann, wenn sich ihre Bedeutung auf den Unterschied zwischen "Bravo!" ("Hossianah!") und "Pfui!" ("Kreuzige ihn!") reduziert.
Dieses Gesetz erklĂ€rt ziemlich viel. Wo es primĂ€r nur auf das AusdrĂŒcken von Wertungen ankommt, ist es nicht verwunderlich, wenn allein schon jede Wortmeldung, die auf den kognitiven Kern abzuheben versucht, nicht nur nicht erwĂŒnscht ist, vielmehr bereits als eine feindliche Operation angesehen und entsprechend negativ sanktioniert wird.
Und damit dies so ist und bleiben kann, wird die Entscheidung darĂŒber, auf wen die betreffenden Begriffe zutreffen (sollen) oder nicht, dem öffentlichen Streit möglichst entzogen und an spezielle Institutionen delegiert; frĂŒher an kirchliche (Inquisition), heute an staatliche bzw. staatlich geförderte (StaatsprĂ€sident, eine Regierungskommission oder irgendwelche eigens zu diesem Zweck bestellte "XYZ"-Beauftragte bzw. so genannte Faktenchecker.)
Und insofern das Ziel primÀr die VerstÀrkung eines "Hossianah" oder eines "Kreuzige ihn!" ist, spielen auch alle Unterschiede zwischen den diversen kognitiven Begriffskernen keinerlei Rolle mehr.
Und so kommt im semantischen Krieg denn auch keiner dieser Rufe fĂŒr sich allein: Wer sozial gekreuzigt werden soll, wird zudem mit einem ganzen BĂŒndel negativer Kampfbegriffe gesteinigt. Sowohl das "Bravo!" als auch das "Pfui!" lassen sich durch den multiplen und möglichst breit gestreuten Einsatz von Munition aus dem Wertebegriffarsenal beliebig verstĂ€rken. Auch der Einsatz der schĂ€rfsten Munition, der Antisemitismus-Vorwurf, fehlt daher â verstĂ€ndlicherweise vor allem in Deutschland und Ăsterreich â so gut wie nie.
I.4 Das Abgrenzung-Gesetz
Ein zweites Gesetz ist mir ebenfalls erst beim "Terrorismus" wirklich evident geworden. Inzwischen bin ich ĂŒberzeugt, dass man ohne das Wissen um dieses Gesetz von unserer ganzen Weltgeschichte so gut wie gar nichts versteht:
[Gesetz 2] Die "Bösen", das sind nur (bzw. zumindest primÀr) die anderen.
Teilt man die Menschen, wie ĂŒblich, dichotomisch in "die Guten" und "die Bösen" ein, so folgt aus diesem Gesetz unmittelbar: "Die Guten", das sind (primĂ€r) wir.
Eine weitere Variante dieses Gesetzes spricht nicht von "den Bösen", sondern "nur" von "den Blöden, den Irrationalen, den Idioten". Die entsprechende Folgerung wÀre: "Die Klugen, die Intelligenten, die Rationalen", das sind (primÀr) wir.
Dieses offenbar universell gĂŒltige Gesetz ist so einfach, dass es kaum einer weiteren ErklĂ€rung bedarf. Trotzdem â oder gar deshalb: Es dĂŒrfte eines der von den Menschen in der Praxis am meisten befolgten und zugleich beim eigenen Nachdenken, so es ĂŒberhaupt zu einem solchen kommt, am meisten ignorierten Gesetze sein.
Es gilt ĂŒbrigens nicht nur fĂŒr die groĂen kultur- und geopolitischen AuĂenbezirke, auch fĂŒr alle Innen-Bereiche. Ein Musterbeispiel: unsere Querdenkerdebatten.
I.5 "Querdenker" im Corona-Zeitalter â ein Kampfbegriff
Meine Behauptung im vorigen Telepolis-Artikel war: Dank Corona ist der Querdenker-Begriff im Kampf um die richtige Corona-Einstellung zum "ultimativen Schimpfwort mutiert". So ist es.5 [6] Wobei "Dank Corona" in einem doppelten â eng verknĂŒpften â Sinne zu lesen ist:
(a) Infolge des Protests der Corona-Skeptiker gegen die dominante Corona-Politik, und
(b) im Gefolge der sozialen Ausgrenzung dieser Skeptiker durch die BefĂŒrworter dieser Politik.
Bei der Ausgrenzung der Anderen fungiert dieser Begriff derzeit als der zentrale Kampfbegriff. Konkurrieren kann mit ihm allenfalls noch der Begriff Corona-Leugner. Die beiden Gesetze eins und zwei entfalten auch in diesem Kontext ihre volle synergetische Kraft.
FĂŒr den vernichtenden Einsatz des Querdenker-Begriffs gibt es im Kontext von Corona-Debatten "keine rote Linie". Auch keine kognitiv semantische. ĂberprĂŒfen Sie bitte doch einfach mal selbst, inwieweit die im letzten Absatz von I.3 noch ganz allgemein beschriebenen Folgen solcher Kampfbegriff-EinsĂ€tze auch bei dem speziellen Totschlag-Begriff "Querdenker" zutreffen. (Meines Erachtens: rundum. FĂŒr mich korrigierende RĂŒckmeldungen ĂŒber das Telepolis-Forum wĂ€re ich dankbar.)
I.6 Ich prognostiziere
Nachdem die Querdenker-Szene von einigen âVordenkernâ bereits blanko zu Staatsfeinden erklĂ€rt worden ist und en bloc als "Extremisten", "Rassisten", "Faschisten" etc. beschimpft wird, dĂŒrfte es nicht mehr lange dauern, bis auch fĂŒr sie der ĂŒbliche nĂ€chste Schritt folgt: Auch die Querdenker werden, wenn es so weitergeht, in KĂŒrze (wie die kanadischen Trucker) zu "Terroristen" erklĂ€rt werden und schlieĂlich auch als solche behandelt. Sie werden â dĂ€monisiert und selbst von ihren bislang lieben Nachbarn denunziert â mehr und mehr zu Outlaws.
Dies ist, wie die Geschichte des (seinerseits maximal terroristischen) Krieges gegen den Terror nun schon mehrfach gezeigt hat, der sicherste Weg, aus Dissidenten auch wirklich Terroristen zu machen.
Warnung: Diese Entwicklung ist das Ende jeder Debatte. Aus einem semantischen BĂŒrgerkrieg wird schnell auch ein realer. (Ein echter Selbstdenker könnte jetzt fragen: Soll er das gar?)
Teil II Begriffs-Therapie
Wie lĂ€sst sich dieser Verlauf noch revidieren? (Falls man das will.) Worin könnte das unbedingt notwendige Minimum einer semantischen BĂŒrgerkriegsprophylaxe bestehen?
II.1 Die Therapie â sie wĂ€re simpel
Der einfachste und wirksamste Weg, den ich kenne, wĂ€re fĂŒr die meisten KĂ€mpfer an der Werte-Front mit Sicherheit freilich zugleich der schwierigste6 [7]:
Folgen Sie nicht lÀnger blind den Gesetzen 1 & 2!
Zur Erinnerung:
[Gesetz 1] Bei Kampfbegriffen ist der Impact des Wertungs-Aspekts zu ihrem kognitiven Kern umgekehrt proportional.
[Gesetz 2] Die "Bösen", das sind nur (bzw. zumindest primÀr) die Anderen.
Versuchen Sie stattdessen,
(a) möglichst klar zu benennen, was sie mit den von Ihnen verwendeten Wörtern (Demokraten, Wissenschaftlichkeit, Terrorismus und Antisemitismus z.B.) wirklich jeweils meinen, und
(b) zwischen Tatsachenbehauptungen einerseits und Wertungen andererseits möglichst weitgehend zu trennen.
Am besten immer. Vor allem aber im Umgang mit dem gesamten Corona-Komplex. Bei dessen diversen Narrativen. Insbesondere bei den derzeitigen C-Querdenker-Debatten. Also auch beim eigenen â hoffentlich etwas gewissenhafteren â Gebrauch des Querdenkerbegriffs.
II.2 Zwei Arten des Querdenkens, positionales vs. systemisches
Ein (Corona-) Querdenker ist jemand nur dann, wenn er ein Selbst-Denker ist, "dessen Denken quer zum offiziellen bzw. dominierenden (Corona-)Denken seiner Zeit liegt". (Siehe I.2 oben.) Das Denken eines Querdenkers passt nicht zu dem Denken (zu bestimmten Narrativen) dessen, zu dem er quer denkt.
NatĂŒrlich ist diese ErklĂ€rung nur eine sehr grobe. Sie schreit nach Verfeinerungen. Ist, wer quer denkt, damit nicht auch schon ein Selbstdenker? Und umgekehrt: Ist, wer ein Selbstdenker ist, nicht auch schon jemand, der quer denkt? Das wĂ€ren Fragen, wie sie in einem guten Philosophieseminar sofort fĂ€llig wĂ€ren. Hier aber dĂŒrften die folgenden Erinnerungspunkte noch wichtiger sein.
Dass ein Denken von mir nicht zu dem Denken eines anderen passt, kann zweierlei heiĂen. Erstens, dass, was ich denke (fĂŒr wahr halte bzw. glaube), unvertrĂ€glich ist mit dem, was der andere denkt. Zweitens, dass die Art und Weise, wie ich denke, sich von der Denkungsart des Anderen unterscheidet.
Im ersteren Fall liegt ein positionales Querdenken vor: Die von uns vertretenen inhaltlichen Positionen sind unvertrÀglich. Ein Querdenken der zweiten Art könnte man hingegen als ein systemisches Querdenken bezeichnen. Es geht bei ihm nicht (nur) um alternative Glaubensinhalte, sondern um alternative Denkweisen.
Obwohl in den Verurteilungen des Corona-Querdenkens verstĂ€ndlicherweise vor allem die radikalere zweite Art im Mittelpunkt steht, konzentriere ich mich hier nur auf die erstere. Auf die Zweite komme ich vielleicht spĂ€ter mal â in einem resĂŒmierenden Kommentar zu dem ganzen derzeitigen C-Querdenker-Zeug â zurĂŒck.
Auch ein nur positionaler Querdenker ist nicht immer ein solcher. Und schon gar nicht mit allem, was er selber fĂŒr richtig und wahr hĂ€lt. Ein Querdenkertum ist, auĂer im kleinkindlichen Trotzalter oder in der PubertĂ€t, in der Regel auf einen bestimmten Themenbereich bezogen, meist sogar auf ganz bestimmte â selektive â inhaltliche Positionen. Auf bestimmte Gebiete und Positionen in Sachen Corona zum Beispiel.
Wer ĂŒber ein Querdenkertum etwas genauer nachdenken bzw. dieses gar begrĂŒndet bewerten will, sollte diese Kontext-BezĂŒglichkeiten nicht aus den Augen verlieren.
II.3 Hilfreich wÀre: eine Corona-Matrix
Mit anderen Worten: Ein begrĂŒndetes Urteil ĂŒber ein Corona-Querdenken setzt schon einen hinreichend guten Ăberblick ĂŒber die relevanten Corona-Kontexte voraus. FĂŒr einen solchen Ăberblick wĂ€re eine grobe Landkarte der verschiedenen Dimensionen und Bereiche des gesamten Corona-Komplexes hilfreich, wenn nicht gar nötig. Eine solche Orientierungshilfe fehlt meines Wissens bisher. (Kann mir hier jemand auf die SprĂŒnge helfen?)
Im Idealfall hÀtte eine solche Karte die Form einer Taxonomie bzw. Matrix des gesamten Corona-Komplexes. Die nÀchsten Paragrafen sind vielleicht ein erster grober Ansatz dazu.
II.4 Corona-Dimensionen und Bereiche
Der Corona-Komplex ist vielschichtig. Er hat mehrere sich ĂŒberschneidende Dimensionen:
- eine medizinische (mit den Bereichen bzw. Disziplinen der Human- und VeterinÀrmedizin, der Virologie, der Epidemiologie, der Pharmazie, der Sozialpsychologie etc.);
- eine ökonomische (mit den Bereichen Volkswirtschaft, Betriebswirtschaft, globale Finanzwirtschaft, politische Ăkonomie etc.);
- eine rechtliche (differenziert in Menschenrechte, Völkerrecht, LÀnderrecht, Arbeitsrecht, Versammlungsrecht etc.);
- eine gesellschaftliche und politische;
- und eine mediale
Und bei all diesen sich ersichtlich ĂŒberschneidenden Dimensionen und Bereichen wĂ€re, wie ĂŒblich, jeweils zwischen einer systematischen (theoretischen) versus einer historischen (primĂ€r ereignisbezogenen) Betrachtungsweise zu unterscheiden.
Dabei kann die betreffende "Historie" extrem weit oder eng konzipiert sein: zum Beispiel, um nur auf die erste oben genannte Dimension abzuheben, von der medizinischen Vorgeschichte in den frĂŒhen Kulturen bis heute â oder von dem Auftauchen eines speziellen Virentyps in "Irgendwo" Ende 2019 ĂŒber die diversen Pandemie-Wellen der letzten zwei Jahre bis hin zur wirklich letzten Verlautbarung von Seiten spezieller epidemiologischer Ăberwachungszentren von gestern; spezifiziert eventuell zudem fĂŒr die diversen Verlaufsgeschichten einer so genannten Pandemie in den diversen Kontinenten und LĂ€ndern. (Warum "so genannt"? Dazu: Die Corona-Panik â Ein Irrtum? [8])
Die zwei wichtigsten Dimensionen fehlen in der obigen Liste noch: die praktische und die ethische.
- Die praktische Dimension umfasst alle möglichen Antworten auf die Frage "Was tun"? Bzw. genauer: Welches Tun und Lassen ist/wĂ€re im Corona-Kontext am vernĂŒnftigsten? (Relevante Theorien-Bereiche: Institutionentheorie, Rationale Entscheidungs- und Spieltheorie).
- Die ethische: Deren Kernfrage ist: Welches Tun und Lassen ist/wĂ€re im Corona-Kontext moralisch richtig? (Ethik, Normentheorie, Praktische Ethik). Diese Frage ist/wĂ€re auch in diesem Kontext â also auch in der Corona-Querdenker-Debatte â die allerwichtigste.
II.5 Corona-Positionen
II.5.1 Allgemeines
In allen genannten Bereichen (Disziplinen) dieser Corona-Dimensionen gibt es fĂŒr die groĂen theoretischen Grundsatzfragen wie fĂŒr alle Detailfragen jeweils Dutzende von verschiedenen AnsĂ€tzen. Ăber deren Potenziale und Grenzen streiten sich â in jedem dieser Bereiche â weltweit Abertausende von Experten.
Und jeder dieser Experten hat ĂŒber diesen oder jenen C-relevanten Punkt mehr oder weniger seine eigene mehr oder weniger gut begrĂŒndete Meinung. Kurz: Zum Corona-Komplex gibt es in allen Bereichen unĂŒbersehbar viele Meinungen, unĂŒbersehbar viele C-Positionen.
Nicht alle diese Positionen sind fĂŒr den öffentlichen Streit darĂŒber, wie mit Corona und dem Corona-Komplex am besten umzugehen ist, gleichermaĂen relevant. Der öffentliche Fokus sollte, denke ich, auf den praktisch-ethisch relevanten Grundsatzfragen liegen. Bislang ist das nicht der Fall.
Die adÀquate Beurteilung einer jeden ethisch relevanten Corona-Position (egal, ob Pro oder Contra) erfordert dreierlei: bestinformierten Umgang mit den Fakten, zumindest ein Minimum an Logik und klare ethische Prinzipien. In der Corona-Debatte fehlt es meist an allen dreien.
Was die Ermittlung der Fakten angeht, so sind dafĂŒr die jeweils einschlĂ€gigen empirischen Wissenschaften und die mit diesen Fakten befassten praktischen Disziplinen (der Medizin zum Beispiel) zustĂ€ndig. Ein wohlinformierter Umgang mit den Fakten ist aber anspruchsvoller; er setzt nicht nur ein Wissen ĂŒber Fakten voraus, vielmehr auch ein Wissen um die Bedeutung (Relevanz) dieser Fakten.
Und dazu gehört etwa auch das Wissen, dass nicht alle Fakten auch wissenschaftlich erfassbare (mit Hilfe der derzeitigen Wissenschaftssprachen hinreichend beschreibbare) Fakten sind.
Dieser Unterschied zwischen Faktenwissen einerseits und Wissen um die Bedeutung dieser Fakten andererseits ist auch im Corona-Komplex von gröĂter Wichtigkeit. Wie in diesem Kontext vielen inzwischen etwas klarer geworden sein dĂŒrfte: Fall-Zahlen alleine besagen fast gar nichts. Trotzdem steigt bei den meisten bei steigenden Inzidenzzahlen immer noch zugleich die Panik. Liegt das wirklich nur an der Differenz zwischen Stammhirn und Cortex?
Wissenschaftlichkeit bzw. Unwissenschaftlichkeit gehören, wie schon in I.2 oben vermerkt, selbst zu den beliebtesten politischen Kampfbegriffen. Auch fĂŒr sie gilt, wie die politischen Schmalspurdebatten seit 2 Jahren jeden Tag im Corona-Krieg zeigen, das Gesetz 1 (das der umgekehrten ProportionalitĂ€t von Wertung und kognitivem Inhalt).
Dasselbe gilt auch fĂŒr die in der Regel mit einem zumindest minimal logischen Denken in Verbindung gebrachten Kampfbegriffe RationalitĂ€t versus IrrationalitĂ€t. FĂŒr den Umgang mit diesen hehren Begriffen empfehle ich die Faustregel: Traue denen, die sie am meisten verwenden, am allerwenigsten!
II.5.2 Konkrete praktisch sowie ethische Fragen â und Positionen
Zu den heiĂesten Problemen aus der praktisch-ethischen Corona-Dimension gehören u.a. diese: Wie vernĂŒnftig bzw. ethisch begrĂŒndbar waren/sind
- die Ausrufung der Corona-Pandemie?
- die diversen oktroyierten PrĂ€ventions- und ReaktionsmaĂnahmen, wie etwa
- Masken (in den diversen Kontexten)?
- Versammlungsverbote?
- QuarantÀne-Regelungen?
- Individuelle und/oder kollektive Isolation von GefÀhrdeten?
- Genereller bzw. lokal begrenzter Lockdown?
- Impfregelungen / Impfzwang?
- Umgang mit Impfverweigerern?
- die diversen EinschrÀnkungen elementarer Grundrechte?
- die EinfĂŒhrung genereller (nicht nur Corona-bezogener) Ăberwachungssysteme?
Die Pros und Contras zu all diesen Dingen sind der Kernbrennstoff der derzeitigen öffentlichen Corona-Debatten; und so auch der Corona-Querdenkerdebatten. Als Querdenker gilt schon, wer irgendetwas, was von den Covid-Offiziösen bejaht wird, negiert bzw. auch nur in Zweifel zieht.
II.6 Praktische Relevanz der C-Matrix
Dass die oben skizzierte Corona-Matrix fĂŒr eine erste Vermessung der Corona-Forschungslandschaft von Nutzen sein könnte, das scheint mir auĂer Frage zu sein. Sie könnte aber, und nur darauf kommt es mir in diesem Artikel an, auch fĂŒr eine bessere Ortsbestimmung im derzeit eher von beidseitigem Hass statt von geteilter Ratio geprĂ€gten Streit um das so genannte Corona-Querdenkertum dienlich sein.
Was aber voraussetzt, dass die â schon oben monierte und m.E. ohnehin generell nötige â Trennung zwischen Tatsachenbehauptungen einerseits und Wertungen andererseits möglichst strikt durchgehalten wird. (Minimal-Logik ist sowieso unverzichtbar.)
Unter dieser Voraussetzung wĂ€re die wichtigste Frage in diesem Streit fĂŒr jedes der obigen (II.4) Problemfelder schlicht und einfach diese: Worin unterscheidet sich die jeweilige Corona-Querdenkerposition von der jeweils dominierenden denn wirklich? Beruht der Streit auf einem Unterschied in der Sache? Oder auf einem in der Wertung? Oder gar auf beidem?
Sollte man das nicht wissen, ehe man bereit ist, sich gegenseitig die Köpfe einzuschlagen? Mit dieser Frage hatte ich meine Weigerung, mich blindlings an der Verurteilung von C-Querdenkern zu beteiligen, gleich zu Anfang begrĂŒndet. Wenn jetzt auch nur ein paar Leute bereit sind, mir in dieser Weigerung zu folgen, dann habe ich schon alles erreicht, was man mit einer solchen Telepolis-Wortmeldung zu erreichen derzeit vielleicht gerade noch erhoffen kann.
Georg Meggle ist nach Professuren fĂŒr Logik und Wissenschaftstheorie (MĂŒnster), Ethik (SaarbrĂŒcken) und Philosophische Anthropologie (Leipzig) im Wintersemester regelmĂ€Ăig Gastdozent an der American University in Cairo (AUC). Letzte Seminarthemen: Migrationsethik, Fake News und Kollektive IdentitĂ€ten. Das nĂ€chste Thema: Transhumanismus. Seine akademischen Erfahrungen resĂŒmiert er im Kapitel (74) des frei zugĂ€nglichen eBooks [9] von 2021 (Denken. Reden. Handeln / Thinking. Talking. Acting, hg. von J. L. Brandl, D. Messelken, S. Wedman. 2021). Relevant ist zudem der § 1 von Kapitel (75).
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[8] https://www.heise.de/tp/features/Die-CORONA-Panik-Ein-Irrtum-4841490.html
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