Problemzone Weihnachtsmarkt: Terrorangst und Namensstreit
Weihnachts- oder Wintermarkt? Symbolbild: Pixabay Licence
Behörden sehen abstrakt hohe Gefahr islamistischer AnschlÀge. Der Kulturkampf um das Wort "Wintermarkt" tobt schon lÀnger. Legen Muslime wirklich Wert darauf?
Terrorangst war zwischen GlĂŒhweinbuden und LebkuchenstĂ€nden kein groĂes Thema, bevor am 19. Dezember 2016 ein LKW in die Menschenmenge auf dem Berliner Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz raste. Als TĂ€ter wurde wenig spĂ€ter der tunesische Dschihadist Anis Amri identifiziert.
Der Weihnachtsmarkt-AttentÀter und die V-Leute
Warum er nicht frĂŒher aus dem Verkehr gezogen worden war, obwohl Mitbewohner aus einer Unterkunft fĂŒr Asylsuchende vor ihm gewarnt hatten, obwohl er mehrfach durch Straftaten aufgefallen war und sich in seinem Umfeld V-MĂ€nner von Sicherheitsbehörden bewegt hatten, wurde spĂ€ter Thema in einem Untersuchungsausschuss des Bundestags.
Es kam sogar heraus, dass Amri sogar vor einem V-Mann mit seiner Gewaltbereitschaft geprahlt und ihm von WaffenbeschaffungsplÀnen erzÀhlt hatte.
Schwere VorwĂŒrfe [1] gegen die Behörden blieben im Raum stehen. Wichtige Hinweise seien "zumindest fahrlĂ€ssig nicht oder falsch ausgewertet und bewertet" worden, schrieben die damaligen Oppositionsfraktionen BĂŒndnis90/Die GrĂŒnen, FDP und Die Linke in einem Sondervotum zum Abschlussbericht. Die AfD-Fraktion interessierte sich kaum fĂŒr Details der Ermittlungen und war der Meinung, man hĂ€tte einfach 2015 die Grenzen schlieĂen sollen.
WeihnachtsmÀrkte als Inbegriff westlicher Kultur
Mittlerweile fehlt auch wegen islamistisch motivierter Messerangriffe neueren Datums ein StĂŒck Unbefangenheit auf den MĂ€rkten, die nach Angaben des Bundesamts fĂŒr Verfassungsschutz (BfV) "aufgrund ihrer Symbolik fĂŒr christliche Werte sowie als Inbegriff der westlichen Kultur und Lebensweise" auch ideologisch "ein geeignetes Ziel fĂŒr islamistisch motivierte Personen" darstellen.
Abstrakte Terrorgefahr: Faeser mahnt zur Wachsamkeit
Die Ăberlegung, nicht zu "StoĂzeiten" einen GlĂŒhwein trinken zu gehen, sondern wenn die MĂ€rkte weniger stark frequentiert und fĂŒr mögliche AttentĂ€ter vielleicht weniger attraktiv sind, dĂŒrfte vielen inzwischen bekannt sein. Manche der Veranstaltungen sind inzwischen mit Betonpollern gesichert, zum Teil gibt es Einlasskontrollen, so etwa auf dem Bebelplatz in Berlin.
Das Bundeskriminalamt soll von einer "anhaltend abstrakt hohen" Anschlagsgefahr auf WeihnachtsmÀrkten ausgehen, berichtete die Bild Anfang der Woche, Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) bestÀtigte dies sinngemÀà [2] und mahnte zur Wachsamkeit. Hinweise auf konkrete AnschlagsplÀne gab es aber demnach nicht.
Der Wintermarkt: Ein Kniefall vor Muslimen?
Ein Kulturkampf um den heimeligen Budenzauber zur Adventszeit tobte aber schon vor dem Lkw-Anschlag von 2016: Soll es nun "Weihnachtsmarkt" oder "Wintermarkt" heiĂen? Dazu hatte die Bild am Sonntag schon vor zehn Jahren eine eindeutige Meinung und problematisierte den Kreuzberger Wintermarkt sinngemÀà als Kniefall vor Muslimen. "Haben wir noch alle Lichter am Baum?" [3] lautete die Ăberschrift.
Muslime, in ihrer groĂen Mehrheit keine Islamlisten sind, bestreiten allerdings, dass die Umbenennung von WeihnachtsmĂ€rkten auf ihren Wunsch zurĂŒckgehe.
Mazyek: Jesus hat im Islam eine ehrenhafte Position
Als die Bezeichnung "Wintermarkt" zum Aufreger geworden war, versicherte der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek, dem katholischen Domradio, er finde die Diskussion peinlich und störe sich nicht an WeihnachtsmÀrkten.
Im Gegenteil. Das erinnert auch uns Muslime an Jesus, der ja als Prophet eine ehrenhafte Position innerhalb des Islams innehat. Die Geburt, seine Geschichte. Seiner Mutter ist ein ganzer Koran-Abschnitt gewidmet. Maria ist eine groĂe Persönlichkeit im Islam.
Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime, 2016 ĂŒber Isa Ibn Maryam (Jesus, Sohn der Maria)
TatsÀchlich hat Jesus im Koran besondere FÀhigkeiten: Er kann sofort nach seiner Geburt sprechen und was er sagt, gilt als Wort Gottes, auch wenn er nicht als Gottes Sohn bezeichnet wird.
Ataman: Die muslimische Weihnachts-Aversion ist ein Mythos
2017 bestritt auch die heutige Antidiskriminierungsbeauftragte Ferda Ataman, dass eine Umbenennung von WeihnachtsmĂ€rkten dem Wunsch von Muslimen geschuldet sei: "Dass Muslime empfindlich auf WeihnachtsbrĂ€uche reagieren, ist ein nerviger Mythos", schrieb Ataman in einem Gastbeitrag fĂŒr den Spiegel.
Ich bekomme jedes Jahr "Frohe Festtags"-WĂŒnsche und NeujahrsgrĂŒĂe auf schönen, winterlichen Postkartenmotiven. Fast nie traut sich jemand, mir "fröhliche Weihnachten" zu wĂŒnschen. Dabei fĂŒhle ich mich davon ĂŒberhaupt nicht gekrĂ€nkt! Und seien Sie versichert, ich bin kein Einzelfall.
Ferda Ataman, inzwischen Bundesbeauftragte fĂŒr Antidiskriminierung, 2017 in einem Gastbeitrag fĂŒr den Spiegel [4]
Christliche Mehrheiten kippen nicht durch Muslime
Der muslimische Anteil an der Bevölkerung Deutschlands lag nach Angaben des Bundesinnenministeriums im Jahr 2020 bei 6,4 bis 6,7 Prozent [5]. Genauere Zahlen sind schwer zu ermitteln, weil es kein muslimisches Pendant zu den Amtskirchen gibt.
Die Zahl der Muslime in Deutschland wird demnach auf 5,3 bis 5,6 Millionen geschÀtzt. Das Personenpotenzial des Islamismus [6] gab der Verfassungsschutz zuletzt mit rund 27.200 an. Das wÀren etwa 0,5 Prozent der Muslime in Deutschland.
Dass es inzwischen fast keine deutschen StĂ€dte mehr mit christlicher Mehrheit [7] gibt, liegt nicht an einer sprunghaften Islamisierung, sondern zu einem wesentlichen Teil an den Kirchenaustritten der letzten Jahre und Jahrzehnte, die gröĂtenteils in die Konfessionslosigkeit fĂŒhrten, sowie an natĂŒrlichen TodesfĂ€llen von Gemeindemitgliedern.
UnglÀubige als Weihnachtsmarkt-Publikum
Zur Zielgruppe der Weihnachts- oder WintermĂ€rkte gehören aber eben auch Konfessionslose. TatsĂ€chlich feiern auch völlig religionsfreie Menschen vom 24. bis zum 26. Dezember ein weihnachtsĂ€hnliches Familienfest â sei es mit der Blutsverwandten oder Wahlverwandten â teils mit TannenbĂ€umen, Glitzerkugeln und Geschenken, nur eben ohne religiöse Lieder und Gebete.
Einige von ihnen besuchen vorher Winter- oder WeihnachtsmÀrkte und nutzen umgangssprachlich beide Bezeichnungen.
Berlin als Welthauptstadt des modernen Atheismus
Konfessionslose stellen inzwischen bundesweit 46 Prozent der Bevölkerung [8] und in der deutschen Hauptstadt die absolute Mehrheit. Der US-Soziologe Peter L. Berger hat Berlin sogar als "Welthauptstadt des modernen Atheismus" [9] bezeichnet. WÀhrend Ende 2023 bundesweit Konfessionslose und Kirchenmitglieder mit jeweils 46 Prozent gleichauf lagen, ist in Berlin lÀngst die Mehrheit konfessionsfrei.
2014 waren dies bereits rund 60 Prozent der Berliner Bevölkerung. 2016 gehörten noch 21 Prozent der evangelischen und neun Prozent der katholischen Kirche [10] an.
Diese Anteile sind seither weiter gesunken [11]: 11,7 Prozent sind laut aktueller Statistik evangelisch und 6,9 Prozent katholisch. Muslimischer Zuzug dĂŒrfte dafĂŒr allerdings nicht der Hauptgrund sein â vielmehr hatte es bundesweit nach Missbrauchskandalen vermehrt Kirchenaustritte gegeben [12]. Nicht nur [13] bei den Katholiken.
Das Aufstellen von TannenbĂ€umen ist aber ohnehin keine rein christliche Tradition, sondern geht auf alte heidnische BrĂ€uche zurĂŒck. So gesehen ist Weihnachten vielleicht das Ă€lteste Multikulti-Fest der Menschheitsgeschichte.
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[1] https://www.tagesschau.de/inland/amri-untersuchungsausschuss-117.html
[2] https://www.rnd.de/politik/terrorgefahr-bei-weihnachtsmaerkten-nancy-faeser-sieht-abstrakte-bedrohungslage-JONXRRNHYNHEDG6PECXZFTINFA.html
[3] https://www.bild.de/news/inland/weihnachtsmarkt/haben-wir-nicht-alle-lichter-am-baum-38772108.bild.html
[4] https://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/weihnachten-und-islam-bitte-schickt-mir-weihnachtskarten-a-1182743.html
[5] https://www.bmi.bund.de/DE/themen/heimat-integration/gesellschaftlicher-zusammenhalt/staat-und-religion/islam-in-deutschland/islam-in-deutschland-node.html
[6] https://www.verfassungsschutz.de/DE/themen/islamismus-und-islamistischer-terrorismus/zahlen-und-fakten/zahlen-und-fakten_node.html#:~:text=Insgesamt%20ergibt%20sich%20f%C3%BCr%20das,gleichbleibendes%20Islamismuspotenzial%20von%2027.200%20Personen.
[7] https://www.katholisch.de/artikel/54605-bundesweit-fast-keine-staedte-mehr-mit-christlicher-mehrheit
[8] https://fowid.de/meldung/religionszugehoerigkeiten-2023
[9] https://humanistisch.de/x/hvd-bb/inhalte/buchvorstellung-das-saekulare-berlin-auf-den-spuren-von-dissidenten-freidenkern-und#:~:text=Der%20amerikanische%20Soziologe%20Peter%20L,den%20beiden%20gro%C3%9Fen%20Kirchen%20an.
[10] https://hpd.de/artikel/konfessionsfreie-berlin-13167
[11] https://download.statistik-berlin-brandenburg.de/60c6e60ee054ca04/41d999cf9fd4/SB_A01-05-00_2024h01_BE.pdf#page37
[12] https://www.tagesschau.de/inland/kirche-austritte-100.html
[13] https://www.zdf.de/nachrichten/panorama/evangelische-kirche-austritt-100.html
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