Post Corona

Ende des historischen Kapitalismus?

Immanuel Wallerstein hat das kapitalistische Weltsystem seit dem 15. Jahrhundert als eine Abfolge von Expansions- und Kontraktionsphasen beschrieben, wobei Perioden der unipolaren Hegemonie durch eine politische Macht (Genua, Niederlande, Großbritannien, USA) von Perioden abgelöst wurden, in denen mehrere Großmächte um die Vorherrschaft konkurrierten. In Anlehnung an Karl Marx war er davon überzeugt, dass regelmäßige Krisen zur Normalität des Systems der Kapitalakkumulation gehörten: Im zyklischen Aufschwung gewährleistete die unabdingbare Expansion in neue Regionen ebenso wie in neue Waren zur Bedürfnisbefriedigung den Unternehmen hohe Profite; diese stießen an Grenzen, weil Konkurrenten erstarkten, die Kosten stiegen und der Absatz stagnierte: kurzum, es setzte Rezession und Krise ein.

Da Wallerstein den globalen Kapitalismus länger als Karl Marx oder Rosa Luxemburg beobachten konnte, entwickelte er aus dem Auftreten von Krisen keine Zusammenbruchtheorie, sondern erkannte die Erneuerungsfähigkeit durch die Krise: Im Anschluss an jede große Krise kam es zu Anpassungen im Leitsektor, in der Arbeitsorganisation, der Technologie und dem Antriebssystem. Eine neue globale Führungsmacht setzte sich durch und die internationale Arbeitsteilung wurde neu aufgestellt.

Einen Bruch mit dem "historischen Kapitalismus" konstatierte der Weltsystemforscher erst in den 1970er Jahren. Der Weltwirtschaftskrise 1973/74 folgte, wie üblich, die hektische Suche nach neuen Leitsektoren, Rationalisierung und internationaler Arbeitsteilung, die die Länder des globalen Südens aufgrund des niedrigeren Lohnniveaus nun auch als Standorte industrieller Massenproduktion ins Spiel brachte. Der Zusammenbruch des realen Sozialismus eröffnete der ins Stocken geratenen Kapitalakkumulation ein weiteres Wachstumsfenster.

Viele BeobachterInnen der Weltwirtschaft sahen damit die nächste Aufschwungsphase gesichert, die erst mit der Weltwirtschaftskrise 2007/08 erneut in die Rezession geriet. Nicht so Wallerstein. Er war der Ansicht, dass es trotz Washington Konsensus und neoliberaler Strukturanpassung weder für die westliche Welt noch für die als Konkurrenten erstarkenden Schwellenländer einen Weg zurück auf den gesicherten Wachstumspfad gab. Warum, legte er erstmals 1998 in seinem Buch "Utopistik" dar.

Die Globalisierung der Güterketten katapultierte in den Schwellenländern immer mehr Menschen aus der Subsistenzwirtschaft in die Lohnarbeit und in die Migration, sodass die Lohnkosten nicht entsprechend sanken. Die sozialen und ökologischen Kosten der Kapitalexpansion erlaubten keine Senkung der Staatsausgaben. Die Staaten hatten als Erfüllungsgehilfen der neoliberalen Austerität das Vertrauen der Bevölkerungen verloren, die Menschen suchten Zuflucht in identitären Konzepten. So beschreibt Wallerstein die explosive Situation zu Beginn des 21sten Jahrhunderts.

Die Zunahme der Aufstände, Bürgerkriege und Militärinterventionen, aber auch die Erosion der Hegemonialmacht USA unterstützen seine These vom Ende des "historischen Kapitalismus". Nach 500 Jahren zyklischer Erneuerung war das kapitalistische Weltsystem an seine Grenzen gestoßen und nicht mehr in der Lage zu neuem Aufschwung. Es steht an einem Wendepunkt, der als Weichenstellung gedeutet wird, entweder in eine neue autoritäre Herrschaft oder als Auftakt für eine gerechtere postkapitalistische Wirtschafts- und Sozialordnung.

Wir sehen die Inszenierung der Corona-Epidemie als Chance für Kapital und Staatsmacht, im Schulterschluss mit weiten Teilen der Bevölkerung und gesellschaftlichen Institutionen oder über diese hinweg, die vermeintliche historische Endkrise des kapitalistischen Weltsystems zu überwinden und einen staatlich organisierten Kapitalismus zu errichten, wie wir ihn bisher nicht kannten.

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