Pornos und kleine Lügen

Laut einer repräsentativen Umfrage haben 89 Prozent der Franzosen, Frauen und Männer gleichermaßen, einen Pornofilm gesehen. Lügt da einer von zehn?

Lang ist es her, als Woody Allen in einem Film einen Mann im Zeitschriftenladen darstellte, der das Playboyheft schamhaft in einer seriöse Zeitung versteckte, um sich damit von neugierigen Blicken verschont zur Kasse vorbeizumogeln, wo der Verkäufer das Heft dann demonstrativ aus dem Versteck zog. Lachen da heute noch Jüngere darüber und wenn, vielleicht aus anderen Gründen als wir damals? Der Vater eines 15Jährigen erzählte mir einmal, dass er seinem Sohn die neuste Playboy-Ausgabe diskret vor sein Zimmer legt, damit der sich die Stimulation nicht aus dem trashigen Netz holt. Ist das harmlos, hilflos, altbacken oder doch ein guter Trick?

Porno ist in unserer Kultur allgegenwärtig. Das Buch zur These, von Ariadne von Schirach, das vor zwei Jahren erschien, ließ aufhorchen und weckte auch das Interesse von „Borderline-Intellektuellen“, die sich schmunzelnd dem Thema zuwandten. „Emma“ sieht die Pornowelle glasklar als Backlash. Traditionelle Feministinnen sehen es nicht als harmlos an, dass nicht nur in der Werbung, sondern auch in der Kleidung von Frauen und Mädchen, die Ästhetik aus Pornofilmen übernommen wird und Männer mit entsprechenden Codes balzen. Damit gehe eine Degradatierung und Entwürdigung der Frauen einher, die so erneut als willfähriges Objekt dargestellt werden. Egal nun, wie man sich zu dieser Sicht der Dinge stellt, für einen Pornoproduzenten ist es selbstverständlich eine willkommene Imageverbesserung gegenüber dem ErniedrigerSexistenMachovorwurf, wenn sich zeigt, dass auch Frauen Pornos okay und sogar anregend finden.

Und genau dieses leitende Erkenntnisinteresse (neben der genauen Aufschlüsselung, in welchen Medien Pornos wie häufig konsumiert werden) zeigt sich auch in einer Studie zur Nutzung von Pornofilmen, die Ende Juni in Frankreich durchgeführt wurde, und die heute vom Internetmagazin Rue89 vorgestellt wird, wo es aber vor allem darum geht, wie sehr Pornos in Männerkreisen geschätzt werden. Die Präsentation des Umfrageinstituts spricht dagegen andere Interessen an. Dass sich die Nutzung der Pornofilme in den letzten zehn Jahren weiterentwickelt habe, dass der „X-Film“ nicht mehr nur einer Minderheit „frustrierten Männern vorbehalten sei, sondern im Gegenteil ein „Phänomen“ sei, dass in der Mitte des täglichen Lebens in Frankreich angekommen sei, also auch bei den Frauen. An der Präsentation zeigt sich, wenn auch in genauso harmloser Weise wie ein Playboy-Heft, wie wichtig Korrekturen der Wirklichkeit im Pornobusiness sind (aber vielleicht spricht auch der Proust lesende Zuhälter die Wahrheit, der mir einmal sagte, dass Illusion beim Sex die Himbeeren sind, mit denen Monsieur Swan die bourgeoise Gesellschaft im Garten von Combray beglückt hat, doch das ist ein anderes, weites Feld..).

Die aktuelle Umfrage von der hier die Rede sein soll, wurde zwar von einem seriös arbeitenden französischen Meinungsforschungsinstitut namens Ifop durchgeführt, basiert aber auf einer Initiative des Pornofilmproduzenten Marc Dorcel (aus Anlaß seines Firmenjubiläums). Und dieser dürfte an der Art, wie dort die Ergebnisse der Datenerhebung präsentiert werden, seinen Gefallen finden, signalisiert die vom Institut erstellte Zusammenfassung der Grande Enquête doch, dass Frauen wie Männer häufig und zu ihrem Nutzen und Plaisir Pornos kucken, sehr häufig und oft päarchenweise: L'Amour in freien Zeiten. Das schlagzeilenträchtige Kardinalergebnis lautet nämlich, dass 89% aus der Stichprobe von 1066 repräsentativ ausgewählten und via CAWI-Onlineerhebung befragten Bewohner des Nachbarlandes schon einmal einen Porno angeschaut haben. Hervorgehoben wird, dass dieses Ergebnis Männer wie Frauen einbezieht. Im Laufe der Antworten stellt sich aber der eher bekannte Unterschied in den Verhaltensmustern heraus als die größere Trendwende, die das Institut suggeriert.

So zeigt sich bei der Aufteilung in Männer und Frauen, dass unter den Geständigen, die schon mal Pornos inhaliert haben, Männer mit beinahe 100 Prozent (97%) vertreten sind und Frauen mit 83 Prozent. Diese Zahl, ohnehin nichts ehr aussagekräftig, weil sie nach dem „einen Mal im Leben“ fragt, relativiert sich noch durch die Optionen „teilweise und ganz“ - Ausschnitte, denen man kaum ausweichen kann, zählen also auch dazu. Bei der interessanteren Frage nach der gängigen Praxis wird der Unterschied deutlicher: Während 48 Prozent der Männer angaben, gelegentlich Pornos zu schauen – das umfasst die Kategorien „mindestens einmal die Woche“ „mindestens einmal im Monat“ und „manchmal im ganzen Jahr“ -, Frauen deutlich zurückhaltender: 29 Prozent gaben an, dass sie „gelegentlich“ schauen. Die große Mehrheit der Frauen schaut seltener: 71 Prozent wählten diese Kategorie. Was sie genau bedeutet, ist nicht ganz klar, weil „jamais“ - „nie“- als Kategorie hier fehlt.

In der PR-Zusammenfassung der Studie wird der Leserschaft nahegelegt, dass die Rolle der Pornographie für die Entdeckung der Sexualität zwar weiterhin nur eine „beschränkte Rolle“ spielt, dass Pornofilme aber durchaus als Stimulans für Paare, „einschließlich der Frauen“ wie betont wird, genutzt werde. Sieht man sich die Ergebnisse des Nutzerverhaltens etwas genauer an, zeigt sich, dass es vor allem Männer sind, die mehrheitlich angaben, dass sie sich Pornos zuhause alleine anschauen (84% ), und Frauen dies in der Mehrheit (59%) nur mit ihrem Partner machen. Die Frage, ob man akzeptiere zusammen mit dem Partner einen Porno anzuschauen, wird von Männer um einiges deutlicher mit „Ja“ beantwortet (77%) als von Frauen, die sich aber immerhin in der großen Mehrheit – 67% - dazu verführen lassen. Dass der größte Anteil unter den 67 Prozent, nämlich 35 Prozent dies aber „nur machen, um dem Partner einen Gefallen zu tun“ wird in der Ergebnisanalyse der Studienverfasser nicht berücksichtigt.

Daraus ließe sich nämlich auch ein Bild zeichnen, dass dem gefälligen Porno-Nutzer-Image, wie es präsentiert wird, nicht mehr richtig entspricht: Dass Frauen Pornos anschauen, weil der Partner das will. Das spricht zwar nicht gegen Pornos, aber dafür dass sie weiterhin hauptsächlich Männersache sind. Dass sich unter den Porno schauenden Männern auch jede Menge „nicht-frustrierter Männer“ befinden (und nicht erst seit jüngster Zeit), ist schon glaubwürdig - glaubwürdiger jedenfalls als die Behauptung, wonach heutzutage jeder zehnte Bewohner des gut verkabelten Nachbarlandes wahrheitsgemäß angeben kann, dass er noch nie auch nur einen Ausschnitt gesehen habe. (Thomas Pany)