Politik der Bilder

Die Bilder des grässlich verstümmelten 12jährigen Bombenopfers Ali Abbas aus Bagdad, die um die Welt gingen, zeigen die Macht der Bilder und die Fallen der Berichterstattung

Es mag sein, dass die Bilder von der Krönung der Hussein-Statue vor dem Palestine-Hotel mit einer amerikanischen und dann einer irakischen Flagge sowie der anschließende Sturz dieser Statue als Symbol des siegreichen Feldzugs der Alliierten im (Medien)Gedächtnis eingebrannt sind. Für US-Präsident Bush und seiner Politik der Machtdemonstration war dies zumindest ein Höhepunkt, wie er selbst sagte (Die Vaporisierung der Diktatur). Allerdings erzeugen schon andere Perspektiven, beispielsweise das Umschalten von den bekannten Nahaufnehmen zu einem Weitwinkelbild, andere Medienwirklichkeiten. Einsam stehen hier einige Menschen herum, meist US-Militärs und wahrscheinlich Journalisten. Das Bild des 12jährigen Bombenopfers Ali Ismail Abbas hat gute Chancen das Gegenbild zu werden, das an die Leiden eines jeden Kriegs erinnert. Es macht aber auch auf andere Weise klar, welche Macht Bilder haben, die durch die Medien weltweit verbreitet werden.

Zwar sind die Statuen von Saddam gestürzt, seine Bilder zerstört, seine Paläste geplündert und seine heimliche Hauptstadt gefallen. Doch er selbst ist in einer seltsamen Wiederkehr des vorangegangenen Kriegs gegen das Taliban-Afghanistan mitsamt der Führungsmannschaft des Regimes verschwunden. Und auch wenn die Tausenden von Bomben Tausenden oder Zehntausenden von freiwilligen oder unfreiwilligen Regime-Verteidigern das Leben gekostet haben mögen, so haben sich zumindest Tausende von Mitgliedern der Republikanischen Garde oder der Fedajin in Luft aufgelöst.

Seltsam ist eigentlich weniger, dass sie das Weite gesucht und offenbar einen bislang sicheren Unterschlupf auch gefunden haben. Vermutlich hatten sich viele auf eine Flucht vorbereitet, weil angesichts des morschen Regimes und der Übermacht der Alliierten die Niederlage den meisten vor Augen stehen musste. Was aber erstaunlich ist, dass die Alliierten mit ihren Satelliten, Drohnen und Überwachungsflugzeugen anscheinend nichts bemerkt zu haben scheinen - oder dies nicht mitteilen. Wenn einzelne Menschen in einer Stadt verschwinden, ist dies trotz aller verbesserten Aufklärung ohne weiteres denkbar. Viele werden einfach als Zivilisten sich unter die Menge gemischt haben. Aber wenn Tausende nicht nur in Bagdad, sondern auch in anderen Städten ungesehen verschwinden können, ist das schon merkwürdig. Der Iran hat angeblich seine Grenzen dicht gemacht. Ob sie alle nach Syrien geflohen sind, ist zweifelhaft, auch wenn dies eine gute Gelegenheit wäre, was auch schon entsprechend ausgenutzt wird, die Lehre des Irak weiter zu geben. Dass die US-Regierung aber schon jetzt den nächsten Krieg aufbauen will, scheint zweifelhaft zu sein. Auch wenn der Kriegskurs US-Präsident Bush bislang zu hohem Erfolg verholfen hat, wächst die Unzufriedenheit in den USA mit seiner Innen- und vor allem Wirtschaftspolitik und die Werbekampagnen für die nächste Präsidentschaftswahl beginnen schon im September.

Vorerst also bleibt der Sturz der Statue des persönlichen Gegners als - wie immer auch gestellte - Bildsequenz und als Symbol für den Fall des Regimes zurück. Sollte der Sieg allerdings in einen langen schwelenden Konflikt und einem auseinander fallenden Irak münden, könnte sich dieses Symbol auch als Bumerang erweisen.

Die selektive Aufmerksamkeit schafft Prominenz und Vergessen

Schnell vergessen werden aber könnte auch das Schicksal der Menschen im Irak. Man sollte meinen, dass Ali Ismail Abbas Glück im Unglück gehabt haben könnte. Er hatte bei einem Bombenangriff auf Bagdad bekanntlich seine Eltern und andere Angehörige seiner Familie verloren. Von seinen Armen sind Stummel übriggeblieben, sein kleiner Körper ist überzogen von schrecklichen Brandwunden. Das bekannteste Bild zeigt ihn unter einer Art Käfig, um seine Haut vor Berührung zu schützen, wie er mit großen Augen und den bandagierten Armstummeln in die Kamera und damit direkt in die Augen Betrachters blickt.

Es gibt eine unbekannte Anzahl weiterer Opfer mit ähnlichen Schicksalen. Auch Kinder. Wir wissen nicht, wie viele im Zuge der Bombardierungen oder Kriegshandlungen gestorben, verletzt oder verstümmelt worden sind. Spekulationen oder Zahlen berühren uns kaum. Dafür aber Bilder, die ein Licht auf die Wirklichkeit zu werfen scheinen, auf ein persönliches und vorstellbares Schicksal. Die aber auch notwendigerweise eine Situation für das Ganze stehen lassen und damit neben dem oft nur mangelhaften bekannten, sowieso nur über die Medien vermittelten Kontext einen einseitigen Blick vermitteln.

Gleichwohl: Wahrnehmung und Aufmerksamkeit sind so konkret wie einseitig und subjektiv. Medial und aufmerksamkeitsökonomisch bleiben dem weltweiten Medienpublikum nur wenige Menschen im Gedächtnis haften. Aufmerksamkeit ist grausam, weil sie selektiv ist. Und Medien sind die kollektiven Aufmerksamkeitsorgane der Gesellschaft, die sozusagen die ersten Filter darstellen. Die besten Chancen, in den Medien und damit bei den meisten Menschen Aufmerksamkeit zu erhalten, haben vermutlich eben Kinder wie Ali Abbas. Sie sind am deutlichsten unschuldig und sprechen uns in ihrem Leid auch emotional am unmittelbarsten an, provozieren spontan Mitleid und einen Affekt gegen die Ungerechtigkeit. Im Fall von Ali ist sicherlich auch wichtig, dass er trotz all der grässlichen Verletzungen und Verstümmelungen noch lebendig ist, eine lebendige Anklage. Bilder von Toten sind leichter zu übergehen, können besser auf Distanz gehalten werden.. "Ali, das Gesicht des Krieges" titelte etwa Spiegel Online.

Zu den Bildern kommt, was Ali Reportern gesagt hat: "Als ich klein war, wollte ich Armee-Offizier werden, aber nun nicht mehr. Nun will ich Arzt werden, aber wie soll ich das schaffen? Ich habe keine Hände." Und er forderte dazu auf: "Könnt ihr mir helfen, meine Arme zurückzubekommen? Glaubt ihr, dass die Ärzte mir ein neues Paar Hände geben können? Wenn ich keine neuen Hände bekomme, werde ich Selbstmord begehen."

Politik im Aufmerksamkeitsmarkt

Das in Bildern in alle Welt transportierte Schicksal von Ali hat besonders in Großbritannien Mitleid erweckt. Es gab Spendenaufrufe wie den Ali Appeal im Mirror (mit entsprechendem Bild) und große Aufmerksamkeit. Vom Krankenhaus, in dem Ali jetzt liegt, nachdem er wegen der Plünderungen verlegt werden musste, wurden Appelle an Großbritannien und die USA gerichtet, dass Ali sterben könne, wenn er nicht im Ausland richtig behandelt werde. Tony Blair versprach, alles zu tun, was möglich sei, um ihm zu helfen. Kuwait bot sich an, den Jungen zu behandeln, der zum Politikum geworden ist.

Offenbar aber haben auch manche Reporter, die ihre Bilder und Berichte über den Jungen machten, diesem einiges versprochen, wenn er sich zur Verfügung stellt. Nun scheint er, will man dem Telegraph glauben, seine Enttäuschung zu äußern: "Die Journalisten versprachen mir stets, mich zu evakuieren. Warum machen sie es jetzt nicht? Bitte, holt mich aus dem Irak heraus, um sicher zu sein und behandelt zu werden." Angeblich will er mittlerweile Journalisten nicht mehr sehen, weil er denkt, sie würden sein Schicksal nur ausnutzen: "Kommen Sie, um sich über mich lustig zu machen, weil ich meine Arme verloren habe? Doktor, Doktor, bitte keine Journalisten mehr."

Bilder (und Informationen) sind auch Geschäft im Konkurrenz um die Augen und Gehirne, also um die Auflage und die Quoten. Man kann mit ihnen Meinungen beeinflussen, gleich, ob sie gezeigt werden oder den Menschen vorenthalten werden. Man kann auch medienkritisch wieder die Medien in ihrer selektiven Berichterstattung in Medien kritisieren, also dass Ali zwar die Aufmerksamkeit auf die Kriegsopfer lenkt, aber zugleich das Schicksal vieler anderer verdrängt: Frenzy over Ali, but there are thousands of children like him.

Und während die einen, wie der Telegraph, die Reporter kritisieren, weil sie etwas versprechen, was nicht einhalten, suchen die anderen wie der Mirror den Erfolg auszubeuten, dass Ali nun doch geholfen wird: "Der 12jährige Junge, der seine beiden Arme verlor und bei dem 60 Prozent der Haut seines Körpers verbrannt wurden, als sein Haus bombardiert wurde, könnte heute Nachmittag mit dem Flugzeug aus Bagdad heraus geflogen werden. Amerika gab sein Einverständnis, nachdem Tony Blair befohlen hatte, alles zu unternehmen, um das Leben von Ali zu retten. Das Versprechen des Ministerpräsidenten, das gegeben wurde, als 140.000 Pfund durch den Ali-Spendenaufruf des Daily Mirror erzielt wurden, folgte auf einen Brief von Alis Krankenschwester Fatin Sharhah an Präsident Bush und Großbritannien, den der Mirror veröffentlicht hatte."

Ebenso wie Politiker und Aktivisten ihre Ziele mit dem Streuen von Informationen und Bildern verfolgen, stehen auch hinter Medienberichten, selbst wenn sie möglichst neutral und objektiv Informationen zu vermitteln versuchen, Interessen der Medien und Journalisten, sich am Aufmerksamkeitsmarkt zu behaupten. Zumindest ist es kaum möglich, Berichte und Bilder zu veröffentlichen, zumal wenn sie um derart emotional aufgeheizte Themen gehen, die nicht dem Verdacht unterzogen werden können, nicht nur um der Person oder der Sache willen, sondern auch aus anderen Motiven heraus veröffentlicht worden zu sein. Und überdies verdrängt jeder Bericht, der veröffentlicht wird und so einem Thema "Prominenz" verschafft, andere Themen, die deswegen unbeachtet bleiben. Das ist die grausame und ungerechte Realität der Öffentlichkeit, die freilich nicht bei den Medien allein liegt. Gleichzeitig aber sind die Medien selbst ein gewisses Remedium, denn just die Konkurrenz der Medien eröffnet auch eine Konkurrenz der Themen und der Darstellungen. Ungerechtigkeit aber lässt sich so wohl nicht aus der Medienwelt schaffen.

Und in manchen Fällen wie dem des armen Ali dreht es einem das Herz um. Der Junge wurde Opfer eines Krieges, der vielen abgelehnt, aber auch befürwortet wurde. Er wurde zum Opfer der Medien und der Politik, was aber vielleicht dazu beiträgt, dass ihm geholfen werden kann. Seine Arme wird man ihm aber nicht mehr zurückgeben können. Und seine Prominenz kann es ermöglichen, dass auch den anderen Menschen besser geholfen wird, die schon unter dem Regime und dann dem Krieg zu leiden hatten, sie kann die vielen übrigen aber auch in den Hintergrund schieben. Dieser Artikel enthält kein Bild von Ali. Aber müsste er nicht? "Es gibt kein richtiges Leben im Falschen" - oder vielleicht doch? (Florian Rötzer)