Play it again, Steve...

Ruinenästhetik: Steven Soderberghs "The Good German" reist ins Trümmerdeutschland

In den Ruinen von Berlin spielt Steven Soderberghs "The Good German". Alles sieht so aus, wie in einem Noir-Film der 40er Jahre, aber es entpuppt sich doch schnell technisch als eine durchschaubare Fingerübung, ein reizvolles Film-Noir-Pastiche, das am Ende doch ein wenig zu blutleer bleibt, um ein wirklicher Film zu werden. Eher Kino mit Fußnoten also, als Unterhaltungsstück definitiv etwas für Anspruchsvolle und Kenner. Wer will, kann sich auch ein wenig über Amerikaner empören, die doch tatsächlich einst Nazi-Wissenschaftler nach Amerika brachten, um sich ihrer Kenntnisse zu bedienen, anstatt sie zu bestrafen. Hört, hört. Wer hier übrigens gute Deutsche sucht, der sucht vergebens - aber wen überrascht das schon?

Bilder: Warner

Heute hat es einen romantischen Appeal, jenes Nachkriegsberlin im Sommer 1945. Im neuen Frieden herrschten die allierten Besatzer, der Kalte Krieg kündigte sich erst fern am Horizont an, und auf der Konferenz von Potsdam legte man die Ordnung des neuen Deutschland fest; täglich wurden alte Nazis verhaftet, die ersten Gefangenen kamen heim, die Fräuleins für ein paar Zigaretten mit aufs Zimmer, und man räumte erste Trümmer: auf den Straßen und in den Köpfen. Eine Goldgrube war das, nicht nur für die Besatzer, deren Überlebensfreude sich mit dem angenehmen Dasein als Kriegsgewinnler zu einem schönen Leben im Hier und Jetzt vermischte, sondern auch für das Kino.

Heiße Augusttage der Potsdamer Konferenz

Ein spezielles Genre entstand, in dem sich die politischen Fronten mit dem Skeptizismus der Zeit und dem Stil des Film Noir verknüpften: Michael Curtiz "Casablanca" hatte es vorgemacht, nach dem Krieg drehte dann Billy Wilder "A Foreign Affair" und Carol Reed seinen mythenumwogenen "Dritten Mann". Diese Filme sollte man im Kopf haben, wenn jetzt Steven Soderbergh nach Berlin 1945 zurückreist, genau in jene heißen Augusttage der Potsdamer Konferenz. Im Zentrum steht Jake Geismer (George Clooney), ein US-Kriegskorrespondent der linksliberalen "The New Republic".

Für eine Woche kommt er hierher, wo er bereits vor dem Krieg als Journalist arbeitete, und bald schon holt ihn die Vergangenheit ein. Sie hat die Gestalt einer Frau: Lena Brandt (Cate Blanchett), einst Jakes Assistentin und Geliebte, verheiratet und desillusioniert vom Geschehen der letzten Jahre. Ihr Mann ist spurlos verschwunden, und Lena ist heute die Mätresse von Jakes Fahrer. Als dieser dann ermordet wird, ist schnell klar, dass Lena mehr weiß, als sie sagt, möglicherweise auch, wo sich ihr Mann versteckt. Und Jake wiederum kann von ihr nicht lassen, er mischt sich ein in Dinge, die ihn nichts angehen, und von denen er vielleicht besser doch lassen sollte...

Filmgeschichtlicher Zitatenpark

Es ist eine schön altmodische, ganz klassische Geschichte von großem nostalgischen Charme, die Steven Soderbergh hier erzählt. Krimi und Spionage mischen sich, der Plot nimmt immer neue Volten, die nicht glaubwürdiger sind als die, nüchtern betrachtet, abstruse Handlung des "Malteser Falken". Soderberghs Film ist ein Film über die Kunst, die Kunst des Film Noir mit ihren spätexpressionistischen Geschichten aus Licht und Schatten, Hoffnung und Paranoia, die vor allem von europäischen Emigranten in Hollywood - wie Lang, Wilder, Siodmak und Preminger - begründet wurde und vor der sich Soderbergh in fast jeder Szene verbeugt. "The Good German", entstanden nach dem gleichnamigen Bestseller-Roman von Joseph Karon (USA 2001, dt. 2003), verwandelt die Ruinen von Berlin in einen filmgeschichtlichen Zitatenpark. Schon der Beginn des Films zeigt das großartig: Eine lange Sequenz aus Originalaufnahmen des zerstörten Berlin jener Monate, wie man sie im Kino lange nicht sah, beklemmend authentisch.

In den schwarzweißen, von Soderbergh selbst hinter der Kamera mit den Objektiven jener Zeit gedrehten Szenen, die nun folgen, ist "The Good German" vor allem auch ein Film über die Kunst, heute einen Film zu machen, der aussieht als wäre er vor 60 Jahren gedreht worden. Ein absurdes Unternehmen: Man stelle sich vor, heute wolle einer so malen, wie einst Rembrandt. Es geht und geht wieder nicht, denn nie wird es genau so aussehen, wie der echte alte Meister - mag die Nachstellung auch perfekt sein, fehlt doch die Patina des Originals. Und nicht nur sie: Die Kontraste sind zu stark im Verhältnis zu den alten Filmen.

Das gilt auch in diesem Fall, und weil Soderbergh das weiß, versucht er auch gar nicht, den Film als alt zu verkaufen: Manche Zitate sind offen, ironisch, und der ganze Film sagt dem Zuschauer immer wieder: "Ich weiß, dass Du weißt, dass das kein alter Film ist, und dass wir uns auch nicht dumm stellen können - aber schön wäre es schon." Alles ist dabei auch geprägt von der Trauer über das Verschwinden der alten Gesten und Erzählweisen.

Ein Pastiche also, ganz postmodern und insofern auch schon ein bisschen überholt, ein Übermalen des Neuen mit dem Alten, ein Maskenball. Tiefe hat das also nicht, weil es schon keinen Abgrund hat, aber visuell funktioniert es trotzdem. Ein Film wie eine Fotoausstellung.

Sie ist es nicht, sie ist es einfach nicht!

Das größere Problem sind die Figuren. Bei denen ist die Doppelbödigkeit nämlich nur aufgesetzt, oder noch nicht mal das. Clooneys Jake etwa fehlt jede Ambivalenz, die doch die Eigenschaft gerade der Noir-Figuren ist. Er ist ein good guy, der von der Zeit erstaunlich unangekränkelt bleibt - keine Tragik, und auch hier kein Abgrund. Die Zeit ist schlecht, auch das ist hier von einer Eindeutigkeit, die in den echten Noirs unmöglich gewesen wäre. Die waren hard boiled, aber subtiler, weniger direkt. Hier gibt es sogar einen Holocaust-Verweis. Der Reiz solcher Stoffe liegt zudem darin, dass in ihnen immer etwas Unerwartetes passiert - aber unerwartet ist in "The Good German" noch nicht einmal, dass die Amerikaner nicht ganz so gut sind, wie sie sein sollten, und dass am Ende das "Schweinesystem" (Christan Klar) den Sieg davon tritt.

All das ist einerseits nicht schlimm, denn was wäre der Sinn, ästhetisch korrekt à la 40er Jahre zu erzählen. Aber auch die hier stattfindende Zurschaustellung der ästhetischen Differenz, das Hin- und Herspringen zwischen den Zeiten hat etwas Sinnfreies, ja Altkluges und Penälerhaftes in seiner Beflissenheit - zum Nostalgiker tritt in Soderbergh auch der Fanboy.

Beflissenheit und Eitelkeit - dies gilt nicht zuletzt für das Spiel von Cate Blanchett, ein purer Manierismus, in dem sich die Australierin deutlich, allzudeutlich als Erbin von Marlene Dietrich stilisiert - und sich genau darum nie auch nur ansatzweise mit diesem Vorbild und seinen Charisma messen kann. Sie ist es nicht, sie ist es einfach nicht! So völlig ironiefrei, so im schlimmsten Sinne seriös, wie es die Dietrich gottlob nie war - keinesfalls fatal, und als femme hier offenkundig auch nicht jedermanns Sache. George Clooney - nun das ist ein anderes Thema.

Clooney, der ja normalerweise wunderbar ist, ist hier gar nicht eitel, aber eben auch nicht ironisch, weil beides ja bei diesem Darsteller immer zusammengeht. Er wirkt hier eher wie damals als "Batman": statisch, steif, und unbeweglich. Er wird zwar ziemlich oft zusammengeschlagen, doch das erhöht diesmal nur die Wirkung des Unzerstörbaren, aus dem Ei gepellten. Er hat sich in einen Film verirrt, der ihm nicht entspricht, und ist mit einer Partnerin konfrontiert, mit der es nicht zum kleinsten Funken wechselseitiger Chemie reicht. Wenn "The Good German" gescheitert ist, dann ist er an seinen Schauspielern gescheitert.

Großer Ekklektizist

Nun ist aber Soderbergh, der - das darf man nicht vergessen - neben Mainstream (wie "Oceans Eleven") immer wieder auch gewagte Experimente drehte, wie das Tarkowski-Remake "Solaris", ein großer Ekklektizist: Wenn man "Casablanca" im Kopf hat, und während des Hinguckens nicht vergisst, dann kann man diesen Film als dessen ziemlich exaktes - auch hier vielleicht zu exaktes - strukturelles Spiegelbild lesen: Ein Mann kommt an, nicht eine Frau, eine alte Liebe wird unverhofft wieder aufgewärmt, aber das Wiedersehen entpuppt sich als moralische Enttäuschung, nicht Erleichterung; der Mann, zu dem sie steht, ist kein Widerständler, sondern Täter, und sie will vor allem sich selbst, nicht andere retten.

Die Position der Nazis übernehmen Amerikaner und am Ende trennt sich das Paar nicht for good. Als solcher Ekklektizismus gelingt "The Good German" als ein wunderschönes Experiment, klug und voller melancholisch durchtränkter Romantik. Ein Film für Liebhaber. (Rüdiger Suchsland)