Peter Handke. Zum Beispiel

Die neue Medienlandschaft: Wie geht Moral?

Der gewünschte historische Bezug. "Mutige Entscheidung, einem 'provokanten' 'zornigen' 'Naturburschen' und Genozidrelativierer den Nobelpreis zu geben." (...) "Mutige Entscheidung, jemanden, der Hitler und Nazis einen Vogelschiss der Geschichte nennt, zu wählen." Handke = Gauland. Das ist Stanišićs Beitrag auf persönlicher Ebene. Ist der Rausch abgezogen, der Wahn verstrichen, braucht man darüber nicht mehr sprechen.

Die implizierte Gleichsetzung von Serbien mit Hitler-Deutschland dagegen reicht tiefer, ob sarkastisch dargeboten oder nicht. Serbien = Hitler-Deutschland? Man staunt. Waren es nicht Titos Partisanen, die sich den Nazis entgegenstellten? Und war es nicht die kroatische Ustascha, die sich an die deutsche Seite schlug? Und war es nicht Milošević, der Titos Erbe retten wollte (wie überzeugend, sei dahingestellt)? Und wurde die Aufsplitterung ebendieses Jugoslawiens nicht von nationalistischen Kreisen betrieben, die sich mitunter gar nicht erst bemühten, ihre Sympathien für die Ustascha von damals zu verbergen?

Das ist, zugegeben, grob gefragt und eine ganze Wirklichkeit ist damit nicht zu bekommen. Aber ausschließen kann man eines: eine Gleichsetzung, wie sie im Zitat von Stanišić vollzogen wird. Ja, auch die Serben endeten im Nationalismus, doch wollte Serbien Europa erobern? Zur Weltmacht werden? Gab‘s Ambitionen?

Handke hat seine Stellungnahme als Korrektiv verstanden. Er ist nach Serbien gereist, weil er im europäischen Geistesleben Stereotype zu Lasten Serbiens erkennen musste. Stereotype, die mit Erfindungen ständig neu belebt, genährt und gefestigt wurden. So postulierte man einen Hufeisenplan, der die systematische Vertreibung von Kosovo-Albanern durch Serben belegen sollte. Ebenso wurde die Behauptung in die Welt gesetzt, im Fußballstadion von Pristina hätten die Serben ein KZ eingerichtet. Deutsche Erfindungen.

Mit Slogans wie Nie wieder Auschwitz sollte die Bevölkerung, vor allem das ehemals pazifistische grüne Klientel für den Krieg gewonnen werden. Selbst das bestimmt nicht NATO-kritische Wikipedia hält fest: bislang keine Belege dafür. Serbien = Hitler-Deutschland: der Vergleich kommt also nicht aus dem Nichts, sondern aus einem Schema, dem nachgeholfen werden sollte. Mit Lügen (nach allem, was man weiß, ist das sachlich die einzig zutreffende Bezeichnung) aus den Ministerien des SPD-Mannes Scharping und des Grünen Fischer.

Ist es da nicht verständlich, dass sich einer, immerhin einer, zu den Serben gestellt hat? Historisch, geopolitisch und menschlich korrektiv? Und erfährt man von diesen Zusammenhängen irgendetwas in all den Aburteilungen? (Als kurzer Einstieg zu weiteren Fragen erhellend dieser Artikel Hannes Hofbauers.)

Trost für Handke. Forscher, die das Schema der einseitig bösen Serben in Frage stellen, fanden und finden natürlich nicht nur in der Handke-"Debatte" keine Erwähnung, sie und ihre Publikationen kommen auch sonst kaum vor in Medien, aus deren Redaktionsstuben es nun dröhnt.

Das ist ein großer Unterschied zur Medienlandschaft, wie sie noch in den 1970ern und 1980ern gegeben war: Auch die andere, scheinbar minoritäre Position fand in einer NZZ, einer FAZ mit Argumenten versehen Erwähnung - und sei es, um die Position nachfolgend zu widerlegen. Diese geistige Pluralität war gerade ein Argument im Diskurs. Und ein Argument für die jeweilige Zeitung.

Wenn nun Handke abgeurteilt wird, so muss man sich dieser vorangegangen geistigen Bereinigung bewusst sein. Nur in einer gesäuberten Landschaft lässt sich ein Handke als Irrsinniger vorführen. Gleichwohl, das Buch von Kurt Gritsch über den Kosovokrieg hat trotz weitgehender medialer Ausblendung in die Hände des Nobelpreiskomitees gefunden. Und dass diese Leute, die üblicherweise ja durchaus das Narrativ bedienen, dieses Buch auch lesen: fast schon revolutionär in dieser Zeit.

Aus der Wucht der Handke-Beschimpfung klingt jedenfalls der Schrecken der Getreuen mit, der Schrecken darüber, dass es doch Risse noch gibt im engmaschigen Netz, wo Böses eindringen kann. An einer Stelle erst noch, die bislang als sicher galt. Es könnte wahrlich nicht verwundern, es würde auch in diesem Fall die These geboten, die Russen hätten die Preisvergabe manipuliert. Bis jetzt fehlt das noch.

Wie geht Moral? Zynische Fragen. Genozidleugner. Das soll er sein. Zumindest ein Verharmloser. Ein Srebrenica-Genozidleugner, verkürzt zum Srebrenica-Leugner. Bezeugt von niederländischen Blauhelmen, die damals in Srebrenica stationiert waren, ist Folgendes: Muslimische Frauen und Kinder wurden von serbischen Einheiten in Bussen weggeführt und später freigelassen. Es geschah ihnen nichts. Die Männer wurden erschossen. Das ist ein Massaker. Ein Genozid ist es nicht. Auch wenn es um Ungeheuerliches geht, müssen die Begriffe stimmen.

Nicht bei Handke stimmen sie nicht. Dass Srebrenica nicht allein steht, dass es in serbischen Dörfern rundherum ebenso zu Kriegsverbrechen kam: Wer hat davon gelesen? Bestimmt nicht, wer die Zeitungen liest, die jetzt Handke aburteilen. Das Massaker an den muslimischen Männern war ein Massaker. Nie hat Handke etwas anderes gesagt. Er hat es verurteilt. Und als Massaker und absolutes Ende und Aus für jeden Einzelnen und seine Nächsten unteilbar, durch nichts aufzuheben und gegenzurechnen.

Ein Äußerstes an Leid, ein Ort, wo Vergleiche enden und die Sprache mit ihnen. Später gab es Zahlen. 8.000 sagten die einen. 2.500 die anderen. Über die Leichen, die gefunden und gezählt worden sind, gibt es widersprüchliche Aussagen, je nach politischem Interesse. Auch das steht nicht in den Medien. Indes, die Zahl ändert am Schicksal nichts. Aber es fragt sich von außen her (Betroffenen ist das nicht zuzumuten): Muss die Zahl möglichst hoch sein?

Und: Muss es ein Genozid sein, um als Verbrechen durchzugehen? Reicht das Massaker, das es war, nicht aus? Wer profitiert von der Verwischung der Semantik? Und was hat der einzelne Mensch, der sein Leben auf entsetzliche Weise hat lassen müssen, davon, wenn es nicht ein Massaker gewesen wäre, sondern ein Genozid? Lässt sich das Entsetzen zu seinen Gunsten über den Genozid besser herstellen? Besser steuern? Besser halten? Oder ist es gar kein Entsetzen für diesen Muslim?

Interessiert der einzelne Mensch weniger? Interessiert er nur als Opfer eines Genozids, nicht eines Massakers? Wenn ja, warum? Zu wessen Zwecken? Was ist das für eine Moral? Und weshalb ist plötzlich alles so zynisch bei dieser Fragerei? Und kann sich das Entsetzen nur halten, wenn andere Massaker, namentlich solche, die an Serben begangen worden sind, und seien sie an der Zahl geringer, unerwähnt bleiben? Wenn ja, warum? Grenzen der Entrüstung? Der menschlichen Anteilnahme? Basiert moralische Entrüstung auf Parteinahme? Geht moralische Entrüstung nur mit einem Schema und ohne löste sie sich auf?

Ja, man muss genau fragen: Würde - moralisch und von außen betrachtet; ich war nicht dabei, nicht bei jenen Kriegsschauplätzen - würde für den einzelnen Menschen, der in Srebrenica massakriert worden ist von Serben, irgendetwas weniger entsetzlich durch die Tatsache, dass noch andere Massaker stattgefunden hätten? Auch solche an Serben (wenn man in diesen Kategorien denkt)? Wird an der Ungeheuerlichkeit, der er zum Opfer gefallen ist, irgendetwas geschmälert, moralisch gesehen? Und an seiner Würde? Und was wäre das für eine Moral? Eine, auf die wir vielleicht verzichten sollten?

Saša Stanišić spricht in seiner Preisverleihungsrede von der anderen Preisverleihung. Die Konstellation, die er vorfindet, ist günstig. Im bereits entfachten Sturm kann er ganz risikolos der Wucht noch eins draufgeben, muss doch bloß der andere damit rechnen, entblättert zu werden. Bei Stanišić dagegen sucht keiner der Journalisten nach einer Freundin, die er vielleicht einmal geschlagen hätte. Das ist einfach so. Wer auf der richtigen Seite ist, der kann ein Schläger oder ein Schänder nicht sein.

Stanišićs Eingriff ins Handke-Urteil fand unter gänzlich asymmetrischen Bedingungen statt. Seine Worte waren die Worte der Macht. In Višegrad geboren, Zeuge von Kriegsverbrechen der Serben, Flüchtling, Kampf um Anerkennung in Deutschland, mit einer Frisur, die man haben darf, den Journalisten zugetan, auf einem obersten Podest der deutschen Sprache angelangt. Passt alles.

Die Attribute Handkes: Alter weißer Mann (Sibylle Berg sprach in einer Talk-Show von einem schlecht gealterten Mann - ein einmal Ausgezogener ist auf allen Ebenen verwertbar, ohne dass jemand Gefahr läuft, des Rassismus' bezichtigt zu werden), mit Serbien biografisch verhängt, schlägt Frauen, hasst Journalisten, die Frisur nicht zeitgemäß. Und dann eben dieser Literaturnobelpreis.

Nein, Stanišić hat diese ungleichen Ausgangsbedingungen für den medialen Showdown nicht geschaffen und sein persönliches Schicksal wird weder durch Geopolitik noch sonst was aufgehoben. Dass er Mühe hat mit Handkes Reise zu den Flüssen in Serbien, dass da eine Trennung bleibt, ein Riss bei der Lektüre: verständlich. Dass er sein Leid unter Exklusivrecht stellt: etwas weniger, aber auch noch.

Was auffällt: Wie schnell die angeblich getrübte Freude zu einer zur Schau gestellten getrübten Freude wird. Weshalb der mediale Weg und nicht das Gespräch? So möchte man fragen. Würde ihm Handkes Stellungnahmen zum Balkankrieg tatsächlich zu schaffen machen, wären tatsächlich Medien die Instanz, denen das zu erzählen wär?

Stanišić, wie gesagt, hat die Stunde nicht vorbereitet, deren Gunst aber erkannt. Kind dieser Zeit. Man hält ihm die Rolle des Richters zu, er nimmt an. Oder besser: Er spielt die Rolle vor und liegt richtig. Ein Dialog mit Mikrofonen. Gegenüber Handke dagegen eine Gesprächsverweigerung von Anfang an. Für diesen gab es bei diesem Setting keine Möglichkeit, in der Sache zu reagieren.

Stellt mir nicht solche Fragen. Das war alles, was ihm zu sagen blieb, als Journalisten, die er nicht anders denn als verlängerter Arm eines Tribunals wahrnehmen musste, ihn nach seiner Reaktion auf Stanišićs Reaktion befragten. Und das wurde abermals in die schwarze Liste aufgenommen. Nein, für Handke war kein Entkommen.

Und das Cui Bono in dieser Sache? Ein Gespräch mit Handke, von dem niemand erfahren hätte? Ein Dialog zwischen Menschen ohne Medien? Wer profitiert da schon? So, wie die Sache gelaufen ist, aber hat einer seine Bekanntheit markant gesteigert. Die Verkaufszahlen seiner Bücher sind nach dem medialen Showdown angestiegen. Über das Maß hinaus, das nach der Vergabe des Deutschen Buchpreises üblich ist. Das hat Stanišić Handke zu verdanken. Und seinem Gespür dafür, wie man Emotionen mediengerecht einschiebt ins Narrativ einer totalitären Praxis.

Dr. Daniel Sandmann ist Texter und hat Philosophie, Germanistik und Osteuropäische Geschichte studiert. Unter Teer Sandmann erschienen: "Golo spaziert" (besprochen in der NZZ-Literaturbeilage Juni 18) und verschiedene politische "Gute-Nacht-Geschichten für Kinder" auf Rubikon.

(Daniel Sandmann)