Pentagon braucht neue Rekruten

Nach einer Regelung, die tief in einem umfangreichen Bildungsförderungsgesetz verborgen ist, müssen Schulen dem Pentagon für die Rekrutierungswerbung Schülerdaten geben und Zugang zu den Schulen zu gewähren

Zu Beginn des Jahres unterzeichnete Präsident Bush den No Child Left Behind Act, der damit in Kraft trat. Mit vielen darin enthaltenen Maßnahmen soll sicher gestellt werden, dass jedes Kind in der USA eine "erstklassige Bildung" erhält. Natürlich verabsäumte Buch es nicht, das Gesetz in seine Kriegsrhetorik aufzunehmen: "Wir werden den Krieg im Ausland gewinnen und wir müssen genauso den Krieg gegen den Analphabetismus Zuhause gewinnen." Ein kleiner Paragraph, der gut versteckt war in dem umfangreichen Gesetzestext, verpflichtet die Schulen aber auch, dem Pentagon für Rekrutierungszwecke Informationen zu geben.

Die Welle des Patriotismus nach den Anschlägen vom 11.9. hat die Zahl der Bewerber für das US-Militär wieder in die Höhe gehen lassen. So übertrafen die Bewerbungen beispielsweise bei der Armee die Quote von 79,000 Rekruten für die jährlichen Neueinstellungen. Doch insgesamt ist es schwierig, die Sollstärke der Streitkräfte auf der Höhe von 1,4 Millionen zu halten. Zusätzlich werden für die Nationalgarde und die Reservisten 1,25 Millionen Soldaten gebraucht.

Erst kürzlich durften Journalisten in Vorbereitung des möglichen Kriegs gegen den Irak einmal am Joint Military Media Contingency Training des Pentagon teilnehmen (Der Tanz der Krieger).

Gerade angesichts von Kriegseinsätzen, neu erwachten Sorgen angesichts des Golfkriegssyndroms oder von Nebenwirkungen bei Milzbrandschutzimpfungen findet das Pentagon aber nicht unbedingt die Menschen, die besonders dringend für das Hightech-Militär benötigt werden: gut ausgebildete, in technischen Dingen versierte junge Leute. Nach einer vom Scripps Howard News Service durchgeführten Umfrage will die Hälfte der Befragten nicht, dass ihre Tochter oder ihr Sohn Soldat wird. Über 90 Prozent wollen, dass die USA militärisch die globale Supermacht bleiben, 79 Prozent befürworten, dass die Truppenstärke bleibt, wie sie jetzt ist, oder auch größer wird.

Die Berufsarmee erlaubt den nötigen Spagat, eine große Armee zu halten und selbst nicht beteiligt zu sein. Allerdings sinkt die Bereitschaft bei den jungen Menschen, sich oder ihre Kinder in den Dienst des Pentagon zu stellen. Wenn es um ihre Karriere geht, suchen die jungen Menschen diese zuallerletzt beim Militär. Nur ein Drittel der jungen Menschen würde es begrüßen, wenn ihre Kinder zum Militär gingen. Bei weißen Männern ist die Befürwortung des Militärs noch am höchsten, Frauen und Angehörige von ethnischen Minderheiten sind davon weniger begeistert. Am populärsten ist eine militärische Laufbahn natürlich bei den Bush-Anhängern: bei konservativen Republikanern, den Bewohnern der Staaten im Süden und Mittleren Westen und bei Menschen, die auf dem Land oder in kleinen Städten wohnen. Bei Menschen, die sich als liberal bezeichnen, bei Demokraten, bei Menschen im Nordosten oder an der Westküste sowie bei Menschen, die in den großen Städten leben, ist die Ablehnung am höchsten.

Die abnehmende Lust, selbst etwas mit dem Militär zu tun zu haben, führt Douglas Smith, Sprecher für das U.S. Army Recruiting Command in Fort Knox, darauf zurück, dass immer weniger Menschen selbst militärische Erfahrung haben und so nicht wissen, was sie dort erwartet. Das hieße eigentlich, wer selbst Soldat war, wird auch gerne wieder in den Krieg ziehen und seine Kinder zum Militär schicken. Auch im Kongress bedauert Smith, dass immer weniger Abgeordnete Veteranen sind. Vor 30 Jahren waren das noch 77 Prozent, jetzt sind es noch 25 Prozent. Aber vielleicht schafft ja der Krieg gegen den internationalen Terrorismus, der lange gehen soll, wieder ein neues Interesse am Militär.

Auch das Pentagon ist für das Opt-out-Modell

Um der Attraktivität des Militärs ein wenig nachzuhelfen und besser an die gut ausgebildeten Verächter des Militärs heranzukommen, hat das Pentagon schon des längeren kräftig die Werbetrommel gerührt und beispielsweise auch mit einem Computerspiel versucht, das Interesse der Jugendlichen zu wecken. Auch "SEC. 9528" im "No Child Left Behind Act" will für den notwendigen Nachschub an professionellen Kriegern möglichst frühzeitig sorgen. Damit erhält das Pentagon von allen Schulen, die öffentliche Gelder erhalten, Zugriff auf die Namen, Adressen und Telefonnummern der Schüler, wenn sie erst 15 oder 16 Jahre alt sind.

Damit die Eltern möglichst nicht so leicht darüber stolpern, hat man, wie auch sonst lieber, das Opt-out-Modell vorgezogen. Die Schulen sind verpflichtet, den Eltern auf Verlangen die Möglichkeit zu geben, dass die Daten nicht ohne vorherige schriftliche Genehmigung weiter gegeben werden. Ansonsten muss den für den Eintritt ins Militär werbenden Rekrutierungsmitarbeitern des Pentagon auch derselbe Zugang zu den Schülern wie bei weiterführenden Ausbildungseinrichtungen oder nach neuen Mitarbeitern suchenden Unternehmen eingeräumt werden.

Bevor das Gesetz im Juli dieses Jahrs in Kraft trat, hatten angeblich 2.000 Highschools den Zutritt von Pentagonmitarbeitern zum Werben verboten. Jetzt sollen es gerade noch 35 sein. Das Verteidigungsministerium wollte den Zugang zu den Daten vor allem deswegen, weil die Kosten für die Anwerbemaßnahmen sich in den letzten Jahren verdoppelt haben.

Am 9. Oktober hatten Verteidigungsminister Rumsfeld und Erziehungsminister Paige mit einem Brief an alle Schulen für entsprechenden patriotischen Druck gesorgt. Die Berufs- oder Freiwilligenarmee habe, so schreiben sie, seit 25 Jahren dafür gesorgt, dass Amerika die Freiheit auf der ganzen Welt verteidigen konnte. Um das weiterhin zu gewährleisten, sei man auf die aktive Mithilfe der Schulen angewiesen, damit die Schüler über die Möglichkeiten informiert werden können, die ihnen das Militär bietet. Das würde schließlich beiden Seiten dienen. Beim Militär gäbe es ausgezeichnete Bildungsmöglichkeiten, überdies stärke es den Charakter und fördere Führungsqualitäten. Und im "No Child Left Behind Act" wird schließlich auch mit dem "Troops-To-Teachers Program" dafür gesorgt, dass Militärs nach ihrer Entlassung beim Pentagon als Lehrer an die Schulen gehen können.

Die Pentagon-freundliche Regelung mitten in einem 670 Seiten starken Gesetz wurde bislang von vielen übersehen. Allmählich regt sich erste Kritik. Christoph Anders, Rechtsberater bei der American Civil Liberties Union (ACLU), kritisiert vor allem den mangelnden Datenschutz und fordert, dass die Schülerdaten nur nach vorherigem Einverständnis der Eltern ans Militär weiter gegeben werden dürften. (Florian Rötzer)