Our First Time

Wahrscheinlich nicht das letzte Mal

Ken Tipton alias Oscar Wells hat jedenfalls kurzfristig erreicht, was er wollte: mit einer Meldung, die Aufmerksamkeit erweckt, die Medien und damit die Öffentlichkeit auf eine Website zu lenken, die sich dank der vielen Besucher auch als Werbefläche auswerten läßt.

Der erste Sex im Internet - ein Schwindel?

Ken Titpton hatte bekanntlich auf der Website Our First Time angekündigt, daß zwei Teenager - Mike and Diane - am 4. August vor allen Interessierten ihren ersten Sex haben und ihre Unschuld verlieren würden. Das Ereignis wurde als Web-Premiere ausgegeben. Sehr schnell wurde ein ironisches Plagiat ins Web gestellt: Our First Anal Sex. Vor allem nachdem die Nachrichtenagentur Reuters am 15. Juli die Meldung U.S. teens to lose virginity live on Internet völlig unkritisch verbreitet hatte, stürzten sich auch viele anderen Medien darauf. Abgesehen von einigen Online-Medien wurde die Meldung meist unkritisch übernommen, wie dies bei Agenturmeldungen in der Regel der Fall ist. Die List von Tipton, der immer wieder beteuerte, daß dieser erste Sex im Internet kein kommerzielles Spektakel sei, es nicht um Pornographie ginge, es der sexuellen Aufklärung diene und vor allem wirklich stattfinde, hatte also gewirkt.

Tipton hatte bald Internet Entertainment Group, einen Pornoanbieter, gefunden, der sein Projekt unterstützte, um darüber Aufmerksamkeit auf sich zu lenken und einen Link auf die eigenen Sites einzubauen. Nachdem sich schließlich herausstellte, daß Tipton den Sex der angeblichen unschuldigen Teenager, beide mehr oder weniger erfolglose Schauspieler, gar nicht als Finale zeigen wollte, zog sich IEG zurück und lenkte die Site auf das eigene Porno-Angebot "ClubLove" (bekannt durch den Vertrieb des Pamela Anderson Sexvideos und das 3-Millionen-Dollar-Angebot an Monica Levinsky für Nacktfotos) zurück, zeigte sich entrüstet über die Täuschung der Medien und der Öffentlichkeit und versprach, durch "investigativen Journalismus" für weitere Aufklärung zu sorgen, wodurch man sich wohl versprach, die einmal gewonnene Aufmerksamkeit für sich trotzdem weiter nutzbar machen zu wollen.

Offenbar hat Tipton jetzt aber endlich einen "Sponsor" gefunden, der seine Site weiter betreiben und damit Werbung für sich machen will. "Condomania", eine Firma, die, wie der Name schon sagt, Kondome verkauft, unterhält jetzt die Site und erklärte am 21.7., "daß sie die allseits bekannte Web-Site als ein Mittel verwenden will, um für das Unternehmen zu werben und seine Botschaft des Safer Sex zu vermitteln ... Da wir die Aufmerksamkeit der ganzen Welt haben, hoffen wir, daß wir sexuelle Aufklärung betreiben und die Menschen über Safer Sex informieren können."

Jetzt werden die Leser auf der Site darüber informiert, daß alles nur als eine Art Soap Opera im Web geplant gewesen sei, daß die Teenager Schauspieler sind und daß alles ein mit Drehbuch, das ebenfalls anstatt des "echten" Ereignisses veröffentlicht wird, war, um sexuelle Aufklärung zu betreiben und eine Diskussion um Sexualität auszulösen: "Our First Time ist ein einzigartiges und mutig ausgearbeitetes Ereignis, das die riesige Macht des Internet benutzt, um die Welt zu erreichen und sie aufzuklären. Diese Geschichte ist die fiktionale Erzählung aus dem Leben von zwei Erwachsenen, die während eines Zeitabschnitts von 18 Tagen mit den Konsequenzen ihrer Entscheidung konfrontiert werden, daß die Welt ihnen zusieht, wenn sie sich das erste Mal sexuell vereinen." Noch immer gibt sich Tipton lauter und brüstet sich nicht damit, die Medien geschickt getäuscht zu haben. Weil jetzt die Katze aus dem Sack sei, habe es eben keinen Sinn mehr, die Inszenierung wie geplant durchzuführen, aber man hoffe noch immer darauf, auch wenn die Besucher der Site jetzt nur das gesamte Drehbuch lesen können, daß gleichwohl Diskussionen weltweit stattfinden werden: "Lehnen Sie sich zurück und klicken Sie immer weiter, und teilen Sie Ihre Meinung bitte bei jedem Schritt mit." Aber wenn interessiert das jetzt schon noch, wenn es nur um sexuelle Aufklärung und die Interessen eines Kondomhändlers geht. Brav werden zumindest Links zu diesem, aber auch zu anderen Sites gelegt, die sexuelle Aufklärung anbieten. Interessant ist der Plot und die Reaktion der Medien und der Öffentlichkeit. Eigentlich ein Anlaß, sich zu amüsieren, aber die getäuschten Medien ärgern sich natürlich, in die Falle getappt zu sein. Bestenfalls kommt ein "Alles zurück" - und Schuld sind natürlich immer die anderen, denn die Glaubwürdigkeit darf nicht angekratzt werden.

Natürlich geht es auch um Geld und Ruhm im Zeitalter der Aufmerksamkeitsökonomie, aber das sagt man ja nicht öffentlich. Immerhin schreibt Tipton alias Oscar Wells, der gerne als Nachfahre von Orson Welles gelten würde, als gedachten Abspann für den letzten Tag, an das Finale stattfinden sollte und die Teenager laut Drehbuch dann doch keinen Sex machen, sondern sich nur ewige Liebe schwören:

"Vor 60 Jahren schockierte Orson Welles die Nation durch ein Experiment, das die Macht des neuen Kommunikationsmediums mit dem Namen "Radio" demonstrierte, als er eine fiktive Landung von Marsbewohnern in New Jersey sendete. Während der letzten 18 Tage wollten wir die Welt durch ein Experiment aufklären, das die Macht des neuen Kommunikationsmediums mit dem Namen "Internet" demonstriert. Sie haben sich dafür entschieden, der Geschichte nicht nur im Internet, sondern auch durch Berichte in den Printmedien und im Fernsehen zu folgen. Was Sie anhand der Ihnen verfügbaren Informationen glaubten, war Ihre Entscheidung. Wenn man noch eines festhalten sollte, so ist das der Sachverhalt, daß wir alle unterschiedliche Perspektiven haben, die sich über eine Vielzahl von Themen erstrecken, angefangen von der Religion bis hin zum Sex und zum Leben im Allgemeinen ..."

Daß falsche Nachrichten in die Welt gesetzt und manchmal, wenn sie geschickt inszeniert werden, auch geglaubt werden, geschieht nicht erst seit den Zeiten des Internet, was der "Krieg der Welten" sehr schön zeigt, aber sicherlich verbreiten sich die Informationen schneller und vor allem weltweit. Der Druck des Nachrichtenmarkts, die Aufmerksamkeit möglichst ununterbrechungslos und als erster zu bedienen, um der Konkurrenz standhalten zu können, mag die Schwellen senken, so daß keine Zeit mehr bleibt, die Nachrichten auch zu überprüfen. Die Recherche im Web bietet keine Gewähr für die Authentizität der Nachricht, zumal wenn es sich um ein Web-Ereignis handelt. Bereitet man es nur gut genug auf, so kann man schnell ein Ei ins Nest der gierigen Medien setzen und deren Glaubwürdigkeit damit ankratzen.

Das ist, wie gesagt, nicht nur eine "bösartige" Strategie, wie sie manchmal von politischen Regimen oder von Journalisten selbst betrieben wird, sondern eine Methode, die lange auch schon von Künstlern, Hackern und politischen Aktivisten verfolgt wird. Ein schönes Beispiel dafür ist Joey Skaggs, etwa mit einer Kampagne, die sich gegen die Biotechnologie gerichtet hat: Stop BioBEEP. Auch wenn Our First Time nicht das erste Mal gemacht worden ist, so werden wir auf ähnliche Täuschungen und Medienviren immer wieder treffen. Das mag zwar ein wenig die Glaubwürdigkeit der Medien und Institutionen untergraben, aber das fördert vor allem die Skepsis der Menschen und fordert dazu auf, sich selbst ein Urteil zu bilden - und was könnte dazu besser geeignet sein als das Internet? (Florian Rötzer)