Orthosomnia: Wenn das intelligente Bett immer mehr über den Schläfer weiß
Das ultimative Smart Bed von HiCan. Bild: HiCan
Von Schlaftrackern und Smart Beds in Smart Homes, die Schlafoptimierung versprechen, persönliche Daten absaugen und zu Störungen des sich quantifizierenden Menschen führen
Wer in ein Smart Home einzieht oder seine Wohnung in ein solches "Intelligentes Haus" umbaut, weiß, dass er/sie und alle Bewohner und Gäste damit zu Datenquellen werden. Wenn miteinander vernetzte Sensoren, Roboter, Geräte, Dinge und Systeme automatisiert oder vom Nutzer bedient bzw. sich an diesen anpassend gesteuert werden, werden eine Unmenge von Daten erhoben und an die Hersteller weitergeleitet, die Einblick in das Leben der Bewohner geben, die sich in einem Smart Home mit der zahlreichen digitalen Dienerschaft kaum mehr zurückziehen können, weil sich die Wohnung oder das Haus zunehmend öffnen.
Zum Trend gehören neben Schlaf-Apps, die den Schlaf überwachen und selbstverständlich optimieren sollen, indem Herzfrequenz, Bewegung, Schlafphasen und Geräusche erfasst werden, auch Smart Beds. Liegt das Smartphone mit der App noch neben dem Bett oder unter dem Kopfkissen oder am Arm wie bei einem Fitnessband, so legt man sich im Smart Bed oder auf einer intelligenten Matratze gewissermaßen in den Schoß von Big Brother, der den Schlafenden beobachtet.
Schlafen im Netz
Da gibt es beispielsweise Matratzen von Eight Sleep, die, auch für Partner unterschiedlich, die Temperatur regeln, indem sie sich angeblich um die persönlich zu jeder Zeit für die wechselnde Körpertemperatur angenehmste Betttemperatur sorgen. Biofeedback-Sensoren und ein KI-Programm regulieren dabei einen neben dem Bett befindlichen Wassertank, um das Wasser in der Matratze zu heizen oder zu kühlen.
Erfasst werden die Körperbewegungen und das Atmen während des Schlafens. Für schnelleres Einschlafen sorgt ein Generator für weißes Rauschen. Die Temperatur dient überdies als Wecker. Die Matratze ist auch in das Hausautomationssystem integrierbar, so dass sich andere Geräte und Systeme wie Licht, Heizung/Kühlung, Kaffeemaschine, Fernseher, Jalousien oder was auch immer verbinden lassen. So könnten beim Aufstehen die Jalousien hochgezogen, im Winter die Heizung angefahren und Radio und Kaffeemaschine angeworfen werden. Und die Matratzen lassen sich auch über Alexa ansprechen, bald werden wahrscheinlich die Betten selbst mit den Benutzern sprechen.
Selbstverständlich werden durch solche "smart beds" erfasst und weitergegeben, wann man zu Bett geht, wie man schläft, ob man Sex hat oder masturbiert, betrunken wegsackt oder beunruhigt ist, ob man sich hin- und her wälzt, schlecht schläft, glotzt, spielt etc.
Die Betten von Sleep Number erfassen mit "biometrischen Sensoren" auch Herzschlag, Atmung und Bewegungen, die Matratzen lassen sich nach gewünschter Härte oder Weichheit einstellen, bei Doppelbetten unterschiedlich, und passen sich angeblich der jeweiligen Körperstellung an, so dass es nicht drückt. Sie können auch geheizt werden. Wenn ein Schläfer schnarcht, kann das Kopfteil hochfahren, um es durch veränderte Schlafstellung zu mildern.
Nach Angaben des Unternehmens lernt das SleepIQ-System die Gewohnheiten der Personen und verwendet adaptive Algorithmen und Vorhersagemodelle, um einen Schlafranking auszugeben und Empfehlungen für Alltagsgewohnten und die Umwelt zu geben. Das SleepIQ-System lässt sich mit anderen Programmen, Apps und Geräten verbinden, um Daten über Bewegung, Ernährung, Temperatur, Tagespläne etc. zu verfolgen und auszuwerten. Alles natürlich nur, um den Schlaf für die Menschen zu optimieren, die die Quantifizierung brauchen, um sich zu orientieren und angeblich gesünder zu leben.
Nebenbei erzeugt und sammelt SleepIQ nach Angaben des Unternehmens sieben Milliarden biometrische Datenpunkte und schickt diese an die Server. Das soll "tägliche Interaktionen mit den Kundendaten ermöglichen und Informationen für die Entscheidungsbildung und Produktentwicklung liefern". Auf der App des Bettes können Profile angelegt werden, die über die von SleepIQ gesammelten Daten auch Namen, Adresse, Geschlecht, Gewicht, Alter etc. umfassen, alles nicht uninteressant für Forschung, Pharmafirmen, Krankenkassen oder andere Firmen, geschweige denn für Hacker und Kriminelle, vielleicht auch für Geheimdienste und Sicherheitsbehörden.
"HiCan is a contemporary and technological cocoon, a private sanctuary where you can enjoy a new concept of lifestyle and comfort. A perfect blend of design and technology to make life experience more authentic." - Werbung für HiCan Smart Beds
Den Kunden wird Optimierung versprochen, sie wissen aber nicht, was wirklich mit ihren Daten gemacht wird. Eine Sprecherin von Sleep Number versichert, das Unternehmen gebe keine biometrische Daten weiter. Bei den Datenschutzangaben heißt es allerdings, dass sie weitergegeben werden können. Anonymisierte Daten können für jeden Zweck verwendet werden. Kunden können die Weitergabe von Daten auch ausschalten, aber dann wird sich das Bett oder die Matratze nicht mehr anpassen und den Schlaf quantifizieren.
Optimierungsstress noch im Schlaf
Sich in die Falle zu begeben, dass das Bett immer besser über den Schläfer Bescheid weiß, kann für die Quantifierungsfanatiker, die "objektive" Daten brauchen, um "richtig" zu schlafen, auch zum Problem werden - wenn das smart bed oder auch nur der Schlaftracker mal ausfallen oder etwa auf Reisen nicht vorhanden sind, auch wenn womöglich Hotels und AirBNB-Unterkünfte bald intelligente Betten zum Personalisieren im Programm haben könnten, um den Kunden Komfort zu bieten und gleichzeitig mehr über sie zu erfahren.
Zum Problem kann es aber auch schon werden, wenn die gemessenen Daten nicht optimal sind und suggerieren, dass die Abweichungen problematisch sein können, oder wenn die Nutzer tagsüber müde sind. Mehr als 10 Prozent der Amerikaner sollen bereits Schlaftracker benutzen - und auch vermehrt zum Arzt gehen, weil sie besorgt über Schlafstörungen oder die Schlafqualität sind. Wissenschaftler haben dem Phänomen schon einen Namen gegeben: Orthosomnia, also richtig Schlafen. Die Menschen würden mit Schlaftrackern zu Perfektionisten werden, die ihr Schlafverhalten optimieren wollen, damit die Schlafüberwacher optimale Daten messen. Das sei so ähnlich ungesund, wie die übermäßige Sorge über gesundes Essen, die zur Essstörung, einer Orthorexia nervosa, führen kann.
Klar wird dabei, dass smarte Überwachungs- und Anpassungstechniken nicht nur Daten absaugen, sondern dass sie durch das Optimierungsversprechen tief in die Lebensführung eingreifen und das Verhalten der Benutzer ändern. Sie werden trotz der angeblichen Personalisierung Normen angepasst, normiert.
Empfohlener redaktioneller Inhalt
Mit Ihrer Zustimmmung wird hier eine externe Buchempfehlung (Amazon Affiliates) geladen.
Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen (Amazon Affiliates) übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.