Öffentlich-Rechtliche senden "Klar": Der Erfolg der AfD verändert das Fernsehprogramm

Logo vom NDR auf einem Gebäude

Bild: Shutterstock.com

"Migration: Was falsch läuft": Über eine Reportage, die einiges richtig macht, aber auf der fallenden Brandmauer sitzt. Dafür braucht es mehr Substanz.

Die AfD verändert das Fernsehprogramm. Neulich noch war eine Sendung, wie sie der Bayerische Rundfunk (BR) und der Norddeutsche Rundfunk (NDR) kürzlich als Auftakt des neuen Reportage-Formats "Klar" präsentierten, im Programm der öffentlich-rechtlichen Sender nicht willkommen.

Jetzt ist das anders.

Der Gedanke, dass der politische Erfolg der AfD etwas mit der Ausstrahlung des Sendung "Migration: Was falsch läuft" am 9. April im NDR zu tun haben könnte, drängt sich schon bei diesem Titel auf. Hieß doch die Maxime im Programm der öffentlich-rechtlichen Sender: Kein Futter für die falsche Seite, bloß nicht Fässer in die Richtung rollen, die den Zulauf für die AfD stärken.

Das neue politische Pfund der AfD: Die Waage wird neu justiert?

Jetzt hat die Partei der Völkisch-Rechten 152 Abgeordnete im Bundestag sitzen und es geht weiter mit Erfolgsmeldungen für das neurechte Milieu. Laut Sonntagsfrage ist sie der Union ganz nah auf die Pelle gerückt. Sehr nah. Nur mehr ein Prozent trennt die AfD in Umfrage-Momentaufnahmen von CDU/CSU.

Dieses politische Pfund hat offenbar zum Umdenken in den Anstalten und Staatskanzleien führen. Die Waage wird neu justiert. Ausgewogene Berichterstattung heißt jetzt: Mehr Anteile für Kritik am Staat, die von rechts kommt. Eine Integrationsleistung, nachdem man sich zuvor, so gut es ging, gegen politische Kampfbegriffe wie "Staatsversagen" abgeschottet hat.

Dieser Begriff fällt häufig und er wird akzentuiert in der Auftaktsendung zum Format "Klar", die schon mit dem Titel eine für den augenblicklichen Journalismus typische Kante versucht: Was falsch läuft bei der Migration.

Ein Erfolg

Klar, dass damit, wie die Reaktionen auch bestätigen, Erwartungen erfüllt werden. Auch mehr als eine Woche nach der Erstausstrahlung – nachts um 22 Uhr – beschäftigt die Sendung noch die Kritiker und hat Aufmerksamkeit. Vielleicht ist sie auch wegen dieser Aufmerksamkeit noch in der Mediathek zu sehen. Auch auf YouTube wurde sie mehr als 200.000 Mal aufgerufen.

Man schaut hin, das ist schon mal ein Erfolg.

Böhmermann attackiert das Framing: "So kann man jeden Irrsinn verkaufen"

Zu den Kritiken: Jan Böhmermann könnte man als den spitzzüngisten bezeichnen, er ist der öffentlich-rechtliche Lieblingsfeind der neuen Rechten, weil er immer wieder zielgenau in deren Wut-Solarplexus trifft.

So waren von ihm für ein Format, das sich schon im Titel der Seite seiner politischen Gegner annähert, auch keine blitzenden Sternchenaugen zu erwarten, sondern eine deutliche Abkanzelung als im Ansatz "falsch", wenn er sich auch hütete, auf Inhaltliches einzugehen.

Böhmermann erkennt ein klares Framing für "rechtspopulistischen Quatsch". Der einleitende Satz der "Klar"-Moderatorin Julia Ruhs – "Was jetzt kommt, wird vielleicht nicht jedem gefallen" – ermögliche, dass "jede noch so große Schweinerei, die einem durch die Rübe geht, jede Dummheit, jede Unmenschlichkeit, jeder Irrsinn (sich) als ernsthaft debattierbares Thema in den Medien verkaufen lässt".

Moderatorin Ruhs zitierte ihn damit auf X, wohl als Zeichen der Offenheit gegenüber Kritikern – ihr Kommentar: "Böhmi mag unser Format nicht".

"Wehe dem, der Kritik an der Asylpolitik übt"?

Dass sich die ARD an einem "konservativerem TV-Magazin" probiert, was ja angesichts des Rufes, den vor Jahren etwa "Monitor München" als Verlängerung von der dauerhaft von der CSU besetzten Staatskanzlei hatte, im Grunde nichts erschreckend Neues ist, beschäftigte Kritiker.

Merkur.de liefert dazu ein Überblicks-Relief.

Seit der Erstausstrahlung von "Klar" am 9. April um 22 Uhr tobt nun ein Streit um die Sendung. Linke Medien wie nd oder taz meinen, dass der "journalistische Standard leiden" würde. Konservative Medien wie Welt oder Apollo News bescheinigen den Kritikern eher "Realitätsschmerzen" und sprechen von einem "neuen Level an Meinungsvielfalt", was "Wahnsinn" sei.

Auf der anderen Seite stehen die "Neuen deutschen Medienmacher:innen": Der Film sei "ein Tiefpunkt in der Berichterstattung" und "ein wilder Ritt durch migrationsfeindliche Narrative". Die NGO regt an, den Redaktionen zu schreiben.

Merkur.de

Es gebe zwar Schwächen in der Sendung, urteilte die bürgerlich-konservative FAZ unter der Überschrift Wehe, du übst Kritik an der deutschen Asylpolitik, aber die Kritik, die sich von erwartbarer Seite erhoben habe, sei "dermaßen unverhältnismäßig, dass sie auf ihre Urheber zurückfällt".

Michael Martens verschont allerdings die Moderatorin Julia Ruhs nicht. Ob sie "wirklich eine unerschrocken-unvoreingenommene Journalistin ist, oder ein One-Trick-Pony, das nur nach einer Seite ausschlägt", werde sich erst zeigen.

Er schreibt von einem "Parforceritt von 45 Minuten", der sich dem ungemein komplizierten Migrationsthema widmet, wo sich "durchaus Schwächen finden können. So bleibt das Ganze weitgehend deskriptiv".

"Die müssen noch üben"

Die Macher der Sendung müssten noch üben, meint Steffen Grimberg. Der leitende Redakteur des KNA Mediendienstes kommentiert die Sendung heute auf Turi2: Sie verfolgt eine Masche, kritisiert er:

Wir sagen 45 Minuten all das und lassen es so stehen, was woanders zwar auch gesagt, aber dann zusätzlich hinterfragt und eingeordnet wird. (…)

Und mal ganz abgesehen davon, welche Narrative von "Grenzen dicht machen" bis "Asylrecht abschaffen" hier vielleicht unbeabsichtigt, aber ziemlich eindeutig bedient wurden: Das ist reichlich unterkomplex und suggeriert einfache Lösungen: Keine traumatisierten Menschen aus den Kriegs- und Krisenregionen dieser Welt mehr rein, Kriminalität runter. Klar!

Steffen Grimberg, Kurz und Knackig, Turi2

Dass man bei "Klar" mit einem "televisionäre Konservatismus" eine gefühlte Lücke im öffentlich-rechtlichen TV-Meinungsspektrum schließen wolle, sei aller Ehren wert, aber man werfe dabei "öffentlich-rechtliche Grundsätze in einer Art und Weise über den Haufen, dass sich die Sendung ihre hämische Resonanz selbst zuzuschreiben hat".

So sind die Reaktion nicht unverhältnismäßig, sondern auf Höhe der Erregung bei diesem Thema, die mit Zuspitzungen und Vereinfachungen verquickt ist?

Der Leitfaden der Sendung

Wer sich die Sendung anschaut, wird wahrscheinlich nicht von neuen Informationen überrascht sein. Emotional geführt werden die Zuseher durch das Schicksal der Familie Kyrath und ihrer Freunde, die den brutalen Tod der Tochter der Familie und ihres Freundes durch einen eingereisten staatenlosen Mann aus dem Nahen Osten verarbeiten müssen. Durch einen Mord "aus niedrigen Beweggründen".

Der Mann wurde zu lebenslänglicher Haft verurteilt, kann aber "nicht abgeschoben werden", wie es der Focus im Februar berichtete.

Diese Geschichte dient der Sendung als ein Leitfaden, um die brenzligen Themen der Migrationsdebatte anzusprechen – illegale Migration, die Kontrolle des Staates über die Einwanderung, Kriminalität, Gewalt. Messerstechereien, die mit Migranten zu tun haben, die Macht von Familienclans, das Klima in Innenstädten, Antisemitismus und eben Abschiebung.

"Klar" gegen den Kontrollverlust

Das ist ein kompliziertes Feld und die Sendung versucht, dieses Feld eingängig zu beackern. Zwar kommen Sätze vor wie: "Natürlich ist die Mehrheit der Migranten anders", aber das nimmt eine Alibi-Stelle ein, ein Standard, der gesagt werden muss.

Man begreift anhand dessen, wie die Sendung die Zuseher durch das Thema führt, vornehmlich anderes: Dass sie eine Gefahr sind, dass der Staat hier zu viel gewähren ließ. Dass er sich gegen Kritik an einem Kontrollverlust abschottet.

Risiken auf dem Weg

Mit dieser Öffnung, die die Brandmauer gegenüber einem Lager abbaut, indem sie mit dem Thema Migration eine Integrationsleistung gegenüber den Ansagen der neuen Rechten vollbringt, ohne deren Steine umzudrehen, geht man einen anspruchsvollen Weg, der große Risiken hat, wegen der Vereinfachungen.

Endlich ein Ende der "Verengung des Meinungsspektrums" bei den öffentlich-rechtlichen Sendern?

Ja, bitte, aber dann doch so, dass man nicht die Partitur der Wütenden einfach übernimmt. Am Beispiel der USA lässt sich sehen, wie es um Freiheiten von Andersdenkenden steht, wenn jemand an die Macht kommt, der seine politische Vitalität wesentlich aus Ressentiments und Gefühlslagen bezieht, einfachen Geschichten und einfachen, schlampigen Urteilen, die einem Erwachsenen im politischen Gespräch in aufgeklärten Staaten nicht zustehen.