Nikab, Burka und High Heels: Alles das selbe?

High Heels. Foto: Stokpic. Lizenz: CC0

Oder ganz egal?

Tja, da trägt man High Heels, aber mäkelt über Nikab und Burka. Ich auch. Dabei sind weder hohe Schuhe noch die Vollverschleierung der Gesundheit förderlich; es geht um Rachitis und Vitamin D-Mangel versus Bänderriss und Knöchelbruch. Wo ist denn da der Unterschied? Oder gibt es keinen, und man sollte nicht mäkeln?

Nikab. Foto: Ji-Elle. Lizenz: CC BY-SA 3.0

Beide Kleidungsstücke, High Heels ebenso wie Nikab und Burka, erfordern eine gewisse Übung für die Beweglichkeit, es ist schwierig, damit zu rennen oder zu springen, schnell zu handeln oder auch einen Angreifer abzuwehren. Insofern entsprechen sie beide nicht dem Sinn und Zweck von Kleidung, zu schützen, Bewegung zu erleichtern und dadurch Freiheit zu unterstützen, und genügen in dieser Hinsicht feministischen Ansprüchen definitiv nicht. Im Gegenteil: So betrachtet fördern sie das unemanzipierte, traurige Dasein als, äh, dumme Tusse.

Man kann sie aber auch anders betrachten. Dann stellen beide Kleidungsstücke ein Manifest für die Freiheit dar: Nikab und Burka den Anspruch auf Religionsfreiheit, High Heels den auf sexuelle Freiheit.

Mit High Heels kann eine Frau zeigen, dass sie ein sexuelles Wesen ist, und demonstrieren, dass sie ein Anrecht hat auf Sexualität - was Frauen lange abgesprochen wurde. Die Trägerin von High Heels taucht aus einer ihr aufgezwungenen Unsichtbarkeit auf und entschreitet ihr.

Wenn es gut geht. Erotische Kleidung birgt aber auch zwei Risiken: Erstens die Demonstration - falls das hier noch das richtige Wort ist - der Anpassung einer von außen an Frauen heran getragene Rollenerwartung, nämlich die der schwachen Frau, die sich schmückt. Dann schmückt sie sich nicht für sich selbst, sondern weil "die Gesellschaft" es von ihr so erwartet. Da wären wir wieder, von hoher feministischer Warte aus betrachtet, bei der dummen Tusse.

Zweitens behaupten grenzüberschreitende Männer gern einmal: "Die wollte das ja gar nicht anders! Hat sie doch deutlich gezeigt! Hat provoziert!" Das ist eine gewollte Fehlinterpretation und der Versuch, eine Emanze auf High Heels in die Unsichtbarkeit zu zwingen. Nur der Kerl hat Sex zu wollen und nur er darf es zeigen.

Warum empfindet man bei Frauen gerade unpraktische Kleidung als erotisch?

Für das Tragen erotischer Kleidungstücke wie High Heels, empfindliche Kleider oder enge Hosen ist noch etwas anderes nötig: Zivilisation. Wer sich so kleidet, kann schlechter fliehen oder kämpfen, und braucht zudem befestigte Wege. Was natürlich auch die Rückfrage aufwirft: Warum empfindet man bei Frauen gerade unpraktische Kleidung als erotisch? Und ändert sich in schlechten Zeiten das Schönheitsideal in Richtung kräftig (die Frau) und pragmatisch (ihre Kleidung)?

Nikab und Burka sind, unterstelle ich, ähnlich unpraktisch wie High Heels. Ich kenne mehrere Männer, Journalisten um die 50 Jahre, die verschleierte Frauen höchst erotisch finden, weil sie etwas verbergen, sagen sie. Ein Mädchen mit Kopftuch, das die Blicke senkt, heizt vielleicht die Eroberungslust und damit die Phantasie mancher Männer an. Allerdings bezogen sich die Bemerkungen dieser Männer auf elegante Kreuzbergerinnen, die lange enge Röcke, figurbetonte Oberteile und ein eng anliegendes Kopftuch tragen, möglichst noch mit einem Duttkissen oben am Hinterkopf, unter dem Kopftuch. Hohe Absätze sind da übrigens auch verbreitet.

Mit Nikab und Burka ist es etwas anders, sie sind weit und verbergen die Trägerin. Und was die Gesundheit betrifft: Sie mögen in Ländern geeignet sein, in denen die Sonne viel und intensiv scheint, in denen Frauen sich in eigenen Höfen draußen aufhalten können und genug Licht für ihren Vitamin D-Stoffwechsel bekommen. Aber im trüben Mitteleuropa? Ich bezweifle es.

Wenn ich eine Frau sehe, die ihr Gesicht verbirgt, empfinde ich das als grobe Unhöflichkeit

Natürlich, eine Frau mit solch einer Bekleidung verbirgt ihren Körper, niemand kann mäkeln, weil sie etwa ein Bäuchlein, kurze dicke Beine oder einen besonders großen oder kleinen Busen hat. Man sieht zu wenig. Das schenkt Freiheit gegenüber gesellschaftlichen Zwängen. Aber Nikab und Burka verbergen auch das Gesicht. Das hat eine besondere Wirkung, zumindest in Mittel- und Westeuropa. Diese Wirkungen entstehen durch Empfindungen des Gegenübers. Meine Empfindungen sind durch meine "deutschen" Gefühle bestimmt und durch mein westliches Weltbild geprägt. Wenn ich eine Frau sehe, die ihr Gesicht verbirgt, empfinde ich das als grobe Unhöflichkeit.

In erster Linie gegenüber Männern, denen sie meiner Ansicht nach sexuell schmutzige Gedanken unterstellt. Wichtig ist dabei die Bewertung als schmutzig. Nach dem Motto: Ich will Dich ficken und benutzen. Danach musst Du verschwinden. Und was hast Du hier überhaupt zu suchen? Willst Du vergewaltigt werden? Du Hure!

In zweiter Linie empfinde ich das Verbergen des Gesichtes als Unhöflichkeit gegenüber mir, die ich solche Blicke und Gedanken aushalte, ertrage: mir, die ich mich nicht für schmutzig halte, die ich mich gegen solch eine Unterstellung verwahre, die ich behaupte, dass eigentlich der Schauende derjenige ist, welcher schmutzig ist, und die ich bestreite, dass ich durch schmutzige Blicke besudelt würde, oder dass die Ehre meiner Familie durch schmutzige Blicke, die mich treffen, verletzt werden könnte.

Aber vielleicht habe ich auch nicht recht, vielleicht sind meine Gefühle falsch, und die Frau mit Burka oder Nikab will bloß ein Gebot des Korans befolgen. Und dass die Mehrzahl der Muslime den Koran anders auslegt, und die meisten Musliminnen nicht Nikab oder Burka, sondern irgend eine andere Kopfbedeckung tragen, oder gar keine, heißt nicht automatisch, dass sie recht haben.

Dennoch, ich finde, dass High Heels eher eine Freiheit und eine Verbindung zur Demokratie ausdrücken, als Nikab oder Burka. Sie zeigen die emotionale innere Sicherheit, nicht angegriffen zu werden und sind insofern eine, zugegebenermaßen etwas überraschende Verbindung zwischen Freiheit und Sicherheit.

Es ist eben doch nicht ganz egal. (Ulrike Heitmüller)

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