Nigerianische Behörden wollen Boko-Haram-Hintermann festgenommen haben

Austauschvorschläge und Anschläge auf Kirchgänger

Ein Sondereinsatzkommando der nigerianischen Armee hat am Montag einen Geschäftsmann festgenommen, der beschuldigt wird, einer der Hintermänner der Entführung von 276 Schulmädchen zu sein (von denen sich nach aktuellen Erkenntnissen der Regierung noch 219 in den Händen der salafistischen Anti-Bildungs-Sekte Boko Haram befinden). Außerdem wird ihm vorgeworfen, an mehreren Bombenanschlägen beteiligt gewesen zu sein und die Ermordung des Emirs von Gwoza geplant zu haben.

Inwieweit die Vorwürfe zutreffen, ist offen. Dafür spricht, dass die Festnahme auch für die Behörden peinlich ist: Der Geschäftsmann leitete nämlich eine Bürgermiliz, die von der nigerianischen Armee mit Waffen und Geld versorgt wurde. Hätte man einen bloßen Sündenbock verhaften wollen, dann hätte sich möglicherweise ein passenderes Opfer gefunden. Außerdem wurden zwei Frauen festgenommen, die angeblich Kasernen ausspionierten und ihr Wissen an Boko Haram weitergaben.

Ob die Festnahmen den Terror eindämmen können, ist fraglich: Einen Tag nach der Festnahme, am Dienstag, sprengten die Terroristen auf einem Markt in Maiduguri einen Lieferwagen in die Luft und töteten dabei mindestens 15 Menschen. Am Sonntag hatten sie in Kwada, Katagau und Kautikari, drei Dörfern in der Nähe der Stadt Chibok, christliche Gottesdienste überfallen und dabei über 50 Kirchgänger und Passanten umgebracht. Außerdem steckten sie wie üblich zahlreiche Häuser in Brand. Soldaten, die die Dörfer schützen sollten, hatten vorher Reißaus genommen.

Löseforderung nigerianischer Frauenentführer: Sangarinder. Foto: Jean. Lizenz: CC BY 2.0.

Ebenfalls offen ist, ob die Festnahmen den Behörden bei der Befreiung der insgesamt mehr als 300 Boko-Haram-Geiseln weiterhelfen. Die 219 Schulmädchen unter den Geiseln sorgen nicht nur in Europa und den USA, sondern auch in Nigeria selbst weiterhin für viel für Aufmerksamkeit unter Prominenten. Bei einigen davon drängt sich jedoch der Verdacht auf, dass diese Aufmerksamkeit auch dazu benutzt wird, die eigenen Karriere zu fördern: Die 23-jährige Sängerin Adokiye Ngozi Kyrian bot den salafistischen Entführern in der Zeitung Vanguard News beispielsweise öffentlich ihre "Jungfräulichkeit" an, wenn sie dafür die "hilflosen Mädchen" freilassen, an die sie ständig denken müsse.

Ob Boko Haram daran Interesse hat, ist fraglich - obwohl die Sekte einem Austausch nicht grundsätzlich abgeneigt scheint: Der Salafistenführer Abubakar Shekau hatte im Mai angeboten, die Schulmädchen gegen alle inhaftierten Boko-Haram-Terroristen freizulassen. Und für 20 Fulbe-Frauen, die die Sekte am 5. Juni entführte, verlangte sie dem Bürgermilizchef Abba Aji Khalil zufolge 40 Rinderherden. Der Miyetti Allah Cattle Breeders Association of Nigeria (MACBAN) nach ist so etwas in Nordnigeria nicht ungewöhnlich. Für eine entführte Frau liegt das "Lösegeld" im Regelfall bei 30 bis 40 Rindern. Die Polizei wird bei solchen Verbrechen praktisch nie eingeschaltet. (Peter Mühlbauer)

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