Nigeria: Hilfloses Militär?

Angeblich weiß man, wo die von Boko Haram entführten Schulmädchen gefangen gehalten werden, wagt aber keinen Befreiungsversuch

Am 15. April entführte die salafistische Anti-Bildungs-Sekte Boko Haram 276 Schulmädchen. Das lenkte viel Aufmerksamkeit auf die Terrorgruppe, die vorher trotz Tausender Todesopfer nur wenig Beachtung gefunden hatte.

Am 22. Mai gab US-Präsident Barack Obama bekannt, dass er eine amerikanische Einheit in den Tschad entsandte, die bei der Suche nach den Mädchen helfen soll. Vier Tage darauf verlautbarte der nigerianische Militärchef Alex Badeh, man wisse jetzt, wo die Mädchen gefangen gehalten werden, wolle aber aus Rücksicht auf deren Leben keine Befreiungsversuche unternehmen. Vorher hatte es geheißen, die Schülerinnen seien möglicherweise auf mehrere Boko-Haram-Standorte aufgeteilt worden, damit sie von Aufklärungsflugzeugen schwerer entdeckt werden können.

Der nigerianische Militärchef Alex Badeh.

Ob Badehs Aussage stimmt, ist offen. Nigerianische Militärs erzählten (vor allem in den ersten Tagen nach der Entführung) viel, was sich nachher als unzutreffend herausstellte. Warum diese falschen Erfolgsmeldungen verbreitet wurden, ist unklar: Möglicherweise wollten Offiziere, die um ihre Karriere bangten, Zeit gewinnen. In jedem Fall zeigten die Meldungen, dass man im nigerianischen Militär ein eher taktisches Verhältnis zur Wahrheit pflegen kann.

Das muss nicht zwangsläufig heißen, dass Badeh lügt: Vielleicht glaubt er nur aufgrund unzuverlässiger Informanten, den Aufenthaltsort zu kennen. Eine weitere Möglichkeit wäre, dass die Armee weiß, wo die Mädchen gefangen gehalten werden - und dass die Terroristen schon vor der öffentlichen Bekanntmachung wussten, dass die Armee dies weiß. In diesem Falle könnte es taktisch sinnvoll sein, die Sekte in Sicherheit zu wiegen, während man eine Befreiung plant. Oder das Militär weiß nicht, wo sich die Mädchen aufhalten und will die Salafisten mit einer Lüge dazu verleiten, den Standort zu wechseln und sich dadurch vielleicht zu enttarnen.

Sollten sich die Schülerinnen tatsächlich an einem Ort befinden, der den nigerianischen Sicherheitskräften bekannt ist, und sollten diese tatsächlich keine Befreiungsversuche planen, stellt sich die Frage, ob man wirklich nur aus Rücksicht auf die Leben der Mädchen nichts unternimmt: Im Kampf gegen Boko Haram zeigte sich die nigerianische Armee in der Vergangenheit nämlich geradezu grotesk erfolglos. So erfolglos, dass zahlreiche Verschwörungstheorien über eine mögliche Duldung oder Fremdfinanzierung der Terrorgruppe entstanden.

Am Montagabend gelang es Boko-Haram-Terroristen bei einem Angriff auf die Ortschaft Buni Yabi im Bundesstaat Yobe beispielsweise zehn bis 17 Soldaten und 14 oder 15 Polizisten zu töten. Von Toten aufseiten der Angreifer ist bislang nichts bekannt. Auch mit der Moral der nigerianischen Truppen steht es offenbar nicht zum Besten: Als in einer Patrouille der Siebten Division in der Gegend von Chibok zwölf Soldaten ums Leben kamen, rächten sich Soldaten aus der Einheit mit einem Angriff auf das Auto des dafür verantwortlichen Offiziers.

Dass es bei afrikanischen Sicherheitskräften - vorsichtig formuliert - gewisse Defizite in den Fähigkeiten zur Terrorbekämpfung gibt, ist anscheinend auch den USA bewusst: Der New York Times zufolge bilden deshalb Experten der Green Berets und der Delta Force in der Republik Niger, in Mali und in Mauretanien Soldaten aus, die nach dem Vorbild der beiden Eliteeinheiten operieren sollen. Dafür wurde angeblich der Wille der jeweiligen Regierungen geprüft, tatsächlich Terrorgruppen zu bekämpfen, und nicht nur billig an Eliteeinheiten zu kommen, die sich auch anderweitig einsetzen lassen. (Peter Mühlbauer)

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