Neolabourale Fantasy

Das ZDF lässt die Romane von Ken Follett verfilmen

Der Spartensender fürs subventionierte Seichte, das Zweite Deutsche Fernsehen, will mit der Reihe "Weltbestseller" an die Abenteuervierteiler der 1960er und 70er anknüpfen.

Deshalb lobt man in Mainz den überaus erfolgreichen britischen Thrillerautor Ken Follett als "Weltliteratur im besten Sinne: groß, spannend, hochemotional, universell". Allein in Deutschland wurden die Bücher von Follet 15 Millionen mal verkauft. Zusammen mit der Constantin Film AG hat sich das ZDF die Filmrechte gesichert.

Ob das qualitative Anknüpfen an ZDF-Erfolgs-Serien wie den "Seewolf" gelingen wird, ist allerdings mehr als fraglich. Ken Follett ist kein Jack London. Er ist vielmehr das literarische Aushängeschild von "New Labour" und seine Gattin Parlamentsabgeordnete der Blair-Partei.

Folletts bekanntestes Buch erschien 1990. "Die Säulen der Erde", wurde in der ZDF-Show "Unsere Besten - Das große Lesen" auf Platz 3 gewählt. Es spielt im England des 12. Jahrhunderts. Im Mittelpunkt der Geschichte stehen ein Kloster und der Bau einer Kathedrale im fiktiven Ort Kingsbridge. Diesem Kloster erscheint der fleischgewordene "neue Besen" in Gestalt des jungen Priors Phillip, den Follett als Identifikationsfigur präsentiert.

Der vom-Tellerwäscher-zum-Millionär-Mythos ist bei Follett noch einfacher gestrickt als in den Groschenromanen von Horatio Alger: Jeder schafft es immer wieder mit ein bisschen Fleiß und fast ohne Kapital ganz nach oben, egal wie benachteiligt. Und so können sich in den "Säulen der Erde" völlig anachronistische Frauenfiguren aus der vollständigen Mittellosigkeit durch den Handel mit Wolle in wenigen Jahren in den tollsten Wohlstand hocharbeiten.

Dadurch dass Phillip das Pachtsystem für die Klostergüter hin zu einer Art Kopfpauschale verändert, entstehen Schafweiden, wo vorher Ackerland war. Diese Umwandlung schildert Follett als Grundlage eines Wirtschaftsaufschwungs von dem alle profitieren. Neben dem Prior wählt er seine Protagonisten aus allen Schichten, wie etwa den arbeitslosen Steinmetz Tom Builder, der mit seiner Familie hungernd durchs Land zieht. Ihnen allen nutzten die wirtschaftlichen "Reformen" des Priors, auch wenn sie sich anfangs dagegen sträuben: Wer Phillips Rezepten nicht folgt, wie der Klosterbruder Remigius, der nähert sich bald dem Hungertod und bittet reumütig um Wiederaufnahme ins Kloster.

Schafe statt Ackerland ... das kommt einem doch irgendwie bekannt vor. Richtig - das geschah ein paar hundert Jahre später und hatte verheerende Folgen für die Pächter und ihre Nachkommen. Francis Bacon erzählt in diesem Zusammenhang von einem Verfall von "Städten, Kirchen, Zehnten" - also exakt vom Gegenteil der in den Säulen der Erde geschilderten Effekte - und in dem von Heinrich VIII erlassenen Act 25 wird als Begründung der Notwendigkeit einer Regelung angeführt, dass "viele Pachtungen und große Viehherden, besonders Schafe, sich in wenigen Händen aufhäufen, wodurch die Grundrenten sehr gewachsen und der Ackerbau sehr verfallen, Kirchen und Häuser niedergerissen, [und] Volksmassen verunfähigt [sind], sich selbst und Familien zu erhalten".

Phillips Kloster befindet sich durch einen Wochenmarkt und eine Wollmesse in einem Standortwettbewerb mit der Grafschaft Shiring. Der Graf William ist ein brutaler Gewaltherrscher. Er wendet die von Phillip entwickelten Methoden nicht an und wird mit Missernten gestraft. Die Bewohner seiner Grafschaft werden durch Hunger und Elend zu Gesetzeslosen, die Kingsbridge angreifen. Doch Phillip spart nicht an Verteidigungsausgaben und führt auch schon mal einen Präventivkrieg, so dass er dem Ansturm des Elendsheeres standhält. Auch ein Streik der Arbeiter von Phillips Kathedralenbaustelle entpuppt sich als Produkt einer Verschwörung, angezettelt von einem Agenten des unglücklich wirtschaftenden Bösewichts.

Wer das Anfang der Neunziger Jahre las, musste sich wundern, dass so etwas von einem Mitglied der Labour-Partei kam. Zehn Jahre später, nachdem Anthony Blair mit seiner "New Labour"-Ideologie 1997 an die Macht gekommen war, wunderte sich niemand mehr.

Im ZDF wird seit dieser Zeit das Bild eines britischen Wirtschaftswunders vermittelt. Doch bei genauerer Betrachtung brachte die Weiterführung von Margret Thatchers Deindustrialisierungspolitik mit schwurbeligen Schlagwörtern wie "Cool Britannia" dem Land zwar eine Immobilienblase und hohe Konzerngewinne - diese als wirtschaftliche Erfolge bejubelten Effekte verdecken allerdings den Blick auf die Auswirkungen, die Blairs Politik für breite Bevölkerungsschichten hatte: Vielen Menschen geht es in den neu entstandenen Bedienstetenjobs für eine neofeudale Führungsriege aufgrund niedriger Löhne und extrem hoher Preise schlechter als früher.

Im Großraum London sind die Mieten so hoch und die Löhne der "Mac-Jobs" so niedrig, dass sich Lohnempfänger nicht nur Wohnungen, sondern sogar Zimmer teilen müssen. Die Umstellung von Steuer- auf Gebührenfinanzierung bei öffentlichen Einrichtungen, bei der Menschen unabhängig von ihren Einkommen das Gleiche zahlen, brachte weitere Belastungen für die unteren Einkommen. Und vor allem die von Blair eingeführten Studiengebühren schränkten die Möglichkeiten zum gesellschaftlichen Aufstieg noch weiter ein.

Auch die englische Infrastruktur wurde durch private Gebührenabgreifer nicht erneuert, sondern verfällt zusehends: In die weitgehend privatisierte Wasserversorgung investierten die "Investoren" so wenig, dass es im Sommer 2006 bereits zu Wasserknappheit kam - ebenso wenig, wie sie im Mittelalter funktioniert hätten, funktionierten Blairs und Prior Philips Methoden in der Gegenwart.

"Die Säulen der Erde" verkaufte sich extrem gut. Es stieß in die Lücke, die das Verschwinden der Heiligenvitae liess. Sie trösteten mit Wundern. Und auch in den Säulen der Erde funktionieren die Rezepte, die in der Realität nicht funktionieren - was etwas tröstendes hat. Diese Tröstlichkeit beruht aber nur darauf, dass Follett entweder nichts über die Ökonomie des Mittelalters und über die der Gegenwart weiß, oder dass er bewusst fälscht. (Peter Mühlbauer)