Nazivergangenheit: "Beide Lesarten haben mit einer Analyse wenig zu tun"

Wie John Heartfield den Zusammenhang zwischen Kapitalismus und Faschismus illustrierte (Ausstellung, 2009). Foto: MJ Klaver / CC-BY-2.0

Wird "links und rechts außen" der deutsche Faschismus rein ideologisch gesehen? Ein Gespräch mit dem Historiker und Autor Magnus Brechtken. (Teil 2 und Schluss)

Prof. Dr. Magnus Brechtken, stellvertretender Direktor des Instituts für Zeitgeschichte München-Berlin, hat das mehr als 700 Seiten starke Buch Aufarbeitung des Nationalsozialismus. Ein Kompendium herausgegeben.

In 30 Beiträgen schreiben Brechtken und andere Historiker über einführende Perspektiven, Verfolgung und Holocaust, juristische Dimensionen, historische Orte und Erinnerungspolitik, Funktionäre und politische Akteure, Behörden und Auftragsforschung, Medien-Perspektiven, Raubkunst und Restitution, Kontroversen der Gegenwart sowie Kleinkunst und Literatur.

In der Einleitung bietet Brechtken eine Geschichte der Aufarbeitung an – nicht der "Bewältigung", wie es oftmals heißt. In Teil 1 dieses Gesprächs ging es unter anderem darum, wieso das Naziregime nie restlos "bewältigt" ist.

Sie kennen sicher Timothy Snyder.

Prof. Dr. Magnus Brechtken: Ich kenne eine Reihe seiner Texte und die Fach-Reaktionen und Forschungsdiskussionen dazu.

Snyder schrieb im Mai dieses Jahres im Spiegel über das deutsche Zögern bei der militärischen Unterstützung für die Ukraine.

Er sieht den Grund dafür darin, dass Deutschland für seinen Faschismus bei Russland Sühne suche, obwohl dieses selber faschistisch sei und Deutschland und Russland eigentlich beide auf die Ukraine Anspruch erheben beziehungsweise in der NS-Zeit erhoben hätten. Steht das im Widerspruch zu Ihrer Sicht auf die Generationen?

Prof. Dr. Magnus Brechtken: Das ist in meinen Augen keine Forschungserörterung, sondern ein politisches Statement mit einer psychologisierenden Thesenführung. Für die Forschungsdiskussion um Snyder verweise ich beispielhaft auf die Beiträge meines leider viel zu früh verstorbenen Kollegen Jürgen Zarusky oder, wer die englischsprachige Diskussion bevorzugt, auf die ausführlichen Besprechungen etwa von Richard Evans.

Zum politischen Statement kann ich aber gern etwas sagen: Die zögerliche Reaktion der Bundesregierung mit Blick auf die militärische Unterstützung für die Ukraine liegt in erster Linie in bestimmten Gruppen der SPD und deren Bundestagsfraktion begründet.

Sowohl die FDP, ich nenne beispielhaft Frau Strack-Zimmermann, als auch die führenden Köpfe der Grünen, ich nenne beispielhaft Frau Baerbock und Herrn Habeck, als auch die außenpolitisch erfahrenen Personen in der SPD, ich nenne hier beispielhaft Michael Roth, hatten recht schnell eine realistische Vorstellung, dass die Ukraine Unterstützung benötigt.

Wladimir Putin will mit seinem Krieg völkerrechtlich anerkannte – auch von Russland vertraglich akzeptierte – Grenzen verschieben. Man muss nicht den Nationalsozialismus oder die deutsche Erinnerungskultur bemühen, um zu erkennen, dass eine solche Aggression auch uns bedroht. Viel plausibler wäre im Übrigen der historische Vergleich, wenn man daran erinnert, dass Diktatoren wie Putin ermutigt werden, wenn sie mit ihren Aggressionen Erfolg haben.

Es liegt also in unserem heutigen, aus unserer Gegenwart geborenen nationalen Interesse, dass wir die Ukraine – auch mit militärischen Geräten – unterstützen, damit das Land sich gegen diese Aggression wehren kann.

Es ist folglich eher ein Mangel an Geschichtsverständnis und eine generelle Naivität in Fragen der internationalen Politik, wenn einflussreiche Exponenten der SPD-Bundestagsfraktion, ich nenne hier Rolf Mützenich als Beispiel, diese Perspektiven ignorieren.

Mir scheint das weniger aus der Psychologie deutscher Erinnerungspolitik gegenüber Russland zu kommen als aus der Tradition der sogenannten Friedensbewegung und deren Vorstellungen der späten 1970er- und frühen 1980er-Jahre.

Es ist im Übrigen ein Versäumnis der Geschichtswissenschaften, dass sich in den vergangenen Jahrzehnten zu wenige Historikerinnen und Historiker mit der Geschichte der internationalen Beziehungen und der Bedeutung dieser Themen für die Zivilgesellschaft und Öffentlichkeit beschäftigt haben.

Das war jetzt auch ein politisches Statement… Zurück zu Ihrem Buch: In dem geht es auch um die unterschiedliche Aufarbeitung der NS-Zeit von linker und von rechter Seite.

Ich kenne Leute, die in den Fünfzigern geboren wurden, die noch Nazis als Lehrer hatten. Ich dagegen hatte dann ein paar sehr linke Lehrer, fand das aber auch nicht sehr hilfreich. Deswegen fand ich die Analyse dieser unterschiedlichen Blickrichtungen auch sehr interessant.

Prof. Dr. Magnus Brechtken: Wer im öffentlichen Dienst ist, von dem können wir annehmen, dass er oder sie sich im Rahmen der grundgesetzlichen Rechtsstaatlichkeit bewegt. Aber links und rechts außen gibt es weiterhin Versuche, den Nationalsozialismus rein ideologisch zu sehen.

Bei der Linken war das über Jahrzehnte die sogenannte Dimitroff-Formel, die 1935 formuliert wurde: Der Nationalsozialismus wird hier als letztes Gefecht des Monopolkapitalismus interpretiert. In dieser Perspektive geht das nach '45 weiter. Das Schlüsselwort ist Stamokap, Staatsmonopolistischer Kapitalismus.

Der Nationalsozialismus und die Bundesrepublik sind nach dieser Lesart verzweifelte Versuche des "Finanzkapitals", sich gegen die Gesetze der Geschichte zu stellen. Ob Hitler oder Adenauer oder Brandt – sie sind demnach alle nur Instrumente der Monopolbourgeoisie.

In DDR-Geschichtsbüchern oder Werken zur Geschichtsphilosophie finden Sie das bis 1989. Diese Interpretation verharmlost den Nationalsozialismus aus ideologischer Einfalt und missachtet die repräsentative Demokratie ebenso wie die offene Gesellschaft.

Auf der äußeren rechten Seite wird das Jahr 1933 dagegen als eine Art Betriebsunfall einer ansonsten weitgehend positiven deutschen Geschichte gesehen. Oft werden dann Heldengeschichten erzählt, von Arminius über Karl den Großen, Friedrich II. von Preußen oder Bismarck. Auch solche Geschichtsbilder sind eine naive Konstruktion. Der deutsche Nationalismus hat sie seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert geschaffen.

Beide Lesarten haben mit einer Analyse des Nationalsozialismus wenig zu tun; sie sind eher Fantasien, die aus ideologischen Motiven als Geschichten erzählt werden. Sie ignorieren weitgehend die historische Forschung und die empirischen Befunde. Nebenbei bemerkt: Wenn wir Putins Geschichtsbilder analysieren, finden wir vergleichbare Rückprojektionen und Fantasiekonstruktionen.

"Das verlangt Ausdauer"

Unsere Aufgabe ist es, auf das verfügbare Wissen, auf die Ergebnisse von vielen Jahrzehnten Forschung immer wieder hinzuweisen und den Menschen deutlich zu machen: Schau her, das alles ist uns bereits verfügbar, man muss es bitte nur zur Kenntnis nehmen. Wir müssen also Aufklärung betreiben und die Menschen zum Selberdenken anregen.

Das verlangt Ausdauer, weil einfache Weltbilder vordergründig schneller einfache Antworten liefern. Aber man sollte den Menschen schon zutrauen, dass sie aus eigenem Interesse verstehen wollen.

Aber die Betrachtung der Diskurse hat sich geändert. Denken wir an Saul Friedländer. Früher ging es darum, dass Betroffene eigentlich nicht mitreden durften, man musste immer und bei allem distanziert sein. Das kenne ich auch aus dem Journalismus - mir hat mal ein älterer männlicher Journalist erzählt, er finde, dass Frauen nicht über Vergewaltigungen schreiben dürfen. Sicher ein Extremfall.

Heute dagegen sind sehr viele Betroffene im Diskurs, was durchaus eine Bereicherung ist, aber manchmal vielleicht auch kurzsichtig, falls dabei eine analytische Ebene verloren geht. Sehen Sie das auch so bei der Diskussion um die Aufarbeitung, oder ist das etwas anderes?

Prof. Dr. Magnus Brechtken: Auch das ist eine Entwicklung über Zeit. Wie in allen Bereichen der Gesellschaft bedurfte es auch bei der Analyse der NS-Geschichte einer gewissen Bewusstseinsentwicklung, die sich über Jahre und Jahrzehnte aufgebaut hat.

Ich nenne als Beispiel gern das Buch von Raul Hilberg. Hilberg war gebürtig aus Österreich, hatte einen jüdischen Hintergrund, war aber kein religiöser Mensch, und kam als Flüchtling kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs mit seinen Eltern in die Vereinigten Staaten. Seit seinem Studium Ende der 1940er-Jahre hatte er es zu seinem Lebenswerk gemacht, den Mord an den europäischen Juden zu erforschen, erst als Master-Arbeit, dann als Dissertation, und dann in immer weiteren Analysen.

Seine Doktorarbeit war 1955 reif für die Veröffentlichung. Obwohl er 15.000 Dollar Druckkostenzuschuss hatte, was damals sehr viel Geld war, fand er keinen Verlag. In den Vereinigten Staaten war das Interesse am Thema noch gering. Auch Yad Vashem lehnte das Manuskript ab mit der Begründung, es sei zu sehr aus der Täterperspektive geschrieben und vernachlässige die Opfer und deren Widerstand.

Hilberg betonte dagegen, dass man zunächst die Täterperspektive analysieren müsse. Denn die Täter entschieden, was am nächsten Tag geschah, wie sich die Verfolgung fortsetzte. Deren Motive und Handeln galt es erst mal zu analysieren, in den Quellen transparent zu machen, die Fakten zu klären und festzuhalten.

Wenn man diese Grundlagen des Verfolgungs- und Vernichtungsprozesses analysiert und verfügbar hat, lassen sich die Perspektiven erweitern, und die Forschung klärt immer weitere Bereiche.

Das ging zunächst recht langsam voran. Der Begriff "Holocaust" etabliert sich seit den 1970er-Jahren in den USA, vor allem durch einige Konferenzen. Erst mit der Hollywood-Fernsehserie von 1978 findet das Wort weltweite Verbreitung und wird auch in der Wissenschaft zum weithin akzeptierten Begriff für die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden. Die erste wissenschaftliche Konferenz über die Judenvernichtung auf deutschem Boden, also im "Land der Täter", findet 1984 in Stuttgart statt. Dies ist auch das Jahrzehnt, in dem die konkrete Täterforschung sich etabliert.

Christopher Brownings Buch "Ganz normale Männer" ist vermutlich das bekannteste Beispiel. Er zeigt den Weg von "ganz normalen" Polizisten in Hamburg, die im Krieg zu Tätern bei Massenerschießungen werden. Die Differenzierung geht einher mit der Suche nach neuen Quellen.

Browning erschließt Gerichtsakten, andere veröffentlichen Materialien über das Leben im Getto, wieder andere Tagebücher, die den Alltag der Verfolgung deutlich machen. Beispiele sind etwa für Warschau das Ringelblum-Archiv oder das Tagebuch des Adam Czerniaków.

So hat sich die Forschung über die Jahrzehnte entwickelt. Und der von Ihnen genannte Saul Friedländer ist dann deshalb wichtig, weil es ihm intellektuell und literarisch gelingt, uns diese unterschiedlichen Perspektiven gleichgewichtig vor Augen zu führen.

Diese integrierte Geschichte ist neu und eignet sich, um uns die Komplexität sichtbar zu machen. Das war auch das Vorbild für das große Editionsprojekt über die "Verfolgung und Ermordung der Europäischen Juden" in 16 Bänden, das inzwischen abgeschlossen ist.

Forschung braucht Zeit und eine gewisse Anstrengung. Auch Friedländer hat sich, nicht zuletzt durch die Bedingungen seines eigenen Lebenswegs, viele Jahrzehnte forschend und reflektierend mit den zentralen Fragen beschäftigt.

Umfassende Kenntnis und ein wirkliches, nachhaltiges Interesse, die Fragen von den Quellen her zu durchdenken, ist eine Voraussetzung dafür, dass große Werke entstehen. (Ulrike Heitmüller)

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