NSU-Mordserie ungeklärt: Böhnhardt und Mundlos wurden zu Alleintätern erklärt

Seite 2: Absolute Chefsache und eine Tabu-Akte

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Durch den NSU-Ausschuss weiß man, dass manche Personen im NSU-Komplex absolute Chefsache sind und selbst die Bundesanwaltschaft (BAW) die Finger von ihnen lässt: So im Fall von Ralf Marschner, dem Zwickauer Neonazi-Aktivisten, Geschäftsmann und V-Mann des Bundesverfassungsschutzes, der direkten Kontakt zum abgetauchten Trio gehabt hat. Dessen Akte ist selbst für die BAW tabu.

Obwohl an keinem der 28 Tatorte DNA-Spuren oder Fingerabdrücke der mutmaßlichen Täter Böhnhardt und Mundlos festgestellt wurden, stattdessen viel unbekannte DNA, blieb die einseitige Fixierung auf die beiden toten NSU-Männer. Es gab keine anderen Ermittlungsrichtungen.

Mit drastischen Folgen: objektive Erkenntnisse von vor 2011 gelten nicht mehr; die Neuermittlungen sind lückenhaft; viele Indizien passen nicht zusammen. Der BKA-Vertreter musste konsequenterweise im Bundestag viele Antworten schuldig bleiben. Genau wie vor Monaten der Vertreter der BAW, Jochen Weingarten, der gegenüber dem Ausschuss "schwarze Löcher", "schwarze Schluchten" gar, in ihren Ermittlungen eingestehen musste.

Wo waren die 20 Waffen her, die beim Trio gefunden wurden? Eine der Fragen, die das Bundeskriminalamt auch fünf Jahre nach Aufdeckung des NSU nicht beantworten kann.

Systematisch hinterfragen die Abgeordneten die Ermittlungen des BKA seit 2011. Von den 4700 Tagen Untergrund des Trios seien etwa 4500 Tage unbekannt, hat der Ausschussvorsitzende Clemens Binninger, CDU, ausgerechnet: "Wo haben die gelebt? Was haben die gemacht?" BKA-Ermittler Kühn muss passen: "Das ist extrem lückenhaft."

Von Interesse ist die Frage aktuell im Zusammenhang mit der Ermordung des neunjährigen Mädchens Peggy im Mai 2001, nachdem 2016 bei den Überresten des Kindes eine DNA-Spur Böhnhardts gesichert worden war. Wo hielt er sich zum damaligen Zeitpunkt auf? Zschäpes Verteidiger Mathias Grasel hat in München angekündigt, Anfang Dezember die Frage des vorsitzenden Richters Manfred Götzl zu beantworten, ob die Angeklagte etwas zum Fall Peggy wisse.

Ungeklärte Fragen

Ungeklärte Fragen: Warum hielt das Trio noch bis 2003 Kontakt zu Leuten in Ludwigsburg? - Warum diese zehn Mordopfer? - Warum fünf Morde in Bayern? - Warum der Mord in Rostock, der einzige in Ostdeutschland und der einzige im Winter? - Warum endete die Ceska-Serie, das Töten von Migranten mit der Pistole Marke Ceska, im Jahr 2006 nach dem Mord in Kassel, bei dem ein Verfassungsschutzbeamter zugegen war? - Warum endete die gesamte Mordserie im Jahr 2007 nach dem Anschlag auf die zwei Polizeibeamten in Heilbronn? - Warum sollen die Täter dafür von Zwickau nach Heilbronn gefahren sein? - Warum wurden die entwendeten Polizeipistolen nie eingesetzt?

"Wir wissen's tatsächlich nicht und spekulieren", bekennt Axel Kühn, einer der obersten Ermittler, vor den Abgeordneten und muss tief durchatmen: "Man müsste Frau Zschäpe fragen."

Mordserie NSU ungelöst.

Rätsel über Rätsel. "Mit dem Mord in Kassel war das kaum noch steigerbar. In dem Internetcafé sind Menschen und dort wird ein Mord verübt. Mehr Gefahr geht nicht!", so Kühn weiter. Doch es folgte der Polizistenmord in Heilbronn am helllichten Tag auf einem belebten Platz: "Heilbronn fällt total aus der Rolle", und wieder kommt der BKA-Mann zu einer ähnlichen Betrachtung, wie Wochen zuvor auf demselben Zeugenstuhl die Vertreterin der Bundesanwaltschaft Anette Greger. Auch sie hatte vor dem Bundestagsausschuss erklärt, die Tatorte Kassel und Heilbronn seien eigentlich ungeeignete Orte für einen Mord: "Die hätte ich nie ausgewählt", sagte sie damals wörtlich.

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