Mosul: Sunniten vs. Schiiten-Kino und schwierige Ziele

IS-Milizen in Mosul. Propagandavideo, YouTube

Der IS ist in Mosul mafiaähnlich und mit Graswurzel-Bewegungen verankert

Geht es nach Informationen des Niqash-Journalisten Mustafa Habib, so haben die schiitischen Milizen erklärt, dass sie nicht an der Eroberung der Stadt Mosul teilnehmen. Die Hashd-Milizen, auch Volksmobilisierungseinheiten - englisch Popular Mobilization Forces - genannt, sollen sich um die Absicherung der Peripherie Mosuls, um die Verbindungswege kümmern, bestätigen auch andere Journalisten. Gemeinsam ist ihnen, dass sie Wert darauf legen, dass die irakischen Streitkräfte ins richtige Licht gesetzt werden.

Indessen drohen schiitische Milizenführer gegen die Türkei.

"Katastrophaler Einsatz der schiitischen Milizen"

Auch bei der Offensive auf Mosul gibt es Streit über Deutungshoheiten, über Narrative, Storys und den Rahmen, in dem die Ereignisse eingebettet werden, im Marketing-Jargon Framing genannt. Am hitzigsten wird er wie immer auf Twitter ausgetragen.

In den Artikeln, die in großen Medien erscheinen, wird das weitergetragen, mit einer anderen Ausführlichkeit und der Behauptung, dass hier seriös berichtet wird. Zum Beispiel im New Yorker, dessen Artikel den ganz großen Bogen aufspannt, nämlich den des verdeckten Kampfes zwischen Iran und USA, der zum eigentlichen Hauptthema des Projekts Rückeroberung von Mosul gemacht wird.

Die irakische Eigenständigkeit der Regierung oder der Armee findet hier nur auf einer Zwischenebene statt. Im Zentrum steht die Behauptung, dass sich "der Einsatz von schiitischen Milizen als katastrophal herausstellen könnte".

Fluchtkorridore für Dschihadisten: Zusammenhänge zwischen Syrien und Mosul

Gegen diesen Fokus wehren sich Journalisten, die seit langem über Syrien und Irak berichten, wie etwa Elijah Magnier, der betont, dass es sich um eine irakische Operation handelt, die von einer Koalition verstärkt wird - mit Führung und Unterstützung der USA, nicht des Iran. Der Artikel des New Yorker stecke voller Unwissen, er sei in Teilen Sci-Fi. Elijah Magnier gehört zu den schärfsten und kritischsten Beobachtern der US-Politik in Syrien.

Er war einer der ersten, der auf den Zusammenhang zwischen Mosul und Syrien hinwies, dass die Flucht vieler hunderter oder tausender IS-Dschihadisten von Mosul nach Syrien, die Lage für die syrische Regierung und Russland erschweren könnten, was ganz im Sinne der US-Interessen liegt. Der "Dschihadisten-Fluchtkorridor" von Mosul nach Syrien ist auch Thema der russischen Nachrichtenagentur Tass (Rätselraten um Strategie des "Islamischen Staats").

Abzulesen ist daran, dass die militärischen Vorgänge im Irak mit Syrien verbunden sind und dass die Lesart, die sich lediglich auf sunnitisch-schiitische Spannungen, auf die Kino-Konfrontation Iran-USA konzentriert, einiges übersieht: die Rolle des irakischen Militärs, den Versuch der irakischen Regierung, die Kontrolle über ihr Land zurückzugewinnen.

Die lokalen Wurzeln des IS in Mosul

Das ist im Fall Mosul schwierig. Dazu ist der Blick von Aymenn Jawad al-Tamimi interessant. Al-Tamimi liefert seit einigen Jahren Einblicke in die Art, wie der IS das Kalifat aufbaut, wie Schulpläne aussehen, Verwaltungsorder, das Staatswesen. In seinem aktuellen Beitrag schildert er, wie der IS sich - nach seinen Informationen - auf die Offensive auf Mosul vorbereitet.

Dabei zählt er Bekanntes auf, wie die auf der "IS-Medienagentur" Amaq veröffentlichten Selbstmordattentate, die die Angreifer aufhalten sollen, aber auch Interessantes aus anderen Quellen, nämlich dass die Administration des IS in Mosul vorwiegend aus Irakern und Ortsansässigen der Provinz Ninive besteht. Im Unterschied zu Aleppo zeigt sich hier das Bild, dass auswärtige Kämpfer sehr viel weniger eine Rolle spielen.

Al-Tamimi listet Namen und Herkunft von IS-Gouverneuren und anderen leitenden Positionen in der IS-Verwaltung auf, die sämtlich "lokale Wurzeln haben".

Dies passt, wie er selbst erwähnt, zur Vorgeschichte der Eroberung von Mosul im Jahr 2014, die sich auf ein bereits etabliertes Mafia ähnliches Untergrund-Netzwerk stützen konnte.

Der IS hat eine lange Vorgeschichte in Mosul, wie auch die beiden Journalisten Patrick Ryan und Patrick B. Johnson in einem Artikel ausführen, der den "Prolog der Vorgängerorganisation AQI/ISI in Mosul in den Jahren 2005 bis 2010" in die derzeitige Situation mit hineinnimmt - und damit die falschen Einschätzungen und Fehler der USA und der irakischen Regierung.

Klandestine Netzwerke

Daraus schließen sie, dass die jetzigen Eroberer sehr auf die Verbindungen achten sollten, die es in Mosul zwischen örtlichen Gruppen und dem IS gibt. Die Journalisten nennen sie "enabler groups". Sollte dies nicht gelingen, wäre es für den IS ein Leichtes, zu einer aus den Jahren der Insurgency im Irak bewährten Strategie zurückzugreifen: dem Untertauchen in versteckten, nicht leicht aufzudeckenden Netzwerken.

Dass diese Möglichkeiten für den IS in der besonderen Disposition und Vorgeschichte der Stadt Mosul gegeben sind, veranschaulicht ein Porträt der jüngsten Geschichte der Stadt, geschrieben von einer Ortskennerin, die darin einmal auf die sehr konservative Ausprägung des Islam hinweist.

Zum anderen verweist der Artikel auf einen dort ansässigen "Graswurzel-Islam" mit politischer Tendenz, der Anknüpfungspunkte für Salafismus und Fundamentalismus - und damit auch für Dschihadismus - bietet. Dazu komme, aufgrund einer blutig niedergeschlagenen Revolte in der Stadt Ende der 50er Jahre, ein seither schwieriges Verhältnis zur Regierung in Bagdad.

In diese Sonderheiten der Stadt spielen auch soziale Abgrenzungen zwischen der etablierten Bevölkerung und den ärmeren Bewohnern in der Peripherie hinein, wo der Dschihadismus sich am besten verfangen habe.

Spannungen zwischen der sunnitischen Mehrheit und den Schiiten seien erst mit dem von den USA eingeleiteten Machtwechsel 2003 aufgekommen, die dann eingesetzten und gewählten irakischen Regierungen hätten dann vieles sehr falsch gemacht. Dass die Regierung al-Abadi es besser macht, spielt eine große Rolle. (Thomas Pany)