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Moskau-Besuch von Xi Jinping: Zukunft aus einer anderen Welt

Bild: Kremlin.ru / CC-BY-4.0

Keine neue Friedensinitiative fĂŒr den Ukraine-Krieg, aber große Vorhaben fĂŒr eine Zusammenarbeit zwischen China und Russland, die sich gegen die Dominanz des Westens und dessen Menschenrechtsuniversalismus richtet.

Die ganz große, politisch-kĂŒhne Überraschung wĂ€re es gewesen, wenn Xi Jinping von Moskau nach Kiew reisen wĂŒrde, um den ukrainischen PrĂ€sidenten Selenskyj zu treffen. Danach sieht es ganz und gar nicht aus.

Es bleiben nur die Spekulationen, ob es vielleicht zu einem Telefonat zwischen Xi Jinping und Selenskyj kommen kann [1]. Angefacht wurden sie unter anderem von einem Exklusiv-Bericht [2] der Washington Post, gut eine Woche vor dem Besuch Xi Jinpings in Moskau.

Da der ukrainische PrĂ€sident, der bekanntlich vor harschen Worten nicht zurĂŒckscheut, gegenĂŒber China einen sachteren Ton anschlĂ€gt und Interesse an einem guten VerhĂ€ltnis geĂ€ußert hat, blinkte hier die Möglichkeit auf, dass sich ein Fenster auftun könnte.

Der chinesische Friedensplan, in deutschen Publikationen hĂ€ufig in AnfĂŒhrungszeichen gesetzt, stĂ¶ĂŸt im Westen auf Ablehnung, weil China Russlands GebietsansprĂŒche unterstĂŒtzt [3], auch wenn im chinesischen Papier in Punkt 1 die "territoriale IntegritĂ€t aller LĂ€nder" [4] als Grundsatz herausgestellt wird.

China ist aber nicht neutral. Wenn es um die RivalitÀt zwischen den USA und Russland geht, so positioniert sich Xi Jinping eindeutig aufseiten Russlands [5].

Ein GesprĂ€ch zwischen Selenskyj und dem chinesischen Staatschef hĂ€tte, wohl nicht nur nach Ansicht von China-Kennern [6], Relevanz. Gekoppelt an die Hoffnung, dass es einen neuen Pfad zu einer politischen Lösung des Ukraine-Kriegs aufmachen wĂŒrde.

China: Position verbessert

Soweit ist es bis dato nicht gekommen (die wichtigste Rolle fĂŒr eine Bereitschaft zu Verhandlungen dĂŒrfte ohnehin bei den USA liegen). Der Drei-Tage-Besuch von Xi Jinping wird gleichwohl in grĂ¶ĂŸeren Teilen der Welt als ein Ereignis verbucht, das das internationale Standing Chinas weiter bekrĂ€ftigt hat.

So etwa in der Öffentlichkeit Chinas und Russlands, nicht gerade die kleinsten LĂ€nder der Welt. Sowie auch in all den LĂ€ndern, die wie Indien oder SĂŒdafrika auf Partnerschaft mit China setzen oder afrikanischen LĂ€ndern, die enge GeschĂ€ftsbeziehungen mit China haben.

Und wahrscheinlich auch in LÀndern des Nahen Ostens, wo sich China zuletzt eine wichtige diplomatische Rolle eroberte [7]. Woraus nicht nur Iran und Saudi-Arabien, sondern auch Syrien [8] politisches Kapital schöpfen.

In westlichen Bewertungen des Moskau-Besuchs von Xi Jinping liegt der Akzent oft darauf, wie gefĂ€hrlich oder alarmierend [9] sich das russisch-chinesische BĂŒndnis nach dem Drei-Tages-Treffen fĂŒr die von den USA angefĂŒhrte internationale Gemeinschaft auswirkt.

Im Einzelnen wird herausgearbeitet, wie sehr sich in Moskau Putins AbhÀngigkeit von China zeigte und worin sich die Kalkulation der beiden LÀnder unterscheiden, die als gemeinsame Basis die Bildung eines Gegenpols zur westlichen Dominanz haben.

FĂŒr Xi geht die Kalkulation anders (als fĂŒr Putin, Einf. d. A.): Zwar will er dem Westen – allen voran den USA – zu verstehen geben, dass er sich nicht reinreden lĂ€sst, mit wem er sich trifft. Von seinem Besuch ließ er sich daher auch nicht durch den Umstand abhalten, der Internationale Strafgerichtshof seinen Gastgeber mittlerweile wegen Kriegsverbrechen per Haftbefehl sucht. Gleichzeitig darf es nicht so wirken, als wĂŒrde Xi sich vorbehaltlos mit dem Russen gemein machen – eine solche Positionierung könnte die EuropĂ€er vollends ins Lager der Amerikaner treiben, was China vermeiden will.

Spiegel [10]

Das liest man als basale EinschÀtzung des gegenwÀrtigen VerhÀltnisses zwischen Russland und China nicht zum ersten und wahrscheinlich auch nicht zum letzten Mal.

Ausbau der GeschÀftsbeziehungen

Beobachter der asiatischen InteressensphĂ€re rĂŒcken zwar ebenfalls gemeinsame geopolitische und rechtliche Interessen (Ablehnung der UniversalitĂ€t der Menschenrechte [11], wie sie der Westen auf seine Fahnen schreibt), die mit der westlichen Ordnung in Konkurrenz treten, in den Blick, aber eben auch die geschĂ€ftlichen Kooperationen, die in einem großen Spektrum großes Volumen [12] versprechen. Ein Schaubild dazu liefert die Liste der acht prioritĂ€ren Felder der wirtschaftlichen Zusammenarbeit [13].

Neben wenig signalstarken Schlagworten wie dem Ausbau von Handel und Investitionen und gehört auch die Abwicklung von FinanzgeschÀften in lokaler WÀhrung dazu, die Verbesserung von Lieferketten, die Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Energieversorgung und der Technologie und Innovation.

Letztere Kursangaben dĂŒrften US-Amerikaner und EuropĂ€er schon aufhorchen lassen, weil hier eine Gegenreaktion zu den Sanktionen zu erkennen ist, die auf lĂ€ngere Frist eine eigene Dynamik und eine Neugestaltung eines Wirtschaftsraums im Zug hat, der sich von westlichen Interessen und Vorgaben unabhĂ€ngiger macht.

Wie der Ausbau des Wirtschaftsraums aussehen kann, davon vermittelt ein Bericht der Asia Times eine Ahnung. Dort wird unter der Überschrift "China investiert im Fernen Osten Russlands und kauft mehr Treibstoff" davon berichtet, dass China jetzt mehr Öl und Gas aus Russland zu niedrigeren Preisen kaufe [14], dass eine Pipeline (Siberia 2) gebaut werden soll und die weitere Zusammenarbeit das "Finanzwesen, Landwirtschaft, Kernenergie, digitale Wirtschaft, Luft- und Raumfahrt, Nordpol-Erkundung sowie Tourismus und Bildung" einschließen werde.

Das sind weitreichende Absichten.


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-7622248

Links in diesem Artikel:
[1] https://www.politico.eu/article/volodymyr-zelenskyy-play-long-game-xi-jinping-ukraine-russia-war-china/
[2] https://www.wsj.com/articles/chinas-xi-to-speak-with-zelensky-meet-next-week-with-putin-f34be6be
[3] https://asiatimes.com/2023/02/chinas-ironic-reticence-on-land-grab-in-ukraine/
[4] https://www.fmprc.gov.cn/mfa_eng/zxxx_662805/202302/t20230224_11030713.html
[5] https://twitter.com/MoritzRudolf/status/1638411005482139648
[6] https://twitter.com/MoritzRudolf/status/1638411006937554945
[7] https://www.energyintel.com/00000187-0500-da79-a9f7-7daa2dea0000
[8] https://responsiblestatecraft.org/2023/03/21/arab-plan-for-syria-puts-us-and-europe-in-a-bind/
[9] https://responsiblestatecraft.org/2023/03/21/on-xi-putin-visit-the-us-sees-only-threats/
[10] https://www.spiegel.de/ausland/xi-jinping-besucht-wladimir-putin-pomp-fuer-den-lieben-freund-aber-kein-friedenssignal-fuer-die-ukraine-a-a53e4408-067a-4f01-8eca-56d1860cedbf
[11] https://twitter.com/MoritzRudolf/status/1638410982589362177
[12] https://twitter.com/MoritzRudolf/status/1638410979636822018
[13] https://twitter.com/MoritzRudolf/status/1638411002944565249
[14] https://asiatimes.com/2023/03/china-to-invest-in-russian-far-east-buy-more-fuel/