Mit Drohnen gegen Überlebende von IS-Massakern?

In Şengal müssen Überlebende der IS-Massaker täglich mit türkischen Drohnenangriffen auf sich und ihre Einrichtungen rechnen. Foto: ANF

Im nordirakischen Şengal betreibt die Türkei nach eigenen Angaben "Terrorbekämpfung". Selbstverteidigungsstrukturen der jesidischen Bevölkerung wird PKK-Nähe vorgeworfen, da die Partei deren Aufbau unterstützte.

Zuletzt traf es eine Pilgerstätte: Seit 2017 werden immer wieder türkische Drohnenangriffe auf eine Region gemeldet, die wenige Jahre zuvor Angriffsziel von Dschihadisten war, die dort vermeintliche "Teufelsanbeter" vernichten wollten.

Die Region Şengal (arabisch: Sindschar) ist das Hauptsiedlungsgebiet der jesidischen Bevölkerung im Nordirak. Nach den Massakern der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) im August 2014, bei denen nach UN-Angaben mindestens 5.000 Jesiden getötet und rund 7.000 jesidische Frauen und Kinder in die Sklaverei verschleppt wurden, bildeten hier Überlebende Selbstverteidigungsstrukturen. Dabei halfen ihnen auch erfahrene Kader der im Nachbarland Türkei gegründeten Arbeiterpartei Kurdistans (PKK).

Deren Leistung bei der Rettung zahlreicher Jesidinnen und Jesiden sowie Christinnen und Christen wurde damals international und kurzzeitig sogar von Unionspolitikern in Deutschland anerkannt. Trotz des hier seit 1993 bestehenden PKK-Verbots dachte der damalige Unionsfraktionschef Volker Kauder (CDU) sogar laut über Waffenlieferungen an sie nach. Im Nato-Partnerstaat Türkei unter Recep Tayyip Erdogan gilt Şengal jedoch seither als Rückzugsgebiet und Operationsbasis einer "Terrororganisation".

Ankara will Autonomiestatus Şengals verhindern

Aktuell setzt sich der Demokratische Autonomierat Şengals (MXDŞ) bei der neuen irakischen Regierung in Bagdad dafür ein, dass die bestehende Selbstverwaltung der Region dauerhaft anerkannt wird.

Die Anerkennung eines Autonomiestatus für das jesidische Hauptsiedlungsgebiet mit eigenen Verwaltungs- und Verteidigungsorganen wäre nach Überzeugung des Rats "entscheidend für die Beilegung bestehender Krisen" und für "einen souveränen, stabilen, geeinten und demokratischen Irak".

Erdogans islamisch-nationalistische Regierung in Ankara Türkei fürchtet dadurch eine Aufwertung politischer Kräfte, die der PKK nahestehen – und versucht daher unter dem Label der "Terrorbekämpfung", diesen Prozess im Irak auch militärisch zu sabotieren.

Vor diesem Hintergrund kam es am Dienstag erneut zu einem türkischen Drohnenangriff auf Şengal, der sich eindeutig nicht gegen ein militärisches Ziel richtete. Ziel war nach Angaben der kurdischen Nachrichtenagentur RojNews die Pilgerstätte Qubeya Hesin Meman im Zentrum von Şengal. Demnach kam es dort zu einem erheblichen Sachschaden, Tote gab es jedoch nicht.

Ende vergangener Woche waren zwei Drohnenangriffe aus der Region gemeldet worden. Ziele waren laut der kurdischen Nachrichtenagentur ANF ein Wohngebäude im selbstverwalteten Städtchen Xanesor und ein Fahrzeug, das auf der Autobahn 47 in Höhe des südwestlich von Şengal-Stadt gelegenen Dorfes Cidalê (Jaddala) fuhr.

Bereits seit 2017 kommt es in Şengal immer wieder zu Luftschlägen durch türkische Kampfjets und Drohnen, die sich sowohl gegen Einrichtungen und Führungspersonen des Demokratischen Autonomierats als auch gegen die jesidischen Volks- und Frauenverteidigungseinheiten (YBŞ und YJŞ) richten. Bei Todesopfern den handelt es sich nach Angaben kurdischer Medien aber oft auch um Menschen aus der Zivilbevölkerung – teils Überlebende des IS-Genozids von 2014.

Im August vergangenen Jahres wurde in Şengal auch eine Klinik, in der Verletzte vorangegangener Angriffe versorgt worden waren, zum Zielobjekt.

Auch im Norden des Nachbarlandes Syrien geht die türkische Armee gegen Einrichtungen der dortigen Selbstverwaltung vor, der Ankara ebenfalls PKK-Nähe vorwirft. Im August dieses Jahres starben dort vier Mädchen durch einem türkischen Drohnenangriff auf ein Bildungszentrum, das im Rahmen UN-Aktionsplans "zur Beendigung und Verhinderung der Rekrutierung von Kindern" gefördert worden war.

An das Zentrum waren Mädchen verwiesen worden, die sich den Frauenverteidigungseinheiten (YPJ) anschließen wollten, aber das Mindestalter von 18 Jahren noch nicht erreicht hatten. Sie sollten dort zivile Berufe erlernen.

Erdogan sieht dergleichen natürlich nicht als völkerrechtswidrige Angriffe auf Nachbarländer, sondern als grenzübergreifende Militäroperationen - ähnlich wie Russlands Präsident Wladimir Putin den Angriffskrieg auf die Ukraine. (Claudia Wangerin)