Meinungskluft um die Ukraine

Wer über Krieg redet, nimmt an ihm teil

An den aktuellen Debatten über die außenpolitische Berichterstattung beeindruckt vor allem die mangelnde Lernfähigkeit von Medieninstitutionen und Journalisten. Seit der äußerst erfolgreichen Kuwait-Propaganda von Hill & Knowlton oder dem gescheiterten Somalia-Einsatz des US-Militärs im Jahr 1992, als die Öffentlichkeit unter dem Stichwort CNN-Effekt erstmals kritisch diskutierte, welchen Einfluss die Medien auf Kriege haben können, ist bald ein Vierteljahrhundert vergangen.

Vor mehr als zehn Jahren gab der ebenfalls mithilfe einer Propaganda-Operation angezettelte Irak-Krieg den Anlass für zahlreiche wissenschaftliche Analysen wie auch für reichlich journalistische Selbstkritik. Gleichwohl spielt sich - und täglich grüßt das Murmeltier - bei jeder internationalen Krise das hinlänglich bekannte Szenario von neuem ab.

Dabei wäre zu erwarten, dass Journalisten über ein außergewöhnliches Maß an Selbstreflektion verfügen und damit eine der wichtigsten Voraussetzungen für Lernprozesse gegeben ist. Immerhin handelt es sich um eine mit Bewertungen und Analysen beschäftigte Berufsgruppe, die über privilegierten Zugang zu den Interna des Mediensystems verfügt.

Ukrainische Soldaten räumen im Rahmen der "Antiterror-Operation" Straßensperren vor Slawiansk. Aus einem YouTube-Video vom 24.4.

Das Niveau des Medienjournalismus, also der Berichterstattung von Journalisten über Medien, spricht leider eine völlig andere Sprache. Statt Medienkompetenz wird hauseigene PR geboten. Darüber liegt zudem das feinmaschige Netz der Innungs-Solidarität, oder wie Gabriele Krone-Schmalz es formuliert: "Es grenzt ja an Selbstmord, wenn man Kollegen kritisiert." Sie scheint gegenwärtig auch die einzige zu sein, der die Verantwortung von Journalismus für die Meinungsbildung in der gesamten Tragweite bewusst ist

Hundert Jahre, nachdem der erste Weltkrieg ausgebrochen ist, steht man an einer Stufe, wo man ernsthaft Angst haben muss, dass durch eine unprofessionelle Entscheidung, vorbereitet durch unprofessionell arbeitende Medien, etwas passieren kann, das wir alle nicht überleben.

In der hier dargebotenen Dramatik dürfte es einigen ihrer ehemaligen Kollegen leicht fallen, diese Warnung als übertrieben abzutun. Für die Medienwissenschaft und große Teile des Publikums ist jedoch klar, dass die Art der Berichterstattung Kriege legitimieren oder delegitimieren kann und sie dadurch den Verlauf des Konfliktes selbst beeinflusst. Sie kann für "den nötigen Rückhalt in der Bevölkerung und für politische Unterstützung sorgen oder eben dafür, dass beides entzogen wird", so die Medienwissenschaftler Christiane Eilders und Lutz Hagen. Wer über einen Krieg redet, wird dadurch automatisch zum aktiven Teilnehmer am Konflikt.

Meinungskluft statt Wissenskluft

Wie stark Nichtwissen mit der Bereitschaft zu militärischen Lösungen korrespondiert, beschrieben kürzlich drei US-Wissenschaftler im Blog der Washington-Post. Sie hatten Ende März das Publikum befragt, welche Art von Reaktion es sich von der Politik in der Ukraine-Krise erwartet. "Aber mit einem Zusatz: Zusätzlich zu den Standard-Messungen baten wir unsere Interviewpartner, die Ukraine auf einer Karte zu lokalisieren." Das Ergebnis bestätigte zunächst, dass das amerikanische Publikum in internationalen Angelegenheiten mangelhaft informiert ist. Nur einer von sechs Befragten (16 Prozent) war in der Lage, das Land irgendwo innerhalb seiner tatsächlichen Grenzen zu verorten. Dabei lagen Angehörige von Soldaten genau auf dem schlechten landesweiten Durchschnitt (Nur jeder 6. US-Bürger weiß, wo die Ukraine genau liegt).

Das zweite und viel wichtigere Resultat lautet: Je weiter der vermutete Standort der Ukraine von der richtigen Position abwich, desto ausgeprägter war der Wunsch, dass die USA militärisch intervenieren. Die Interpretation der drei Wissenschaftler lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. "Informationen, oder das Fehlen derselben, können die Amerikaner in ihrer Haltung gegenüber der Art von Politik, die ihre Regierung verfolgen möchte, und hinsichtlich der Fähigkeit der Eliten, die Agenda zu prägen, beeinflussen."

In Deutschland scheint die Problemlage aktuell jedoch eine andere zu sein. Während die USA bei außenpolitischer Berichterstattung mit einem stark ausgeprägten Knowledge-Gap zu kämpfen haben, also der Tatsache, dass der Zugang zu Wissen stark von der Einkommensgruppe abhängt, zeigt sich das deutsche Publikum quer durch alle sozialen Gruppen vielseitiger informiert als die Journalisten, die professionell über den Konflikt berichten sollen. Anders als in den USA liegt in Deutschland eine tatsächliche Meinungskluft vor, bei der die Mehrheit der Bevölkerung ihre politische Position nicht in den Medien repräsentiert sieht.

Und die Reihen fest geschlossen...

Die Tatsache, dass Journalisten in Sachen Krisenkommunikation so wenig lernfähig sind, weist darauf hin, dass diesem Problem systematische bzw. institutionelle Ursachen zugrunde liegen. Unter dem Stichwort Rally round the flag wird der Hang von Journalisten, im Falle internationaler Konfrontationen die Distanz zur eigenen Regierung aufzugeben, bereits seit den 1970er Jahren beobachtet. Als eine Ursache beschreibt die Wissenschaft mit gewählten Worten einen Vorgang, den Journalisten umstandslos als "Verschwörungstheorie" zurückweisen, sobald ihn das Publikum äußert: Kriegsbezogene Ereignisse werden in den Medien von politischen Akteuren mit "möglichen Instrumentalisierungsabsichten" regierungsfreundlich aufbereitet, so Martin Löffelholz, Herausgeber des Handbuchs über Kriegs- und Krisenberichterstattung.

In Deutschland wurde der Rally-Effekt während des Kosovokrieges 1999 untersucht. Nachdem Joschka Fischer und Rudolf Scharping den Journalisten erfolgreich einen angeblichen Hufeisenplan serviert hatten, stieg die Popularität der wichtigsten Regierungspolitiker mit Kriegsbeginn sprunghaft an. In den USA lässt sich die Rally round the flag mit jedem Krieg seit Vietnam feststellen.

Auch die Debatte um das so genannte Indexing sollte im Zusammenhang mit internationalen Konflikten jedem Zuschauer und natürlich allen Journalisten präsent sein. Der Yale-Absolvent Lance Bennett hatte 1974 die These aufgestellt, dass kritische Berichterstattung über Konflikte nur dann stattfindet, wenn kritische Argumente von Teilen der politischen Elite vorgegeben werden. Wenn sich die Eliten eines Landes jedoch einig sind, führt das zu einem kriegerischen Konsens in den Medien. Im aktuellen Fall ist es medienpolitisch besonders spannend, das Auftreten von Teilen der deutschen Wirtschaft zu verfolgen.

Nachdem einige ihrer Protagonisten sich öffentlich mit dem Hinweis vorwagten, dass den Interessen der 6000 deutschen Firmen in Russland mit einer weiteren Konfrontation möglicherweise deutlich stärker geschadet wird als etwa den amerikanischen oder sogar den russischen, mussten sie sich von Journalisten grob zurechtweisen lassen.

Als historisch wird zukünftig sicher das Interview von ZDF-Regierungssprecher Claus Kleber mit Siemens-Chef Joe Kaeser gelten. Seitdem werden die wirtschaftlichen Eliten nicht müde, das "Primat der Politik" zu betonen, wenn sie um ihre Meinung zum Konflikt gebeten werden - ein Primat, das der überwiegende Teil der Journalisten quasi von Hause aus zu akzeptieren bereit ist. (Malte Daniljuk)