Mai 2135

Eine freudige Entdeckung im Kanzleramt

"Im Kanzleramt haust eine unbekannte Affenhorde", meldet die Expeditionsleiterin Ou Min Hui ihrem Chef Sun Tsu jun., Beauftragter des chinesischen Politbüros für die Förderung einer naturnahen Landwirtschaft in Westeuropa. Damit scheint die Reagrarisierung und Renaturisierung Mitteleuropas auch wissenschaftlich von Erfolg gekrönt. "Dieser Fund gibt uns erstmalig die Möglichkeit, eine große und gesunde Population wildlebender Primaten in einem ehemals hochindustrialisierten Land zu beobachten und zu erhalten", ergänzt Liu Xiao-qing, Präsidentin der Stiftung "Freunde des Abendlands".

Im Garten des Kanzleramts

Die chinesische Industriepolitik scheint damit eines ihrer überragenden Ziele erreicht zu haben. Nach dem endgültigen Verlust der industriellen Führerschaft Europas im siebten und achten Kondratieff, hatte sich die Weltregierung unter chinesischem Druck entschlossen, die neuen Möglichkeiten, welche die Erwärmung der Erde bot, unternehmerisch zu erschließen, und das zunehmend sich entvölkernde Westeuropa zu einem Zentrum der Nahrungsproduktion umzugestalten.

Mit Nanogehirnen ausgestattete Primaten1 wurden als Reisbauern angesiedelt, um den chinesischen Markt von zwei Milliarden Menschen zu beliefern2. Wie weiter berichtet wurde, funktioniert das von Wolfgang Euchel (dem Enkel eines legendären deutschen Finanzministers) eingeführte Teilpachtsystem, nach dem fünfzig Prozent der Erträge an den chinesischen Staat abzuführen sind, problemlos. "Die deutsche Fiskalkultur scheint auch für Nanoprimaten hochgradig anschlussfähig zu sein." (Euchel)

Im übrigen erfreuen sich die deutschen Lowtech-Industrieregionen München, Stuttgart, Aachen usf., von der Unesco als Andachtsstätten der westlichen Verstandes- und Willenskultur zum Weltkulturerbe ausgerufen, eines regen Zuspruchs chinesischer Touristen, welche Ryachin Air für 50$ return einfliegt - was unter anderem möglich wurde, weil sich die irisch-chinesische Airline billig mit abgeschriebenem Fluggerät aus der Konkursmasse der Lufthansa bedienen konnte.

Als die Chinesen die Offshore-Windräder in der Nordsee erklettern, kommen sie aus dem Lachen nicht heraus. Eine bürgerliche Regierung hatte diese Technologieentwicklung vor über hundert Jahren als "unvereinbar mit den Gesetzen des freien Marktes" deklariert und eingestellt (die Deutschen kaufen heute ihre Windenergie - sie deckt weltweit 70 Prozent des Bedarfs an elektrischer Energie - von hochprofitablen sibirischen und ostasiatischen Standorten).

Deutscher Unternehmensgründer Mitte des 22. Jahrhunderts (nach einer Prognose von The Economist, 6. 12. 2002, Survey Germany).

Bis Westeuropa erneut in der Lage ist, den Pool wissenschaftlicher und technologischer Erkenntnisse zu absorbieren, dürfte eine Regenerationsphase von einem halben Jahrtausend notwendig sein. Dies zumindest schätzen Ökonomen der Weltbank3, aufbauend auf chinesischen Erfahrungen zwischen dem 13. und 20. Jahrhundert4. Erst danach, so vermuten die Experten weiter, dürfte die Region genügend kompetent sein, um eine - dem Gesetz der komparativen Vorteile David Ricardos folgende - Wirtschafts- und Handelsstruktur auf der Grundlage wissensintensiver Ressourcenallokation zu verwirklichen. (Jochen Röpke)