Madrider Behörde stoppt Hungerwettbewerb im Internet

Die von Medien und Mode geförderte Schlankheitssucht fordert immer wieder Opfer

Die Gesundheitsbehörde der spanischen Provinz Madrid beantragte vor dem zuständigen Gericht die sofortige Aussetzung eines obskuren Hungerwettbewerbs. Die Seiten des Großen Ana-Wettbewerbs und www.princesasdeporcelana.es.kz sind nun nicht mehr zugänglich, nur das dazu gehörige Blog ist noch online, auf dem für das Abmagern geworben wird. Die Behörde klagte, dass es keine Altersbeschränkung gegeben habe und der Wettbewerb ein großes Risiko für Jugendliche darstelle, die an Essstörungen litten. Der Wettstreit fördere nicht nur Magersucht, sondern könne sogar tödlich enden. Denn die Schlankheitssucht fordert immer mehr Opfer. Erneut ist am Wochenende in Brasilien ein 14jähriges Mädchen an Magersucht gestorben, das Model werden wollte.

Pro-Ana, so nennen sich die meist weiblichen Befürworterinnen von Magersucht, also der Krankheit Anorexia nervosa. Über die direkte Verbindung mit dem Namen "Anna" wird die Krankheit von den Betroffenen über ihre Personifizierung verniedlicht. Die gesellschaftliche Norm, die Schönheit und Schlankheit zu einem Sinnbild für Gesundheit und Vitalität erhebt, wird damit weiter überspitzt. Diese Norm wird mit dem in einer postmodernen Gesellschaft ebenfalls positiv besetzten Begriff der Selbstverwirklichung verquickt, und damit soll angeblich eine Zufriedenheit geschaffen werden. Die herrsche dann, wenn Herrschaft hinzukommt, die Herrschaft über den eigenen Körper. Bescheinigt wird sie täglich im Spiegel bei der Ansicht der eigenen mageren Erscheinung, die nie mager genug erscheint, weshalb von einer Sucht gesprochen wird. Zur eigenen Bestätigung braucht es natürlich Feinde von außen, gegen die die Souveränität über den eigenen Körper verteidigt werden muss. Letztlich wird so aber der eigene Körper zum Feind, der nicht selten, in einem eigens geschaffenen Belagerungszustand, tödlich ausgehungert wird.

Da das Internet die obskursten Machenschaften hervorbringt, so war es letztlich kein Wunder, wenn auf spanischen Webseiten der Pro-Ana-Bewegung ein obskurer Wettbewerb ausgeschrieben wurde, um sich bei dem gegenseitigen Hungern zwischen dem 13. und dem 27. im Wettstreit gegenseitig anzuspornen. Der "Große Ana-Wettbewerb" war so aufgebaut, dass die Beteiligten die meisten Punkte erhalten, die möglichst wenig oder gar keine Nahrung zu sich nehmen. Für die Teilnahme musste ein Nickname, Alter, Größe, aktuelles Gewicht und Zielgewicht angegeben werden. Ausgezeichnet werden sollten die drei Personen, die in den zwei Wochen am meisten Gewicht verlieren.

Die Punktvergabe "hängt von zu sich genommenen Kalorien, den ausgeführten Übungen und anderen Extras ab", hieß es auf den Wettbewerbsseiten. Wer magere 751 bis 850 Kalorien am Tag zu sich nimmt, hätte demnach auch nur magere zwei Punkte erhalten. Die Punktezahl erhöht sich auf neun bei einer Aufnahme von nur 50 bis 150 Kalorien innerhalb von 24 Stunden. Zehn Punkte erhalten nur die Personen, die keine Kalorien zu sich nehmen. Einen Zusatzpunkt gibt es für die, die sich beim Hungern auch noch sportlich betätigen. Ein Extrapunkt sollte es für 10 Minuten Joggen geben oder wenn Frau oder Mann einen Liter Wasser trinkt. Da die kleinen runden Pillen nicht fehlen dürfen, gibt es zwei Extrapunkte "wenn du deine Pillen oder Vitamine isst".

Wie auf die meisten Pro-Ana-Webseiten, auf denen sich Magersüchtige inzwischen meist nur noch nach Anmeldung austauschen, wird auch hier offiziell vor derlei Praktiken gewarnt. Auf den Wettbewerbsseiten hieß es, man befasse sich mit "Essstörungen, von einem rein persönlichen Standpunkt aus". Hier fänden sich auch "Informationen", denen man "nicht folgen sollte". Doch diese Warnung wird durch den Wettbewerb selbst ad absurdum geführt. Die Masche der scheinbaren Distanzierung ist bekannt und wird auch in Deutschland praktiziert, wie die Kritiker warnen.

Deshalb schritt am Wochenende schließlich auch die Gesundheitsbehörde der Provinz Madrid ein. Sie beantragte beim zuständigen Gericht, den Wettbewerb sofort zu unterbinden. Die Regionalregierung argumentiert damit, dass er nicht einmal auf Volljährige beschränkt sei und sogar Kinder und Jugendliche daran hätten teilnehmen können. Ausgeschlossen seien auch keine Personen, die schon an Essstörungen wie Magersucht oder Bulimie, also der so genannten Ess-Brechsucht, litten. Auch für die Bulimie gibt es mit Pro-Mia eine ähnliche Bewegung wie mit Pro-Ana.

Mit derlei Wettbewerben würde die Anorexie noch gefördert, warnte die Behörde. Die Kriterien des Wettbewerbs und seine Bewertung führe zu einer Ernährung, die unter einer akzeptablen liege, "sie ist nicht gesund und führe zu einer Unterernährung bei einer normalen Frau". Die Beteiligung an dem Wettbewerb könnte sogar zum Tod führen, wurde argumentiert.

Die beiden bekannten Seiten des Wettbewerbs sind seither nicht mehr zugänglich. Die Betreiber schreiben allerdings nur, deren Erscheinen sei ausgesetzt. Ob dies auf ein Vorgehen des Gerichts zurückgeht oder die Betreiber sie selbst gesperrt haben, ist unklar. Eine Anfrage per Email beim Provider wurde bisher nicht beantwortet. Klar wurde durch den Vorfall nebenbei, dass keine Schließung von Webseiten auf Anweisung von Behörden braucht, wie es ein neuer Gesetzesentwurf vorsieht (Konfusion oder Zensur?). Die Seiten mit dem makabren Wettbewerb wurden auch so sehr schnell unzugänglich gemacht.

Das Problembewusstsein gegen die gefährliche Abmagerung wächst

Geprüft wird nun, ob derlei Seiten auch strafrechtlich belangt werden können. 2001 hatte die Suchmaschine Yahoo schon offensichtliche Pro-Anorexie-Seiten und -Communities von seinen Servern entfernt, die zuvor regen Zulauf hatten. Yahoo war sechs Monate von Gesundheitsorganisationen mit Briefen überschüttet worden. Andere Suchmaschinen folgten daraufhin dem Beispiel. Schon damals sollen in den USA sieben Millionen Frauen und eine Million Männer unter krankhaftem Ernährungsverhalten gelitten haben (Magersucht online).

Dass ein Wettbewerb wie in Spanien tatsächlich tödliche Folgen haben könnte, darauf weist der Tod einer Brasilianerin hin. Die 14-Jährige, die Top-Model werden wollte, ist an den Folgen ihrer Magersucht verhungert, weil sie versuchte, ihren knochigen Vorbildern nachzueifern. Maiara Galvao Vieira starb am Samstag in Rio de Janeiro an einer Anorexie, wie nun bekannt wurde. Sie war mit einer Größe von 1,7 Metern gerade noch 38 Kilogramm schwer. Sie ist das fünfte bekannte Opfer in der Modebranche Brasiliens in nur zwei Monaten. Im November und Dezember starben vier weitere junge Frauen im Umfeld des Modezirkus. Das international bekannteste Opfer war das Model Ana Carolina Reston. Sie starb mit 21 Jahren und 40 Kilogramm Gewicht. Ihre strikte Ernährung habe nur aus Äpfeln und Tomaten bestanden, um schlank zu bleiben. Bis zu ihrem Tod habe sie nicht einsehen wollen, dass sie krank sei, sagt ihre Mutter.

Es scheint aber, dass das Problembewusstsein mit der Zahl der Anorexie- und Bulimiefälle wächst. Fünf Millionen Frauen und Männer sollen allein in Deutschland schon an Essstörungen leiden. 3,7 Millionen davon hätten gefährliches Untergewicht. 100.000 Menschen, meist Frauen, litten unter Magersucht und 600.000 unter Bulimie. Die Zahl der Magersüchtigen habe sich in den letzten zehn Jahren verdreifacht.

So waren es zunächst die Veranstalter der Madrider Modewoche Pasarela Cibeles im vergangenen September, die auf die fatale Entwicklung in der Modebrache reagierten, der eine Vorbildfunktion für junge Frauen zukommt. Sie ließen keine Models mehr auf den Laufsteg, deren Body-Maß-Index (BMI) unter 18 lag. Der Body-Maß-Index berechnet sich aus dem Körpergewicht geteilt durch die Körpergröße im Quadrat. Das wären bei 1,75 Meter Länge etwa 50 Kilogramm. Ein Index von weniger als 18,5 gilt als untergewichtig. Anfang Dezember zog nach dem Tod Restons auch eine Modeschau in Brasilien nach.

Mitte Dezember zeigte sich die Entwicklung auch deutlich in Italien. Die Ministerin für Sport und Jugend Giovanna Melandri einigte sich mit Modefirmen auf ein „Manifest gegen die Magersucht.“ Daraufhin vereinbarten das Bürgermeisteramt in der norditalienischen Stadt Mailand mit Designern und Modeagenturen ein Regelwerk, das sich an die Kriterien von Madrid orientiert. Daher dürfen bei der "Moda Donna" im Februar keine Models unter 16 auf den Laufsteg und auch der Body-Maß-Index muss in Mailand über 18 liegen.

Erfolg hat es bei den Männern im Skispringen gegeben. Der Internationalen Skiverband geht inzwischen von einem BMI von 18,5 aus. Da die Springer aber mit Anzug und Schuhen gewogen werden, wird praktisch ein BMI von 20 angewendet. Wer die 20 nicht erreicht, muss mit kürzeren Ski springen und hat dadurch weniger Tragfläche. Seit es hierbei die BMI-Regeln gibt, weisen praktisch alle Sportler den gewünschten Wert auf. (Ralf Streck)