MH-17: Weiter Streit um russische Primär-Radardaten

Im September 2016 zeigte Russland angeblich primäre Radardaten von der Abschusszeit der MH-17

Russland hat nun die Daten im geforderten ASTERIX-Format geschickt, russische Medien schießen nach, das Gemeinsame Ermittlungsteam (JIT) werde sie weiterhin wahrscheinlich ignorieren

Nach dem Abschuss der Passagierflugzeugs MH17 über der Ostukraine, die einen Wendepunkt in der Beziehungen zwischen dem Westen und Russland mit sich brachte, forderte die niederländische Staatsanwaltschaft Russland und die Ukraine auf, die primären Radardaten zu übergeben. In der Ukraine gab es nach Aussagen von Kiew keine Radardaten, weil zufällig an dem Tag keine zivile oder militärische Radarstation aktiv gewesen sei - und das zwei Tage nach dem Abschuss einer ukrainischen Militärtransportmaschine. Dazu gab es keine erkennbaren Nachforschungen seitens des JIT. Aus Russland kamen allerdings auch nur aufbereitete Videobilder und die Vermutung, dass ein ukrainisches Flugzeug die MH17 abgeschossen habe.

Zufällig fand der russische Rüstungskonzern Almaz Ante dann doch die primären Radardaten vom Tag des Abschusses wieder, aufgezeichnet von der Station Ust-Donetsk, 175 km entfernt von der Absturzstelle, hieß es aus Moskau 2016 mit Blick auf die Ukraine und die USA, die angeblich keine Daten besitzen. Die russischen Primärdaten wurden im Fernsehen gezeigt und im September dem Gemeinsamen Ermittlungsteam (JIT) in den Niederlanden zugeleitet - rechtzeitig, wenn auch knapp vor der Veröffentlichung des ersten JIT-Berichts, in dem Separatisten verantwortlich gemacht werden.

Angeblich habe das Radarsystem nichts erfasst, was südlich oder westlich in Richtung von MH17 geflogen sein könnte. Auf den Bildern sei nichts auszumachen, was MH17 gefährlich werden könnte, eine Buk-Rakete aus dem Separatistengebiet hätte man jedoch gesehen, da man auch eine kleine Orlan-10-Überwachungsdrohne zu der Zeit in der Gegend entdeckt habe.

Seitdem gibt es zwischen dem JIT und Russland einen Streit um die Radardaten. Zunächst bemängelte das JIT, die Daten seien nicht in dem gebräuchlichen Format ASTERIX geliefert worden. Das mache es schwer zu sagen, ob die Daten authentisch seien, zudem hätten die Russen keine Gebrauchsanweisung beigelegt, sondern ein Programm auf Russisch, das man erst übersetzen müsse (im JIT-Team arbeiten freilich Ukrainer, von denen alle Russisch lesen können sollten). Aufgrund dessen, so hieß es im Februar 2017, werde die Prüfung lange dauern.

Zudem wurde angemerkt, dass auch dann, wenn auf den Radardaten keine BUK-Rakete zu sehen sei, diese doch geflogen sein könne. Im Juni erklärte so der niederländische Justizminister, dass ein Radar ähnlich wie ein Leuchtturm funktioniere und mit seinem Strahl den gesamten Bereich von 360 Grad abscanne. Es könne also sein, dass je nach Geschwindigkeit, Größe, Standort und Flugrichtung eine Buk-Rakete vom Radar nicht erfasst wird: "Die Tatsache, dass nichts auf den Radardaten zu sehen ist, bedeutet nicht, dass nichts da war", sagte er, gut kontrafaktisch orientiert. Die Russen weisen darauf hin, dass eine volle Umdrehung weniger als 10 s dauere und daher eine Buk-Rakete erfasst worden wäre (MH17: Streit um russische Radarbilder).

Die niederländische Staatsanwaltschaft beschwert sich überdies, dass sie im März 2017 Daten von einer weiteren Radarstation in Buturinskaya angeforderte habe. Russland sei auf die Bitte um juristische Unterstützung aber nicht eingegangen, so die niederländische Regierung auf Fragen aus dem Parlament. Hier wurde auch klar, dass die niederländische Regierung damit rechnet, dass die Untersuchung nicht wie geplant im Januar 2018 beendet werden kann.

Im Nebel der Propaganda

Das Spiel beider Seiten ist undurchsichtig. Jetzt ist Russland wieder einen Schritt weitergegangen und hat der niederländischen Staatsanwaltschaft die primären Radardaten im verlangten ASTERIX-Format mit Benutzungsanweisungen geschickt, berichteten russische Medien am Freitag. Damit habe Russland die fünfte Bitte um Mithilfe erfüllt, wird betont, nachdem die niederländische Regierung die mangelnde Kooperationsbereitschaft Moskaus herausgestrichen hatte.

Zudem merkte Alexander Kurennoy, der Sprecher der russischen Generalstaatsanwaltschaft, an, dass man den Niederländern die Rohdaten übergeben habe, mit der Konvertierung in das ASTERIX-Format würden fast alle Rohdaten verlorengehen. In beiden Versionen würde aber die Behauptung des JIT über die mutmaßliche Abschussstelle der Buk-Rakete bei Pervomaiskoyoe widerlegt werden. Wenn hier eine Rakete in Richtung der aus dem Westen anfliegenden MH-17 abgeschossen worden wäre, "hätte der Utyos-T-Radar die Spuren der reflektierten Signale des Objekts registriert". Russland fordert die Niederlande erneut auf, die zur Verfügung gestellte Information beim Abschlussbericht zu berücksichtigen. Man sei an einer umfassenden Aufklärung interessiert und bereit, jede mögliche Hilfe zu gewähren.

Die Nachricht ging freilich bislang nur in russischen Medien umher. Am Sonntag legte Sputnik nach dem Schweigen noch einmal nach und äußerte die Befürchtung, transportiert über ein Gespräch mit dem Journalisten Ruslan Ostashko, Chefredakteur des Online-Magazins Politrussia.com, dass - so der Titel - das JIT "wahrscheinlich die neuen russischen MH-17-Beweise ignorieren" werde: "Der Westen gibt sich nur mit einem Statement von Russland zufrieden, nämlich dem, das bestätigt, dass wir das Buk-System bereitgestellt haben, mit dem die Boeing-Maschine abgeschossen wurde. Alle anderen Tatsachen, Dokumente und Beweise werden schlicht nicht akzeptiert, weil objektive Fakten und objektive Realität russische Erfindungen sind, um die sich der Westen nicht kümmert." Da wird also gleichfalls wie überall auf Fake-News herumgeritten, die wie immer nur die andere Seite produziert.

So aber bleibt alles im Nebel von Behauptungen beider Seiten, auch wenn man den Eindruck gewinnen kann, dass das JIT die Analyse der angeblichen Primärdaten hinauszieht. Hätte die russische Seite Interesse an einer Aufklärung, könnte sie Daten beispielsweise von einer unabhängigen Expertengruppe auf Authentizität prüfen und auswerten lassen. Offiziell unbeantwortet ist bislang auch die Frage, warum in der Ukraine kein Radarsystem aktiv war. Eine Wartung in Kriegszeiten, als noch ukrainische Militärmaschinen Ziele in der Ostukraine angriffen und dort von Artillerie zwei Maschinen abgeschossen worden waren, klingt kaum glaubhaft. (Florian Rötzer)