Lieben mit 64?

Zum 65. Geburtstag von John Lennon

Der folgende Beitrag ist mehrere Jahre alt und entspricht daher möglicherweise in Form und Inhalt nicht mehr den aktuellen journalistischen Grundsätzen der Heise Medien und der Telepolis-Redaktion. Ausführliche Informationen zu unserer Arbeit und unseren Grundsätzen finden Sie in unserem Leitbild.

Die Frage: "Wirst du mich noch mit 64 lieben?" trällerte einst zu seligen Beatle-Zeiten ein fast sängerknabenhafter Paul McCartney zu opahafter Ragtime-Begleitung. Die Antwort darauf gibt inzwischen längst jede Supermarkt-Klangtapete. Aber John Lennons Witwe wollte es noch mal ganz genau wissen.

Lennon wurde zu Lebzeiten eben mal 40 bevor er auch schon erschossen wurde. So liegen jetzt sein 65. Geburtstag (9. Oktober) und der 25. Todestag (8. Dezember) dicht an dicht nebeneinander, und die stimmungsvoll vorweihnachtlichen Gedenkartikel stehen uns im vierten Quartal des Jahres unmittelbar bevor. Auch an den entsprechenden Absahn-Bemühungen dürfte es nicht mangeln. Am Broadway lief bereits das Musical, "Lennon", dessen klanglicher und sonstiger Abklatsch uns auf DVD und CD noch rechtzeitig zum Nikolaus erreichen dürfte.

Neun verschiedene männliche und weibliche Schauspieler und Schauspielerinnen, bzw. Sänger und Sängerinnen verkörperten dabei unterschiedliche Facetten der Persönlichkeit des einstigen Ober-Beatle. Die Kritiker verrissen das Stück, aber das amerikanische Publikum liebte es. Die minimalistische Theater-Konzeption passte natürlich zu Lennons Witwe und posthumer Rechte-Verwalterin, der minimalistischen Künstlerin Yoko Ono. Aber es ist auch hier so, wie es sonst immer ist: Jahrzehnte nach dem Tod des Komponisten sitzt da immer noch eine Gralshüterin vor dem Gral, die Witwe des seligen Verstorbenen, die bis zuletzt das Große Sagen hat.

Der schwelende Konflikt mit dem einstigen Co-Komponisten McCartney (er ist übrigens erst 63) wird sich dabei vermutlich zu Lebzeiten der beiden nicht gütlich schlichten lassen, umso weniger als Ono und McCartney wie in einem Schachspiel für drei Personen nur darauf warten sich gegenseitig die Augen auszuhacken, um dem Dritten an die Gurgel springen zu können.

Die Geschichte ist bekannt: Wie Paul McCartney in den 80er Jahren einem jungen und scheinbar geistig minderbemittelten Michael Jackson (während der gemeinsamen Arbeit an dem Hit "Say Say Say") dazu riet, sein Geld in Rechten an den Songs anderer Künstler anzulegen. McCartney dachte dabei z. B. an Buddy Holly, an dem er die Rechte besitzt, was Lennon/McCartney vor möglichen Plagiatsklagen schützt. Aber Michael Jackson merkte auf: "Oh, dann kaufe ich mir die Rechte an den Beatles!" Sprach's und tat's. Und weder Yoko Ono noch Paul McCartney haben seither je wieder genug Knete beisammen gehabt, um sich ihr "Eigentum" zurückzuholen.

Und genau dieses Beatles-Paket, einst 40 Millionen und mittlerweile knapp eine Milliarde wert, macht heute Michael Jackson unverwundbar. Die Beatles-Millionen hätten auch damals schon ausgereicht, um für John Lennon einen ganzen Elvis-Tross an Security aufzustellen. Aber Lennon meinte vermutlich, die ständige politische Überwachung durch den FBI sei bereits "Security" genug. Und: bei aller Liebe zu Amerika verstand er seine neu gewählte Heimat, New York, schlechterdings überhaupt nicht. Lennon hatte sogar Probleme mit dem amerikanischen Geld, das auf dem Dezimalsystem beruht. Er verstand nicht Dollar und Cent. Im Gegensatz zum "L. S. D." - "Pfund, Schilling, Pence" - System der britischen Währung, das auf der Zahl 12 beruhte. Lennon war buchstäblich bis ins Mark ein Sohn seiner Heimatstadt. Und: Während die Welt ab 1963 von "Beatlemania" erfasst wurde und alle möglichen Wandlungen durchlief, blieb Lennon eher an einem bestimmten Zufluchtsort in seiner Vergangenheit stehen.

In seinem Kopf herrschte auf ewig ein Zustand, der in etwa "Liverpool, 1958" hieß. Das Datum ist nicht zufällig gewählt. Am 15. Juli 1958 wurde Lennons Mutter von einem betrunkenen Polizisten totgefahren, was für den knapp 18-jährigen ein traumatisches Erlebnis darstellte, das sein ganzes weiteres Leben prägte. Aber auch seine wichtigsten musikalischen Einflüsse aus dem Rock & Roll scheinen ein Abschlussdatum etwa um 1958 zu besitzen. Es war der Höhe- und Endpunkt seiner Zeitgenossenschaft. Interessanterweise verraten auch Paul McCartneys Rock & Roll-Vorlieben ein ähnliches Cut-off Datum. SEINE Mutter verstarb bereits zwei Jahre früher, 1956.

Die Welt, die McCartney in seinen Songs immer wieder besingt und besang, erstreckt sich etwa von der Mitte der Fünfzigerjahre zurück bis in die frühen Ehejahre seiner Eltern, das Tanzkapellenzeitalter. Was Lennon und McCartney psychologisch verband und auch als ein Grundton in vielen ihrer Songs bis hin zu "Let It Be" aufscheint, ist die Trauer und Klage über die Verlorene Mutter, die Sehnsucht zurück nach einer intakten Kindheit, einem Ort der inneren Geborgenheit. Man kann das Kreischen der "Beatlemania"-Mädchen, gerade in Amerika, Anfang 1964, als ein Einstimmen in diesen Großen Trauergesang deuten, der damals, dort, in Amerika, freilich eher dem soeben Verlorenen Übervater, John F. Kennedy, galt. Die Identifikation Lennon/Kennedy, gerade wegen Lennons Ermordung durch einen Lee Harvey Oswaldschen Psychopathen mit der Schusswaffe, ist daher auch für seine Rezeption in Amerika fundamental geblieben.

In New York hatte Lennon sich ein wenig "Normalität" zurück gekauft, die Anonymität in der Großstadt, wie er meinte. "Imagine no possessions" - Stell dir vor, du könntest leben, ohne große Besitztümer, sang er, während ein Stockwerk weiter unten seine Frau, im Stil einer überkandidelten Imielda Marcos, ein ganzes Apartment gemietet hatte, um ihre Sammlung von Pelzmänteln aufzuhängen. Aber für ein paar Spooks mit Sonnenbrillen und Knarre unterm Arm reichte die Knete nicht. Vermutlich wollte er nicht enden wie Elvis.

So lebt Michael Jackson nun das fremde, das von Lennon geborgte Leben weiter, als Schattengestalt, unverwundbar jenseits all seiner so offensichtlichen psychischen und physischen Defekte, ein singender, zerschnippelter Gesichtskrüppel, der sich als "King of Pop" ausrufen lässt, aber nichts zu sagen hat, außer wenn er seine Ängste und Wahnsvorstellungen artikuliert (was freilich auch nicht gerade "Nichts" ist). Der ein großes Talent besitzt, aber trotzdem ohne den Meisterarrangeur Quincy Jones ein Niemand ist. Ein Päderast, vermutlich, aber auch ein selber geschändetes großes Kind, bei dem das amerikanische Justizsystem sich schadlos hält. Vermutlich. Der große Schau-Prozess vernebelte wohl nur das wahre Geschehen im Hintergrund, entrückte es ins Uneinsehbare. Die zähen Verhandlungen mit den Jury-Mitgliedern, die eingekauft werden mussten. Die Richter, die Anwälte, die Zeugen. Wer weiß. Man kann sich dazu alles Mögliche vorstellen. Das Geld der Beatles ist unerschöpflich. Vielleicht kauft es dem Lebensbankrotteur Jackson sogar eine vampirhafte Existenz nach dem Tod - auf Eis gelegt, in einem Cryogenics-Labor.

Und der Beatles-Katalog ist dabei ein wahrhaft teuflisches Ding. Denn je mehr Lennon/McCartney-Songs verkauft werden, umso mehr Geld verdient Michael Jackson, umso wertvoller wird sein Besitz, und umso geringer die Chance, dass Ono/McCartney ihre Verfügungsrechte jemals "zurück"bekommen. Der Hauptgrund, weshalb die Beatles auseinanderbrachen, nämlich, dass sie mehr Kontrolle über ihre jeweils eigenen Songs bekämen, ist damit längst hinfällig geworden.

Und die Motivation, neues oder bisher nicht gesehenes und gehörtes Beatle-Material auf den Markt zu bringen ist ebenfalls entsprechend geschwunden. Man könnte sogar meinen, McCartney & Co hätten mit Absicht die völlig reizlose "Let It Be„Naked"-Doppel-CD auf den Markt geworfen, um den Wert des Beatles-Paketes zu mindern. Indessen zeigte beispielsweise der "Yellow Submarine"-Soundtrack, dass eine moderne digitale Abmischung den alten Songs einmal recht gut zu Gesicht stünde. Und natürlich kamen auch die Bootlegger nach mehr als 30 Jahren aus dem Gebälk und verkauften an Ono/McCartney die alten Bänder von den "Let It Be"-Film-Sessions zurück. Ein legal arrangierter Verkauf der Bänder brachte ihnen deutlich mehr ein als die jahrzehntelangen illegalen Plattenverkäufe. Trotzdem ist das Material damit natürlich schon seit Jahren im Umlauf gewesen, es ist bekannt, bewertbar. Das menschlich zwar untereinander völlig zerstrittene Quartett hatte hier, kurz vor Schluss seiner gemeinsamen Karriere, noch einmal musikalisch einen Höhepunkt an gemeinsamer Spielfreude, musikalischer Erfindungskraft, und vor allem fast gedankenleserischer gegenseitiger Hellhörigkeit vorgelegt. Das erdige Keyboard von Billy Preston gab dem Ganzen noch eine eigene, bluesige Grundierung. Die Aufnahmen gehören zum Besten, was die Beatles an Musik hervorgebracht haben - es sind ihre besten "Live"-("in the studio")-Auftritte.

Sie machen auch auf sehr anschauliche Weise deutlich, wie die Kreativität zwischen McCartney und Lennon, ähnlich den funkenspratzelnden Entladungen in einer Bogenlampe, hin- und herzischt, genauer gesagt, wie Lennons Kreativität immer der Erdung, der Polung bei McCartney - seinem allgegenwärtigen Kapellmeister - bedurfte. Wobei die Mit-Beatles George und Ringo sowieso immer schon ganz von selber wussten, was sie zu spielen hatten.

Wer Bootlegs aus Lennons Solo-Zeit kennt, erinnert sich an buchstäblich Dutzende völlig ziellose Instrumental-Jams, die irgendwann mittendrin von einem völlig frustrierten Lennon abgebrochen werden, wenn er den Schrott, den seine Mitmusiker spielen, nicht mehr erträgt. Doch selbst die genervtesten Momente der allerletzten Beatles-Aufnahmen sind noch getragen von Gelächter, vertrauter Frotzelei, und reiner Spielfreude. Sogar bei völlig abstrusen Aufnahmen wie "What's the New Mary Jane" verspürt man Lust und Vergnügen beim Zuhören. Ebenso gute Laune entsteht bei dem Geblödel von "Geh weg, geh raus!" (dem auf "Deutsch" geradebrechten "Get Back"). Und wenn die Beatles in einer plötzlichen Laune im Studio, um sich aufzulockern, in ein paar alte Rock & Roll-Kamellen einstimmen, wie "Mailman (Bring me No More Blues)" oder "Shake, Rattle & Roll" oder auch "Ain't She Sweet", mit Lennons (wegen Erkältung) röchelnder Alt-Männer-Stimme, dann ist das: Vergnügen pur. Eine der besten Rock-Bands der Welt am Zenith ihres Könnens.

Und man hört kurze Momente lang Lennon "unplugged" - der zur Gitarre Songs vorträgt, von denen man sich ein oder zwei ganze Alben gewünscht hätte. Es sind geniale, fast uralt-traditionelle Bänkellieder. ("Mean Mr. Mustard" und "Polythene Pam", die uns auf "Abbey Road" wieder begegnen, dort allerdings musikalisch aufbereitet und voll entfaltet.) Hier haben wir den seltenen Fall, dass man sich einmal mehr von Lennon, nur mit der einfachsten Skiffle-Klampfe begleitet, gewünscht hätte. Es sind poetische Beispiele des "Mersey Sound", jener poetischen Richtung aus Liverpool, die mit den Namen Brian Patten, Adrian Henry, Roger McGough verbunden ist - die einst eine Revolution in der britischen Lyrik bewirkten, indem sie "das Gedicht" vom Bücherregal herunter und auf die Straße hinaustrugen. Und Lennon ist, ohne je explizit zu irgendeiner literarischen Gruppe oder Strömung dazu gehört zu haben, faktisch, real, ebenfalls ein Vertreter des "Mersey Sound. Seine in Buchform veröffentlichten Texte ("In seiner eigenen Schreibe", "Ein Spanier macht noch keinen Sommer") lassen sich locker neben die Sammlungen der Drei aus Liverpool einreihen.

Die besten Momente in Lennons Nach-Beatles-Zeit addieren sich dagegen bestenfalls zu einer Menge von etwa der Länge einer CD. Dazu gehört das kurze "Best of"-Album "Shaved Fish" und vielleicht ein knappes Dutzend weitere Songs von seinen anderen Platten aus den frühen Siebzigerjahren: "It's So Hard", "Give me Some Truth", "Tight A$", "Meat City", "Only People", "Intuition" oder beispielsweise seine unbeschreibliche - weinerliche, verzweifelte, ganz und gar jenseitige - Karaoke-Transen-Version von "Be My Baby", ursprünglich ein Hit der Ronnettes, einer Girl-Group, aus dem Jahr 1963.

Qualitativ reicht das alles aber kaum jemals über den Pegel einer "White Album" Outtakes-Sammlung hinaus. Und die auf unzähligen Bootlegs - und schließlich auch offiziell von der geschäftstüchtigen Witwe - vorgelegten Heim-Demos demonstrieren es deutlich: Lennon ohne die Beatles war zerfressen vom Frust. Eingemauert in seinen New Yorker Luxusbunker überkam ihn die Sehnsucht nach seiner Rock & Roll-Jugend, die er mit einigen perfekten aber völlig seelenlosen Studio-Musikern wieder einzufangen versuchte. Lee Dorseys "Ya Ya" (Original 1961) klang dann beispielsweise wie ein russisches Kosaken-Ballet, ein Kasatschok mit Betonstiefeln.

Die letzten Aufnahmen, 1980, wirkten dagegen nur noch gespenstisch, wie Vorahnungen auf seine unmittelbar bevorstehende Ermordung. Gerade der Schluss seines letzten Hits, "Starting Over", klingt bereits wie aus dem Sarg gesungen.

Aber was man auch hier wieder nur all zu deutlich heraus hörte war das Fehlen des Partners McCartney, der mit ein paar richtig gesetzten Akzenten etwas Licht und Feuer in Lennons musikalische Clichés hereingebracht hätte. Die Geschichte der Beatles ist voll von Beispielen, wie das Team aus McCartney und Produzent George Martin, ihrer aller Lehrmeister und Ober-Guru, im Studio daran arbeitete, aus drögen Lennon-Vorlagen klassische Songs zu basteln. Beispiele: "The Ballad of John and Yoko", "Tomorrow Never Knows", "Strawberry Fields Forever".

Und etwas anderes hatten die drei Original-Beatles, John, Paul und George noch aus Schulzeiten drauf. Den dreistimmigen Harmoniegesang. Ein besonders hübsches Beispiel dafür ist "Because", mit dem fast kirchenorgelhaft überirdischen frühen Moog-Synthesizer im Hintergrund. Noch deutlicher strahlend, und doch fast noch mehr im Hintergrund verborgen ist der Moog auf McCartneys "Maxwell's Silver Hammer." Es ist diese "unsichtbare" Production eines McCartney, die Lennons eigenen Songs fehlt. In seinem Post-Beatle-Oeuvre gibt es rund 40 ganz hübsche Songs, die der Bearbeitung (durch McCartney) harren - oder harren würden. Zwei relativ gelungene Beispiele dafür gibt es bereits: "Free as a Bird" und "Real Love", die Single samt Videos, die die überlebenden Beatles 1994 aus einer Lennon-Demo Aufnahme von 1977 bastelten.

Aber diese Art der Nachbearbeitung wird es für weitere Lennon Werke nicht geben. Das liegt an der Natur der Widersacher. Erstens weil Yoko Ono an das absolute Genie ihres früheren Mannes glaubt, und an sein kompositorisches Primat gegenüber McCartney - allein schon aus finanziellen Überlegungen daran glauben muss. Und zweitens wegen der Angst, wenn Lennon-Kompositionen nachträglich, posthum, zu Lennon-McCartney-Kompositionen verwandelt würden, dass diese dann den habgierigen Raffgeiern der Firma Jackson in die Klauen fallen könnten.

So steht das Lennon-Solo-Oeuvre gewissermaßen als unfertiger Torso in der Landschaft, und hat auf der Bühne genauso wenig verloren wie auf den unzähligen CDs auf denen es breit getreten wird. Lennons Beitrag zur Musik der Beatles ist ein Jahrhundertwerk; seine Solo-Produktionen dagegen sind nur trauriger Bruch.

Selbst George Harrison, dessen überhaupt genießbare Kompositionen während und nach der Beatle-Zeit zusammen an den Fingern zweier Hände abgezählt werden können - ohne die Daumen zu bemühen - schrieb den einen Hit, der sämtliche Lennon-Hits um etliche Nasenlängen übertrumpfte: "Something". Auch seine von Plagiatsvorwürfen verfolgte Solo-Single "My Sweet Lord" verkaufte sich besser als jeder Lennon Song. Und er hatte Glück: Er bewies ein glückliches Händchen bei der Produktion von Filmen.

Ringo war, wie immer, derjenige, der die Beatles wenigstens äußerlich zusammenhielt, und so gelang ihm auch die Wiedervereinigung der Beatles in einer (seiner) Gestalt, indem nämlich ein jeder der anderen drei extra für ihn eine Reihe von Kompositionen schrieb: "I'm the Greatest", "Goodnight Vienna", "Cooking in the Kitchen" (Lennon), "Photograph", "Sunshine Life", "You and Me", "I'll Still Love You", "Wrack my Brain" (Harrison), "Six O'Clock", "Pure Gold", "Private Property", "Attention" (McCartney). Indessen, Ringos Post-Beatle-Album ist bis heute noch auf keiner Platte gesammelt erschienen.

Die alte Debatte, ob McCartney oder Lennon der "größere" oder "wichtigere" Beatle sei, ist aber mittlerweile längst entschieden, falls der Ausgang nicht ohnehin immer schon klar war. McCartneys musikalische Fähigkeiten waren denen Lennons haushoch überlegen. Auch als Produzent ganz anderer Leute schuf er dauerhafte Hits, siehe "I'm the Urban Space Man" mit der Bonzo Dog (Doo-Dah) Band, oder "Those Were The Days" mit Mary Hopkin (und mehr als ein Dutzend weitere). Man kann sagen, McCartney produzierte auch John Lennon in seiner eigenen Band.

Interessant ist, wie die Dinge weitergingen, nachdem die Beatles auseinanderbrachen. Die erste Platte, die Lennon produzierte, "Plastic Ono Band", war fast durchgängig ungenießbar, erweckte aber international das Interesse der Kritik, die sich noch weiter 20 Jahre lang ernsthaft mit diesem Stück Schrott auseinandersetzte. Auch die zweite Platte, "Imagine", wirkte wie ein Beatles-Teebeutel, über den schon dreimal das heiße Wasser geflossen war

Ringo produzierte fast die beste Beatle-Solo-Platte, "Ringo", mit etlichen #1 Hits. Heute kräht freilich kein Hahn mehr danach. George warf ein wuchtiges 3-LP-Album auf den Markt, "All Things Must Pass", das bis heute als Meisterwerk gilt, obwohl man Mühe hätte, zwei gute Songs darauf zu finden. McCartney produzierte mit seiner Frau Linda eine kleine Pop-Pralinenschachtel, "Ram", die bei ihrem Erscheinen als allzu zuckersüß und inhaltsleer abgekanzelt wurde und bis heute kein lobendes Wort der Kritik erhalten hat, obwohl es sich dabei wahrscheinlich um das vergnüglichste "Nicht-Beatle"/Beatle-Album nach "Abbey Road" handelte. Mit Sicherheit war es das Einflussreichste - legte es doch die Matrix nieder für alle "Queen", "AC/DC", "Badfinger", "Split Enz" und anderen Beatles-Imitations-Bands der nächsten 25 Jahre. Und für McCartneys eigene "Wings" natürlich, die erfolgreichste Pop-Gruppe der 70er Jahre.

Vor allem ist "Ram" deshalb interessant, weil es McCartneys kompositorische Prinzipien erstmals vollständig realisiert. Er brauchte den eher lästigen Input der übrigen Beatles nicht mehr. Es mangelte seiner Musik nun zwar an Lennons Poesie, und an ein paar markanten Stimmen, doch Lindas amerikanisches Teenie-Stimmchen brachte dafür ein Pop-Element hinein, das ausgezeichnet in McCartneys Stil-Mix aus 50er Jahre Kitsch-Pop, Musical, Blues, Swing, Country, Kirchenmusik und überhaupt jeder Art von Klängen dazu passte. Und wenn es auch stimmte, dass McCartney noch aus einem Einkaufszettel einen Hit basteln konnte, so waren seine Texte doch nicht nur der völlige Blechsinn.

Der Text fuhr bei ihm durchaus auf dem Vordersitz mit, aber die Musik saß am Steuer. Und die Musik war ein durchkalkulierter Mix von Informations-Einheiten pro Zeit-Einheit. McCartney verstand, dass es bei der Musik auf einer Schallplatte darauf ankam, das Interesse wach zu halten durch ein ausgeklügeltes Verhältnis von Wiederholung und Variation. So gibt es bei McCartney sicher viele blöde Songs, aber keine langweiligen.

Und was McCartney seit seinen frühesten Tagen konnte (den Text zu "When I'm Sixty-Four" schrieb er mit 16) war, welthaltige Songs zu schreiben, die immer schon auf einer imaginären Bühne spielten. Jeder seiner Songs erzählte eine ganz eigene, originelle, kleine Geschichte. Lennon schrieb meist ich-bezogene Zustandsschilderungen - über weite Strecken mehr oder weniger immer den gleichen Song - und zog dahinter unterschiedliche Kulissen ein. Die Chuck Berry-Kulisse bei "Drive My Car", die Melina Mercouri-Kulisse bei "Girl", die John Sebastian-Kulisse bei "Crippled Inside". Bei McCartney wandelte sich, was vielleicht als ein Stück jiddische Musik begonnen hatte, zu "Penny Lane", "Hava Nagila" tauchte in verwandelter Form im Abspann von "Hello Goodbye" auf, und was zwei oder drei Takte lang auf Milt Jackson's Vibraphon beim "Modern Jazz Quartet" an ihm vorbeischwebte, kam bei im umgehend wieder als "Michelle" heraus.

Der gegenseitige musikalische Ideen-Klau war und ist übrigens in der Pop-Musik das übliche Prinzip der Kreativitätsförderung. Die gesamte Pop-Riege der 60er Jahre bediente sich bei den Beatles, und sie bedienten sich ihrerseits. Als Donovan 1965 sein innovatives "Sunshine Superman"-Album aufgenommen hatte, riet ihm sein Produzent, Mickey Most: "Zeig es nicht McCartney." McCartney war als besonders diebische Elster bekannt. Aber irgendwann - spätestens auf dem "White Album" - legte sich das. McCartney konnte dann auf einmal alles, und brauchte niemandem mehr etwas abzubrechen. Er brauchte nicht einmal mehr Lennons Texte, weil seine eigenen - ob hohe Dichtkunst oder nicht - vollends genügten. Im Notfall konnte er immer auch sein eigener Lennon sein (Beispiel: "Let Me Roll It" auf "Band on the Run").

Und so kommen wir am Schluss zu der vielleicht überraschenden Einsicht, dass Lennons Songs auf der Bühne höchstens eingeschränkt tauglich sind, während McCartneys Solo-Produktionen ein Füllhorn der buntesten Erfindungen bieten, aus denen man mühelos ein halbes Dutzend Erfolgs-Musicals basteln könnte. Andererseits, weil die Bit-Dichte bei McCartney-Songs so viel höher liegt als bei Lennons Gesängen ist BÜHNE vielleicht auch nicht unbedingt das einzig richtige Medium. Es gibt bei ihm die Bühnensongs und Show-Tunes in Hülle und Fülle, wie "No More Lonely Nights", "Waterfalls", We All Stand Together, "A Love So Warm and Beautiful", "Single Pigeon". Im Grunde ist aber McCartneys Musik nur vergleichbar mit den Kompositionen eines Raymond Scott, die wegen ihrer "verrückten" Klangfülle die Hintergrund - und Begleitmusik für Hunderte von Bugs Bunny und anderen Trickfilmen abgab. Die geeignete Bühne wäre also hier das Kino bzw. die DVD. (nicht das Video).

Jetzt, nachdem die Computer-Animationstechnik ("Madagaskar", "The Incredibles") den Grad an Komplexität erreicht hat, der für eine filmische Umsetzung der McCartney-Songs notwendig wäre, fehlt nur noch, dass es jemand tatsächlich mal MACHT. Das Musical steckt dabei weniger in den eigentlichen Hits, als in den Sachen, die ein wenig daneben liegen: "Uncle Albert/Admiral Halsey" z. B., oder die Katzen aus "Hi Hi Hi", und natürlich das wunderbare "Monkberry Moon Delight". Und dazwischen die echten Vollkitsch-Nummern, wie "Girlfriend", oder "Tomorrow".

Die alte Frage: "Wirst du mich noch lieben, wenn ich 64 bin?" lässt sich also eindeutig beantworten, sowohl in Richtung Lennon als auch in der von McCartney. Mit einem:: "Wie kommst du eigentlich auf die Zahl 64?"

PS: McCartneys neueste CD liegt bereits rechtzeitig für den Weihnachtseinkauf bereit. (Tom Appleton)