"Leute verhört, weil sie meinen Status auf Facebook geteilt haben"

Erstes Video im Jahr 2014 – über Terror in Odessa

Und wie kommen Sie an Material aus der Ukraine? Sie haben einen sehr engen Bezug zur Realität und ich frage mich, wie Sie das hinbekommen.

Anatoli Schari: Das ging nicht von heute auf morgen. 2014 kannte ich Youtube noch gar nicht. Das erste Video veröffentlichte ich Anfang Mai 2014, als in Odessa Menschen verbrannt wurden.

Dieses erste Video hatte 500.000 Aufrufe. Auch das zweite Video hatte einige hunderttausend Aufrufe. Zu dem Zeitpunkt hatte ich keine Kontakte in der Ukraine, um Videos zu kommen. Es war ein schrittweiser Prozess.

Heute habe ich ein Team von echten Profis, die man losschicken kann, um Interviews zu machen. Man kann sie an jeden beliebigen Hotspot schicken, weil sie es selber wollen. Es entstand auch eine solide Basis von Leuten, die bereit waren, mir Informationen gratis zukommen zu lassen.

Gibt es Fälle, in denen diese Leute, die Ihnen Material senden und selbst Interviews machen, Diskriminierung und Repressalien vonseiten der ukrainischen Behörden ausgesetzt sind?

Anatoli Schari: Natürlich. Die Sicherheitsdienste haben sogar Leute verhört, weil sie meinen Status auf Facebook geteilt haben. Die Behörden nennen das dann nicht Verhör, sondern Befragung.

Ein Mann aus Lviv wird regelmäßig vom Sicherheitsdienst der Ukraine angerufen. Es heißt dann: "Wir beobachten, dass Sie aktiv sind. Sie sind nach Kiew gefahren und haben dort die Partei von Schari unterstützt." Ich weiß, dass praktisch alle meine Aktivisten ähnliche Situationen mit dem Sicherheitsdienst der Ukraine erlebt haben.

Der Sicherheitsdienst der Ukraine zeigt keine Scheu. Warum spricht niemand über die Gefängnisse des Sicherheitsdienstes der Ukraine? Human Rights Watch, Amnesty International sprachen darüber, jedoch wurde die Ukraine von niemanden dafür verurteilt.

Es wurden keine Sanktionen verhängt aufgrund der geheimen Gefängnisse des Sicherheitsdienstes der Ukraine, in denen die Menschen regelmäßig gefoltert wurden.

Das sind Gefängnisse, in die Menschen verschleppt wurden. Warum? Weil es in Europa, in der zivilisierten Welt, so heuchlerisch zugeht. Die einen dürfen das, die anderen nicht. Den einen geht es gut den andern nicht.

Auf einer Internetseite, offenbar von ukrainischen Liberalen betrieben, werden sie beschuldigt, sich 2009 und 2010 gegen Roma und Homosexuelle ausgesprochen zu haben.

Anatoli Schari: Im Jahr 2009 habe ich zwei Artikel veröffentlicht, in denen ich meine Meinung über Homosexuelle und Zigeuner äußere. Bis 2009 war ich kein einziges Mal in Europa. Ich hatte noch nie einen Homosexuellen getroffen. Lediglich in den Medien habe ich von ihnen erfahren.

Ich habe gelesen, dass Homosexuelle die Menschen auf der Straße nahezu angreifen und in ihre "Szene" ziehen wollen. Das klingt idiotisch, ich weiß, aber ich habe in der UdSSR gelebt und wurde in eine bestimmte Richtung erzogen. Ich konnte nicht weiter blicken. Man durfte es nicht. Ich konnte es mir nur vorstellen, da ich es nie gesehen habe.

Und als ich in der EU ankam, stieß ich auf eine entgegengesetzte Geschichte. Ich wurde in ein Migrationsgefängnis gesteckt. Ich war der einzige mit einer hellen Hautfarbe. Alle anderen waren dunkelhäutig. Nicht nur in einer Abteilung, nein, im ganzen Gefängnis.

Durch die entstandene Freundschaft mit den anderen Insassen wurde meine ganze Weltanschauung auf den Kopf gestellt. Sie kamen aus dem Kongo und sprachen flüssiger Englisch als ich. Wir haben zusammen Schach gespielt.

Als ich von dort fortging, war die Freundschaft so tief, dass sie zum Abschied weinten. Sowas hätte ich nie erwartet.

Danach lebte ich in den Niederlanden. Ich habe eingesehen, dass alles was mir beigebracht und erzählt wurde, nicht der Realität entspricht, dass es in Wirklichkeit alles Unsinn ist. Natürlich propagieren einige Medienunternehmen, die Serien produzieren, in diese Richtung zu viel, was manchmal belastend sein kann. Ich habe meine Sichtweise aber gänzlich verändert.

Ich bin während meines Aufenthalts in der EU immer dafür eingetreten, dass man in der Ukraine homosexuell leben darf. Damit ist nicht gemeint, dass auf der Stirn geschrieben steht "Ich bin schwul", sondern das diese Leute eben ganz normale Menschen sind.

Ähnlich war das mit den Roma. Als eine Nazi-Gruppe in Kiew ein Lager von Roma zerstörten, habe ich davon berichtet und es in meinen Videos gezeigt. Ich habe Videos hochgeladen, in denen zu sehen ist, wie ein Typ einen Roma am Bahnhof in Kiew getötet hat. Er wurde dafür nicht einmal bestraft.

Von privatem Sicherheitsdienst bewacht

Ihre Adresse in Spanien wurde an die Medien weitergegeben. Danach tauchten ukrainische Nazis vor ihrem Haus dort auf. Wie haben sie reagiert?

Anatoli Schari: Als meine Adresse überall in den Medien zu finden war, ging es los mit den Drohungen von Neonazis vom "Nationalen Korpus". Und dann kamen sie. Nach dem ersten Besuch habe ich bereits Wachleute engagiert. Diese haben es nicht geschafft, einen dieser Leute zu schnappen, jedoch wurde er auf einem Video aufgenommen.

Es gab auch Aussagen, es sei notwendig, "nach Spanien zu fahren und Schari zu töten". Mit allen Drohungen habe ich mich an die Polizei gewandt. Diese hat daraufhin Fahndungen und Untersuchungen eingeleitet. Ich werde 24 Stunden am Tag von einer privaten Sicherheitsfirma bewacht.

Von ukrainischer Seite heißt es, Sie seien ein wohlhabender Mann und besäßen Immobilien nicht nur in Katalonien, sondern auch in Deutschland, in den Niederlanden und sogar ein Konto in New York.

Anatoli Schari: Das ist völliger Unsinn. Sie haben auch geschrieben, dass ich eine Unmenge an Firmen in Lichtenstein und Häuser weltweit besäße. Ich besitze nur ein Haus und eine Wohnung. Beide sind gemeldet.

Leider haben in der Ukraine noch lange nicht alle einen Internetzugang. Daher können sich nur wenige Menschen vorstellen, wie viel ein Youtube-Blogger mit durchschnittlich 1,2 Millionen Aufrufen pro Tag verdienen kann. Laut den Standards des Social Blade verdiene ich zwischen 97.000 und 1.600.000 Euro pro Jahr.

Deutsche Medien vertreten gemeinhin die Meinung, dass es in der Ukraine keinen Faschismus geben kann, da keine der faschistischen Parteien im Parlament vertreten ist. Nur Moskau behauptet, dass der Faschismus in der Ukraine präsent ist. Wie sehen Sie das?

Anatoli Schari: Ich werde es anhand einer Allegorie erklären. In einer Sporthalle sind 100 Menschen eingesperrt und fünf von ihnen haben eine Waffe. Diese fünf Leute können 95 Menschen in Schach halten, weil sie bewaffnet sind und die Bereitschaft zum Töten haben.

Es stimmt, für die faschistischen Parteien stimmten weniger als zwei Prozent. Jedoch tauchen die Faschisten ständig auf und unterbrechen die Sitzung eines Stadtrats, in den meine Partei gewählt wurde. Sie lassen es nicht zu, dass der Stadtrat in Ruhe arbeitet.

Die Faschisten sind die Leute, die Zugang zu Waffen haben und gewohnt sind zu töten. Es sind Leute, die bereits Menschen im Donbass getötet haben, die bereit sind, jegliche Verbrechen zu begehen, weil sie wissen, dass dies keine Konsequenzen für sie haben wird.

Ist die Ukraine heute ein unabhängiger und selbstständiger Staat?

Anatoli Schari: Natürlich nicht. Die G-7 regieren die Ukraine. Wenn es nur sie wären, dann wäre mir das gleich. In Wirklichkeit ist die Ukraine schon seit Längerem kein unabhängiger Staat.

Janukowitsch hat wenigstens noch versucht, mit den einen oder den anderen zu kooperieren - und das sage ich, obwohl ich unter ihm das Land verlassen musste.

Doch dann ist Folgendes passiert: Die Ukraine hat alles weggegeben, was sie nur hat geben können, etwa Teile des Bodens und Banken. Jetzt geben sie auch das Justizsystem in externe Verwaltung. Aufsichtsräte von Unternehmen bestehen gemeinhin zu 50 Prozent aus Ausländern.

Wie viele Leute sind in Ihrer "Partei Schari"?

Anatoli Schari: Wenn wir auf die Website schauen, dann sind es offiziell rund 360.000 Parteimitglieder. Wenn wir jedoch auf die Anzahl der Menschen blicken, die bereit wären, für uns zu stimmen, dann würde ich sagen: mehr als eine Million. Wenn man bedenkt, wie viele Leute zur Wahl gehen, haben wir enorme Chancen, in das Parlament zu kommen und das Land wirklich zu verändern.

Wir haben in der Ukraine keine andere Wahl, als mit Laienpolitikern in die Parlamente einzutreten, weil Berufspolitiker das Land zu dem gemacht haben, was es jetzt ist. Es gibt Menschen, die das ganze Leben an der Macht sind. Sie wurden mit einem goldenen Löffel im Mund geboren, und auf ihrer Stirn steht geschrieben "Politiker der Ukraine". Deren Kinder werden ebenfalls Politiker. Das führt doch nirgendwo hin.

Und das Eintreten von gewöhnlichen Menschen, die sich nie verkauft haben, nie verstellt haben, egal wie viel Geld ihnen angeboten wurde, zudem sie genug Geld besitzen, ist etwas Neues, weil sie keine Oligarchen sind. Das ist von Vorteil.

Ulrich Heyden hat eine Petition gegen die drohende Auslieferung des ukrainischen Video-Bloggers Anatoli Schari aus Spanien in die Ukraine lanciert, die hier online steht und unterstützt werden kann.

(Ulrich Heyden)

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