Kinder verlieren das Interesse an sportlichem Wettkampf

In Großbritannien geht die Angst um, das Land könne seinen Wettbewerbsvorteil verlieren, weswegen in den Schulen verstärkt auf Wettkampfsportarten gesetzt wird

Großbritannien ist das Land, in dem sich der Wirtschaftsliberalismus oder Kapitalismus zumindest ideologisch als erstes durchsetzte. Das freie Spiel des Wettbewerbs im Markt soll möglichst ohne staatliche Regeln vor sich gehen, allerdings soll der Staat das Eigentum und die Einhaltung von Verträgen schützen und die Freiheit und Sicherheit der konkurrierenden Marktteilnehmer sicherstellen.

In Großbritannien ist traditionell auch der Sport hoch angesiedelt und spielt in Kindheit, in den Schulen und Universitäten eine wichtige Rolle. Mit dem Sport wird der Wettbewerb auch als Kulturform und Persönlichkeitseigenschaft antrainiert, zudem ist er Vorbild und Legitimation für die im Wirtschaftsliberalismus zentrale Konkurrenz, weil er einen stärker durch Regeln gebändigten und dadurch "fairen" Wettbewerb darstellt, der allen eine Chance zu bieten scheint, wenn sie entsprechende Leistung bringen und die körperlichen Voraussetzungen sowie den notwendigen Ehrgeiz besitzen. In der Wirklichkeit findet im freien Markt natürlich kein fairer Wettbewerb statt, da die Marktteilnehmer mit unterschiedlichen Chancen antreten, die besonders wie Kapital, Besitz an Produktionsmitteln, Immobilien oder Ländereien auch wie einst der Adelstitel oft vererbt werden und damit leistungslose Startvorteile darstellen.

Welche Rolle der Sport mit seinem Kult des Wettbewerbs in der britischen Gesellschaft spielt, lässt sich jetzt an einem Bericht sehen, der vom Marylebone Cricket Club (MCC) und der Cricketstiftung Chance to Shine veröffentlicht wurde. Cricket ist traditionell eher ein elitärer Sport, aber die höheren Schichten müssen auch besonders auf Wettbewerb getrimmt werden. Schon mit dem Titel "It's only a game? Competition in school sport under threat" wird deutlich, dass die Autoren nicht allein die sportliche Kompetenz im Auge haben, sondern dass die Fähigkeiten, die Menschen durch den Sport erwerben oder stärken, weit darüber hinaus erwünscht sind und als wichtig in der Gesellschaft gelten.

Erschreckt wird gemeldet, dass nun Kinder heranwachsen, für die ein Sieg und damit der Kampf gegen die Konkurrenten zwar noch wichtig seien, aber dass sie auch darauf verzichten könnten. 84 Prozent von den tausend Befragten Schulkindern zwischen 8 und 16 Jahren finden es mithin wichtig, die Erfahrung des Gewinnens und Verlierens zu machen, aber 64 Prozent sagen, sie würden erleichtert, glücklicher, jedenfalls nicht beunruhigt sein, wenn der Wettbewerb keine Rolle mehr im Spiel haben würde.

Die um die Karrierechancen ihres Nachwuchses besorgten Eltern, die auch noch tief im Konkurrenzdenken festhängen, sind mit eine treibende Kraft, die ihre Kinder im sportlichen Wettkampf sehen wollen. 39 Prozent der Kinder gehen davon aus, dass sie ihnen beim Sport vor allem deswegen zusehen würden. Von den Eltern – auch von diesen wurden 1000 befragt - sagen dies nur 22 Prozent, möglicherweise wollen sie dies nicht so gerne bestätigen. 97 Prozent der Eltern und 86 Prozent der Kinder sind jedenfalls der Meinung, dass es den Eltern eher um den Sieg im Sport geht als den Kindern. Das zeigt sich auch daran, dass für 71 Prozent der Eltern Stolz beim Siegen eintritt, bei den Kindern es 62 Prozent. Am wichtigsten im Sport ist die Teamarbeit für 43 Prozent der Eltern und 36 Prozent der Kinder, danach kommt das Trainieren (34 vs. 37%).

Nach diesem offenbar beunruhigenden Trend meint Derek Brewer, Chef von MCC, dass man den "Spirit of Cricket", die Kombination aus Wettkampf und Fairplay, den Schulkindern in ganz Großbritannien nun näher bringen will. Ihnen werde auch gezeigt, was sie aus einem Sport, der fair und als Wettkampf betrieben wird, lernen können. Die Umfrage diente nämlich vor allem als Aufhänger zum Start einer Kampagne, um Schulen zu bewegen, den konkurrenzlosen Schülern die Bedeutung des Wettkampfs im Sport einzuimpfen. MCC will Kindern den "spirit of the game" beibringen: "how to play hard but fair, and to win and lose gracefully."

Essentielle Lebenskompetenz: Wissen, wie man gewinnt und verliert

Ähnlich äußert sich Khan MBE, Geschäftsführer der Stiftung Chance to Shine, ohne allerdings zu verraten, worin denn die gepriesenen Vorzüge eines als Wettkampf organisierten Sports liegen. Allgemein erklärt die Stiftung, dass sie in den letzten sieben Jahren bereits 2,2 Millionen Schüler an 9000 Schulen mit wettbewerbsmäßigem Cricket geschult hat. Der Stiftung gehe es aber nicht nur um Cricket, sondern um Programme für junge Menschen, in denen sie "essentielle Lebenskompetenzen und –werte" erwerben sollen: "Führungskompetenzen, Disziplin, Teamwork und das Wissen, wie man gewinnt und verliert".

Im konservativen Telegraph, der nach der Olympiade die Kampagne Keep The Flame Alive gestartet hat, stimmt man ein in den Kulturuntergang, sieht sogar das Land bedroht. Großbritannien laufe in Gefahr, so ein Artikel, "seinen Wettbewerbsvorteil zu verlieren, weil eine Generation von Kindern nicht mehr interessiert ist, auf dem Sportplatz zu gewinnen". Schon letztes Jahr war der britische Regierungschef noch angetan vom guten Abschneiden der britischen Olympiamannschaft in London aufgeschreckt, weil an 2000 Grundschulen keine Wettbewerbssportarten mehr betrieben würden. An 10000 weiteren würde dies nur die Hälfte der Schüler tun. Es sei zu viel auf Spiele gesetzt worden. Er werde dafür sorgen, dass in den Lehrplan körperlich anstrengende und Wettbewerbssportarten wieder eingeführt werden müssen. 300 Millionen Pfund wurden bewilligt, um mehr Lehrer einzustellen, Wettkämpfe zu veranstalten und entsprechende Einrichtungen zu schaffen.

Der Telegraph zitiert einen früheren Lehrer und Vorsitzenden der Campaign for Real Education, der sagt, Kinder seien von Natur aus kompetitiv, aber in vielen staatlichen Schulen würde man aus Fairnessgründen diesen Antrieb unterdrücken. Deswegen würden viele Kinder nicht ihr vollen Potential verwirklichen können: "Das ist bei den Privatschulen nicht der Fall, weswegen das Olympische und das Cricket-Team mit Menschen angefüllt waren, die in Privatschulen gelernt haben." Und die, müsste man wohl hinzufügen, auch aus den entsprechenden Elternhäusern stammen, die sich Privatschule leisten können. Es sei die Kultur in den Schulen, allen Preise zu geben, jammert der Telegraph, die in den letzten Jahrzehnten dazu geführt habe, "den Wettbewerbsgeist der Kinder zu untergraben". Mokiert hatte man sich auch darüber, dass zu Beginn des Jahres die Rugby Football Union (RFU) für die 6-11-Jährigen Spiele eingeführt hat, in denen es nicht mehr um das Gewinnen geht. Gefordert wird allerdings: "Emphasis on competitive performance not competitive outcome." (Florian Rötzer)