Kims Bluff und die Folgen

Woher erhält Nordkorea das Plutonium in Waffenqualität?

Um zu einer halbwegs seriösen Beurteilung des nuklearen Status von Nordkorea zu kommen, muss man einen anderen Zugang wählen und danach fragen, welche Vorräte an Kernsprengstoff das Land besitzt und auf welche Weise sie produziert werden konnten.

Bekanntermaßen besitzt Nordkorea in seinem Nuklearzentrum Nyŏngbyŏn einen kleinen 5 MW Reaktor als Plutoniumbrüter. Dort befindet sich auch eine Anlage zur Herstellung von Brennelementen und ein Labor zur Wiederaufarbeitung, d.h. zur Extraktion von Plutonium aus dem Abbrand des Reaktors.

Der betagte, ursprünglich von der Sowjetunion gelieferte Meiler hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich; er wurde umgerüstet, modernisiert, zwischen 2007 und 2009 stillgelegt, als sich im Verlauf der sog. Sechs-Parteien-Gespräche (Nord- und Südkorea, USA, Japan, China, Russland) eine Annäherung abzeichnete, und 2010 wieder in Betrieb genommen, als die Verhandlungen gescheitert waren. Der amerikanische Waffen-Spezialist Siegfried Hecker durfte Nyŏngbyŏn mehrfach besuchen, was erstaunlich ist, da er von 1986 bis 1997 die US-Nuklearschmiede Los Alamos leitete. Hecker berichtete, dass der 5 MW Reaktor inzwischen mit Natururan und Schwerwasser betrieben wird.

Das hat den Vorteil, nicht auf eine Urananreicherung angewiesen zu sein. Andererseits muss man das Schwerwasser produzieren - falls man es nicht importieren kann. Diesem Umstand wird bisher wenig Beachtung geschenkt. Die zahlreichen Satellitenbilder, die es von Nyŏngbyŏn gibt, ließen bisher keine Schwerwasserfabrikation erkennen. Aber irgendwo muss es ja hergekommen sein. Wie dem auch sei: Mit dem kleinen Reaktor lassen sich keine beliebigen Mengen an Plutonium produzieren. Entsprechend der relativ geringen Ausbeute und unter Berücksichtigung der Ausfallzeiten führte Nordkorea zwischen Oktober 2006 und Februar 2013 lediglich drei Nukleartests durch. Für die nächsten drei Tests, am 6.1. 2016, am 9.9.2016 und am 3.9.2017, benötigte es allerdings nur noch 20 Monate. Nicht nur die Sprengkraft, auch die Häufigkeit hat sich enorm erhöht.

Woher dann das ganze Plutonium in Waffenqualität? Wenn man davon ausgeht, dass Nordkorea allenfalls ein Viertel bis ein Drittel seines Pu-Bestands für Testzwecke nutzt, dann müsste es sein Arsenal in den letzten Jahren beträchtlich aufgestockt haben. Das steht im Widerspruch zu dem nuklearen Equipment, über das es verfügt. Eine Erklärung liefert wiederum Hecker, der bei seinem Besuch in Nyŏngbyŏn vor sieben Jahren eine neue Urananreicherungsanlage mit 2000 Zentrifugen besichtigt hat. Angeblich soll sie von Pakistan geliefert worden sein.

Dementsprechend vertritt Hecker die Ansicht, dass das Testprogramm mit Plutonium-Sprengsätzen begonnen und später mit Waffenuran fortgesetzt wurde. Das hält auch der Proliferationsexperte und ehemalige IAEA-Inspektor David Albright für die wahrscheinlichste Erklärung.

Er präsentierte sie auf einer Anhörung eines Kongress-Ausschusses am 13.9.2017 und wartete gleich mit einer weiteren Überraschung auf. Außer den von Hecker genannten 2000 Zentrifugen müsse Nordkorea noch über eine geheime weitere Urananreicherung verfügen, die älter sei und lange vor 2010 ihren Betrieb aufgenommen habe.

Diese Annahme scheint tatsächlich zwingend zu sein. Albright hatte während der P5+1 Verhandlungen 2014/15 die iranischen Anreicherungskapazitäten immer wieder durchgerechnet und war darauf gekommen, dass man in Natanz (mit nominell 19.000 Zentrifugen) und Fordo (1000 Zentrifugen) alles in allem etwa 200 kg Uran mit 20-prozentiger Anreicherung erzeugen konnte. Es ist klar, dass Nordkorea mit wesentlich geringeren Kapazitäten in wesentlich kürzerer Zeit nicht einmal annähernd vergleichbare Ergebnisse erzielen konnte - und da ist man ja noch nicht bei 90-prozentigem Waffenuran. Also muss noch etwas im Stillen passiert sein, was der westlichen Spionage komplett entgangen ist. Und vielleicht auch der russischen und chinesischen Aufklärung?

Bei allem Ernst, mit dem Albright, der kein Kriegstreiber ist, gewöhnlich zur Sache geht, ist die These einer verborgenen Anreicherungsanlage ziemlich abenteuerlich. Er hätte besser daran getan festzustellen, dass man mit den von Hecker registrierten Zentrifugen nur dann ein Arsenal für ein Uranwaffenprogramm produzieren kann, wenn man über Uran verfügt, das vorher schon auf ca. 5% angereichert wurde. Und er hätte mit Nachdruck fragen sollen, woher dieses niedrig angereicherte Material (LEU) gekommen ist.

Nordkorea im Spiel der Interessen

Aber Albright wollte es offenbar vermeiden, weitere Fronten aufzumachen und schwerwiegende Verdächtigungen gegen mögliche Lieferanten zu provozieren: China? Russland? Iran? Oder Pakistan? Das ist aller Ehren wert. Dennoch sind solche Fragen entscheidend, wenn man die Hoffnung nicht aufgeben will, das nordkoreanische Atomprogramm verlangsamen oder stoppen zu können.

Bisher hat es noch kein Land, die USA eingeschlossen, geschafft, ohne fremde Hilfe Atommacht zu werden. Was verlangen also China und Russland, um im Gegenzug ihre Grenzen zu Nordkorea undurchlässig für Nuklearlieferungen aller Art zu machen? Das ist eine Frage, die Südkorea stellen könnte.

Dagegen verfolgt die US-Administration andere Interessen. Die Atomkriegshysterie kommt ihr gelegen. Sie schafft innenpolitische Zustimmung für die teure Modernisierung der eigenen Nuklearstreitkräfte und außenpolitische Gelegenheiten, die Militarisierung in Südostasien voranzutreiben. Südkorea soll sein von den USA gekauftes Raketenabwehrsystem ausbauen und seine "Appeasement"-Gespräche mit dem Norden beenden, wie Trump im Befehlston twitterte. Südkorea und Japan sollen die Stationierung von US-Atomwaffen auf ihrem Territorium akzeptieren. Beide sollen ihre ins Stocken geratenen zivilen Atomprogramme wieder flott machen und ihren schlingernden Nuklearunternehmen mit staatlichen Subventionen nach französischem Vorbild auf die Sprünge helfen.

Der Energiewende, die Südkorea angekündigt hat, droht ein ebenso schnelles Aus wie der Entspannungspolitik, die der neue Premier in Seoul, Moon Jae In, starten wollte. Sie wird in beiden koreanischen Staaten häufig als "Berlin-Initiative" bezeichnet, weil Moon seine Vorstellungen von einer friedlichen Zukunft der Halbinsel bei einer Rede in Berlin ausgebreitet hat. Das geht natürlich beiden gegen den Strich, Kim ebenso wie Donald. (Detlef zum Winkel)