Khashoggi und der Kronprinz

Kronprinz Mohammed bin Salman bin Abdulaziz mit Begleitung in Washington. Foto: Navy Mass Communication Specialist 1st Class Kathryn E. Holm / CC BY 2.0

Aus der türkischen Regierung kommen Vorwürfe, dass Saudi-Arabien den Journalisten während eines Aufenthalts im Konsulat des Königreiches in Istanbul beseitigen ließ

Seit vergangenen Dienstag ist der saudi-arabische Journalist Jamal Khashoggi (korrekt in Deutsch transkribiert: Dschamal Chaschukdschi) verschwunden. An diesem Tag betrat er das saudi-arabische Konsulat in Istanbul, angeblich um dort Papiere zu besorgen, die er für seine neue Eheschließung braucht. Seine Verlobte wartete vor dem Konsulat vergeblich auf ihn, wie berichtetet wird. Seither fehlt jede Spur von ihm.

Khashoggis ältester Sohn, der in Saudi-Arabien lebt, hätte es laut dem TV-Sender al-Arabija gerne, wenn die persönliche Angelegenheit "nicht politisiert" würde. Dass die Sache in einem politischen Rahmen aufgezogen werde, sei vollkommen inakzeptabel. Außerdem habe er noch nie etwas von der türkischen Verlobten seines Vaters gehört.

Der Verdacht

Al-Arabija ist kein unabhängiges Medium. Es wird von den Sauds finanziert. Deren Geschäfte bestimmt gegenwärtig hauptsächlich der Kronprinz Mohammed Bin Salman, dem nicht gefallen wird, dass der Fall Khashoggi als Top-Nachricht am Wochenende und als Kommentar in großen Medien zum internationalen Politikum mit sensationellen Verdächtigungen gegen ihn geworden ist.

Es kursieren grausige Mordvorwürfe, wonach Khashoggis Leiche zerstückelt aus dem Konsulat herausgetragen wurde. Diese Vorwürfe wurden zunächst von anonymen türkischen Vertretern gemacht, so konnten sie noch als bloßes Gerücht abgetan werden, zumal die Geschichte ziemlich bizarr erscheint: ein Killerkommando aus 15 Mann, um den Journalisten zu töten, um seine Leiche auf mehrere "Diplomatenkoffer" verteilt wegzuschaffen? Saudi-Arabien dementierte.

Dann aber erhärtete ein Berater des türkischen Präsidenten, Yasin Aktay, namentlich und damit offiziell, den Mordvorwurf: Dass Khashoggi ermordet worden sei, sei wahrscheinlicher als andere Möglichkeiten. Auch wenn er sich gegen diese Version sträube: Wenn Khashoggi leben würde, dann könnte Saudi-Arabien den Beweis dafür liefern, sagte Atay gegenüber CNN:

Wenn er nicht im Konsulat ist und wenn er es nicht auf normalen Weg verlassen hat, dann ist er möglicherweise in einem narkotisierten Zustand oder in Stücken herausgebracht worden

Yasin Aktay

Saudi-Arabien hatte mit der Öffnung des Konsulats reagiert, der "Ortstermin" erbrachte allerdings keine Aufschlüsse über den Aufenthalt des saudi-arabischen Journalisten, in den Räumen des Konsulats war er nicht. Vertreter des Königreichs behaupten, Khashoggi habe das Gebäude verlassen. Man wisse nicht, wohn er danach gegangen sei.

Erdogan schaltet sich ein

Am Sonntag schaltete sich der türkische Präsident ein. Erdogan versicherte Journalisten, dass er selbst sich um den Fortgang der Ermittlungen persönlich kümmern werde. Er verfolge das, sagte er und: "Die Videoaufzeichnungen der Ein- und Ausgänge der saudischen Vertretung werden untersucht."

Es wäre eine große Überraschung, wenn die Videoaufzeichnungen eindeutige Ergebnisse zutage bringen würden. Die Reaktion des türkischen Präsident wird in internationalen Medien mit dem Hinweis zitiert, dass er von einer positiven Entwicklung des Falles ausgeht. Dafür spricht aber nicht viel. Das Auffällige an dieser "Politik & Verbrechen"-Geschichte sind die Abgründe.

Kein Regimekritiker, aber ein Gegner des Kronprinzen

Von Khashoggi heißt es, dass er kein "Regimekritiker" ist. Er hat den Absolutismus der Sauds nie kritisiert, weil er sich bis zum Aufstieg Mohammad Bin Salmans bester Beziehungen erfreuen konnte. Der Journalist war bis dahin Teil der Elite. Erst mit dem neuen Kronprinzen änderte sich das. Er verließ das Land, weil er sich nicht mehr sicher war.

Die Washington Post, deren Kolumnist er ist, veröffentlichte nun einige Beiträge, die ihn als Kritiker zeigen. Man kennt schärfere Kritik; Khashoggi als Dissidenten zu bezeichnen, sei übertrieben, sagen Beobachter. Aber, wie man an den Beiträgen in der Washington Post erkennen kann, Khashoggi misstraute dem PR-Image des Kronprinzen als Reformer und Gestalter einer weniger autoritären Zukunft Saudi-Arabiens.

So gibt es nun Stimmen, die es als durchaus möglich sehen, dass Mohammad Bin Salman den Journalisten beseitigen ließ, obwohl dieser einen Prominenten-Status hat und so gut vernetzt ist wie kein zweiter aus Saudi-Arabien. Dass der Kronprinz impulsiv handelt, davor warnte schon der BND. Seine Rücksichtslosigkeit demonstriert er im Jemen-Krieg, wo er Millionen mit seiner Kriegs-Politik leiden lässt.

Dennoch: Ein Auftrag zur Tötung eines Journalisten hätte eine ganz eigene Ungeheuerlichkeit, mit welcher denen, für welche die Botschaft bestimmt ist, gezeigt wird, welche Macht sich der Super-Kronprinz herausnimmt, wenn er es für nötig hält.

Man könnte das leichter als Überzeichnung abtun, wenn es nicht den brutalen Umgang mit Kritikern in Saudi-Arabien gebe, die nicht selten hingerichtet werden oder wie im Fall von Menschenrechtsanwälten der Frauenrechtlerinnen weggesperrt werden, ohne dass die Außenwelt verfolgen kann, wohin sie verschwunden sind.

Realpolitik mit Mitteln, die eigentlich in eine Fiktion gehören?

Zum anderen zeigen Reaktionen aus Riad auf Kritik anderer Staaten, wie jüngst aus Kanada und zuvor auch aus Deutschland, einen "no bullshit"-Modus, der das Gegenteil traditioneller Diplomatie ist: keine Versuche, mit freundlichen, unverbindlichen Floskeln zu deeskalieren, stattdessen Zurechtweisungen, dass "innere Vorgänge" niemanden außerhalb etwas angehen, dass Menschenrechte kein Thema sind sowie Androhungen von Konsequenzen, die sofort umgesetzt werden.

Das kann ins Lächerliche kippen und wird von Journalisten auch immer wieder mal als Schuss nach hinten oder in den eigenen Fuß geschildert, zu beachten ist aber auch, dass man inzwischen vom Auslöser des Streits zwischen Kanada und Saudi-Arabien - den Verhaftungen der Menschenrechtsaktivisten - nichts mehr hört und auch der Streit öffentlich irgendwie begraben ist. Jedenfalls in einer Weise aus der Öffentlichkeit verschwunden ist, dass Saudi-Arabien daraus keinen Nachteil hat.

Das Beispiel des Umgangs mit dem libanesischen Premierminister Hariri in Saudi-Arabien liefert einen anderen Hinweis darauf, wie die neue Führung des Landes, formell unter einem greisen König, de facto unter dem jungen Kronprinzen, zu Mitteln greift, die man eigentlich zu Fiktion zählt, nicht zur Realpolitik.

Alle Welt rätselte, ob Hariri tatsächlich in Saudi-Arabien mit Gewalt festgehalten würde, zugleich widersprach dies jeder gewohnten Seriosität (obwohl es laut Beobachtern schon einschlägige Vorgeschichten mit Politikern aus Ägypten gab). Die Version, dass das Königreich den libanesischen Ministerpräsidenten gekidnappt habe, erschien vielen wie eine Verschwörungstheorie.

Monate später bestätigte der französische Präsident Macron, dass Hariri mit Gewalt festgehalten worden war.

Die Abgründe, die sich im Fall Khashoggi zeigen, betreffen auch die amerikanische Regierung, insbesondere Washington, nicht nur weil Khashoggi dort tätig war, sondern vor allem, weil man in den USA über Jahrzehnte(!) hinweg, wie eine Übersicht sehr anschaulich macht, am Bild von Saudi-Arabien arbeitet, das stets auf Reformen und bessere künftige Verhältnisse bedacht ist.

Mohammed Bin Salman wurde zum Posterboy für das neue, bessere Saudi-Arabien, auch in Deutschland. Tatsächlich nimmt der Kronprinz Reformen vor, den Umbau der Rentenwirtschaft, die Fahrerlaubnis für Frauen zum Beispiel, aber es gibt keine Veränderung bei der Aufsicht von Männern über Frauen. Und die Menschenrechtssituation bleibt katastrophal.

Wie an der Berichterstattung über Russland und Putin zu sehen, gäbe es auch andere Härtegrade, um mit der saudi-arabischen Politik umzugehen. Aber das Land ist ein wichtiger Verbündeter westlicher Länder und ein Geschäftspartner für lukrative Waffengeschäfte. Insofern ist besser, wenn das Image dazu passt.

Politische Interessen der Türkei

Ein anderer Abgrund tut sich aber auch aufseiten der Türkei auf. Das Land steht seit dem Putsch im Visier der internationalen Medien nicht zuletzt wegen seines Vorgehens gegen Journalisten. Dass nun ausgerechnet Mitglieder der türkischen Regierung Riad unterstellen, dass man einen missliebigen Journalisten per Auftragsmord beseitigen lässt, hat einen eigenen Geschmack.

Es gibt entsprechend auch Stimmen, die der Türkei in der Sache Khashoggi einen Hoax vorwerfen. Als Motiv wird erwähnt, dass sich die Türkei, deren Präsident aus seiner Sympathie zur Muslimbruderschaft keinen Hehl macht und der Katar nahesteht, politisches Kapital aus den Vorwürfen gegen Saudi-Arabien erhofft.

Sämtliche Fragen sind am Montagmittag offen.