Keine "pazifistische Absichten" im Gepäck

Nach dem Mordanschlag im Jüdischen Museum in Brüssel wurde ein Hauptverdächtiger festgenommen; der Mann soll sich im Gefängnis radikalisiert haben und zu den französischen Dschihadisten mit Kontakten nach Syrien gehören

Am Samstag, den 24. Mai, feuerte ein Mann im Jüdische Museum in Brüssel tödliche Schüsse auf zwei israelische Touristen, eine Französin und einen Mitarbeiter am Museumsempfang ab. Der Anschlag sorgte international für Aufsehen. Laut Aussagen französischer Behörden nahmen am Freitag Zöllner einen Mann bei einer Kontrolle beim Busbahnhof Saint-Charles in Marseille fest, der als Hauptverdächtiger gilt.

Es war eine zufällige Routinekontrolle, heißt es, ausgeführt in einem Bus, der über Brüssel aus Amsterdam kam. Im Gepäck des 29-jährigen Reisenden fanden die Beamten Objekte, die nicht gerade auf "pazifistische Absichten" deuten, wie der französische Innenminister Bernard Cazeneuve kommentierte: eine Kalaschnikow und einen Revolver sowie 57 Schachteln Munition, dazu eine Fahne oder ein Banner der Dschihadistenorganisation Islamistischer Staat in Syrien und der Levante (ISIL).

Warum der Mann mit einem derartigen Gepäck reiste, ist unklar. Er wird als intelligent beschrieben; bei seiner Syrien-Reise im vergangenen Jahr, wo er sich laut Medienberichten ein Jahr lang aufgehalten hat und mit Dschahidisten in enger Verbindung stand, soll er bei seiner Rückreiseroute sehr darauf geachtet haben, Spuren zu verwischen.

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die Aussage der Pariser Staatsanwaltschaft, wonach der Mann durch seine Abreise im Dezember 2012 aus dem Überwachungsraster gefallen sei. Durch seine Abreise, so die Staatsanwaltschaft, habe er "jede Möglichkeit der Überwachung verhindert". So einfach ist es dann doch in Zeiten bislang nie dagewesener Überwachungsmöglichkeiten und -praxis?

Der Festgenommene war wegen verschiedener Raubüberfälle, die ihm mehrjährige Gefängnisstrafen einbrachten, der Polizei bekannt, aufgrund seiner Syrienreise auch den Geheimdiensten, wie z.B. dem BND. Während seiner Haftzeit von 2007 bis 2012 soll er sich zu einem fanatischen Gotteseiferer islamistischer Prägung entwickelt haben, "mit extremistischen Missionarseifer und engen Kontakten zu Radikalen", so die Staatsanwaltschaft, was wieder einmal auf die Rolle von Gefängnissen als Schulungszentrum für gesellschaftlich problematische Verhaltensweisen hinweist.

Ob Mehdi N. tatsächlich der Täter des Anschlags im Jüdischen Museum in Brüssel ist, ist noch nicht bestätigt. Allerdings hat man außer den Waffen, die laut Fahnder denen entsprechen, die bei dem Attentat verwendet wurden, noch andere Objekte gefunden, die den Verdacht erhärten: angefangen von der Mütze, die große Ähnlichkeit mit der Kopfbedeckung hat, die der Täter getragen hat, bis hin zu einer Kamera, mit der der Mordanschlag gefilmt worden sei.

In der Kamera soll sich ein 40 Sekunden langes Video befinden, dass die Schießerei zeigt. Dazu ist eine Stimme zu hören, die den Anschlag im Namen des ISIL reklamiert. Am Wochenende gab es dazu Berichte, die meldeten, dass der Festgenommene dadurch den Anschlag zugeben habe. Der belgische Staatsanwalt räumte demgegenüber ein, dass dieser Nachweis noch nicht wasserdicht ist. Er könne nicht garantieren, dass es die Stimme von Mehdi N. sei, die auf dem Band zu hören sei.

Damit ist auch die Möglichkeit angesprochen, dass der Mann nicht alleine operierte. Ob er Mittäter hatte oder auf Weisung handelte, ist unklar. Bisher wurde vor allem die Ansicht verbreitet, dass er ein Einzeltäter sei. Erinnert wurde in diesem Zusammenhang an Mohamed Merah, der im März 2012 die französische Öffentlichkeit mit einer dschihadistisch begründeten Mordserie entsetzte.

Etwa 285 Franzosen zählt das Innenministerium zu den Dschihadisten, die mit syrischen Fanatikern in engerem Kontakt stehen. Das Problem ist den Behörden längst bekannt, es kommt auch immer wieder zu Festnahmeaktionen; der aktuelle Fall bringt das französische Frühwarnsystem gegen Dschihadisten, das vor wenigen Wochen bekannt gegeben wurde, neu in die Diskussion. (Thomas Pany)