Kein Muslim darf die USA bei einem Krieg gegen den Irak unterstützen

Auf "Islam Online" geben Muftis und andere angesehene Autoritäten Antworten auf Fragen von Muslims aus aller Welt

Islam Online gibt es seit drei Jahren und ist vor allem wegen der englischsprachigen Ausgabe zu einer der am besten besuchten muslimischen Websites geworden. Gegründet wurde sie ebenso wie der Fernsehsender al-Dschasira in Katar, die Redaktion aber ist in Kairo. Neben Nachrichten oder Essays bietet Islam Online auch Beratung von anerkannten Geistlichen und Rechtsgelehrten über alle möglichen Themen für eine muslimische Lebensführung an (Frag den Mufti). Das ist nicht nur für Angehörige des muslimischen Glaubens, sondern sicherlich auch für "Ungläubige" interessant - auch wenn die Autoritäten natürlich nicht die Einstellung der aller Muslime widerspiegeln müssen.

Fragen werden über alle Themen gestellt und auch offen im Hinblick darauf beantwortet, was ein Muslim darf, was ihm verboten ist oder wie er handeln soll. Das alles ist ganz konkret und geht ins Detail. Da geht es um Liebe, nächtliche nasse Träume, Fasten, das Beschneiden von Frauen, Sex, Frauenrechte, Schleierzwang und viele andere mehr. Es werden auch Live Fatwas etwa über Frauenthemen, Ökonomie oder zum Ramadan angeboten. Die Interpretation und damit die Autorität der Interpreten ist hoch angesiedelt - und lässt offenbar vieles, da nicht festgelegt, willkürlich werden. Das kann auch gefährlich werden, was am Beispiel des Taliban-Afghanistans deutlich wurde.

Gerade erst war der Umgang von Muslimen mit Nichtmuslimen Thema - und zwar besonders "unter Berücksichtung der aktuellen Ereignisse". Muslime können sich in der Tat derzeit verfolgt fühlen, vor allem wenn sie aus den entsprechenden Ländern kommen.

Der Islam, so die Antwort, lehre seinen Anhängern, mit allen Menschen, unabhängig ihres Glaubens, zusammen zu leben und sie zu achten. Allerdings wird eine kleine Einschränkung hinzugefügt: "Du sollst mit denjenigen, der deine Religion und die Menschenrechte achtet, mit derselben Freundlichkeit und Höflichkeit begegnen und gute Beziehungen haben." Da Muslime mit Nichtmuslimen in einer Gesellschaft zusammen leben, sind diese auch Nachbarn, Klassenkameraden oder Kollegen (was erstaunlicherweise der Erwähnung wert zu sein scheint). Als "Lebewesen" sei ihr Leben, ihr Eigentum, ihre Ehre und ihre Religionsfreiheit geschützt. Beim Zusammenleben dürfe man aber die eigene Religion nicht vergessen. Aber irgendwie scheint die Achtung doch nur auf einem Umweg zustande zu kommen:

"Kurz, du solltest über Nichtmuslime denken, dass sie potenzielle Muslime sind, und so mit ihnen umgehen. Zeige ihnen den Respekt und die Freundlichkeit, die ihnen als Menschen zusteht, und vielleicht wird dein gutes Verhalten sie zum Islam führen."

In einer früheren Fatwa wehrt der Imam und Professor Sheikh Muhammad Iqbal Nadvi die Befürchtung ab, dass Muslime Ungläubige als solche hassen könnten. Da würde nur der Eindruck trügen. Ebenso wie der Arzt nicht den Patienten, sondern die Krankheit hasse, würde ein Muslim nicht den Ungläubigen persönlich, sondern nur seinen Unglauben hassen. Ob das nun alle beruhigt?

Der Islam und die Massenvernichtungswaffen

Natürlich geht es mehr und mehr auch um den Dschihad, um Selbstmordattentate, den Krieg und vor allem den drohenden Angriff der USA auf den Irak. Die Fragenden kommen aus der ganzen Welt, die muslimische Gemeinde ist global, daher ist Englisch neben dem Glauben eine gemeinsame Klammer. Der Fragende stammt offenbar aus Palästina und will wissen, was der Islam zum Einsatz von Massenvernichtungswaffen sagt. Seines Wissens würde die Religion solche brutalen Waffen nicht billigen.

Der Islam sieht die ganze Menschheit als eine Familie, sagt der Mufti. Die Familienmitglieder dürfen nicht miteinander kämpfen: "Es sei denn, sie finden keine andere Lösung. Das bedeutet, der Krieg ist eine außergewöhnliche Position." Massenvernichtungswaffen dürfen in der Tat nicht gegen andere Familienmitglieder eingesetzt werden, weil man damit nicht zwischen "Unschuldigen und Kriminellen" unterscheiden könne (was zwar auf Bombenanschläge auch zutrifft). Und immerhin, so konnte man in einer früheren Fatwa mit der Frage, ob muslimische Staaten Nuklearwaffen besitzen sollen, lesen, haben die Muslime auch die Atomwaffen nicht erfunden.

Insgesamt müsse man den Krieg wie ein Medikament betrachten. Man dürfe keine höhere Dosis einnehmen, als der Arzt sie verschrieben hat. Eine Überdosierung führt zu Problemen, weswegen der Islam die Tötung von Kindern, Frauen, Geistlichen, Menschen, die aus Kriegsgebieten fliehen, verbietet und auch den Schutz der Umwelt achtet. Allah habe den Menschen Massenvernichtungswaffen zur Prüfung gegeben, um zu sehen, ob sie es schaffen, diese nicht einzusetzen. Wenn aber beispielsweise Atomwaffen gegen Muslime eingesetzt würden, dann dürfen sie auch mit denselben Waffen zurückschlagen. Diese "Reziprozität" sei ja auch ein Prinzip, dass allen vertraut sei. Natürlich, versichert der Mufti, müsse man Probleme auf friedliche Weise zu lösen suchen, aber "wenn man keine andere Möglichkeit mehr hat, als zu kämpfen, müssen wir uns selbst, die Kinder, die Frauen und das Land verteidigen".

Der Islam und der Irak

Der drohende Krieg mit dem Irak aber beschäftigt natürlich zusammen mit dem von der US-Regierung ausgerufenen Krieg gegen den internationalen Terrorismus, der wesentlich gegen Muslime geführt wird, die wiederum unter dem Banner der Religion ihren Kampf gegen die Ungläubigen und für ein muslimisches Reich oder für Autonomie mit allen Mitteln führen.

Tatsächlich wird für die Muftis mit einem Angriff auf den Irak auch die gesamte "muslimische Nation" getroffen, denn jeder Muslim ist auch für alle Muslime "in allen vier Ecken der Welt" verantwortlich. Überdies sollen Muslime Ungerechtigkeit oder Unterdrückung nicht dulden, gleichgültig, wer das Opfer ist. Gleichwohl, die Treue jedes Muslims gilt zunächst der muslimischen Gemeinschaft. Vor allem dürfe nicht den Feinden geholfen werden, die die muslimische Ummah zerstören wollen (was offenbar auf die USA zutreffen soll, ohne dass dies explizit gesagt wird).

Aus diesem Grund darf selbst dann, wenn der UN-Sicherheitsrat einen Angriff auf den Irak legitimiert, "kein muslimisches Land auf irgendeine Weise an diesem Angriff teilnehmen oder ihn unterstützen, in dem er sich den sogenannten alliierten Kräften anschließt oder sein Gebiet als Basis für einen Angriff zur Verfügung stellt". Das ist ziemlich eindeutig, wird später noch einmal klar bestätigt und macht deutlich, dass die US-Regierung auf keinen Fall schnell mit Propaganda eine Veränderung der Meinung herbeiführen kann, auch wenn sie einige Regierungen der angrenzenden Länder zur Unterstützung - wie auch immer, aber anscheinend gegen den Rat der geistlichen Führer - überreden konnte. Vorprogrammiert könnten also auch bereits Konflikte in diesen Ländern sein, falls die USA den Irak angreifen.

Dr. Ahmad Abul-Wafa, Professor für Internationales Recht, fügt hinzu, dass ein Muslim einem Nichtmuslim nicht helfen dürfe, einen anderen Muslim zu bekämpfen. Das Internationale Recht verpflichte auch kein Land, militärisch zu partizipieren, wenn eine UN-Resolution vorliegt. Das sei optional, so dass man bei Enthaltung gegen kein UN-Recht verstoße. Auch der Gelehrte Sheikh Yusuf Al-Qaradawi betont, dass eine Unterstützung der USA Muslims "verboten" (haram) sei.

Kurz darauf wurde der Krieg gegen den Irak erneut Thema einer Fatwa. Ein Abdullah fragte, was die Grenzen des Dschihad im Falle eines Angriffs der USA auf den Irak seien. Der Islam, so versichert der Experte in Glaubensdingen, sei "die Religion der Barmherzigkeit". Für den Islam seien alle Muslims eine "Bruderschaft" und einem Körper gleich, bei dem alle anderen Teile den Schmerz fühlen, wenn ein Teil leidet. Nach dem Propheten Mohammed ist ein Muslim der Bruder eines anderen und dürfe ihm nichts Böses antun, beispielsweise ihn nicht einem Feind übergeben.

"Mache nicht Meinen Feind und deinen Feind zum Freund"

Soweit das Allgemeine. Wenn nun die USA den Irak angreifen, dann wird der "Dschihad zur individuellen Verpflichtung aller irakischen Menschen". Pflicht aber sei er auch für alle benachbarten muslimischen Länder, "bis sie den amerikanischen Feind zurückschlagen". Da jedoch inzwischen Muslime und Nichtmuslime in vielen anderen Ländern zusammen leben, können nicht mehr alle Länder kämpfen. Daher heiße für die Muslime die Aufgabe in diesem Ländern, "mit allen Mitteln, gleich ob diese Unterstützung in Form der Finanzierung, von Medien oder politischem Rückhalt geschieht, dem irakischen Volk beizustehen."

Auch was die Suche nach amerikanischer Unterstützung seitens irakischer Widerstandgruppen zum Sturz der eigenen Regierung angeht, ist die Haltung der Geistlichen eindeutig:

"Selbst wenn ein Regime ein Land nicht regieren kann und seine Politik, statt den Interessen der Menschen zu helfen, zu wirtschaftlichem Niedergang und zahlreichen Schäden für das Land führt, bedeutet das nicht, dass man es durch eine proamerikanische oder probritische Regierung ersetzen darf, die die Bürger des Landes unterdrückt und es diesen Mächten ermöglicht, in den Besitz der Ressourcen einer Region zu gelangen, um die amerikanisch-zionistischen Interessen zu schützen."

Dabei beruft man sich auf den Koran, wo Allah sagt: "Mache nicht Meinen Feind und deinen Feind zum Freund." Zwar dürfen die Iraker gegen das Regime aufbegehren, um Demokratie und Freiheit zu erlangen, aber eben nicht ein nichtmuslimisches Land wie die USA um Hilfe bitten, die "die große Macht hinter Israel" ist. Ein klein wenig anders sieht dies Sheikh Abdul-Majeed Subh in einer Fatwa vom 18.12.2002. Wenn es Muslims nicht aus eigener Kraft gelingt, eine unterdrückendes Regime militärisch zu stürzen, dann können sie auch als Ausnahme eine ausländische Streitkraft zur Hilfe holen, allerdings nur dann, wenn das oberste Kommando bei den Muslims liegt: "Sonst ist das total verboten." Am selben Tag werden die von den USA unterstützten irakischen Oppositionsgruppen direkt verurteilt.

Aber die Welt ist nicht einfach. Die Muftis fordern auch zum Boykott amerikanischer Firmen und Produkte auf. Doch Islam Online ist "Best viewed by Microsoft Internet Explorer 4.0 and above". Und ins Web gestellt wurde die Website von Afkar Information Technology. Das ist zwar eine Firma aus Katar, doch die wiederum ist ein "Microsoft certified Partner". Zuletzt heißt es denn auch immer am Schluss jeder Fatwa: "Allah Almighty knows best." (Florian Rötzer)