Kaschmir: Gestrichene Zugverbindung statt "militärischer Reaktion"

Religiöse Mehrheiten in Jammu, Kaschmir und Ladakh. Grün: Moslems. Orange: Buddhisten. Blau: Hindus. Karte: Kashmir Study Group.

Nach der Verfassungsänderung wird das tibetisch-buddhistische Ladakh ein eigenes indisches Territorium

Nach dem Entzug der Autonomie für den indischen Teil des ehemaligen Fürstentums Jammu und Kaschmir hat der pakistanische Außenminister Shah Mehmood Qureshi verlautbart, sein Land prüfe nun "politische, diplomatische und rechtliche", aber keine "militärischen" Optionen. Bereits entschieden ist, dass Pakistan eine Beschwerde beim UN-Sicherheitsrat einreichen wird. Außerdem muss der indische Botschafter in Islamabad, der aufgrund diplomatischer Empfindlichkeiten offiziell nur den Titel eines "Hochkommissars" führt, das Land verlassen.

Der pakistanische Eisenbahnminister Sheikh Rasheed hat darüber hinaus angekündigt, den Samjhauta Express zwischen der pakistanischen Pandschabmetropole Lahore und der indischen Hauptstadt Neu-Delhi nicht mehr fahren zu lassen. Der Luftraum soll dagegen offen bleiben. Auch ein Stopp des vereinbarten Kartarpur-Grenzkorridors, durch den indische Sikhs visafrei zu ihrem fünf Kilometer hinter der pakistanischen Grenze gelegenen Gurdwara Darbar Sahib pilgern können sollen, ist bislang nicht geplant.

Pakistan erkannte Annexion eines buddhistisch-tibetischen Gebiets durch China schnell an

Dass die Reaktionen eher moderat ausfielen, könnte auch daran liegen, dass die erste größere praktische Folge des Autonomieentzugs Islamabad vielleicht gar nicht so sehr stört: Eine Abtrennung des Gebiets Ladakh, das etwa die Hälfte des indischen Kaschmirteils ausmacht, aber nur ungefähr 300.000 der über 13 Millionen Einwohner beherbergt. Die sind weder Moslems noch Hindus, sondern Buddhisten und sprechen eine tibetische Sprache. Ihre Vertreter hatten deshalb schon bei der Gründung Indiens ein eigenes Gebiet gefordert, was der damaligen Staatschef Jawaharlal Nehru ablehnte.

Als China 1962 drei ehemals zum Fürstentum gehörige und sprachlich und religiös ähnlich geprägte Gebiete besetzte, erklärte sich Pakistan bereits im Jahr darauf dazu bereit, vertraglich auf das vorher von Islamabad aus verwaltete Shaksgam-Tal zu verzichten. Der Moslemstaat hatte damals kein Interesse daran, es sich wegen eines Hochgebirgslandstrichs, in dem praktisch nur Buddhisten leben, mit Peking zu verderben. Das deutet darauf hin, dass auch das pakistanische Interesse an Ladakh begrenzt sein könnte.

Nur die erste Teilung?

Vielleicht hofft man durch die Teilung sogar inoffiziell, dass sie eine weitere Teilung näher bringt: Die zwischen einen hindudominierten Jammu und einem moslemischen Kaschmir. Letzterer könnte dann vielleicht neue und umfassendere Autonomierechte erhalten - oder vielleicht sogar die Unabhängigkeit.

Gegen so eine Entwicklung spricht, dass nach dem Wegfall der bisherigen Autonomie die bisherigen Beschränkungen für 1,3 Milliarden Inder wegfallen, sich in dem 13-Millionen-Gebiet anzusiedeln oder dort Land zu kaufen. Das könnte die Bevölkerungsstruktur nachhaltig verändern - wenn sich genügend Hindus trauen, ihre Wohnsitze in das zwar landschaftlich reizvolle aber nicht unbedingt sichere und wirtschaftlich sehr entwickelte Gebiet zu verlegen.

Die Teilung von Jammu-Kaschmir in zwei Territorien (die vorläufig nicht die Selbstverwaltungsechte indischer Bundesstaaten haben, sondern - wie etwa die Andamanen - von Neu-Delhi aus verwaltet werden) ist nicht die erste regionale Gebietsveränderung in der Geschichte des nachkolonialen Indien. Tatsächlich gab es seit dem Inkrafttreten der indischen Verfassung 1950 eine ganze Reihe davon.

Viele dieser Umbauten änderten eine aus historischen Zufällen entstandene Gliederung zugunsten sprachlicher Gemeinsamkeiten: Aus den telugusprachigen Gebieten des Bundesstaates Madras wurde so 1953 der neue Bundesstaat Andhra, der 1956 mit den telugusprachigen Teilen von Hyderabad zu Andhra Pradesh fusionierte. Im selben Jahr entstand aus mehreren malayalamsprachigen Gebieten der Bundesstaat Kerala, in dem es dann jedoch zu Spannungen zwischen 55 Prozent Hindus, 25 Prozent Moslems und 20 Prozent Christen kam (vgl. Indien: Handabhacker zu Gefängnisstrafen verurteilt)

Modi kündigt baldige Wahlen und Wiederherstellung der Selbstverwaltung des moslemisch-hinduistischen Teils an

Der indische Premierminister Narendra Modi stellte eine weitere Teilung des indischen Teils von Jammu und Kaschmir in seiner gestrigen Ansprache jedoch nicht in Aussicht. Stattdessen versicherte er, dass der nicht Ladakh zugeschlagene indische Teil nur temporär von Neu-Delhi aus verwaltet werden soll.

In dieser Zeit sollen alle Beamten dort nach den besseren Bundesbedingungen versorgt und alle unbesetzten Stellen besetzt werden, was die Jugendarbeitslosigkeit in die Region verringern werde. Außerdem kündigte er baldige Regionalwahlen an. Die werden erwartet, seit in Srinagar vor einem Jahr die Regionalkoalition aus Modis Hindupartei BJB und der islamischen PDP von Mufti Mohammed Sayeed platzte. Danach blieb das Gebiet ohne Regionalregierung.

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