Jedem seine Torte ins Gesicht

Scott McNealy von Sun möchte ein Stück vom Glück seines Konkurrenten Bill Gates' abhaben und im Kampf um den Einzug des Internet in den Verbrauchermarkt endlich einmal die Nase vorn haben.

"Es ist wirklich kein Spaß, von der Regierung angeklagt zu werden", beteuert der um die Innovationsfreiheit seiner Firma Microsoft besorgte Bill Gates seit Ende vergangenen Jahres bei jedem öffentlichen Auftritt. Doch was des einen Sorge, ist des anderen heimliche Sehnsucht: "Ich wünsche mir nichts mehr, als daß alle erdenklichen Antitrust-Abteilungen Sun eine Monopolstellung vorwerfen würden", teilte Gates' persönlicher Intimfeind Scott McNealy vergangene Woche den erstaunten Mitgliedern des Churchill Clubs im Silicon Valley mit.

Nach kurzem Überlegen fiel dem umtriebigen CEO allerdings doch noch eine Steigerung ein. Eine Delegation des Europäischen Parlaments, die Sun Microsystems vergangene Woche einen Besuch abstattete, hatte McNealy in Anspielung auf den jüngsten tätlichen Angriff auf seinen Konkurrenten in Brüssel wissen lassen: "Wenn ich das nächste Mal nach Europa komme, möchte ich unbedingt von Euch eine Torte ins Gesicht bekommen!"

Leider trifft es immer die Falschen. Gates brauche keine Publicity mehr, "aber ich", so der seit Jahren dem Monopol seines ewigen Konkurrenten die Stirn bietende McNealy. Momentan fühle er sich nämlich "schrecklich einsam" im Kampf gegen den Beherrscher der PC-Oberflächen. Und mit ernstem Unterton fügt er hinzu, daß es im Unternehmensbereich letztlich nur noch die Wahl zwischen zwei alternativen Computerarchitekturen gäbe: Wintel und die aus seinem Haus stammenden Workstations mit dem Solaris-Betriebssystem. Und gerade so schön in Fahrt räumt der Sun-CEO, den Gates selbst jüngst in einem Interview mit der ZEIT als einen "humorvollen" Gegenspieler beschrieben hat, gleich mit zwei der von Microsoft in der Antitrust-Debatte am häufigsten vorgebrachten Argumente auf: "Schaut auf den Preisverfall im Softwaremarkt!", äfft McNealy seinen Kontrahenten nach. Die Realität sieht seiner Meinung nach anders aus: Microsoft habe zu Beginn des Jahres die Preise für Windows NT stillschweigend erhöht, so daß vor allem kleine und mittlere Unternehmen den "Hammer" zu verspüren bekämen. Und auch die von Gates so gern im Mund geführte "Innovation" kann der streitbare McNealy nicht nachvollziehen: "Wenn man bei NT ein neues Programm installieren oder die IP-Adresse ändern will, muß man den ganzen Computer runterfahren. Das ist genauso, wie wenn man zum Anschalten des Radios im Auto erst den Motor ausmachen müßte."

Die laufenden Untersuchungen des amerikanischen Justizministeriums sieht der CEO, der mit zu den größten Meinungsmachern im Silicon Valley gehört, trotzdem mit gemischten Gefühlen. Einerseits glaubt er, daß die Regierung durchaus eine Rolle in der Marktregulierung habe und einschreiten müsse. Andererseits fürchtet er aber, daß nun, wo die Monopolstellung Microsofts quasi öffentlich gemacht sei, nur noch mehr Unternehmen auf die Standards aus Redmond setzen würden. Viel erwartet der Chef der 1982 gegründeten und inzwischen fast 22.000 Beschäftigte umfassenden Hard- und Softwarefirma deshalb nicht von Washingtons Bürokraten, denen er nur "wahnsinnige Verschwendung" vorwirft. Er setzt lieber auf den freien Markt und auf seine Geheimwaffe Java, die er in den nächsten Jahren in alle erdenklichen (Haushalts-)Gerätschaften - vom Funktelefon über die Smartcard bis zur Set-Top-Box - einbringen möchte. Dahinter steht der Gedanke, den Internetzugang ubiquitär und einfacher zu gestalten - was allerdings auch genau den neuesten Plänen Microsofts entspricht. McNealy sieht Sun in diesem Gebiet durch die Stärken Javas in Führung. Seiner Meinung geht es darum, dem Verbraucher kleine, intelligente und leicht zu bedienende Werkzeuge in die Hand zu geben - und Windows NT könne man eben nicht in eine Smartcard einbauen. "Wo ist denn da der Knopf für den Neustart?"

Zu übersehen scheint der Firmenstratege dabei nur, daß Microsofts Produktpalette nicht auf NT beschränkt ist. Denn während er stolz davon berichtet, daß bereits über 90 Prozent der Hersteller von Chipkarten auf Java setzen würden und beispielsweise Siemens vor kurzem eine Java-Lizenz beantragt habe, um die Technologie direkt in Mikrochips zu integrieren, hat Gates in der ZEIT ähnliche Erfolge zu vermelden: "Wir haben gerade einen Vertrag mit Siemens unterzeichnet. Danach soll Windows CE in sehr viele Produkte eingebaut werden - von Telephonen über Medizintechnik bis zu Autoradios." Der Java-Microsoft-Krieg ist noch lange nicht entschieden, und die Marktmacht der Redmonder scheint auch im Sektor der Verbraucherelektronik ihre Wirkung zu zeigen. (Stefan Krempl)