"Je mehr Angst Sie machen, desto mehr Geld"

Ulrike Schiesser über das Reptiliengehirn im Menschen und die Faszination am Weltuntergang

Die Welt ist nicht untergegangen. Schon wieder nicht. Obwohl der Maya-Kalender zu Ende ging. Aber eben nur der und nicht die Welt. Immer wieder machen sich Menschen Gedanken um das Ende der Zeit, den Untergang der Welt, die Apokalypse. Dies spiegelt sich nicht nur in alten Überlieferungen wider, in Sagen oder der Bibel, sondern auch heutzutage in Büchern, Filmen wie Armageddon, und Online-Foren. Und natürlich bei Therapeuten und Beratern. Ulrike Schiesser ist Psychologin und Psychotherapeutin; sie arbeitet an der Österreichischen Bundesstelle für Sektenfragen in Wien und hat versucht, diesem Phänomen in ihrem Text Flirting with Disaster näherzukommen.1

Frau Schiesser, wie kommen Sie auf einen Artikel über Vorstellungen vom Weltuntergang?

Ulrike Schiesser: Übers Jahr bekamen wir bei der Beratungsstelle immer mehr Anfragen zum Thema, ich habe begonnen, Material zu sammeln und so ist dieser Artikel entstanden.

Sie haben also schon vor dem 21. Dezember geschrieben, obwohl Sie nicht wussten, ob die Welt weiterhin bestehen würde?

Ulrike Schiesser: Ja, ich war da unheimlich mutig ...

Die Vorstellungen vom Weltuntergang werden ja immer wieder analysiert. Sie haben in Ihrem Aufsatz solche Betrachtungen in mehreren Themenblöcken zusammen gefasst. Einer heißt "Party und Geschäft". In der Tat macht sich manch einer gern lustig über den Weltuntergang, zum 21. Dezember wurden auch Weltuntergangs-Partys veranstaltet. Aber wie sieht das bei Anfragen an der Bundesstelle für Sektenfragen aus? Welche Art von Anfragen gingen bei Ihnen ein?

Ulrike Schiesser: Weltuntergangsvorstellungen gibt es in vielen Gruppen, im christlich-evangelikalen Bereich, auch in manchen esoterischen Gruppen. Wir werden immer wieder damit konfrontiert und aus ganz verschiedenen Gründen.

Was sind das für Gründe?

Ulrike Schiesser: Manchmal entwickelt eine Führerperson, die ja oft sehr charismatisch ist, eigene Vorstellungen. Manche Führerpersonen oder Gruppen haben eine Art Wahn entwickelt. Sie können Menschen ganz wunderbar manipulieren, indem Sie ihnen Angst machen: Je mehr Angst Sie machen, desto mehr Geld, Engagement und Aufmerksamkeit erhalten Sie. Und womit können Sie mehr Angst machen, als mit dem Untergang oder der Zerstörung der ganzen Welt?

Wie oft werden Anfragen vor dem Hintergrund eines Weltunterganges an die österreichische Bundesstelle für Sektenfragen gerichtet?

Ulrike Schiesser: Das ist schwer zu sagen. Ich habe das Thema dieses Jahr den Anrufern gegenüber bewusst angesprochen, wegen des Maya- Kalenders. Und da ist es in der Tat oft aufgetaucht. Aber viele Menschen empfinden das Thema nicht als wichtig. Und wer zweifelt, spricht das Thema eher gar nicht erst an, sondern diskutiert eher in einem entsprechenden Internet-Forum mit anderen Gläubigen.

Können Sie Zahlen nennen? 20 Anfragen? 50?

Ulrike Schiesser: Wir haben keine Statistik dazu. Aber wir erhalten pro Jahr Anfragen zu ungefähr 300 Gruppen und haben 600 Beratungsfälle - die Zahl 20 ist bestimmt zu gering. Ich habe in meiner Tätigkeit jedenfalls mehr derartige Anfragen festgestellt, und ich habe auch mehr nachgefragt.

Wer ruft Sie denn normalerweise an und warum?

Ulrike Schiesser: Die meisten Anrufer sind Angehörige, Freunde oder auch Arbeitskollegen, die beobachtet haben, dass jemand zum Beispiel Yoga betreibt und dies mit vegetarischer Ernährung einhergeht, mit sexueller Enthaltsamkeit oder auch fünf Stunden dauernder Meditation: Das kann zu Konflikten führen. Angehörige machen sich zum Beispiel Sorgen, wenn sich jemand negativ verändert.

Es gibt aber auch versteckte Angebote, wie Kochkurse und Vorträge, die nicht auf den ersten Blick als Teil einer Ideologie erkennbar sind. Hier werden wir angefragt, um zu klären, ob es einen ideologischen Hintergrund gibt. Es rufen aber auch Betroffene selber an, aus ganz unterschiedlichen Gründen. Manche wollen sich nach mehrjährigem Engagement aus einer Gruppe zurückziehen und möchten sich jetzt neu orientieren und eventuell ein neues Welt- oder Gottesbild finden.

Das gilt vor allem für Menschen, die in einer bestimmten Gruppe aufgewachsen sind und sich als junge Erwachsene daraus lösen. Betroffene müssen oft dramatische Erlebnisse verarbeiten wie emotionalen oder sexuellen Missbrauch, oder haben Angst vor Racheakten oder negativen Energien. Wer einen Guru verehrt, glaubt meist, dass dieser übermenschliche Fähigkeiten hat. Und wer sich dann von dem Guru löst, fragt sich vielleicht: Hat der einen Weg in meine Seele? Es wird in solchen Gruppen oft vermittelt: Wenn Du gehst, hat das negative Konsequenzen für Dich und Deine Familie. Das führt zu Angst vor Rache oder Bestrafung, oft erst Jahre oder Jahrzehnte später.

Ist das auch die Angst vor dem Weltuntergang? Oder ist die anders?

Ulrike Schiesser: Einerseits kann man sagen: Angst ist Angst. Sie ist immer irrational, wie etwa die vor Spinnen oder dem Fliegen. Es handelt sich immer um die gleichen Mechanismen. Da haben schon manche Menschen versucht, sich Informationen zu holen, im Radio, Fernsehen, oder Internet. Trotzdem haben sie Angst, denn die Informationen gehen ans Großhirn, aber so etwas wie Aberglaube oder die Angst vor dem Dunkeln sitzen sozusagen in unserem "Reptiliengehirn".

Reptiliengehirn?

Ulrike Schiesser: Ja, damit meine ich unsere entwicklungsgeschichtlich "alten" Anteile. Denken Sie an den Kettenbrief, an die Sekunde, die Sie zögern, ihn zu löschen. An die Gewohnheit, dreimal auf Holz zu klopfen. Und in Situationen, in denen es einem nicht so gut geht, in Krisen, da wird dieser Anteil größer. Diese Angst vor dem Weltuntergang ist manchmal ein Symptom für etwas anderes. Wenn mir jemand davon erzählt, dann frage ich immer, was in seinem gegenwärtigen Leben gerade "dran" ist. Ich habe die Beobachtung gemacht, dass dann oft Entscheidungen anstehen, schwierige Finanzen, Probleme mit dem Partner, eine unerträgliche berufliche Situation. Diese Konzentration auf den Weltuntergang ist mitunter entlastend für andere Ängste.

So wie man sich kratzt, wenn etwas juckt?

Ulrike Schiesser: (Lacht.) Ja. Diese Gewissheit, dass eh alles zu Ende geht, kann den Mut geben, eine Entscheidung zu treffen. Es relativiert Ihre Probleme. Wenn man denkt: Meine Welt geht unter!, und jemand sagt: Nicht Deine, sondern die ganze Welt! - dann ist man vielleicht sogar erleichtert.

Was sagen Sie solchen Leuten?

Ulrike Schiesser: Sagen hilft da überhaupt nichts... Ich lasse mir genau die Szenarien erklären, wie geht die Welt unter, wer wird gerettet und warum, gibt es die Möglichkeit, das zu ändern, braucht man einen Dieselgenerator oder Lebensmittelvorräte, um das zu überleben, oder kann man nur passiv abwarten? Und dann kann man das weiterspinnen: Was wäre, rein hypothetisch, wenn die Welt nicht unterginge? Welche Entscheidungen würden dann anfallen? - Oft ist der Weltuntergang nur eine Fassade. Dies ist dann die eigentliche therapeutische Arbeit. Die kann man aber nicht in einem Beratungsgespräch leisten, das dauert länger.

Verweisen Sie manche Anrufer an einen Psychotherapeuten?

Ulrike Schiesser: Wir sind hier in der Beratung alle Psychologen und Psychotherapeuten. Und einige Gespräche helfen da manchen Menschen schon sehr. Oft geht es um eine Entlastung oder Relativierung, um die Frage: Wie viel Macht hat die Gruppe über mich? Bei tiefergreifenden Themen empfehlen wir oft eine weitere Auseinandersetzung damit in einer längerfristigen Psychotherapie.

Haben Menschen ihre apokalyptischen Vorstellungen immer in einer Gruppe erworben?

Ulrike Schiesser: Nein, gerade was den Maya-Kalender betrifft, nicht. Dies hatte eine richtige Lawinenwirkung, es hatte mehr Medienpräsenz als andere Daten davor. Wenn Sie sogar eine Deo-Werbung mit dem Weltuntergang sehen: Das ist losgelöst von bestimmten Ideologien, und bekommt den Rang eines wirklichen Ereignisses. Ich habe auch die Aussage gehört: Es gibt so viele Bücher darüber, dann muss doch etwas dran sein. - Das hat eine gewisse hypnotische Wirkung.

Also ein Selbstläufer der Medien?

Ulrike Schiesser: Ja, diese Apokalypse war sicher auch die Apokalypse der Neuen Medien. Das Internet wirkte als Brandbeschleuniger. Jetzt wird es spannend, ob so etwas noch einmal passiert: Im Herbst soll ein Komet auftauchen - was dann? Nach dem Weltuntergang ist vor dem Weltuntergang... (Ulrike Heitmüller)

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