Japan gibt Blockade auf

Die Energie- und Klimawochenschau: Meteorologen bilanzieren den Sommer, in der Arktis schrumpft das Eis und in die Klimaverhandlungen scheint endlich wieder ein wenig Bewegung gekommen zu sein

Astronomisch gesehen liegen noch ein paar Sommertage vor uns und auch das aktuelle Wetter hat noch nicht auf Herbst umgeschaltet. Für die Meteorologen ist das Kapitel Sommer jedoch bereits abgeschlossen, denn für sie gelten nur Juni, Juli und August als Sommermonate.

Entsprechend zog der Deutsche Wetterdienst (DWD) kürzlich seine Sommerbilanz. Ergebnis: Mit durchschnittlich 17,3 Grad Celsius (°C) lag der Sommer 2009 hierzulande ein Grad über dem langjährigen Klimawert von 16,3°C. Dabei hatte die schöne Jahreszeit heuer einen schlechten Start. Der Juni war eher kühl und fiel unterdurchschnittlich aus. Anfang des Monats gab es in einigen Gegenden Nord- und Ostdeutschlands gar Nachtfröste. Am 6. Juni sank das Thermometer in Quickborn am Erdboden auf -4,4°C. Mancherorts fiel der Juni kühler als der vorangehende April aus.

Der Juli und vor allem der deutlich überdurchschnittlich warme August retteten den Sommer dann jedoch. Ausgedehnte Hochdrucklagen sorgten für teils extreme Temperaturen und kürzere Hitzewellen. Mit 18,7°C lag der August 2,2°C über dem Klimawert, das heißt, über dem Durchschnitt der mittleren August-Temperaturen der Jahre 1961 bis 1990. Der DWD betreibt rund 2.100 Wetterstationen, auf deren Daten die Aussagen beruhen.

Gemessen wird neben Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Niederschlag auch die Sonnenscheindauer, die in diesem Sommer keine großen Abweichungen von den Klimawerten zeigte. Die sonnenreichsten Flächenländer waren das Saarland mit 718 Stunden und Schleswig-Holstein mit 714 Stunden. Am häufigsten schien die Sonne an der Station Arkona auf Rügen mit 814 Stunden. In Baden-Württemberg waren es hingegen durchschnittlich nur 686 Stunden und im Solar-El-Dorado Bayern 638 Stunden, was geringfügig über dem dortigen Klima-Durchschnitt lag.

Trend zum Eisverlust hält an

Im Norden neigt sich der Sommer dem Ende, auch wenn es dieser Tage in West- und Mitteleuropa noch einmal richtig heiß wird. Schon seit dem 21. Juni werden die Tage wieder länger und für das Eis auf dem arktischen Ozean ist die Saison des Abschmelzens bald vorüber. Irgendwann gegen Mitte des Monats wird die Ausdehnung der Eises das Minimum erreichen, aber schon jetzt scheint klar, dass diese zwar einerseits oberhalb des historischen Tiefstandes von 2007 bleiben, aber andererseits einen der niedrigsten Werte seit Beginn der satellitengestützten Aufzeichnungen erreichen wird.

Zur Zeit sind bereits die Küsten Sibiriens vollkommen eisfrei, so dass es eine Durchfahrt vom Atlantik zum Pazifik möglich wäre. Allerdings ist das nur eine theoretische Option, denn bei etwa 140 Grad Ost ist nur ein schmaler Streifen flachen Küstengewässers zwischen dem Festland und der Inselgruppe Severnaja Zemlja offen.

Auch die historische Route, auf der der norwegische Forscher Roald Amundsen nach zweimaligem Überwintern im Eis zwischen 1903 und 1906 die Nordwestpassage bezwang, ist derzeit befahrbar. Allerdings führt sie ebenfalls durch sehr flache Gewässer und ist daher für größere Schiffe nicht geeignet. Der auf einem nördlicheren aber direkten Weg durch die kanadische Inselwelt führende Perry-Kanal, der von großen Schiffen befahrbar wäre, ist hingegen noch über weite Strecken von Eis blockiert. Im Sommer 2007 war diese natürliche Wasserstraße erstmalig seit Menschengedenken eisfrei.

Eisausdehnung auf der Nordhalbkugel: Etwas mehr als 2007, aber deutlich unter dem langjährigen Mittelwert. Der negative Trend ist also ungebrochen. Bild: NSIDC

Unter den Arktisexperten kursieren verschiedene Werte für die Eisbedeckung, die den Laien manchmal verwirren. Obige Grafik vom National Snow and Ice Data Center der USA bezeichnet das Eisgebiet. Die Satellitensensoren messen die Strahlung von jeweils einigen Quadratkilometer großen Planquadraten. Sind in diesen mindestens 15 Prozent der Fläche mit Eis bedeckt, so werden sie zum Eisgebiet zugerechnet. Anders geht die Polarforschungsgruppe an der Universität von Illinois in Urbana-Champaign vor. Sie berechnen die reale Eisfläche. Nach ihren Angaben sind derzeit noch etwa 3,8 Millionen Quadratkilometer des arktischen Ozeans mit Eisschollen bedeckt, rund 1,5 Millionen weniger, als es im Mittel derzeit sein sollten.

Die Eisbedeckung ist übrigens nicht nur von der Temperatur abhängig, sondern auch von der Dicke des Eises, die in den letzten Jahrzehnten beständig abgenommen hat. Je dünner das Eis, desto eher kann es im Sommer von Winden zusammengeschoben oder durch warme Luft und Sonneneinstrahlung ganz aufgetaut werden.

Neue Bewegung

Die Verhandlungen über einen neuen Klimaschutzvertrag, der im Dezember auf dem UN-Klimagipfel in Kopenhagen unterzeichnet werden soll, könnten einen neuen Impuls durch einen Annäherung zwischen China und den USA bekommen. Die chinesische Zeitung China Daily berichtet, dass ein bilateraler Vertrag zwischen den beiden Ländern schon im November unterschriftsreif sein könnte. Dann wird US-Präsident Barack Obama in der chinesischen Hauptstadt zu einem Staatsbesuch erwartet. Die beiden Länder sind die mit Abstand größten Emittenten des Treibhausgases Kohlendioxid (CO2). Das Blatt beruft sich auf die US-Senatorin Maria Cantwell und Washingtons Botschafter in Beijing (Peking) John Huntsman.

Der Vertrag könnte Vereinbarung über Technologietransfer und den Abbau von Zöllen auf Waren und Dienstleistungen beinhalten, die im Zusammenhang mit den erneuerbaren Energieträgern stehen. China muss zum Beispiel trotz des rasanten Wachstums seiner Windenergieindustrie noch immer einen erheblichen Teil der höherwertigen Anlagen-Komponenten aus den Industriestaaten einführen. Die beiden Länder haben auf dem Gebiet der Stromübertragungstechnik und der umstrittenen CO2-Abscheidetechnik CCS bereits Zusammenarbeit vereinbart.

Unterdessen hat der epochale Regierungswechsel in Japan, wo Ende August die Liberaldemokratische Partei abgewählt wurde, nachdem sie fünf Jahrzehnten nahezu ununterbrochen an der Macht war, auch zu einem Kursschwenk in Sachen Klimaschutz geführt. Der künftige, von der Demokratischen Partei gestellte Premierminister Yukio Hatoyama verspricht, die japanischen CO2-Emissionen bis 2020 um 25 Prozent gegenüber 1990 zu reduzieren.

Das derzeit noch gültige Kyoto-Protokoll sieht vor, dass Nippon seine Emissionen im Vergleich zum Referenzjahr um sechs Prozent reduziert. Tatsächlich wird der Treibhausgasausstoß aber, wie es derzeit aussieht, in den Zieljahren 2008 bis 2012 vermutlich noch einige Prozentpunkte über dem Niveau von 1990 liegen. Nach den Angaben des Sekretariats der Klimakonvention in Bonn wurde in Japan 2006 etwa sechs Prozent mehr an Treibhausgasen in die Luft geblasen als 16 Jahre zuvor. Das Land hat also einen erheblichen Nachholbedarf und eigentlich keinerlei Anlass, mit dem Finger auf andere zu zeigen.

Dennoch verband Hatoyama sein Versprechen mit der Bedingung, dass sich auch Länder wie China und Indien auf bindende Begrenzungen oder gar Reduktionen ihrer Emissionen einlassen. Das haben diese aber bisher stets abgelehnt. Zunächst müssten die Industriestaaten ihren Verpflichtungen nachkommen und den ärmeren Ländern eine Chance geben, ihre Wirtschaft zu entwickeln, so ihre Argumentation.

Insbesondere Indien versucht außerdem schon seit vielen Jahren durchzusetzen, dass die in den Verträgen zugeteilten erlaubten Emissionen auf der Grundlage der Bevölkerungszahl berechnet werden. Die Pro-Kopf-Emissionen sind nämlich in den allermeisten Entwicklungsländern und selbst im boomenden China noch wesentlich niedriger als in den USA, Deutschland oder Japan. China verlangt darüber hinaus von den Industriestaaten wesentlich ehrgeizigere Ziele. Bis 2020 sollten sie ihre Emissionen um 40 Prozent im Vergleich zu 1990 zurückfahren, ein Wert, der auch von vielen Klimaforschern gefordert wird. Die EU verspricht hingegen bisher bloß 20 Prozent, die USA, deren Emissionen heute wie die japanischen deutlich über den Werten von 1990 liegen, wird vermutlich demnächst ein Gesetz verabschieden, mit dem die Emissionen auf das 1990er Niveau abgesenkt werden sollen. Mit anderen Worten: Washington bietet Null Prozent Reduktion an.

Dennoch sehen einige Beobachter in dem japanischen Vorstoß einen wichtigen Impuls für die Verhandlungen, die im Dezember in Kopenhagen abgeschlossen werden sollen. Saleemul Huq vom International Institute for Environment and Development (IIED) in London meint, dass Japans neue Position Druck auf andere Parteien ausüben werde. Die konservative Vorgängerregierung hatte in den Gesprächen eher zu den Bremsern gehört. Nun müsste die EU eigentlich ihr Versprechen wahr machen, ihr Angebot auf 30 Prozent zu erhöhen, wenn sich auch andere große Industriestaaten bewegen. (Wolfgang Pomrehn)