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Italien, USA: Die Attraktion des Faschismus und wo die wahren Gefahren lauern

Graffiti auf einer Wand mit der Aufschrift: "BekÀmpft den Faschismus". Bild: Ivan Radic / CC BY 2.0

Die neoliberale EU hat zum Wiederaufleben von autoritĂ€ren KrĂ€ften gefĂŒhrt. GegenwĂ€rtig ist die Gefahr, dass die europĂ€ischen Gesellschaften faschistisch werden, aber geringer als die Gefahr, die in den USA besteht. Warum ist das so?

Der Wahlsieg der rechtsextremen Koalition von Giorgia Meloni in Italien ist der bisher deutlichste Beweis fĂŒr die dramatischen Folgen, die die neoliberale Politik der EuropĂ€ischen Union (EU) fĂŒr die Mitgliedstaaten hat. Die RĂŒckkehr der DĂ€monen aus der Vergangenheit in Italien und die Ausbreitung rechtsextremer Bewegungen und Parteien in ganz Europa stehen in direktem Zusammenhang mit den reaktionĂ€ren Wirtschaftsdogmen und den durchsichtigen Integrationsstrategien der Herrscher ĂŒber den Euro in BrĂŒssel und Frankfurt.

C.J. Polychroniou [1] ist Politikwissenschaftler, Ökonom und Autor zahlreicher BĂŒcher.

Lassen Sie mich das erklÀren.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs haben einige visionĂ€re Politiker in Frankreich und Deutschland die Schaffung von Strukturen und Institutionen jenseits des Nationalstaats vorangetrieben, um sicherzustellen, dass die EuropĂ€er ihrer LieblingsbeschĂ€ftigung, blutig gegeneinander Krieg zu fĂŒhren, abschwören. Das war die Logik hinter der Schaffung der EuropĂ€ischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG), die 1957 durch die Römischen VertrĂ€ge gegrĂŒndet wurde [2].

Es war ein ziemlich hehres Unterfangen, womit erreicht wurde, Allianzen zwischen historischen Feinden zu schmieden, die lÀnger als jemals zuvor in der europÀischen Geschichte Bestand hatten, obwohl andere Faktoren, wie der Kalte Krieg, eine wichtige Rolle in der langen Friedensperiode spielten, die seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa herrschte.

Die EWG entwickelte sich jedoch im Laufe der Zeit zu etwas, das ĂŒber ein regionales Handelssystem hinausging, mit Respekt vor Demokratie, nationaler SouverĂ€nitĂ€t und sozialen Rechten. Sie verwandelte sich in ein unternehmerisches Regime, das von dem unerbittlichen Wunsch getrieben wird, die Arbeiternehmer:innen den Launen des Kapitals zu unterwerfen und "wirtschaftliche Effizienz" bei der Verwaltung des Wohlfahrtsstaates durchzusetzen, indem die Macht schrittweise von der Bevölkerung auf nicht gewĂ€hlte Beamte in BrĂŒssel ĂŒbertragen wurde.

Letztendlich wurde diese Vision mit dem Vertrag von Maastricht im Jahr 1992 [3], dem GrĂŒndungsvertrag der EuropĂ€ischen Union, verwirklicht. Der Vertrag von Maastricht ebnete auch den Weg fĂŒr die Schaffung einer gemeinsamen WĂ€hrung, ohne jedoch ein föderales Regierungssystem einzufĂŒhren.

In diesem Sinne ist die EU nicht so sehr einzigartig, sondern eine merkwĂŒrdige, Frankenstein-Ă€hnliche Kreation. Insbesondere mit der EinfĂŒhrung einer gemeinsamen WĂ€hrung wurde der Spielraum fĂŒr nationale wirtschaftspolitische Entscheidungen stark eingeschrĂ€nkt. In Ermangelung einer föderalen Regierung wurde die AusteritĂ€t fast zwangslĂ€ufig zu einem integralen Bestandteil der neuen europĂ€ischen politischen Ökonomie.

Das passt perfekt zur Flexibilisierung der Arbeit und anderen antisozialen Reformmaßnahmen – Privatisierung, Kommerzialisierung des Gesundheits- und Bildungswesens, Rentenreform –, die alle auf die marktkonforme Gesellschaft ausgerichtet sind. Die VollbeschĂ€ftigung, die vor der GrĂŒndung der EU von politischen Parteien aller Couleur ernst genommen wurde, gab man zugunsten flexibler ArbeitsmĂ€rkte auf. Das Gleichheitsprinzip wurde der "Logik" der MarktkrĂ€fte ĂŒberlassen.

Die so genannte "mangelhafte" Architektur der EU war nicht auf ein Versehen oder einen technischen Fehler zurĂŒckzufĂŒhren. Sie ergibt sich aus den PrĂ€missen der grundlegenden neoliberalen Dogmen, die die Denkweise der europĂ€ischen Wirtschaftseliten und ihrer Unternehmens- und FinanzverbĂŒndeten bestimmten.

Die europĂ€ischen Politiker waren von der Überzeugung besessen, dass die entscheidenden Variablen fĂŒr Wachstum in der Öffnung des Handels und des Wettbewerbs, in einer tief greifenden finanziellen Integration und in der Beseitigung aller BeschrĂ€nkungen des Kapitalverkehrs zu finden sind. Sie wussten sehr wohl, dass das die Bedingungen waren, die den Weg zu effizienteren GeschĂ€ftsablĂ€ufen, niedrigeren LohnstĂŒckkosten und höheren Gewinnspannen fĂŒr Europas multinationale Konzerne ebnen wĂŒrden.

Der EuropĂ€isierungsprozess, der seit der Unterzeichnung des Vertrags von Maastricht in Gang gesetzt wurde, ist der traditionellen Vision eines sozialen und demokratischen Europas völlig fremd und schafft einen fruchtbaren Boden fĂŒr das Wachstum autoritĂ€rer FĂŒhrer, die versprechen, den globalen Eliten die Macht zu entreißen, die Vorherrschaft des Nationalstaats wiederherzustellen und zur traditionellen Gesellschaftsordnung zurĂŒckzukehren, in der nationale HomogenitĂ€t und familiĂ€re Werte an erster Stelle stehen.

Aufgrund der beunruhigenden Auswirkungen der neoliberalen Politik der EU sind die WĂ€hler auf dem Kontinent dramatisch nach rechts gerĂŒckt, selbst in traditionell sozialdemokratischen LĂ€ndern wie Schweden und Finnland, zumal die vormals sozialistischen und sozialdemokratischen Parteien selbst gar nicht mehr vorgeben, sich um die Arbeiterklasse zu kĂŒmmern, und in Wirklichkeit den Vorgaben der neoliberalen EU folgen.

In der EU hat es Faschismus heute schwerer als in den USA

Die Euro-Krise von 2010 hat alle strukturellen SchwĂ€chen der EU ans Licht gebracht und die Neuausrichtung der europĂ€ischen WĂ€hler in sozialen und kulturellen Fragen verstĂ€rkt, wobei konservative und ausgesprochen reaktionĂ€re politische Parteien und Bewegungen praktisch auf dem gesamten Kontinent die Oberhand gewonnen haben, mit Griechenland als Ausnahme. Aber selbst in dem Land, das die Demokratie begrĂŒndet hat, war das Experiment mit einer "linken" Regierung nur von kurzer Dauer, nachdem Syriza einen verheerenden Verrat an seinen Wahlversprechen beging [4]. Die aufgezwungenen Bailout-Programme inklusive der sadistischen Spardiktate der EU wurden nicht zurĂŒckgewiesen.

Der Wahlsieg der BrĂŒder Italiens unter der FĂŒhrung von Giorgia Meloni, einer langjĂ€hrigen Verehrerin des faschistischen Diktators Benito Mussolini, kommt daher nicht ĂŒberraschend. Es ist der Preis, den die reprĂ€sentativen Demokratien dafĂŒr zahlen, dass sie sich von externen KrĂ€ften mit geringer oder gar keiner politischen LegitimitĂ€t kontrollieren lassen. Wir sollten nicht vergessen, dass die Unterzeichnung des Maastrichter Vertrags eines der am wenigsten demokratischen Verfahren in der Geschichte des modernen Europas gewesen ist. Der Vertrag wurde von PrĂ€sidenten und Premierministern unterzeichnet, ohne dass die Bevölkerung beteiligt wurde, geschweige denn zustimmte.

Man darf sich darĂŒber keine Illusionen machen. Es sind der undemokratische Charakter und die neoliberale Politik der EuropĂ€ischen Union, die fĂŒr das Wiederaufleben des europĂ€ischen Faschismus verantwortlich sind. Und nicht nur in Italien sind die Rechtsextremen an die Macht gekommen.

Auch in Spanien sind Rechte mit an der Macht. Außerdem haben die heutigen Konservativen in Europa nichts dagegen, mit den Rechtsextremen zusammenzuarbeiten, um an die Regierung zu kommen. Im Kabinett des derzeitigen konservativen Kabinetts in Griechenland sitzen zahlreiche Minister, die enge ideologische und politische Beziehungen zur extremen Rechten unterhalten.

Dennoch ist die Gefahr, dass die europĂ€ischen Gesellschaften faschistisch werden, in der gegenwĂ€rtigen historischen Situation weitaus geringer als in den Vereinigten Staaten. Aufgrund des Mehrparteiensystems in Europa ist es fĂŒr jede Partei schwierig, eine klare Mehrheit zu erlangen, weshalb die politischen Parteien in einer Koalition zusammenarbeiten mĂŒssen.

Die rechtsextremen BrĂŒder Italiens von Giorgia Meloni erhielten 26 Prozent der Stimmen, aber sowohl die einwanderungsfeindliche Lega-Partei von Mateo Salvini als auch die rechtsgerichtete Partei Forza Italia des ehemaligen MinisterprĂ€sidenten Silvio Berlusconi erhielten weit weniger Stimmen als 2018. Italiens rechtsextreme Koalition hat zwar eine klare Mehrheit im Parlament errungen, aber weniger als 44 Prozent der WĂ€hlerstimmen.

Vor diesem Hintergrund und angesichts der Tatsache, dass Italien Mitglied der EU und der Eurozone bleiben wird, sollte man keine radikalen Änderungen in der Art und Weise erwarten, wie sich die neue Regierung sowohl im Inland als auch auf internationaler Ebene verhalten wird. Meloni hat bereits angedeutet, dass ihre Regierung fĂŒr alle Italiener regieren wird.

In der Praxis bedeutet es, dass ihre Regierung versuchen wird, sich sowohl bei den Unternehmern als auch bei den DurchschnittsbĂŒrgern einzuschmeicheln. Laut dem gemeinsamen Programm der Koalitionspartner wird Melonis Regierung die Steuern fĂŒr Unternehmen, Familien und SelbststĂ€ndige gleichermaßen senken und einen grĂ¶ĂŸeren Teil der 200 Milliarden Euro, die Italien im Rahmen des EU-Konjunkturprogramms nach der Covid-Pandemie zugewiesen wurden, zur UnterstĂŒtzung von Sozialprogrammen verwenden. Im Gegensatz zu den rechtsextremen Parteien in den USA befĂŒrworten die in Europa bestimmte Aspekte des Sozialstaats.

In der Außenpolitik wird Melonis Regierung sicherlich ein gehorsamer Diener der EU-Regeln und -Vorschriften bleiben, wĂ€hrend sie gelegentlich auf eine EU-Reform drĂ€ngt. Sie wird die Nato und ihre Politik gegenĂŒber der Ukraine unterstĂŒtzen, wĂ€hrend sie Initiativen fĂŒr eine friedliche Lösung des Konflikts befĂŒrwortet. Man wird höchstwahrscheinlich strengere Grenzkontrollen einfĂŒhren, da die Einwanderung ein wichtiger Bestandteil von Melonis Wahlkampf war.

Italiens rechtsextreme Koalition hat auch erklĂ€rt, dass sie gegen Diskriminierung, einschließlich Antisemitismus, kĂ€mpfen wird, aber eine harte Haltung gegenĂŒber muslimischem Fundamentalismus einnehmen wird.

In den oben genannten Punkten gibt es nichts, was Melonis rechtsextreme Regierung von den konservativen Regierungen unterscheidet, die heute in anderen europÀischen LÀndern an der Macht sind.

Es wird sogar gemunkelt, dass der scheidende MinisterprĂ€sident Mario Draghi, der auch PrĂ€sident der EuropĂ€ischen Zentralbank war, sich persönlich bei den Euro-Machthabern fĂŒr Giorgia Meloni verbĂŒrgt hat. Das ist durchaus möglich, und es ist in der Tat sehr unwahrscheinlich, dass Italiens neue MinisterprĂ€sidentin den Kurs Ă€ndern wird. Wenn sie es doch tut, wird einer der Koalitionspartner (höchstwahrscheinlich Silvio Berlusconis Forzia Italia) vermutlich aussteigen und ihre Regierung wird zusammenbrechen.

In dieser Hinsicht könnte sich der Jubel des Trump-Lagers in den USA ĂŒber die Wahl von Giorgia Meloni als verfrĂŒht erweisen. Italiens rechtsextreme Regierung stellt zwar einen klaren RĂŒckschlag fĂŒr den sozialen und politischen Fortschritt dar, aber die neofaschistische Vision, die die heutige GOP ("Grand Old Party", Republikaner-Partei, Telepolis) inspiriert, wird in Italien weder Form noch Gestalt annehmen. Sowohl innenpolitische (BĂŒrokratie, organisierte Arbeiterschaft, linke Parteien) als auch außenpolitische (EU) ZwĂ€nge werden dafĂŒr sorgen, dass dies nicht geschieht.

Sind wir sicher, dass es im "Land der Freien und der Heimat der Tapferen" solche ZwĂ€nge gibt, um zu verhindern, dass der Rechtsextremismus das zerstört, was von der amerikanischen Demokratie noch ĂŒbrig ist?

Der Artikel erscheint in Kooperation mit dem Online-Nachrichtenmedium Common Dreams [5] in den USA. Übersetzung: David Goeßmann.

C.J. Polychroniou ist Volkswirt und Politikwissenschaftler und hat an zahlreichen UniversitĂ€ten und Forschungszentren in Europa und den Vereinigten Staaten gelehrt und gearbeitet. Seine letzten BĂŒcher sind "The Precipice: Neoliberalism, the Pandemic and the Urgent Need for Social Change [6]" (Eine Sammlung von Interviews mit Noam Chomsky, 2021) und "Economics and the Left: Interviews with Progressive Economists [7]" (2021).


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-7287108

Links in diesem Artikel:
[1] https://www.commondreams.org/author/cj-polychroniou
[2] https://www.europarl.europa.eu/about-parliament/en/in-the-past/the-parliament-and-the-treaties/treaty-of-rome
[3] https://www.europarl.europa.eu/about-parliament/en/in-the-past/the-parliament-and-the-treaties/maastricht-treaty
[4] https://www.aljazeera.com/opinions/2016/6/7/syrizas-betrayal-and-the-selling-of-a-nation
[5] https://www.commondreams.org/views/2022/09/30/italy-has-far-right-government-real-danger-fascism-exists-us
[6] https://bookshop.org/books/the-precipice-neoliberalism-the-pandemic-and-the-urgent-need-for-social-change/9781642594584
[7] https://bookshop.org/books/economics-and-the-left-interviews-with-progressive-economists/9781839763793