Istanbul: 38 Tote bei Anschlag auf Stadion

2016 sind über 100 Menschen bei Terroranschlägen in Istanbul ums Leben gekommen

Bei einem Terroranschlag in Istanbul kamen letzte Nacht 38 Menschen ums Leben, über 150 wurden teils schwer verletzt. Bei den Todesopfern handelt es sich laut Angaben des türkischen Innenministeriums um 31 Polizisten und sieben Zivilisten.

Gut eineinhalb Stunden nach dem Ende des Fußballspiels Besiktas gegen Bursaspor in der Istanbuler Vodafone-Arena explodierten binnen weniger Sekunden zwei Bomben. Die erste zielte offenbar auf einen Polizeibus direkt am Stadion, bei der zweiten soll es sich um einen Selbstmordattentäter gehandelt haben, der sich am Macka-Park in einer Gruppe Polizisten in die Luft sprengte. Der Macka-Park liegt einen Steinwurf vom Stadion entfernt, nahe des Taksim-Platzes.

Unmittelbar nach den Explosionen, die bis weit auf die asiatische Seite Istanbuls zu hören und zu sehen waren, verhängte die türkische Regierung eine Nachrichtensperre und die Polizei riegelte das Stadtzentrum ab. Auf Fernsehbildern und Amateuraufnahmen im Internet war ein Bild der Verwüstung zu sehen: Völlig zerstörte Fahrzeuge, Trümmer und Körper waren auf der Straße verteilt.

Die Straße, die an Stadion und Park vorbeiführt, ist die Verbindung zwischen Taksim und dem Fähranleger Kabatas und meist auch bis spät in die Nacht stark befahren und von Fußgängern frequentiert. Die Attentäter hatten es offensichtlich auf eine hohe Opferzahl abgesehen. Die Vodafone-Arena als Ziel hat zudem Symbolwert: Die Anhänger des Fußballclubs Besiktas sind Erdogan-Gegner und waren bei den Gezi-Protesten aktiv, was dazu führte, dass der Fanclub Carsi zeitweise zur terroristischen Vereinigung erklärt wurde. Der Bezirk Besiktas ist außerdem oppositionell geprägt, die Mehrheit hier wählt CHP.

Vize-Regierungschef Numan Kurtulmus sagte, es gebe Zeichen, die für eine Verantwortung der PKK sprechen würden. Das Ziel des Anschlags sei die Zerstörung der türkischen Wirtschaft und des Tourismus.

Präsident Erdogan verurteilte den Terror noch in der Nacht und sprach einmal mehr diffus von ausländischen Kräften, die die Türkei destabilisieren wollten. Bislang ist unklar, wer hinter dem verheerenden Angriff steckt. Insgesamt starben im Jahr 2016 mehr als 100 Menschen bei Terroranschlägen in Istanbul, die teils dem IS, teils der PKK zugeschrieben werden. In der gesamten Türkei wurden 2016 bei Anschlägen 272 getötet.

Am gestrigen Samstag hatte die AKP ihre geplante Verfassungsänderung ins Parlament gebracht, die ein Präsidialsystem etablieren und es Erdogan ermöglichen soll, dauerhaft per Notstandsdekret zu regieren. Erdogan bekräftigte nach dem Anschlag, den Kampf gegen den Terror fortzuführen. Er stellt dabei den IS, die PKK und die Anhänger von Fethullah Gülen auf eine Stufe. Bei Massenverhaftungen wurden in den letzten Monaten Zehntausende Menschen verhaftet, zuletzt am Donnerstag 51 Akademiker der Istanbul Universität. Erdogan nutzt den Kampf gegen den Terrorismus, um systematisch seine Gegner und Kritiker auf zivilgesellschaftlicher Ebene auszuschalten. (Gerrit Wustmann)