Ist das Lesen kritischer Texte ansteckend?

Dach des Glashofs des Jüdischen Museums. Bild: Stefan Kemmerling/CC BY-SA-3.0

Direktor des Jüdischen Museums Berlin muss nach Literaturempfehlung zurücktreten

Der Direktor des Jüdischen Museum Berlin Peter Schäfer ist vor wenigen Tagen zurückgetreten, um weiteren Schaden vom Jüdischen Museum abzuwenden, wie es in einer kurzen Erklärung heißt.

Der Schritt ist besorgniserregend, weil im Fall von Peter Schäfer eine rechte Kampagne erfolgreich war. Er stand seit Jahren im Fokus ultrarechter Kritik, weil er auf der künstlerischen Autonomie des Jüdischen Museum bestand und sich nicht darauf einlassen wollte, sie auf das Narrativ der israelischen Regierung zu beschränken.

Besonders heftig wurde die Auseinandersetzung, als in einer viel beachteten Ausstellung "Welcome to Jerusalem, die bis April 2019 im Jüdischen Museum zu sehen war, eben nicht die Darstellung der rechten Kräfte dominant war. Es wurden ebenso palästinensische Sichtweisen dargestellt. Doch wenn dann verkürzt behauptet wurde, die Ausstellung wäre propalästinensisch, ist das wiederum eine starke Verkürzung. Es gibt nicht die palästinensische und nicht die pro-israelische Sichtweise. Es gibt aber unterschiedliche israelische und palästinensische Sichtweisen, die in der Ausstellung auch dargestellt wurden. Ein Horror für die Rechten aller Couleur, die Geschichte und Gesellschaft auf ihre Darstellung einengen und keine andere gelten lassen wollen. Auch manche, die sich links verstehen, gehören dazu, was die stalinistische Kulturpolitik zeigte.

Ein Museum ist kein Parlament

Auf die Ausstellung "Welcome to Jerusalem" bezogen erregten sich manche Rechte, dass dort tatsächlich auch orthodoxe Gruppen gezeigt wurden, die aus religiösen Gründen gegen die Staatlichkeit Israels agieren. Damit würde kleinen unbedeutenden Gruppen eine Stellung eingeräumt, die sie in der israelischen Gesellschaft nicht verdienen, lautet das zutiefst kulturfeindliche Argument.

Ein Museum ist aber kein Parlament, in dem die unterschiedlichen Gruppen nach ihren Stimmanteilen vertreten sind oder auch nicht. In der Kunst befasst man sich gerade auch mit minoritären Gruppen. Das war schon immer der beste Teil der Kultur und der Horror aller Vereinfacher, die die Kunst für die Sache ihres Staates, ihrer Nation oder für das, was sie für Sozialismus hielten, einspannen wollten.

Der unmittelbare Grund für den Rücktritt von Schäfer zeigt diese Geistfeindlichkeit seiner Kritiker. Er hatte via Twitter einen Taz-Artikel zur Lektüre empfohlen, in dem der Nahost-Korrespondent der linksliberalen Zeitung über den Protest jüdischer Intellektueller gegen den Beschluss des deutschen Bundestags zur Israel-Boykott-Kampagne berichtet. Die Stellungnahme der jüdischen Intellektuellen war keine Solidaritätserklärung mit der Boykott-Kampagne, viele lehnen sie auch ab. Sie wandten sich aber dagegen, dass sie mit staatlichen Maßnahmen bekämpft wird.

Die Kritiker bestritten in ihrer Erklärung auch, dass die BdS-Kampagne pauschal als antisemitisch klassifiziert werden kann. Darüber wird man tatsächlich im Einzelfall streiten müssen, wie sich am Beispiel der britischen Künstlerin Kate Tempest zeigte. Weil sie einen einseitig propalästinensischen Aufruf unterzeichnete, wurde sie gleich als in die Nähe des Antisemitismus gerückt.

Dagegen gab es kürzlich eine kluge Einschätzung der Motivation von Tempest, der ihr Engagement durchaus kritisch sieht:

Die glühende Israelhasserin, zu der Tempest infolge eines abgesagten Konzerts in Berlin 2017 gemacht wurde, ist sie nicht. Wenn man sie auf das Thema anspricht, reagiert sie betroffen und nachdenklich. Sie wiederholt auch nicht Parolen von dubiosen Lobby-Organisationen. Dennoch liegt das klügere Mittel, eine politische Aussage zu treffen, doch nicht darin, eine einseitige Kampagne zu unterstützen, von der man weder weiß, wohin sie sich entwickelt, noch, wer außer einem selbst diese unterzeichnet. Es geht aber viel eher darum, seine Meinung in eigenen Worten kundzutun, worin Kate Tempest seit Jahren mit ihrer musikalischen Kunst brilliert.

Diviam Hoffmann, Taz

Auch der Schweizer Karikaturist Patrick Chappata wendet sich in einem Taz-Interview mit scharfen Worten gegen die Entscheidung der New York-Times, keine Karikaturen mehr zu veröffentlichen, nachdem dort eine von vielen als antisemitisch betrachtete Zeichnung veröffentlicht worden war. Auch Chappata kritisiert diese Karikatur:

Zunächst finde ich persönlich, dass es kein besonders guter Cartoon ist, es schmerzt mich, das über einen Kollegen zu sagen, aber ich schau mir die Zeichnung ungern an. Die New York Times hätte sie nicht zeigen sollen. Es gibt da vieles, was nicht funktioniert, was problematisch ist und was dazu führt, dass viele Menschen die Zeichnung als antisemitisch wahrnehmen. Etwa, dass der Hund einen Davidstern trägt - anstatt der israelischen Flagge. Generell ist die Darstellung von Menschen als Tiere etwas, mit dem ich meine Probleme habe. Dieses Animalisieren des anderen, das kann in eine Richtung gehen, die man vielleicht nicht intendiert hat. Dazu kommt die Kippa auf dem Kopf von Trump - das verstehe ich einfach nicht. Würde ich mit António sprechen, der ein geschätzter Kollege ist, dann würde ich ihn fragen: "Warum ist da eine Kippa? Was willst du damit sagen?"

Ich habe die Zeichnung auch einem Freund im Libanon gezeigt, einem Intellektuellen, der selbst schon unter israelischen Bomben gelitten hat. Und der sagte sofort: "Das da ist problematisch. Ein Hund mit Davidstern, das kann nicht richtig sein!" Aber ist die Zeichnung damit antisemitisch? Ich denke nicht, dass die Absicht antisemitisch war. Dass dann sofort Vergleiche mit dem "Stürmer" gezogen werden, finde ich unerträglich, das sollten wir unterlassen.

Patrick Chappata

Man kann also einen Text, die Unterschrift unter einem Aufruf oder eine Karikatur völlig daneben finden, man kann die Nähe zu antisemitischen Darstellungen offenlegen, ohne gleich dem Drang nach Wisch und Weg zu unterliegen. Chappata macht deutlich, man kann sich auch mit strittigen Positionen auseinandersetzen, statt gleich nach dem Verbot und dem staatlichen Eingriff zu rufen.

Das macht die Kampagne gegen Schäfer noch mal deutlich. Wenn schon die kommentarlose Empfehlung eines Zeitungsartikels, der sich mit israelischen Kritikern des BdS-Beschlusses des deutschen Bundestages beschäftigt, zu einer solchen Kampagne führt, muss man sich fragen, ob wohl bald kritische Texte wieder in den Giftschrank sollen, nur für Eingeweihte zugänglich?

Was darf man empfehlen?

So hat es der Klerus lange Zeit praktiziert und die verschiedenen Ideologien und Staaten, die wie Kirchen auftreten, wollen da immer noch anknüpfen. Besonders rechte Regierungen weltweit haben Probleme mit dem freien Wort und mit kritischer Kultur. Da ist die israelische Regierung in guter Gesellschaft. Doch auffällig ist, dass es bisher wenig Unterstützung für die Autonomie der Kunst auch im Jüdischen Museum gibt.

Man stelle sich vor, die polnische Regierung hätte die Verantwortlichen für das polnische Kulturinstitut unter Druck gesetzt, weil es die Texte der polnischen Korrespondentin zahlreicher deutschsprachiger Medien Gabriele Lesser empfohlen hat? Die profunde Kritikerin der rechtskonservativen Regierung in Warschau hat sich dort sicherlich viele Gegner geschaffen. Doch die polnische Regierung wäre sicherlich sofort massiver Kritik ausgesetzt und es würde die Frage nach der Freiheit der Kunst gestellt. Diese Frage wird berechtigt diskutiert, wenn die Orban-Regierung Druck auf kritische Kunst in Ungarn ausübt und das Bolsonaro-Regime in Brasilien ähnlich vorgeht.

Alle diese Regierungschefs sind übrigens enge Freunde der Netanyahu-Regierung und es ist daher nicht verwunderlich, dass sie und ihre Unterstützer nicht anders reagieren. Auch die israelischen Künstler und Oppositionellen haben unsere Solidarität verdient. Sie sind übrigens in der Mehrheit keine Israel-Hasser, wie von nationalistischer Seite gerne die Kritiker der Regierungspolitik bezeichnet werden. Die meisten Kritiker haben auch mit der BdS-Kampagne nichts am Hut und sind auch mitnichten antizionistisch. Sie beziehen sich vielmehr auf einen Zionismus, der andere Lesarten der Geschichte zulässt, und sie wenden sich dagegen, dass ein Museumsdirektor schon angefeindet wird, weil er einen kritischen Artikel zum Lesen empfiehlt. (Peter Nowak)

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